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Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Meine Geschichte mit dem Meister

 

Vorbemerkung Vor der Begegnung mit Shrî Swâmîji (Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj)Erste Begegnung mit Shrî Swâmîji, 1980Erstes Yoga-Camp Gylling, 1981Einige Erinnerungen»Erhebt euch jetzt über all diese dummen Dinge!«»Das größte Unglück des Lebens«»Ich bin überall ein Fremder.«»Sorge dich nicht, alles wird gut werden!«TräumeDie Katastrophe, 1985Kurze Zusammenfassung dieser schrecklichen Zeit (1985 und folgende Jahre)Das Wunder, 1986Ein weiteres Wunder, 1989Letzter Sommer mit Shrî Swâmîji, 1987Nach Shrî Swâmîjis MahâsâmadhiAnmerkungen»Erinnere dich immer an den Guru!«

 

Vorbemerkung

Maribeth Gray (Swâmî Omkarânanda), eine amerikanische direkte Schülerin von Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj (1902–1988) veröffentlichte eine Reihe von persönlichen Geschichten anderer direkter Schüler über den Meister, nachdem sie immer wieder von Freunden und Bekannten gebeten wurde, etwas über den nach wie vor weitgehend unentdeckten Heiligen zu erzählen und Ihn zu beschreiben. Diese Geschichten erschienen in vier Bänden in den Jahren 2015–2017. In Band 3 ist auch mein Bericht zu finden. Nachfolgend die deutschsprachige Fassung mit einigen Hinzufügungen an Text und Bildern.

Band 3 der amerikanischen Ausgabe

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Helmuth Maldoner (Swâmî Râmânanda)

Ich habe leider niemals Notizen gemacht und schreibe aus der Erinnerung.


Vor der Begegnung mit Shrî Swâmîji (Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj)

Shrî bedeutet »Hervorleuchten, Licht oder Glanz verbreitend, Herrlichkeit, Pracht, Schönheit, Glück, Reichtum, Würde, Heiligkeit«, es ist eine ehrfurchtsvolle Anrede einer Gottheit (Shrî Krishna), eines Heiligen oder einer Person in sehr hohem Stand.

Swâmî = w gibt es nicht im Sanskrit, es sollte Svâmî heißen. Das schreibt aber heute niemand mehr, daher steht auch hier durchgehend das gebräuchliche Swâmî.

-ji = diese Nachsilbe wird in Indien als Ausdruck der Zuneigung verwendet (Guruji, Swâmîji …).

Mahârâj = »großer König, großer Herrscher« ist hier ein Ehrentitel, der den tiefsten Respekt für spirituelle Meister ausdrücken soll.

♦ ♦ ♦

Ich wurde 1950 in Brixen, Südtirol geboren. Früh war mir bewußt daß das Leben eine Mischung aus gutem und schlechtem Karma ist. Ich lebte in einem der schönsten Länder der Erde, gleichzeitig gab es eine extreme Armut, da der Vater die Familie verließ und meine Mutter vier Kinder unter sehr schwierigen Bedingungen großziehen mußte. Ich bewegte mich täglich zwischen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Krisen und Krankheiten einerseits und meiner spirituellen Welt andererseits.

Beginnend mit vier Jahren kam eine Fülle von eindeutigen, jeden Zweifel ausschließenden Erinnerungen an frühere Leben – Bilder und Stimmungen, die niemand erklären konnte; ich galt als träumerisches, extrem schüchternes, die Einsamkeit liebendes Kind. Die starke Sehnsucht, die ich empfand, war erfüllend und zugleich schmerzlich, weil ich sie nicht einordnen konnte – Sehnsucht nach was?

Das Wissen, viele frühere Leben in Klöstern verbracht zu haben prägten mein gutes Verhältnis zur katholischen Kirche. Die Verbindung war auch im jetzigen Leben so stark, daß ich mehrmals Mönch und Priester werden wollte. Aber es sollte wohl karmisch so sein, daß alles auf Höheres zulief, gemäß den tiefgründigen Worten der Shiva-Samhitâ I.17/18: »Nach Durchsicht aller Schriften und nach ihrer gründlichen Erwägung erweist sich der vollendete Yoga als die höchste Lehre. Wenn man sie verstanden hat, hat man gewiß alles verstanden. Wozu bedarf es dann noch anderer Lehren?«

Brixen, Südtirol (um 1930)

Im Alter von fünfzehn Jahren wurden die materiellen, sozialen und emotionalen Probleme so groß, daß ich die Schule abbrechen mußte und acht Jahre lang vielen Gelegenheitsarbeiten nachging, ohne Pläne und Ziele. Während dieser außerordentlich schwierigen, bis zum heutigen Tage unverständlich gebliebenen Zeit (sie drückte den folgenden Jahrzehnten einen gewaltigen karmischen Stempel auf) verschwand der größte Teil der spirituellen Welt aus meinem Geist, nur die Sehnsucht blieb.

Nach dem Tode meiner Mutter verließ ich 1973 Südtirol und zog nach Karlsruhe, wo ich meine Lebensgefährtin traf. Nach einiger Zeit hatte ich das Glück, Musik studieren zu dürfen. Mit dem Eintritt in die Welt der Kampfkunst erwachte gleichzeitig die Spiritualität wieder; ich wurde Buddhist. Beim Studium der Schriften verstand ich, daß für einen weiteren Fortschritt ein lebender Meister vonnöten war, fand aber zunächst niemanden.

1977 entdeckte ich Paramahamsa Yogânandas Autobiographie eines Yogi. Von diesem Moment an gab es für mich nur noch den Yoga, alles andere wurde zweit- und drittrangig. Ich meldete mich in Los Angeles und bezog die Lehrbriefe der Self-Realization Fellowship (SRF).

1979 erfuhr meine Lebensgefährtin, daß ein Erleuchteter in Dänemark zu Gast war. Stets auf das Praktische bedacht, reiste sie in das Yoga-Camp nach Gylling. Und kam nach Mantra-Dîkshâ (dîkshâ = Einweihung) als Schülerin von Shrî Swâmî Nârâyanânanda zurück. Ich war überrascht, gleichzeitig freute ich mich für sie. Sie zeigte mir ein Bild des Meisters und gab mir dessen Grundlagenwerk Das Geheimnis der Geisteskontrolle zu lesen, aber weder das Bild noch die Schrift sprachen mich damals an. So kam es, daß es in unserem Meditationsraum zwei Bilder gab; eines von Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj, eines von Paramahamsa Yogânanda.

Mittlerweile hatte ich das Studium und die Übungen der SRF-Lehrbriefe beendet und sollte mich zur endgültigen Einweihung (Kriya-Yoga) in Los Angeles melden. Mir war aber zu jener Zeit klar, daß ich mit der angebotenen Meditationstechnik nicht arbeiten konnte. Das war schmerzlich, da ich Paramahamsa Yogânanda liebte.

[Später, unter dem Einfluß der einzigartigen Lehre von Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj, nahm ich zwar etwas Abstand von der Autobiographie eines Yogi und von ihrem Autor. Dennoch verdanke ich Paramahamsa Yogânanda meinen wahrlich fulminanten, in höchstem Maße inspirierenden Einstieg in den Yoga, ich bleibe Ihm dafür ein Leben lang verbunden. Es war schließlich mein Karma, daß ich nach der ausführlichen Forschungsreise in die buddhistische Welt zuallererst auf Shrî Yogânanda stoßen mußte, was das Universum des Yoga betrifft.]

Zur rechten Zeit – Gottes Wege sind unerforschlich – kam ein anderes Buch zu mir, Das Evangelium von Shrî Râmakrishna. Ich war von der ersten Sekunde an in den Heiligen verliebt.

Im Evangelium (Gospel) ist vom Namen Gottes (mantra) als Meditationstechnik die Rede. Nun wußte ich: »Das ist es, ich benötige einen Mantra!«

[Im Deutschen hat sich das Mantra durchgesetzt; ich bevorzuge klassisch der Mantra.]

Aber woher, von wem? Ich las, daß manchen Wahrheitssuchern die Gnade widerfährt, »ihren Mantra« während der Meditation in feuriger Schrift auf einer Wand zu sehen oder im Traum zu erhalten. Wie vermessen dies zu erwarten, es passierte nichts. Ich war in Not, und so betete ich aus tiefstem Herzen zu Shrî Râmakrishna und zu den höheren Mächten um Hilfe, um einen Mantra.

1980 kam Shrî Swâmîji (Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj) zum ersten Mal nach Blansingen (Süddeutschland, in der Nähe von Lörrach) in den dortigen Yoga-Âshram. Meine Lebensgefährtin fragte mich, ob ich mit ihr nach Blansingen kommen wollte. Ich zögerte nur kurz, da ich mich an eine wichtige Aussage von Paramahamsa Yogânanda erinnerte: „Wenn sich ein Heiliger in deiner Nähe aufhält, mußt du Ihn unbedingt besuchen; es nicht zu tun wäre ein großer karmischer Fehler.“ Nun, daß es sich bei Shrî Swâmîji um einen Heiligen handelte, dies bezweifelte ich keinen Augenblick. So fuhr ich im September 1980 nach Blansingen. Lediglich um den Meister zu sehen, um Ihm zu sagen, daß ich der Partner Seiner Schülerin bin und um Ihm meine Verehrung zu erweisen. Weiter wollte ich nichts.

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Erste Begegnung mit Shrî Swâmîji, 1980

Ich kam alleine an einem Wochenende in Blansingen an, meine Lebensgefährtin war bereits dort. Es war Mittag, der private Darshan gerade zu Ende gegangen (darshana = »Sicht, Anschauung«; in diesem Falle »die Begegnung von Schüler und Meister«). Nach der 16-Uhr-Meditation gab es den Satsanga in der Gemeindehalle des Dorfes (satsanga = »Gemeinschaft mit den Guten, Heiligen«). Hier sah ich Shrî Swâmîji zum ersten Mal. Ich war beeindruckt von Seiner majestätischen Art, gleichzeitig eingeschüchtert von Seiner Strenge. Antworten wie jenen von Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj war ich auf meinen früheren Reisen in die Spiritualität nie begegnet, ich mußte mehrmals durchatmen. Persönlich stellte ich keine Fragen. In Blansingen war täglich gemeinsamer Darshan; ich hatte dadurch das Glück und die Gnade, dort in den Jahren 1980–1984 bei zahlreichen Gesprächen mit dem Meister anwesend zu sein.

Shrî Swâmî Nârâyanânanda, Darshan in Gylling

Am übernächsten Tag (Montag, 15. September 1980) stand ich in der Warteschlange für den privaten Darshan im Gang des Âshrams. Ich sah, daß alle Neuen in Begleitung des Übersetzers zum Meister gingen, zog es aber vor, seine Hilfe nicht in Anspruch zu nehmen; eine gute Entscheidung, da ich Shrî Swâmîji sofort ohne die geringste Schwierigkeit verstehen konnte.

[Im Rückblick fiel mir auf: Obwohl ich zum ersten Mal im Leben einen Inder englisch sprechen hörte und mein eigenes Englisch beschränkt war, erschien mir dieses Treffen so familiär, daß der Eindruck aufkam, mich mit einem guten Bekannten zu unterhalten.]

Als meine Lebensgefährtin von ihrem Darshan zurückkam – wir gingen in all den Jahren, mit einer einzigen Ausnahme, getrennt zum Meister – trat ich ein, ging in die Knie und verneigte mich. Der Meister sagte nichts, es war also an mir etwas zu sagen:

»Ich bin der Partner Deiner Schülerin …« Der Meister nickte wohlwollend. »Ich wollte fragen ob es problematisch ist, wenn wir im selben Raum auf zwei Meister meditieren.« Shrî Swâmîji: »Kein Problem.« Ich dankte und wollte mich zum Abschied erneut verneigen, als Er sagte: »Erzähle mir, was du machst.« Als ich antwortete »Ich bin Musiklehrer und …« unterbrach Er mich: »Nein, was du im Yoga machst.« Ich begann von den Lehrbriefen der SRF zu sprechen, da senkte Er den Kopf, Sein Gesicht zeigte ein deutliches Mißfallen. Ich war irritiert, redete aber weiter. Von Satz zu Satz wurde Sein Mißfallen größer, und meine Irritation ebenfalls. Als ich schließlich verwirrt aufhörte zu reden, griff der Meister unvermittelt hinter sich und holte ein Notizbuch hervor: »Ich werde dir jetzt einen Mantra geben, dann wird alles gut sein.« Das war für mich ein Schock, und sofort erwiderte ich: »Nein!« Auf Seine Frage »Warum nicht?« legte ich die Hand aufs Herz und gab Ihm ohne Worte zu verstehen: »Weil da schon jemand anderer wohnt.« Shrî Swâmîji sagte in völligem Gleichmut »in Ordnung«, legte das Notizbuch weg und schwieg. Als er dann nach kurzer Pause fragte: »Und (nun)?« war ich in größtem Streß.

[Das Zeichen war: Jetzt bist du dran! Im Sinne Seines berühmten »Was willst du?«. Besonders Shrî Swâmîjis letztes »Und?« im privaten Darshan in Gylling 1987 werde ich nie mehr vergessen; siehe später. Das für alle Erleuchtete charakteristische »Was willst du?« ist eine veritable Streßfrage. Es ist schwierig sagen zu können was man will, und noch schwieriger zu sagen, was man wirklich will, denn dies erfordert Klarheit, Entschlossenheit und Aufrichtigkeit.]

Ich mußte die für mich unerträgliche Stille beenden. Als ich den Mund öffnete sagte ich etwas, dessen ich mir nicht bewußt war.

[Shrî Swâmîji hat mich oft ungewollt Dinge sagen lassen, obwohl ich das Gegenteil im Kopf hatte. Mir ging es zum Beispiel einmal sehr schlecht und ich wollte den geistigen Weg verlassen. Als mich jedoch der Meister fragte: »Was willst du?« kamen aus mir die Worte: »Ich will geistigen Fortschritt machen.« Worauf Er lächelnd sagte: »Dann mache Folgendes …«]

Ich sagte also: »Ich komme übermorgen wieder (warum ich »übermorgen« sagte – ich weiß es nicht …) und werde Dir meine Entscheidung mitteilen.« Wieder antwortete der Meister vollkommen gleichmütig »in Ordnung«, gab mir ein Prasâd (eine Süßigkeit, als eine Art Gnade) und ich durfte gehen.

[Erst später glaubte ich mir erklären zu können, warum Shrî Swâmîji mir unverzüglich einen Mantra geben wollte. Ich bin überzeugt: Als ich Shrî Râmakrishna um einen Mantra bat, sorgten himmlische Mächte dafür, daß das Gebet direkt an Swâmî Nârâyanânanda ging und daß meine Lebensgefährtin mich zu Shrî Swâmîji leitete. Im Gegensatz zu mir war dem Meister der wahre Grund meiner Reise nach Blansingen klar …]

Draußen im Flur stand meine Lebensgefährtin. Es lag nahe daß sie geglaubt hatte, ich wäre soeben eingeweiht worden, entsprechend gespannt und freudig war ihr Gesichtsausdruck. Weit gefehlt; ich erzählte ihr aufgebracht was vorgefallen war und daß ich sofort den Âshram verlassen wollte, worauf sie traurig wurde.

Durch ihren Zuspruch verließ ich den Âshram nicht, sondern ging mit den anderen in die Gemeindehalle zum Essen. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, ob ich trotz meiner Abneigung den öffentlichen Darshan am Nachmittag desselben Tages besuchte. Ich mußte jedenfalls zur Ruhe kommen und hatte Zeit zum Nachdenken. Im öffentlichen Darshan am folgenden Tag kam schließlich die Klarheit. Ich blieb still, andere Besucher stellten – meine! – Fragen, und irgendwann schoß es mir durch Kopf und Herz: Dein Guru ist Shrî Swâmî Nârâyanânanda! Ich war längere Zeit danach aufgewühlt, fand aber in der Nacht meine Ruhe.

Am nächsten Morgen (Mittwoch, 17. September 1980) frühstückte ich nicht, zog mir weiße Kleider an, reihte mich in die Warteschlange ein und ging erneut ohne Übersetzer zum Meister. Nach Seinem mir schon vertrauten »Und?« sagte ich: »Ich war am Montag ein Dummkopf, ich bitte um Verzeihung. Und wenn Shrî Swâmîji noch immer einverstanden ist mich als Schüler zu nehmen, dann bitte ich demütig um Mantra-Dîkshâ.«

Ernst sagte der Meister »in Ordnung«, griff erneut nach hinten, holte Sein Notizbuch hervor. Nach der Frage »Welchen Aspekt Gottes liebst du am meisten?« erhielt ich einen wundervollen Mantra mitsamt den nötigen Hinweisen. Ich trug dann Namen und Adresse in Shrî Swâmîjis Buch ein und erhielt das Mantra-Blatt (ein Merkblatt mit der schriftlichen Ausführung des vorher mündlich Mitgeteilten).

[Dort fiel mir schnell das Ende auf, wo als Unterschrift steht: »Dein eigenes Selbst.« Ich kannte das aus dem Studium der Schriften: »Îshvaro gururâtmeti … Gott, Guru und Selbst sind ein und dasselbe.« Aber diese Worte als reine Lektüre sind tot, das ergibt nur die Reaktion: »Aha.« Kniet man vor einem lebenden Meister und hört »Ich bin Dein Selbst«, ist das etwas unvergleichlich anderes. Daß der Guru Gott ist, geht aus dem klassischen Satz hervor: »Der Kenner Brahmans wird selbst zum Brahman.« Das ist einigermaßen verständlich, vor allem da der Begriff »Gott« in den großen Religionen nicht plausibel definiert wird. Daß der Guru das eigene Selbst ist halte ich dagegen für das Geheimnis aller Geheimnisse.]

Nach dem Erhalt eines Prasâds verneigte ich mich erneut und verließ den Raum. Draußen im Gang stand wieder meine Lebensgefährtin, und als sie das Mantra-Blatt in meiner Hand sah, freute sie sich für mich und strahlte.

Sie hatte den Meister gefunden, und durch sie kam ich zu Ihm.

Dafür werde ich ihr dankbar sein bis ans Ende meines Lebens. 

Blansingen 1980, nach der Einweihung

Die nächsten Tage waren einfach wunderbar, der Meister überaus liebevoll, die Meditation endlich so, wie ich sie mir vorgestellt hatte während der Lektüre von Das Evangelium von Shrî Râmakrishna.

Zwei Tage nach Mantra-Dîkshâ sagte ich dem Meister, daß ich Mönch (Sannyâsin) werden wollte. Shrî Swâmîji antwortete: »Ja, komm im nächsten Jahr drei Monate nach Gylling (Dänemark), dort kannst du Sannyâsa nehmen.«

Drei Tage später war die Zeit des Abschieds, Shrî Swâmîji fuhr zurück in den dänischen Âshram und alle Leute nach Hause. Kurz vor unserer Abfahrt betraten meine Lebensgefährtin und ich noch einmal den Âshram. Und siehe, kaum standen wir im Flur, öffnete sich die Tür des Swâmîji-Kutirs (kutira = »Hütte, Wohnstätte, kleiner Tempel«), der Meister samt einigen Begleitpersonen stand zwei Meter vor uns. Er erblickte uns als wir uns verneigten, strahlte und sagte zu Seiner Entourage, auf mich zeigend: »Er will ein Mönch werden!« Alle nickten zustimmend, der Meister sah mich an und sagte laut: »Sei stark!« Ich war wie vom Blitz getroffen, faltete die Hände und antwortete: »Ja!« Wieder schaute Er mich an: »Sei stark!« „Ja!“ Als Er zum dritten Male energisch sagte: »Sei stark!«, sagte ich erneut „Ja!“ und mußte den Blick senken – die vom Meister ausgehende Kraft war zuviel. Ich verstand plötzlich die Aussage der Bibel, daß man Gott nicht ins Angesicht blicken kann. Shrî Swâmîji bemerkte meine Verlegenheit, wandte sich huldvoll ab und sagte zu Seinen Leuten: »Auf geht’s! Wir sind in Eile.« Und war weg.

Aushang in Naturkostläden etc.

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Erstes Yoga-Camp Gylling, 1981

Ich durfte im Wagen der deutschen Âshramiten von Blansingen aus mit nach Gylling fahren. Der erste Aufenthalt im Yoga-Camp war eine Mischung aus guten Zeiten und Reaktionen, aus Hingabe und Zweifeln, aus körperlicher Fitneß und gelegentlicher Erschöpfung, aus Bekanntem (aus den Schriften) und völlig Neuem (Shrî Swâmîjis Unterweisungen). Anders als vom Meister im Jahr vorher erwähnt kam ich nicht für drei, sondern, wegen beruflicher Gründe, für zwei Monate ins Camp. Da hatte ich schon ein schlechtes Gewissen und ich bat den Meister beim ersten privaten Darshan um Verständnis dafür. Mit Seinem »das ist in Ordnung« nahm Er mir gleich die Last von den Schultern.

Yoga-Camp Gylling

Die Studiengruppen erwiesen sich als hilfreich, aber der Höhepunkt waren selbstverständlich die öffentlichen Darshans – leider nicht täglich wie in Blansingen! Zum Glück gab es aber wie in Blansingen die Gelegenheit, Shrî Swâmîji persönlich und täglich, jeden Vormittag, im privaten Darshan zu sehen und zu sprechen.

Ich war zu jener Zeit auf der Öko-Welle und trug einen Traum in mir, das Leben auf dem Lande. So kam es, daß ich am Anfang meiner Camp-Zeit Shrî Swâmîji im persönlichen Darshan fragte, was Er davon halten würde wenn meine Lebensgefährtin und ich die Stadt und damit auch unsere Arbeit aufgeben würden, um in einem Häuschen auf dem Land zu leben. Eine gedankenlose und praxisferne Vorstellung, die mich – uns – einige Jahre später ins Chaos stürzte.

[»Praxisfern«: Wie sonst ist jemand zu bezeichnen, der in der Stadt aufgewachsen ist, Lebensmittel nur aus Geschäften kennt, von Landwirtschaft nicht die geringste Ahnung hat, sich mit weltfremden Dingen wie Musik und Philosophie beschäftigt und unter solch negativen Voraussetzungen aufs Land ziehen will. »Gedankenlos«: Ich hatte mir tatsächlich keinerlei Gedanken gemacht über die Frage, von welchem Einkommen ich auf dem Land leben sollte und über weitere praktische Dinge, die dazugehören.]

Ein Meister weiß das natürlich alles im voraus. Shrî Swâmîji reagierte augenblicklich: »Laß uns nicht jetzt darüber sprechen!«, gab mir ein Prasâd und schon war ich draußen. Ich hätte bereits an Seinem Gesicht erkennen müssen, daß diesbezüglich etwas nicht stimmte, aber mein Ego machte mich blind für Seine erste sozusagen Ermahnung.

[In den acht Jahren des persönlichen Kontaktes mit dem Meister war selbstverständlich immer wichtig, was Shrî Swâmîji sagte; aber tausendmal wichtiger erschien mir, wie Er es sagte. Ich lebe von, wie ich sie nenne, Sekundenphänomenen; ein einziges Bild, ein kurzer Blitz genügen und ich weiß. Solches Sekundenwissen bleibt für immer im Gedächtnis. Ich verstehe deswegen bis zum heutigen Tag nicht, warum mir die Gabe des Sekundenphänomens gerade in diesem wichtigen Augenblick abhanden gekommen war.]

Eine zweite Lektion erhielt ich wenig später. Mir ging es einige Tage sehr schlecht, ich aß daher zuviel usw. und fühlte mich nicht rein genug für den persönlichen Darshan. Als es mir wieder besser ging und den Meister morgens besuchte sagte Er: »Wo warst du die letzten Tage?« Ich stammelte etwas von Krise usw., der Meister unterbrach sofort: »Das ist nicht die rechte Art. Du mußt jeden Tag kommen!«

Der Hauptgrund für meine Krisen im ersten Camp-Jahr war, daß ich trotz Mantra-Dîkshâ nicht von Paramahamsa Yogânanda »weg war«, das gab, wie man sich denken kann, Probleme in der Meditation (Konzentration). Shrî Swâmîji hatte Seine besondere Methode um hier einzugreifen: Heute ein kurzer Satz im Morgendarshan, raus. Einen Tag und eine Nacht Zeit zum Nachdenken. Morgen erneut eine kurze Bemerkung und raus; Zeit zum Nachdenken … So ging es wochenlang. Aber irgendwann hatte ich verstanden, und damit war das Problem verschwunden.

Bei diesem Ringen mit dem Meister gab mir Shrî Swâmîji einmal den Hinweis: »Lies die Bücher.« Das tat ich, aber ich wurde damit nicht warm. Kennt man die Autobiographie eines Yogi und Das Evangelium von Shrî Râmakrishna, dann erscheinen die Bücher von Swâmî Nârâyanânanda zumindest anfangs als unpoetische, trockene, schwerverdauliche Schriften. Mein nächstes Problem! Ich liebte Shrî Swâmîji über alles, aber ich liebte Seine Bücher nicht – ein großer innerer Konflikt. Da ich nicht den Mut hatte selber zu fragen bat ich im nächsten öffentlichen Darshan den Übersetzer, es für mich zu tun. Dieser fragte also: »Was, wenn die Herzensbeziehung zum Meister hundertprozentig stimmt, Seine Schriften aber abgelehnt werden?« Ich hielt den Atem an, gespannt wie eine Feder. Shrî Swâmîji blickte den Übersetzer an und fragte: »Was ist in den Büchern?« Zu meiner größten Überraschung erwiderte der Übersetzer: »Nichts.« Darauf Shrî Swâmîji: »Und? Wo ist dann das Problem?« Göttliche Antwort! Innerhalb einer Sekunde war ich erlöst. Erstaunlich auch, daß ich bereits kurze Zeit später begeistert von Shrî Swâmîjis Büchern und von Seinem einmaligen Schreibstil war.

Shrî Swâmîji in Dänemark, 1971

Nach etwa einem Monat kam auch meine Lebensgefährtin ins Camp und blieb bis zum Schluß. In all der Zeit meines Aufenthaltes hatte ich, bedingt durch Zweifel und Krisen, nicht ein einziges Mal mit dem Meister über meinen in Blansingen geäußerten Wunsch gesprochen, Mönch zu werden. Ja, wegen der heftigen Reaktionen im Camp wollte ich das gar nicht mehr, und die ganze Zeit dachte ich vor den privaten Darshans: „Hoffentlich spricht der Meister mich nicht darauf an.“ Das tat Er nicht, ich war jedesmal erleichtert. Ich ging sogar so weit zu glauben: »Shrî Swâmîji hat das vergessen.« (!) Eine Woche vor dem Sannyâsa Day (Tag der Mönchsweihe) geschah es dann doch. Kaum war ich morgens in das Guru-Kutir eingetreten und hatte mich verbeugt, schaute der Meister mich durchdringend an: »Du wolltest doch letztes Jahr Mönch werden. Was ist jetzt damit?« Mir blieb kurz das Herz stehen. Aber schon nach wenigen Sekunden die nächste Überraschung. Anstatt wie eigentlich gewollt zu antworten »Es tut mir leid, ich kann und will nicht mehr ein Mönch werden« kam ein entschlossenes »Ja!« über meine Lippen. Und auf Seine Frage »Warum willst du Mönch werden?« kam die nächste nicht geplante Antwort: »Weil ich das in diesem Leben schon mehrere Male wollte und jetzt die beste Gelegenheit dazu ist.« Shrî Swâmîji: »In Ordnung.« Griff nach hinten, holte ein Blatt und schrieb meinen Namen in die Sannyâsa-Liste. Extragroßes Prasâd und raus.

Draußen der Schock! Meine Lebensgefährtin stand in der Warteschlange und kam als nächste zum Darshan. Ich hatte sie in diesem Moment völlig vergessen, unglaublich. Beinahe panikartig wollte ich zurück in das Guru-Kutir zum Meister, aber das ging ja nicht. Ich erzählte meiner Partnerin von meiner Entscheidung, Sannyâsa zu nehmen. War sie total überrascht oder schockiert? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Es folgten ein langer Tag und eine lange Nacht in großer Anspannung. Wir waren nicht verheiratet, und ich hatte schon gehört und erlebt daß Paare sich in Verbindung mit dem Sannyâsa getrennt hatten.

Am nächsten Morgen – ich konnte es kaum erwarten, zählte jede Sekunde – eilte ich zum Darshan, wie immer allein, ohne meine Lebensgefährtin. Als ich den Meister nach dem Verbeugen anschaute blickte ich in ein ernstes Gesicht, die Situation war entsprechend. »Gurudeva, Ich bitte um Verzeihung, aber gestern vergaß ich zu sagen, daß ich Mönch werden, mich aber nicht von meiner Partnerin trennen will.« Shrî Swâmîji wurde noch ernster und fragte durchdringend: »Wie siehst du die Sache?« Ich sagte spontan, völlig ungeplant: »Ich bin nicht so stolz zu sagen, daß ich mein Brahmacharya (Enthaltsamkeit) nie brechen werden, aber niemals mit ihr.« Noch einmal ernster werdend fragte der Meister: »Warum?« Meine Antwort: »Weil ich sie als die Göttliche Mutter betrachte. Ich werde sie nie anrühren.« Da hellte sich Shrî Swâmîjis Gesicht auf, und Er sagte: »Dann ist es in Ordnung.« Wieder ein großes Prasâd und raus. Dann ging meine Lebensgefährtin hinein, und wie sie mir berichtete war Shrî Swâmîji sehr liebevoll.

[Viele Jahre später erzählte mir jemand – es ist höchst seltsam und auch verwirrend daß ich mich nicht mehr erinnere, wer genau das war – das Folgende: Eines Tages ging eine Gruppe von Schülern in das Guru-Kutir und beklagte sich beim Meister: »Alle anderen (nicht verheirateten) Paare, die Sannyâsa genommen haben, mußten sich trennen, mit Ausnahme von Râmânanda und seiner Lebensgefährtin!« Das heißt, wir waren ein Ärgernis für sie. Und Shrî Swâmîjis Reaktion? Eher harsch sagte Er zu ihnen: »Das ist meine Verantwortung.« Worte von Gott selbst, direkt aus dem Himmel kommend. Als ich dies so viele Jahre später hörte, verbeugte ich mich innerlich vor Ihm, aus tiefstem Respekt. Unvergleichlicher Meister! Ich sehe meine Lebensgefährtin als meinen zweiten Guru an. Ohne ihre unermüdliche Hilfe und liebende Fürsorge wäre ich heute nicht mehr am Leben. Shrî Swâmîji wußte dies. Ich glaube, daß Er vom ersten Moment an gedacht hatte: »Dieser Kerl wird ohne seinen Schutzengel verloren sein.« Die folgenden dunklen Jahre (beginnend mit 1985) bewiesen, wie zutreffend dies war.]

In den nächsten Tagen zog auch meine Lebensgefährtin in Betracht, Sannyâsa zu nehmen, und als sie es dem Meister gegenüber erwähnte sagte Shrî Swâmîji zunächst: »Ja, du kannst es nehmen.« Da sie aber etwas unschlüssig war, hieß es am folgenden Tag: »Es ist besser, noch ein Jahr zu warten.«

Der Sannyâsa-Tag, Samstag, 29. August 1981, begann mit der ernsten Einweihung. Ich kann nicht sagen welche und wieviele Gedanken an frühere Leben und an diesen Tag als Höhepunkt der Entwicklung mir vorher durch den Kopf gingen. Und was mir im Guru-Kutir durch den Kopf ging, als ich das Gelübde sprach, als ich die Mönchskleider aus den Händen des Meisters empfing mit Seinen Worten: »Dein Name ist Swâmî Râmânanda.«

Der Rest des Tages, vom Gruppenbild mit dem Meister bis abends zum Satsanga, war eine Freude. Meine Lebensgefährtin freute sich aufrichtig und war in hoher Stimmung; ich hatte den Eindruck, daß sie froh war mich »gelandet« zu sehen.

Am Morgen danach fuhren wir zurück nach Karlsruhe, und eine Woche später für längere Zeit in einen wahrlich goldenen Herbst nach Blansingen, wo Shrî Swâmîji Seinen nächsten Aufenthalt hatte. Mit diesem weiteren Höhepunkt – täglich persönlicher und öffentlicher Darshan – ging langsam ein unvergeßliches Jahr 1981 zu Ende.

Shrî Swâmîji in Blansingen, 1981
Verschwommen im Hintergrund = Râmânanda

In Karlsruhe richteten wir es so ein, daß jeden Donnerstag ein Meditationsabend mit Studiengruppe stattfand. Viele Menschen kamen, einige von ihnen fanden den Weg zu Shrî Swâmîji. Dieser offene Meditationsabend ging über viele Jahre und wurde erst mit dem Mahâsamâdhi des Meisters beendet (mahâsamâdhi oder parinirvâna =  wenn ein Jîvanmukta – wörtlich »der (schon) zu Lebzeiten Befreite« – seinen Körper verläßt, um in das All-Eine einzugehen).

1982 nahm meine Lebensgefährtin wie geplant Sannyâsa.

So ging es weiter im persönlichen Kontakt mit Shrî Swâmîji in den Jahren 1982, 1983, 1984 sowohl in Gylling als auch in Blansingen, 1985, 1986, 1987 nur in Gylling. Danach waren wir jeden Sommer in Gylling bis zur Schließung des Camps, regelmäßig bei den jährlichen Treffen zu Shrî Swâmîjis Geburtstag und zur Feier des Gurupûrnimâ (Vollmond im Juli, ein in Indien großer Gedenktag für alle Gurus), und die ganze Zeit monatlich bei den Satsangas in Blansingen und Burgberg (bei Kandern), die beiden deutschen Âshramas, bis heute.

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Einige Erinnerungen

1.
Alle persönlichen Darshans mit Shrî Swâmîji waren selbstverständlich außergewöhnliche Ereignisse. Im Angesicht Gottes – mehr muß nicht gesagt werden. Die meiste Zeit zeigte mir der Meister »Seine freundliche Gestalt« (saumya vapuh), wie es im 11. Gesang der Bhagavad-Gîtâ von Shrî Krishna heißt, ich war dann wie Arjuna »frei von Furcht, frohen Herzens« (vyapetabhîh prîtamanâh). Manchmal mußte Er schimpfen, dann »erzitterte mein Innerstes« (pravyathita antarâtmâ). Ganz wenige Male wurde mir die Gnade des Dakshinâmûrti-Darshans zuteil. dakshinâmûrti = »nach Süden blickend«, ist ein Name des auf dem Mount Kailash residierenden Gottes Shiva. Er lehrt in tiefem Schweigen. Shrî Ramana Maharshi sagte: »Die höchste Form der Gnade ist Stille. Sie ist auch die höchste spirituelle Unterweisung. Wenn der Guru still ist, wird der Geist des Wahrheitssuchers von selbst gereinigt.« [Talks with Sri Ramana Maharshi, Talk 518]. In diesen seltenen Momenten, wenn ich das Guru-Kutir betrat, war sofort zu erkennen, daß Shrî Swâmîji »nicht da war«. Der charakteristische, leicht nach oben seitlich gewendete Blick ins Unendliche – Er sah mich, so mein Eindruck, gar nicht kommen. Ich kniete zu seinen Füßen und konnte mein Glück nicht fassen: tiefster Frieden, der Hauch des Überweltlichen im Raum, unbeschreiblich. Nach einiger Zeit kam Er zurück, sah mich da sitzen, gab mir in Stille ein Prasâd und blickte wieder nach oben, während ich ging. Als ich draußen war, flüchtete ich ins Abseits, um mit niemandem reden zu müssen, blickte in den Himmel und nahm mir vor: »Diesen höchst intensiven Augenblick wirst du nie vergessen; und sollte die nächste Krise, der nächste Zweifel kommen, wirst du daran denken und damit alle negativen Gedanken aus dem Geist verbannen.« Daß dies nicht immer gelang, gehört zu den mir unbegreiflichen Dingen.

»Die höchste Form der Gnade ist Stille.«

2.
1982 kam Shrî Swâmîji im Mai statt wie sonst im Herbst nach Blansingen. Es waren im Mai nicht so viele Besucher da, und einmal ergab es sich sogar, daß nicht ein einziger »Fremder« im öffentlichen Darshan war, ausschließlich Schüler, größtenteils Mönche und Nonnen. Es gab an diesem Tag für Shrî Swâmîji wenig zu erklären, das Gespräch konzentrierte sich auf das Thema Kraft. Kraft durch Brahmacharya, Meditation, Askese, und man fühlte sich mit jedem Satz des Meisters höher getragen. Obwohl man Erleuchteten keine Emotionen unterstellen darf, hatte ich den Eindruck, daß Shrî Swâmîji selbst die ständig höhergehenden Schwingungen genoß. Am Ende ballte Er die Fäuste, hob die Arme halbhoch, schüttelte sie energisch und sagte mit durchdringender Stimme mehrmals: »Seid stark!« In diesem Augenblick war der Raum dermaßen mit Energie aufgeladen daß jede weitere Bemerkung aus unserer Richtung ein Sakrileg gewesen wäre. Und in diesem atemlosen Moment, der wie eine Ewigkeit schien, senkte der Meister die Arme und sagte lächelnd: »Es ist besser, jetzt aufzuhören!«

3.
Ein junger Mann war in Blansingen und übernachtete im gemeinsamen Schlafraum, wo er uns etwas von seiner Yogakunst zeigte. Er war wirklich ein perfekter Hatha-Yogi. Schnell aber wurde aus unserer Bewunderung Zurückhaltung, weil seine Demonstration und sein überlegenes Lächeln darauf hinwiesen, daß sein Ego so groß war wie seine Kunst. Auch seine Meditation war mehr ein Zurschaustellen. Im öffentlichen Darshan wollte er von Shrî Swâmîji wissen, ob er die Jnâna-Mudrâ korrekt ausführen würde. Der volle Lotussitz (Shrî Swâmîji: »Ja«), die Hand-Mudrâ (»Ja«), aufrechte Haltung – ein Bild der Perfektion. »Und dies ist die Geste der Weisheit?«, fragte der Besucher. Shrî Swâmîji: »Ja.« Nach einigen Sekunden der Stille bemerkte der Meister in einzigartiger Trockenheit: »Jetzt bist du ein weiser Mann.« Wir brachen in Lachen aus. Ich hatte nicht den Eindruck, daß der junge Yogi Shrî Swâmîjis Unterweisung verstanden hatte; er kam jedenfalls nie wieder.

4.
Blansingen, öffentlicher Darshan. Nachdem es eine halbe Stunde lang um die üblichen hohen Themen wie Kundalinî Shakti und Nirvikalpa Samâdhi ging, unterbrach eine Besucherin den Fluß mit der offenkundig abwertenden Bemerkung: »Nach all diesen viel zu theoretischen Dingen möchte ich eine praktische Frage stellen. Was hält der Meister davon, wenn ich in (…) eine Wohngemeinschaft gründe um dort mit den Leuten in ökologischer und spiritueller Weise ein sinnvolles Leben zu verbringen?« Shrî Swâmîji antwortete: »Ich halte gar nichts davon, daß du dich dort als Guru aufspielen wirst.« Die Frau schwieg betreten; im Raum war größte Stille, als die abschließende Frage des Meisters kam: »War das praktisch genug?«

5.
Blansingen, öffentlicher Darshan. Alle saßen bereits im Raum und warteten auf Shrî Swâmîji, der jeden Augenblick erscheinen mußte, da kam in letzter Minute noch ein Besucher und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand. Ein Anhänger von Rajneesh (der sogenannte »Bhagwan«), wie man an der roten Tracht und der umgehängten Mâlâ (Rosenkranz) mit dem Bild erkennen konnte. Kaum saß er, erschien Shrî Swâmîji. Der Meister nahm auf dem erhöhten Âsana Platz, schaute wie immer rundherum, flüsterte »beginnt« und schloß die Augen. Nach der Rezitation des pûrnam adah-mantra sagte Er dann nicht wie gewohnt »Gibt es heute Fragen?«, sondern sprach sofort von sich aus über Brahmacharya. Ich war erstaunt, denn niemand hatte etwas gefragt; auch hatte dies keinen Zusammenhang mit dem Darshan am Tage vorher. Nach wenigen Sätzen, als Shrî Swâmîji betonte »Es gibt keinerlei spirituellen Fortschritt ohne strikte Einhaltung des Brahmacharya« und dabei den »roten Besucher« anschaute, erhob sich dieser sichtlich gereizt und ging wort- und grußlos schnell aus dem Raum. Dadurch entstand kurz Unruhe unter den anderen Besuchern. Kaum war der Rajneesh-Anhänger verschwunden, sagte Shrî Swâmîji: »Jetzt können wir beginnen.« Alle verstanden und lachten befreit.

6.
Ein Gurubhai (gurubhais sind »Schüler desselben Meisters«) bat mich, mit ihr eine Freundin zu besuchen. Diese spirituelle Dame litt unter Krebs im Endstadium und hatte von Shrî Swâmîji gehört. Wir fuhren also gegen Mittag zu ihr. Es ging ihr sehr schlecht, aber sie war beherrscht und freute sich über den Besuch. Von der ersten Sekunde an war Shrî Swâmîji der Mittelpunkt unseres Gesprächs. Nach einiger Zeit, in der Schwingungen immer höher gingen äußerte die Dame den Herzenswunsch, Shrî Swâmîjis Schülerin zu werden. Ich hätte am liebsten gesagt: »Steigen wir ins Auto, ich fahre Sie sofort nach Gylling, das dauert 12 Stunden.« Aber ihre Freundin hatte mir klargemacht daß dies ausgeschlossen sei, die Dame würde die Strapazen der Reise nicht überleben. Erneut hätte ich am liebsten gesagt, »Was macht das schon, wenn man dafür den Meister gesehen und mit Ihm gesprochen hat!« Aus Angst vor der riesigen Verantwortung schwieg ich. Und hoffte daß ihr Wunsch, wie auch immer, in Erfüllung gehen möge. Wir redeten dann weiter, wechselten von Shrî Swâmîji zur Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ und zurück zu Shrî Swâmîji, ein harmonisches, erhebendes Gespräch. Plötzlich, mitten in einem Satz, zuckte die Dame zusammen, sah nach oben, sagte: »Der Meister hat mich gerade eingeweiht, ich bin jetzt Seine Schülerin!« Und brach in Tränen aus. In der darauf herrschenden Stille kamen mir zwei Gedanken: 1. Shrî Swâmîji war wirklich da. 2. Sollte das ihrer Fantasie entsprungen sein, war es auch positiv, denn sie war wirklich ergriffen und erfüllt. Einige Zeit später verließen wir sie. Beim nächsten Besuch sagte sie mit gleicher Inbrunst, sie wünschte sich nichts mehr als noch Sannyâsa aus der Hand Shrî Swâmîjis zu nehmen. Gleiche Bemerkung wie vorhin, sie war nicht reisefähig … Wenige Tage darauf war ich in Gylling im Yoga-Camp. Ich hielt es für meine Pflicht, wegen ihres Wunsches den Meister zu fragen. Das war dann auch für mich eine Gnade, denn kaum hatte ich die Worte gesprochen: »Diese Dame …« reagierte Shrî Swâmîji liebevoll mit »ja«, es war klar, daß Er wußte wen ich meinte, und blitzartig schoß mir durch Kopf: »Oh mein Gott, Shrî Swâmîji war an jenem Nachmittag tatsächlich in der Wohnung und hat die Frau eingeweiht!« Das steht bis heute für mich fest. Ich mußte nach diesem himmlischen Schock weiterreden, denn der Meister wartete: »… sie wünscht sich, Deine Sannyâsinî zu werden.« Shrî Swâmîji schaute traurig in den Raum und dann zu mir, sagte in einer Mischung aus großer Zuneigung und Bedauern: »Es ist nicht möglich …«, und ohne daß Er es sagen mußte war zu verstehen: »Sie kann nicht hierherkommen.« Ich war sehr bewegt und auch froh, meine Pflicht getan zu haben. Kurz darauf verstarb die Dame. Meine Gedanken waren dann: Jetzt ist Shrî Swâmîji bei ihr und begleitet sie zu ihrer nächsten Geburt …

»Wer in der Stunde des Todes … an Mich denkt,
geht in Mein Wesen ein;
darüber gibt es keinen Zweifel.«
Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ (VIII.5)

7.
Gylling, öffentlicher Darshan. Jemand fragte: »Swâmîji, was ist der Dharma (dharma = das zu Tuende, die Pflicht) einer Kuh?« Shrî Swâmîji antwortete zunächst: »Gras zu fressen und so viel Milch wie möglich zu geben.« Inmitten der allgemeinen Erheiterung fuhr Er jedoch gleich fort: »Es ist nicht so. Sie haben eine eigene Existenz.« Mit diesen tiefgründigen, mitfühlenden Worten war der nötige Ernst wieder da. In einem der folgenden Darshans deutete ein Besucher an, daß Tiere niedrigere Wesen seien, der Mensch dürfe deshalb über sie verfügen. Der Meister antwortete sarkastisch, empathisch: »Ja, ja, und die Tiere haben einen eigenen Gott, und dieser Gott weint Tag und Nacht angesichts ihrer Leiden!« Diese Bemerkung ging mir durch Mark und Bein.

8.
Gylling, öffentlicher Darshan. Zeitreisen sind auch unter Yoga-Anhängern nicht selten ein Thema. Ein attraktiver Gedanke, man denke an den faszinierenden Film Die Zeitmaschine. Angesichts der Tatsache daß sich sogar Wissenschaftler mit der Idee anfreunden können fand ich es erstaunlich und befreiend, daß der Meister mit einem einzigen Satz das Thema vom Tisch fegte. Jemand fragte: »Swâmîji, ist es möglich, durch die Zeit zurück in die Vergangenheit zu reisen?« Shrî Swâmîji sah ihn an: »Kannst du wieder ein Baby werden?« Der Schüler verstand nicht sofort, und der Meister wiederholte Seine Frage. Dann war Stille im Raum, bis die nächste Frage zu etwas anderem kam. Warum kam ich nicht selber auf die Idee, daß ein Zeitreisender sich selbst ja nicht außerhalb der Zeit stellen kann? Worüber Menschen in vollem Ernst reden können, das führt ein Meister in zwei Sekunden ad absurdum.

9.
Gylling, Yoga-Camp. Jemand lieh mir ein Buch mit dem Hinweis, die Lektüre würde sich lohnen. Die Biographie eines Heiligen; an den Titel erinnere ich mich nicht mehr. Unter anderem war die Rede davon, daß dieser Heilige Yogis im Himâlaya traf, die mehrere hundert Jahre alt waren. Der Gedanke zog mich an: Jahrhundertealte Yogis mit übernatürlichen Kräften, in den Höhlen des Himâlaya lebend … Gleichzeitig waren Zweifel in meinem Kopf. Da ich nicht den Mut hatte, im öffentlichen Darshan danach zu fragen, nutzte ich die Gelegenheit im nächsten privaten Darshan: »Man spricht von Yogis im Himâlaya, die mehrere hundert Jahre alt sind.« Shrî Swâmîji: »Und?« Ich: »Das sind doch nur Märchen, oder?« Shrî Swâmîji: »Nein, es ist eine Tatsache.« Ich war sprachlos. Und in die folgende Stille hinein sagte der Meister: »Wenn man aber zwischen Leben und Tod keinen Unterschied mehr sieht, wozu will man den Körper so lange am Leben erhalten?«

Für mich ein Bild von besonderer Anziehungskraft:
Shrî Swâmî Nârâyanânanda 1944
im Himâlaya, am Ufer des Bhagirathi (Ganges)

 

10.
Obwohl der Meister betonte, daß Zweifel zu den größten Feinden des Sâdhaka (sâdhaka = geistig Übender) gehören, war in schlechten Zeiten so manches Mal – und offensichtlich nicht nur bei mir – die Frage übermächtig: Hat mein Meister den Nirvikalpa-Samâdhi erreicht? Zweifel, die schnell wieder verschwanden, entweder durch Shrî Swâmîjis Worte oder durch gewisse Begebenheiten. Eine davon aus Blansingen: Im öffentlichen Darshan war einmal von den indischen Asketen die Rede, und dabei kam Shrî Swâmîji von sich aus, ohne daß es eine Frage dazu gegeben hätte, auf die Avadhûtas zu sprechen (avadhûta = »der alles abgeworfen hat, über die Dualität hinausgegangen ist«; sie gehören zu den am meisten verehrten Heiligen). Da niemand von uns genau wußte, was Er meinte, gab der Meister einige Erklärungen. Und obwohl zu sehen war, daß Er mit Sympathie von den Avadhûtas sprach, sagte Er am Ende lächelnd: »Aber sie können den Samâdhi nicht erreichen!« Als der Meister unsere erstaunten und fragenden Gesichter sah, schob er einige erklärende Sätze nach. Mir ging durch den Kopf: Die Selbstverständlichkeit, mit der Shrî Swâmîji dies gesagt hat, konnte nur bedeuten, daß Er den Nirvikalpa-Samâdhi erreicht hat, hier wußte jemand genau, wovon er redet. Begebenheiten solcher Art durfte ich mehrere erleben.

11.
Zum Thema Zweifel hörte ich den Meister in mehreren öffentlichen Darshans in Blansingen sagen: »Mißversteht es nicht, denn dies wäre ein großes Unglück.« Der Anlaß für diesen karmisch extrem wichtigen, in die tiefsten Tiefen gehenden Satz: Shrî Swâmîji erklärte einige technische Details wie die Stufen des Râja-Yoga, oder die Ebenen der Chakras usw., und dabei war es so, daß Er zum Erstaunen vieler einiges leicht durcheinanderbrachte. Da sich niemand traute sofort nachzufragen, war nach den Darshans der Gedanke förmlich zu greifen: Wie kann das einem Erleuchteten passieren? Die Lösung folgte sofort am nächsten Tag. Bevor jemand zu Beginn eine Frage stellen konnte, kam Shrî Swâmîji von sich aus auf die Sache zu sprechen. Mit der Zusammenfassung, daß solch theoretische, für die Praxis belanglose Dinge keinen Platz mehr in Seinem Geist hätten: »Ich habe all diese Dinge vergessen.« Und mit der abschließenden Bemerkung: »So, mißversteht es nicht, denn dies wäre ein großes Unglück.« Der Meister sagte dies einerseits lächelnd, äußerst liebevoll, aber im Raum stand gleichzeitig eine ernste Warnung: Sich durch Zweifel solcher Art vom Weg, vom Meister abbringen zu lassen wäre ein großes Unglück! Eines dieser herrlichen Sekundenphänomene, an die ich immer wieder denken muß.

12.
Gylling, nach 1987 (ich erinnere mich nicht mehr genau, es war jedenfalls nach dem Mahâsamâdhi des Meisters). Ich hatte oft von Pilgerfahrten zum Berg Kailash gelesen, der Stätte von Shiva Dakshinâmûrti, und verspürte oft den Wunsch, selbst dort zu sein. In einem Camp-Jahr war das Verlangen stärker als zuvor, so daß mein Entschluß reifte, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Eines morgens ging ich zum Pranâm (Verbeugung) in das Guru-Kutir, und ständig war in meinem Geist der Gedanke an den Kailash. Nach dem Pranâm ging ich in Frieden hinaus und einige Schritte auf das Mantra-Kutir (kutir = kleiner Tempel) zu. Als ich auf die Spitze des Daches (kalasha) blickte, sagte eine innere Stimme: »Dein Kailash steht hier, es ist das Mantra-Kutir!« In diesem Moment erschien vor meinen Augen ein riesiger Shiva auf dem Dach, der mir huldvoll zulächelte. Mir ging es durch Mark und Bein, ein noch tieferer Frieden erfüllte mich. Als ich mich verbeugte und sagte: »Ja!« verschwand Shiva, und ich machte mich auf die Umkreisung (pradakshina) »meines Kailash«, ging um das Mantra-Kutir herum. Von diesem Tag an habe ich niemals wieder von einer Pilgerfahrt nach Tibet geträumt.

13.
Gylling, Sannyâsa-Day. Wir warteten nachmittags vor der Meditationshalle darauf, daß Shrî Swâmîji vom Guru-Kutir heraustrat für den letzten Satsanga während der Camp-Zeit. Ich stand an der Ecke zwischen Meditationshalle und Guru-Kutir, nahe an dem mit Blumen geschmückten Eingangsgitter. Endlich ging die Tür auf, Shrî Swâmîji erschien. Es waren nur 20 Meter bis zum Eingang in die Meditationshalle. Ich schaute gebannt auf jeden Schritt, den der Meister machte – majestätisch, in tiefstem Frieden, kaum der Umgebung bewußt. Als Er mir ganz nahe war und ich mich verbeugte, sagte eine Stimme in mir: »Hier kommt der König der Könige!« Drei intensivste Sekunden, deren Erinnerung mir über so manche dunkle Zeiten hinweggeholfen hat.

König der Könige

14.
Der Meister wurde öfter gefragt: »Swâmîji, Du hast so viel für uns getan, was können wir für Dich tun?« Der Meister lächelte und gab jedesmal (zumindest wenn ich zugegen war) dieselbe Antwort: »Werdet nicht verrückt.« Nicht nur stieg mein Respekt für den Meister ins Unermeßliche angesichts Seines himmelhohen Verantwortungsbewußtseins; ich habe in den öffentlichen Darshans dieses „werdet nicht verrückt“ so oft gehört daß mir klar wurde: Das ist eine besonders wichtige Botschaft! Das Leben vieler Schüler – mich eingeschlossen – hat bewiesen, wie recht der Meister damit hatte. Wir lesen in der Katha-Upanishad (I.3.14) die unsterblichen Worte: »uttisthata jâgrata … Erhebe dich, erwache! Erlangt habend die Gnade der Besten, sei wachsam! Schwer zu gehen ist auf des Messers Schneide, (ebenso schwer ist) der unwegsame Pfad (des Yoga), sagen die Weisen.« Viele Sâdhakas können diese Tatsache bezeugen.

15.
Blansingen. Ein Besucher, der in der Bibliothek einige Zeit in den Büchern des Meisters gelesen hatte, richtete sich im öffentlichen Darshan an Shrî Swâmîji. Seine Feststellung war keine Kritik, vielmehr die sanfte, leicht klagende Frage eines Interessierten: Er fände die Methode von Shrî Swâmîji – mit Kundalinî, Brahmacharya, Mantra-Japa, Meditation, Prânâyâma, Beherrschung des Geistes – sehr kompliziert. Shrî Swâmîjis Antwort war nicht nur an ihn gerichtet, auch ich habe enorm davon profitiert: »Ich habe es für euch so einfach wie möglich gemacht.« Wie oft habe ich an diesen liebevollen Satz denken müssen.

16.
Es war sozusagen offiziell daß Shrî Swâmîji mit allem »Alten« aus der indischen Yoga-Welt gebrochen hatte (»Ich habe mit diesen Dingen nichts zu tun«). Dazu gehörte auch, daß Er Sanskritbegriffe nur verwendete wo es nicht anders ging; für den Rest machte Er klar: überflüssige Dinge, das Gewicht liegt einzig auf der Praxis. Ich hatte dennoch den Eindruck, daß dies nicht ganz stimmte. Shrî Swâmîji zitierte häufig aus den Schriften. Er sprach auch ein korrektes Sanskrit, weswegen ich nicht verstehen konnte, daß Er bei uns nicht auf eine korrekte Aussprache drängte. Wie etwa beim »dänisch-deutschen« pûrnam adah-mantra, wo ich mich des Eindrucks nie erwehren konnte, daß Inder sich dabei am liebsten die Ohren zuhalten würden. Mir wurde zu verstehen gegeben, daß der Meister auf derlei Äußerlichkeiten keinen Wert legte. Ich mußte zugeben: anscheinend in der Tat nicht. Andererseits erlebte ich ein Sekundenphänomen in einem öffentlichen Darshan. Jemand las aus einem der Bücher von Swâmî Nârâyanânanda den Satz vor: »Die intellektuelle Funktion des Geistes wird Buddi genannt.«. Sofort unterbrach Shrî Swâmîji: »Budd-hi:« Der Leser hielt inne und schaute auf den Meister; dieser erwiderte den Blick und sagte nach einer Sekunde: „Es ist in Ordnung.“ Das klang verständnisvoll, mitfühlend – und in meinen Ohren auch resignierend. Ich habe diese wenigen Sekunden »genossen«, in dem Sinne, daß Shrî Swâmîji trotz allem eine korrekte Aussprache des Sanskrit bevorzugt hätte.

Shrî Swâmîji in Indien

17.
Zur Bhagavad-Gîtâ: Einerseits gehörte sie zu den »alten« Dingen, von denen der Meister sich getrennt hatte; legte man zuviel Betonung auf die Gîtâ, reagierte Er nicht selten ablehnend. Andererseits zitierte Er sie relativ häufig. Königlich war Shrî Swâmîjis Zusammenfassung: »Was ist die Essenz der Bhagavad Gîtâ? Denke immer an Mich, und kämpfe!« Angesichts des höchst schwierigen Themas Karma (Shrî Krishna nennt es »undurchdringlich«) gibt es auf dem spirituellen Weg keinen wichtigeren und praktischeren Satz als diesen (VIII.7): sarveshu kâleshu (zu allen Zeiten) mâm (an Mich) anusmara (denke) yudhya ca (und kämpfe).

18.
Gylling, öffentlicher Darshan. Schwerpunkt an diesem Nachmittag war Brahmacharya (Enthaltsamkeit). In der Hitze der Diskussion ermunterte uns der Meister, zum Thema deutlicher zu werden und ohne Hemmungen in die Details zu gehen. Dies nutzten einige tatsächlich, und am Ende waren die Details dermaßen detailliert daß eine ungute Schwingung im Raum stand; es war einfach zuviel. Ich schaute gebannt auf den Meister, und auch das nächste Sekundenphänomen wird mir unvergeßlich bleiben. Auf dem Höhepunkt der Diskussion blickte Shrî Swâmîji zu Boden, Er erschien mir wie ein göttliches Kind, und aus Seinem Mund kam der Satz: »Ich vermag mir solche Dinge nicht einmal vorzustellen.« Große Betroffenheit bei allen (wie ich empfand), totale Stille, Themenwechsel. Das ist der Unterschied zwischen Mensch und Gott, der Normalsterbliche kann sich nicht vorstellen, daß ein höheres Wesen sich so etwas nicht vorstellen kann! Ich dachte an die Weisheitsperle aus der Bhagavad-Gîtâ (II.69): »Was Nacht ist für alle Wesen, darin wacht der Selbstbeherrschte. Worin die Wesen wachen, das ist Nacht für den sehenden Muni.«

»Was Tag für die Menschen ist, das ist Nacht für den Weisen.«

19.
Es ist meine Überzeugung, daß es den öffentlichen Meister und den persönlichen Meister gibt. Der erste ist jener, dessen Aussagen in den Büchern und in den öffentlichen Darshans von allen Lesern und Hörern einheitlich verstanden werden müssen. Der Meister im persönlichen Darshan sagte dann auch Dinge, die nur für den Betroffenen gelten. Es berührte selbstverständlich nicht den Kern der Lehre, vielmehr die praktischen Dinge des Alltags. Die an dieser Stelle anzuführenden Beispiele wären zahllos, jeder Swâmîji-Schüler kennt das aus eigener Erfahrung; Beispiele für die Strenge des Meisters auf der einen, für Seine Liebe und Milde zum Einzelnen auf der anderen Seite. An dieser Stelle genügt eine eher banale, mir lieb im Gedächtnis verbliebene Begebenheit. Ich hatte 1974 meine Ernährung umgestellt und viele Experimente durchgeführt. Als ich Shrî Swâmîji zum ersten Mal traf, befand ich mich in einer Rohkostphase, und groß war meine Verwunderung, als in den Studiengruppen gesagt wurde, daß der Meister überhaupt nichts davon hielt. Spontan erschien es mir unglaubwürdig, aber dann hörte ich selber im öffentlichen Darshan: In der Tat, der Meister riet davon ab und erheiterte sich sogar darüber anhand des Beispiels eines Schülers. Dieser Schüler war ein Vitaminfanatiker und dachte, er müsse deswegen alle Sorten von Gemüserohkost zu sich nehmen. Nach einiger Zeit ging es ihm mit seiner Diät sehr schlecht, und er bat den Meister um Hilfe. Shrî Swâmîji schrieb ihm: »Sende mir eine Liste mit all den Gemüsen, die du ißt!« Es war eine sehr lange Liste mit allen Arten von Gemüsen. Shrî Swâmîji fuhr fort: »Ich sendete ihm die Liste zurück, auf der ich alle Gemüse bis auf ein einziges gestrichen hatte.« Alle fanden das sehr lustig, ich dagegen war irritiert, denn mir ging es damals blendend, so gut wie noch nie. Also sprach ich Shrî Swâmîji im privaten Darshan darauf an. Es war offensichtlich, daß ich die Rohkost bestens vertrug. Statt wie erwartet eine Absage zu kriegen ermunterte mich der Meister: »Ja, fahre damit fort, es tut dir gut.« Ich bedaure bis heute, daß ich meinen guten Zustand von damals nicht verlängern konnte und später die Eßdisziplin völlig aufgab, aber prinzipiell glaube ich, den Meister verstanden zu haben.

20.
Unvergeßlich wird auch ein Satz des Meisters in einem öffentlichen Darshan in Gylling bleiben. Es ging um das Thema Töten; ich glaube mich zu erinnern, daß es in Verbindung mit der Bhagavad-Gîtâ war. Bekanntlich wird Arjuna aufgefordert zu kämpfen, »töte alle diese Krieger« (XI.34), allerdings »frei von Selbstsucht« (III.30), »so wirst du keine Schuld auf dich laden« (II.38). Auch in dieser Diskussion gingen die Schwingungen immer höher, aber irgendwann wurde es Shrî Swâmîji zu theoretisch, und mit einem total ernüchternden Satz holte er uns zurück auf den Boden der Realität: »Ihr könnt nicht einmal einen Moskito ohne Emotionen töten!« Alleine an diesen Satz mußte ich in den nächsten Jahren bestimmt tausendmal denken.

21.
Ein wunderbares Phänomen, welches ich mir unmöglich eingebildet haben kann (dafür geschah es zu oft) waren Shrî Swâmîjis wechselnde Farben Seines Gesichtes. Dies hing – ich verstehe das so – mit den »Stimmungen« des Meisters zusammen und geschah größtenteils in den öffentlichen Darshans. Innerhalb von Sekunden konnte Shrî Swâmîjis Gesicht anders aussehen, von hell nach dunkel in verschiedenen Farbabstufungen, und als das beeindruckendste, ehrfurchtgebietendste Phänomen betrachtete ich das »Krishna-Gesicht«. Shrî Krishna wird in blauer Farbe dargestellt, aber es handelt sich genauer um eine Mischung aus blau und grau. Wie es in den Schriften heißt, ist es die Farbe einer blaugrauen, regenverhangenen Wolke, schwer zu beschreiben. Einmal sah ich in den Bergen die Entsprechung: Es war früher Abend, der Himmel zartblau mit leichtem Purpur der untergegangenen Sonne, gleichzeitig waren Wolken am Himmel in zartestem graublau. Spontan kam mir Shrî Krishna in den Sinn, ein intimer, transzendenter Augenblick. Als ich dieses Phänomen bei Swâmî Nârâyanânanda erleben durfte wurde mir klar, daß in den »Märchen« der Mythologie viel Wahrheit enthalten ist.

22.
Während des gemeinsamen Darshans eines Nachmittags im deutschen Âshram (an das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern) war detailliert die Rede von Dhâranâ (Konzentration) mit dem für den traditionellen Yoga charakteristischen Stichwort »Sekunden«. Zur genaueren Erläuterung zitiere ich eine diesbezügliche Passage meiner Webseite:

»Fragt man mehrere Personen, was Meditation ist, erhält man mehrere Antworten. ›Wir gehen zur Meditation‹ – dieser Ausdruck ist in der allgemeinen Bedeutung praktisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nur die wenigsten Menschen während der Zeit ihrer ›Meditation‹ sich wirklich mit dem beschäftigen, was der Yoga darunter versteht. Meditation (dhyâna) ist der Folgezustand einer überragenden Fähigkeit zur Konzentration (dhâranâ). In der Regel ist es so, daß ein ›Meditierender‹ nur versucht, seinen Geist auf einen Punkt zu richten und dort zu halten; man hat am Ende, im idealen Fall einen einzigen Gedanken (dies wäre dann die Meditationsstufe) und kann dank der geistigen Kraft verhindern, daß sich andere Gedanken dazwischenschieben. Konzentration ist die Vorstufe zur Meditation, und auch über diese Fähigkeit gibt es eine Vielzahl von Meinungen, dabei kann man die Sache eigentlich nicht falsch verstehen: Wie lange vermag ich meinen Geist in einem Gedanken, in einem Punkt zu halten, ohne daß sich andere Gedanken, andere Bilder dazwischenschieben? Shrî Patañjali sagt: ›Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes.‹ Und im nächsten Satz versichert er uns: Dann ruht man in der eigenen wahren Natur. Was aber heißt ›dann‹? Hier macht sich so mancher Übende falsche Vorstellungen von seinen Fortschritten. Für die Dauer von wenigen Sekunden (!) alle Kräfte des Geistes in einem Punkt halten zu können, das ist eine überragende Stufe; Aussagen anderer Art zeugen von einer fehlerhaften Selbstbeobachtung. Unter Konzentration versteht der Yoga die Fähigkeit, den Geist zwölf Sekunden lang in einem Punkt, im Objekt der Konzentration halten zu können – ein bereits himmelhoher Gipfel. Vermag man die Konzentration auf die Dauer von zwölf Dhâranâs (mehr als zwei Minuten) zu verlängern, dann erst ist man bei der Meditation. Läßt man den Geist, durch nichts mehr abgelenkt, weiter sich vertiefen und schafft eine alle menschlichen Dimensionen sprengende Dauer von zwölf Dhyânas, dann geht man in den Zustand der vollkommenen Versenkung (samâdhi) ein. Die Essenz des Yoga ist die Fähigkeit zur willentlichen Konzentration; es gibt auf dem spirituellen Weg nichts Höheres als ihre unablässige Übung.«

Daß es hier in der Tat große Mißverständnisse gibt zeigt das Beispiel einer fremden Besucherin des besagten gemeinsamen Darshans an jenem Nachmittag. Als sie sich die Diskussion einige Zeit lang angehört hatte konnte sie sich nicht beherrschen – sie hätte ja den Meister am nächsten Tag im privaten Gespräch danach fragen können – und sagte vor allen Anwesenden auffallend ungehalten, daß sie für diese »Sekundenzählerei« aufgrund eigener Erfahrungen keinerlei Verständnis habe etc. Shrî Swâmîji ließ daraufhin durch den Dolmetscher fragen, wie lange sie sich denn konzentrieren bzw. die Meditation halten könne. Die Dame erwiderte ohne zu zögern: Mindestens 10 Minuten lang. Daraufhin wandte sich der Meister erneut an den Dolmetscher und ließ Seine Worte übermitteln: »Wenn sie das wirklich könnte, würde sie mit Leichtigkeit in den Nirvikalpa-Samâdhi eintauchen« («she could easily enter Nirvikalpa Samâdhi»). Eine klassische Situation: Ein Meister gibt einem Besucher kritisch und dennoch liebevoll einen enorm wichtigen Hinweis für den Fortschritt auf dem spirituellen Weg. Und was macht der Besucher daraus? Er fühlt sich in seinem Ego angegriffen, geht, und kommt nie mehr wieder ...

23.
Daß ein Samâdhi-Mensch »die Beherrschung der Elemente« erreicht hat, dies sagt Shrî Patanjali im Yoga-Sûtra (III.44). Ich las dies auch in vielen weiteren alten Yogaschriften, unter anderem daß eben auch das Wetter den Erleuchteten »folgt« (ich kann es nicht anders ausdrücken). Es mag Zufall sein, aber ich hatte mehrere Male die Gelegenheit (und die Gnade) dies erleben zu dürfen. Dänemark ist ein meteorologisch äußerst dynamisches Land, und häufig war an den Tagen des wöchentlichen Satsangas der Himmel verdunkelt und es regnete. Bis zu dem Augenblick, als der Meister sich anschickte, den Guru-Kutir zu verlassen, um in die Meditationshalle zu gehen, wo die Versammlungen stattfanden. Da brach die Wolkendecke auf, die Sonne strahlte aus einem blauen Streifen am Himmel. Das gleiche Phänomen nach dem Satsanga (während dem es übrigens wieder regnete). Wir standen draußen mit den Regenschirmen und warteten, daß der Meister als Letzter die Meditationshalle verließ. Ein älterer Schüler sagte damals zu mir: »Du wirst sehen, gleich hört es auf zu regnen.« Ich hielt das beim ersten Male für einen Scherz, aber tatsächlich: Wieder brach die Wolkendecke auf, wieder strahlte kurz die Sonne, und als der Meister in das Guru-Kutir ging und sich die Tür schloß, zogen sich die Wolken zusammen und es fing wieder an zu regnen. In diesem Sinne erschien es beinahe als selbstverständlich, daß anläßlich der Feierlichkeiten sowohl an Gurupûrnimâ als auch am Sannyâsa-Day das schönste Wetter war ...

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»Erhebt euch jetzt über all diese dummen Dinge!«

«Rise up now above all these stupid things!»
Mehr als einmal war dieser herrliche, bedeutungsschwere Satz von Shrî Swâmîji in den allgemeinen Darshans bzw. bei Satsangas zu hören. Auch dabei war es für mich wichtig, auf das Gesicht des Meisters zu schauen, genauer: zu erkennen, in welcher Stimmung Er diese Worte von sich gab. Wenn die Fragen zu vorwiegend weltlichen Problemen (Weltanschauungen, Politik, Soziales etc.) zu stark den Raum füllten – saßen wir nicht zu Füßen eines Erleuchteten, um über die wahre Wirklichkeit, um über den göttlichen Sanâtana-Dharma (»ewige Lehre«) zu hören? – dann verkürzte und beendete Er die Diskussionen in einer Mischung aus Unverständnis (über unseren Starrsinn) und Angewidert-Sein (von allem Weltlichen) mit den Worten: »Erhebt euch jetzt über all diese dummen Dinge!« Ich habe diese donnernde Aussage in einem auf Video aufgezeichneten Gespräch erfahren, meine mich aber zu erinnern, sie vor fast vierzig Jahren auch live, in Seiner Gegenwart gehört zu haben, und seitdem schwingt sie ständig in meinem Geist. Selbst wenn ich im Alltag nicht immer fähig bin, sie in die Praxis umzusetzen, so sind sie dennoch unzerstörbar ein Teil meiner besseren, meiner Yoga-Natur geworden.

»Menschliche Geburt ist selten und sehr schwer zu erlangen. Moksha (Freiheit) kann nur durch menschliche Geburt erreicht werden. Es heißt daß ein Jîva (individuelle Seele) nach acht Millionen Geburten und Tode menschliches Leben erlangt. Selbst nach Erlangung menschlichen Lebens ist es sehr schwer, einen gesunden Körper und einen scharfen Intellekt zu haben. Hat der Mensch all diese Dinge erlangt, muß er Gebrauch von ihnen machen, um Moksha zu erreichen. Tut er das nicht, ist solch ein kostbares Leben eine bloße Verschwendung.«

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»Das größte Unglück des Lebens«

«The greatest calamity of life«
Am Sannyâsa Day, dem Tag der Mönchsweihe, und auch anläßlich des Gurupûrnimâ (Vollmond im Juli, ein in ganz Indien gefeierter Tag zu Ehren aller Gurus) pflegte Shrî Swâmîji häufig die wundervolle Geschichte vom Löwen zu erzählen der sich für ein Schaf hielt und von einem anderen Löwen zur Selbsterkenntnis gebracht wurde. Die Originalgeschichte findet sich in dem Buch Sayings of Sri Ramakrishna unter der Nummer 1111 (Sri Ramakrishna Math, Madras), wobei dort von zwei Tigern die Rede ist, während Shrî Swâmîji von zwei Löwen spricht.

Eine trächtige Löwin traf einst auf eine Schafherde und griff ein Tier an. Doch die Anstrengung war zuviel, sie verlor ihr Junges und starb. Der gute Hirte nahm das Kleine an und zog es als Teil seiner Herde auf. Dem Beispiel der anderen Schafe folgend fraß es Gras und blökte. Im Laufe der Zeit wurde ein ausgewachsener Löwe aus ihm, der sich nach wie vor für ein Schaf hielt. Eines Tages tauchte ein anderer Löwe aus dem Dschungel auf, um die Herde anzugreifen. Zu seinem Erstaunen erblickte er den Löwen, der sich wie ein Schaf benahm. Er jagte ihn, und als er ihn beim Genick packte, begann der Schaflöwe ängstlich zu blöken. Der Dschungellöwe sagte ihm, daß er kein Schaf, sondern ein Löwe wie er selbst sei. Aber der Schaflöwe wollte es nicht glauben. Der Dschungellöwe zerrte nun den Schaflöwen zu einem nahe gelegenen Teich und forderte ihn auf ins Wasser zu schauen, zeigte ihm auf diese Weise das Spiegelbild zweier Löwen und sprach: »Sieh, du bist ein Löwe, genauso wie ich selbst.« Der immer noch verängstigte Schaflöwe schaute ins Wasser und erkannte sofort die Wahrheit. Er lernte dann, wie man brüllt, sich frei im Wald bewegt, Fleisch isst, usw. So verstand der pflanzenfressende Löwe seine wahre Natur und streifte danach als König des Dschungels frei und furchtlos umher. Auf dieselbe Art und Weise gibt es keine Furcht mehr, wenn man die Gnade des Gurus hat. Der Guru wird dir die Augen öffnen und dir sagen, wer du bist und was dein wahres Selbst ist. Du hast deine eigene wahre Natur völlig vergessen, indem du dich ständig mit dem vergänglichen Körper und den vergehenden Sinnenfreuden identifizierst. Du bist das Selbst, das immer rein und frei ist!

Ich habe dieses Gleichnis mehrere Male mit eigenen Ohren gehört. Was den donnernden Satz »the greatest calamity of life« betrifft glaube ich mich erinnern zu können, ebenfalls live dabeigewesen zu sein, habe ihn aber auf jeden Fall in den Video-Darshans zu hören bekommen.

Nach Seiner Erzählung fuhr der Meister also fort: »Wenn man die seltene Geburt als Mensch erreicht hat, weiter dann mit einem gesunden Körper und einem funktionierenden Intellekt, und wenn man auch noch die Gnade der rechten Führung durch einen wahren Guru erlangt hat und dann nicht alles daran setzt, Erösung und Freiheit (Moksha) zu erreichen, wird sich dies als das größte Ungück des Lebens erweisen.«

Wobei man das englische calamity übersetzen kann mit Unglück, Unheil, Katastrophe, Desaster, Tragödie.

Persönlich hat mich dieser Satz beim Überdenken meines Lebens in größten Stress gebracht – und ich war nicht einzige, dem es so ging, das weiß ich aus Gesprächen! Beinahe schockierend war dabei die Schwingung, in der Shrî Swâmîji es sagte. Nämlich ohne die geringste Spur von Aufdringlichkeit, von Druck, von Predigt und Ähnlichem, vielmehr in größter Ruhe, Abgeklärtheit und Unberührtheit, wie aus einer anderen Welt. Der Erleuchtete ist jenseits von Gut und Böse, er äußert einfach kompromißlos die Wahrheit. Ob der Schüler dies akzeptiert oder ablehnt, damit hat Er dann nichts mehr zu tun.

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»Ich bin überall ein Fremder.«

«I am a stranger everywhere.»
Blansingen, öffentlicher Darshan (vermutlich 1984, genau kann ich mich nicht mehr erinnern). Ein großer Augenblick, in dem durch einen einzigen Satz von Shrî Swâmîji das Überweltliche den Raum füllte. Es waren an jenem Tag ungewöhnlich viele Âshramiten anwesend (auch aus Skandinavien), und fast zwangsläufig kam die Rede auf das Thema Âshrama. Eine Zeit lang beteiligte sich der Meister am Gespräch, betreffend den Sinn und die Wichtigkeit von Âshramas. Irgendwann aber lief die Unterhaltung auf ein gewisses elitäres Denken zu, in meinem Verständnis ging das in Richtung „Âshramiten sind besondere Schüler“ und ähnliches, und schließlich fiel der Satz »die Âshramas von Swâmî Nârâyanânanda«. Beim Hören dieser Worte verfinsterte sich die Miene des Meisters, Er unterbrach harsch, es wehte kurz ein eisiger Hauch: »Ich habe nichts mit euren Âshramas zu tun!« (oder sagte Er: »Was habe ich mit euren Âshramas zu tun?« – ich erinnere mich nicht mehr hundertprozentig genau). Und in der folgenden Totenstille hörten wir die Worte von Shrî Swâmîji: »Ich bin überall ein Fremder.« Diese wundervollen Worte kamen für mich direkt »aus dem Jenseits«, ich mußte an die Aussage von Bhagavân Shrî Ramana Maharshi über Gott denken: »Man kann dieser Kraft keinen Beweggrund unterstellen. Dem einen, unendlichen, allwissenden und allmächtigen Sein kann kein Wollen und kein zielgerichtetes Handeln zugeschrieben werden. Gott bleibt unberührt von den Handlungen, die in Seiner Gegenwart geschehen. Vergleiche die Sonne und das Geschehen in der Welt. Es hat keinen Sinn, dem All-Einen Verantwortung und Motive zu unterstellen …« [Talks with Sri Ramana Maharshi, Talk 28] Das gleiche lesen wir von Shrî Swâmîji selbst, siehe Seine Beschreibung des Jîvan-Mukta in A Practical Guide to Samadhi. Bei dieser Beschreibung nimmt Shrî Swâmîji auch Bezug zur wunderbaren Schilderung des Jîvan-Mukta in der Bhagavad-Gîtâ (zweiter Gesang, ab Vers 54). Ich habe in einer Studiengruppe in Gylling die Aussage des Meisters »Ich bin überall ein Fremder« in eine Diskussion eingebracht. Eine dänische Âshramitin erwiderte ungläubig: »Hat Er das wirklich gesagt?« Nun, ich habe diese erhebenden Worte mit eigenen Ohren gehört.

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»Sorge dich nicht, alles wird gut werden!«

«Don't worry, it will come!»
Wie oft sagte dies Shrî Swâmîji zu mir? Ich kann es nicht zählen. Meistens antwortete Er auf diese Weise nachdem ich Ihm, wieder einmal, gesagt hatte: »Ich bin so eine dumme Person«, oder nach meiner Frage: »Wie kann ein Mensch nur so dumm sein?« Und jedesmal lautete die Antwort: »Sorge dich nicht, alles wird gut werden!« Bei den ersten Malen schoß mir durch den Kopf: »Meine Klagen sind dem Meister zuviel; Er wimmelt mich jetzt mit diesem Satz ab«, denn das Es wird gut werden erschien mir in der jeweiligen Lage utopisch, unglaubhaft. Als sich jedoch das Sorge dich nicht häufte nahm ich an »Shrî Swâmîji glaubt wirklich, daß es mit mir noch etwas wird«; das war ein Trost in dunklen Stunden. Schließlich mußte ich mir, nach einigen Video-Darshans in den folgenden Jahren eingestehen: Diesen Satz hat Shrî Swâmîji vermutlich allen Seinen Schülern gesagt, weil es das Grundsätzliche angeht: »Es ist eure eigene wahre Natur, es ist in euch; es wird und muß kommen. So, macht euch keine Sorgen!«

Shrî Swâmîji in Rishikesh, 1950

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Träume

Von Kindheit an waren spirituelle Träume ein tröstlicher Gegensatz zur elenden Welt des Wachzustands. Seit 1980 drehen sie sich mehr und mehr um Shrî Swâmîji, besonders intensiv nach dem Mahâsamâdhi (mahâsamâdhi = wenn ein Erleuchteter diese Welt verläßt). Einer dieser Träume sei angeführt, weil er sehr einfach zu deuten ist. Da er auch von anderen Schülern handelt, ist er kein Geheimnis; ich finde, es ist eine gute Lektion für mich und für Schüler generell und eine Anregung, Vertrauen zu entwickeln:

Ich stehe am Fuße eines sehr hohen Berges und beginne den Aufstieg. Ich schaue auf den schneebedeckten Gipfel: Dort will ich sein. Anfangs geht es schnell nach oben; ich genieße die noch grüne Landschaft weit unter mir, aber je höher es geht, desto nackter der Berg, und schließlich gibt es nur noch Schnee und Eis. Ständig mache ich Pause weil ich erschöpft bin und kämpfe mich dann weiter. Irgendwann hänge ich an einem Kamm; auf der einen Seite geht es in ein weites Schneefeld, auf der anderen in eine tiefe schwarze Schlucht. Ich biete alle Kräfte auf, um nicht in das Dunkel zu stürzen, klammere mich in den Schnee. Nach weiteren erfolglosen Versuchen weiterzukommen hänge ich hilflos am Kamm, es geht nicht weiter hinauf noch kann ich sicher wieder zurück, denn ein heftiger Wind droht mich ins schwarze Nichts zu reißen. Im Moment der größten Verzweiflung sagt eine innere Stimme: »Geh nach links in das Schneefeld und schaue!« Ich gehe vorsichtig, Schritt für Schritt vom spitzen Kamm weg und tatsächlich, nach kurzer Zeit erreiche ich ein riesiges, sonnendurchflutetes Schneefeld. Zu meinem größten Erstaunen stehen dort Hunderte von Leuten in einer Schlangenlinie, Richtung Gipfel, alle halten sich an einem endlos langen Seil fest. Ich sage zur Stimme: »Was tun die Leute da?« Die Stimme: »Sie gehen zum Gipfel.« Ich erwidere: »Das können sie nicht, ebensowenig wie es mir gelingt!« Die Stimme: »Nein. Sieh doch, wie leicht sie den steilen Weg nach oben schaffen!« Ich: »Wie ist das möglich?« Die Stimme: »Schau auf den Gipfel, dann weißt du es.« Mein Blick geht ganz nach oben, an die höchste Stelle. Dort, welch wundervoller Anblick, sitzt Shrî Swâmîji und hält ebenfalls das Seil in Händen. Die Stimme sagt: »Siehst du? Alle diese Menschen kämpfen sich nicht von alleine hoch, sie werden vom Meister hochgezogen; sie kommen schnell und sicher an ihr Ziel!«

Daraufhin mußte ich weinen. Und die Seligkeit war derart groß, daß es wohl für den Körper zuviel war, ich erwachte.

Shrî Swâmîji in Maisur (Mysore), 1983

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Die Katastrophe, 1985

1981 hatte ich Shrî Swâmîji mit der Idee eines Lebens auf dem Lande belästigt und Seine ablehnende Haltung nicht verstanden. Die Idee reifte weiter, trotz des Meisters negativer Reaktionen. Wobei es nicht Ablehnung war; zurückblickend habe ich den Eindruck, daß Shrî Swâmîji kommen sah was kommen mußte und die Sache mir zuliebe vor sich herschob, anders kann ich es nicht ausdrücken. Jedenfalls fuhren wir im Herbst 1984 nach Südfrankreich auf die Suche nach einem Haus. Wir fanden erst einmal nichts. Wenn ich an diese beschwerliche Reise denke muß ich mich fragen, ob ich damals Herr meiner Sinne war. Wieviel Streß, welche Energieverschwendung, anstatt sich auf die Hauptsache, auf ein ordentliches Sâdhana (geistige Übungen) zu konzentrieren! Ein weiterer mich später sehr belastender Faktor war die Tatsache, daß meine Lebensgefährtin gewiß nicht Ihretwegen, sondern mir zuliebe mitmachte.

Frühling 1985. Wir fuhren für einen einzigen Tag nach Gylling, um den Meister zu sehen. Es war eilig, da meine Lebensgefährtin an einen Termin gebunden war, zu dem sie ihre Arbeitsstelle kündigen konnte. Und wir wollten den Segen des Meisters für das Vorhaben: Kündigung und dann nach Frankreich. Im Rückblick – leider erst im Rückblick – bleibt mir das Gesicht von Shrî Swâmîji unvergeßlich, als wir unser Anliegen vortrugen (es war als ob Er denken würde: »Jetzt gibt es nichts mehr hinauszuzögern, wir müssen den Dingen ihren Lauf lassen …«). Am Ende verschränkte Er die Finger im Schoß, sah nach unten und sagte mit leichtem Seufzen: »Also gut, fahrt nach Süden und sucht euer Haus.« Wir fuhren in Hochstimmung zurück, meine Lebensgefährtin kündigte. Die Kündigung der sicheren Arbeitsstelle geschah zum größten Teil aufgrund meines Einflusses und hat entscheidend den negativen Verlauf der nächsten 25 Jahre bestimmt.

Kurz: Wir fanden ein Haus in Ostfrankreich (nicht im Süden), und meine Lebensgefährtin kaufte es. Und in dem Augenblick wo es geräumt war und ich in dem leeren Gebäude stand kam eine dunkle Ahnung auf: großer Fehler! Was genau es war konnte ich nicht sagen, aber einige Zeit später brachte es Shrî Swâmîji auf den Punkt (»du wirst dort gefangen sein«). Ich verbrachte allein eine Nacht im Haus, es war furchtbar. Ich mußte die ganze Zeit an den Meister denken, und wie ich wenige Wochen später begriff, war Shrî Swâmîji in dieser Nacht anwesend! Am nächsten Morgen sagte ich einer schockierten Lebensgefährtin, daß wir das Haus wieder verkaufen sollten. Der Makler, der es uns vermittelt hatte und den wir jetzt um den Wiederverkauf baten dachte gewiß, er hätte es mit Verrückten zu tun. Zunächst blieb sein Satz hängen: Bei der gegenwärtigen ökonomischen Lage würde es schwierig werden mit dem Verkauf, wir hätten uns zumindest auf eine lange Zeit einzurichten.

Mittlerweile war es Sommer, und wir fuhren ins Yoga-Camp nach Gylling. Beim ersten privaten Darshan war es nicht nötig, dem Meister die Situation zu schildern, denn Er äußerte sich so, daß mir klar wurde: Shrî Swâmîji war die ganze Zeit bei uns, als ob Er uns beobachtet hätte.

Die nächsten Wochen waren schlimm, und ich ging mit Widerwillen zum Darshan, denn ich machte den Meister verantwortlich für das, was geschehen war. Selbst hier versuchte Shrî Swâmîji positiv einzugreifen. Irgendwann sagte Er, nachdem ich mich verbeugt hatte: »Wenn du über einen Menschen verärgert bist, verlasse diesen Platz, oder fahre fort mit der Wiederholung des Mantra.« Ich war dermaßen im Tamas (»Finsternis, Verblendung«), daß ich nicht einmal diese Hilfe verstand. So ging es wochenlang, ohne von Shrî Swâmîji einen definitiven Hinweis zu der Sache mit dem Haus zu erhalten.

Ich hatte tagsüber und nachts genügend Zeit, mich mit der Sache zu beschäftigen, und irgendwann dachte ich, die Lösung gefunden zu haben: Schaue dem ins Angesicht, arbeite es aus! So ging ich am nächsten Morgen erstmals lächelnd zum Darshan und sagte: »Ich bin entschlossen mich der Verantwortung zu stellen. Ich werde in dieses Haus nach Frankreich ziehen und dort bleiben.« Ich war ehrlich überzeugt, die Zustimmung des Meisters zu erhalten. Umso größer der Schock über Seine Antwort: »Nein, geh da nicht hin. Du wirst dort gefangen sein. Bleibe da, wo du jetzt bist.« Ich dachte, ein Blitz hätte mich getroffen. Als ich das Guru-Kutir verließ ging die Welt unter, die Verwirrung war so groß wie nie. Und das »verärgert sein« ging weiter.

Nach dem Sannyâsa Day fuhren wir zurück nach Deutschland. Es folgte der schlimmste Winter meines Lebens. Meine Lebensgefährtin hatte einige Gelegenheitsarbeiten und war häufig in Frankreich bei ihren Eltern. Ich war in Karlsruhe, ging meinem Beruf als Musiklehrer nach und lebte yogamäßig im Chaos. Ich wollte vom Meister weg; gleichzeitig war mir bewußt: Der Yoga ist die höchste Lehre, und unter den Yogas ist Shrî Swâmîjis Lehre der höchste Yoga, wie sollte ich da wieder zurück zum Buddhismus oder anderen Lehren? In dieser Zeit lenkte mich meine Übersetzung der Bhagavad-Gîtâ positiv ab, das war eine große Hilfe. Insgesamt war mein Verhältnis zum Meister sehr getrübt. Leider habe ich mich, als es mir extrem schlecht ging, eines Tages dazu hinreißen lassen, dem Meister einen Brief zu senden in dem ich schrieb, daß ich für meine Fehler selbst verantwortlich bin und entsprechend bezahlen würde, daß ich es aber nicht verstehen konnte, daß Er meine Lebensgefährtin nicht vor mir geschützt hatte. Welche Dummheit, einen solchen Brief zu schreiben und dem Sadguru einen derartigen Vorwurf zu machen, denn einige Jahre früher hatte Shrî Swâmîji, als sie Ihm geschrieben hatte, daß sie kündigen und zu Ihm nach Indien fahren wollte, sie brieflich ausdrücklich ermahnt, nicht zu kündigen. Wie gesagt, ich war in totaler Verblendung, im Nachhinein unvorstellbar.

Was mich ebenfalls (unter anderem) schlaflose Nächte kostete war eine Aussage des Meisters in The Universal Religion: »Egoistisch gegen den Guru zu revoltieren bedeutet den spirituellen Untergang des Schülers. Das steht fest und wir haben viele Fälle dieser Art gesehen.« Ich war mir dessen bewußt und hatte dennoch nicht die Kraft, mich in Demut an den Meister zu wenden.

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Kurze Zusammenfassung dieser schrecklichen Zeit (1985 und folgende Jahre)

Meine Lebensgefährtin hatte eine gutbezahlte und sichere Arbeit in Karlsruhe und hätte dort die nächsten 20 oder 30 Jahre bleiben können. Ich hatte das Glück, Musiklehrer zu sein. Wir hatten keine speziellen Probleme. Wir hatten einen Erleuchteten getroffen und hätten ein ruhiges, friedliches und sinnvolles Leben haben können, gemäß den unsterblichen Worten von Shrî Swâmîji: »Lebt ein reines, einfaches und heiliges Leben.«

Stattdessen dies: Meine Lebensgefährtin war arbeitslos und hatte in Frankreich ein Haus, welches eine große finanzielle und seelische Last war. Sie mußte dann nach Luxembourg ziehen, wo sie tapfer ihrer Arbeit nachging, sich liebevoll um ihre betagten Eltern in Frankreich kümmerte und mich in Deutschland zweimal im Monat besuchte. Um nur von mir zu sprechen, die ständigen »Hallos« und »Auf Wiedersehen« in den nächsten 24 Jahren waren schmerzlich. Ich selber war ab 1988 nicht mehr fähig, Musiklehrer zu sein, lebte von Gelegenheitsarbeiten und von der Hilfe meiner Gefährtin, und fiel in eine tiefe Depression. Statt eines Sâdhanas ging es schlicht ums Überleben.

Ich machte Shrî Swâmîji für all dies verantwortlich. Mein großer Vorwurf war: An jenem bestimmten Tag hätte Er nicht sagen sollen: »Also gut, fahrt nach Süden und sucht euer Haus.« Er hätte sagen müssen: »Seid ihr verrückt? Gebt eure Arbeit nicht auf, bleibt wo ihr seid und kümmert euch um euer Sâdhana!« Aber wie gesagt, die Verantwortung auf den Guru zu schieben war Dummheit.

[Erst viele Jahre später begriff ich: Heilige, Erleuchtete, ja, Gott selbst können alles – nur nicht in den freien Willen der Menschen eingreifen. Ein Meister versucht den Schüler zweimal, dreimal … auf einen Fehler hinzuweisen und ihn in eine andere Richtung zu lenken. Ist der egozentrische Schüler jedoch hartnäckig und folgt den Anweisungen des Gurus nicht, dann »darf der Schüler machen, was er will« und hat die Folgen seiner Handlungen insgesamt selbst zu verantworten.

Ich hätte das eigentlich wissen müssen, denn bei meiner Übersetzung der Bhagavad-Gîtâ stieß ich ja auch auf den berühmten Vers XVIII.63, wo Shrî Krishna (Gott) zu Arjuna sagt:

»So wurde dir dieses Wissen, geheimer als das Geheime, von Mir verkündet.
Nachdem du all dies gründlich überdacht hast, handle so, wie du willst!«

Und im vorangehenden Vers XVIII.58 betont Shrî Krishna:

»An Mich denkend, wirst du durch meine Gnade alle Schwierigkeiten überwinden.
Wenn du jedoch aus Ich-Sucht nicht auf Mich hören willst, wirst du zugrundegehen.«

Göttliche Bhagavad-Gîtâ! Es ist an sich alles so klar wie ein funkelnder Bergkristall. Aber im Zustand der Verblendung, des Egoismus, verwandelt sich die Klarheit in tiefstes Dunkel.]


Um wieder nur von mir zu sprechen: Ich ging zwar nicht vor die Hunde, aber ich landete im Chaos. Es war ein Desaster im Sinne des Yoga (Ärger über den Guru, schwere Zweifel, so daß sogar die Wiederholung des Guru-Mantra schwierig war; keine wirkliche Meditation; Verlust jeglicher Disziplin, und so weiter), und es war ein Desaster im weltlichen Sinne. Wer den Yogapfad verläßt verliert zwei Dinge, die spirituelle Welt und die normale Welt, in die er nicht mehr zurück kann. Keinerlei Freunde in dieser Zeit, in Isolation und Verzweiflung lebend. Wertvolle Zeit verloren, wertvolle Energie verloren, riesiger chronischer Streß mit negativem Einfluß auf die körperliche und geistige Gesundheit … Ich verlor fast alles, und es ist seltsam genug, nein, es muß ein Wunder sein, daß ich dennoch irgendwie auf dem spirituellen Pfad blieb.

Was meine ich mit »Wunder«? Zuallererst muß es so gewesen sein, daß trotz meines Entschlusses, Shrî Swâmîji zu verlassen, der Meister »mich hielt«, gemäß den unbeschreiblich tiefgründigen Worten des indischen Wunderheiligen Nîb Karorî Bâbâ: »Du kannst mich verlassen. Ich werde dich nicht verlassen. Wenn ich dich einmal halte, lasse ich nicht mehr los«, die unergründliche Größe des Sadguru.

»Du kannst mich verlassen. Ich werde dich nicht verlassen.
Wenn ich dich einmal halte, lasse ich nicht mehr los.«
[Nîb Karorî Bâbâ Mahârâj]

Zweitens ist es kristallklar, daß ich ohne meine Lebensgefährtin vollständig aufgegeben hätte, in jeder Hinsicht.

Drittens, es gab noch diese Liebe zum Yoga (generell gesagt). Nun war es erneut nur die Philosophie (wie vor dem Zusammenkommen mit Shrî Swâmîji). Aber selbst diese theoretische Seite war ein kleines Licht in der Dunkelheit. Ich verbrachte viel Zeit mit der Übersetzung der Bhagavad-Gîtâ und des Yoga-Sûtra. Mit meiner Tätigkeit als Yogalehrer (siehe weiter unten) begann ich dann ein umfangreiches Buch über den Hatha-Yoga zu schreiben, es dauerte 20 Jahre bis zur Vollendung. Die Konzentration auf diesen Stoff während meiner Forschungsarbeit war die dritte Hilfe, da sie eine positive Ablenkung darstellte.

Was habe ich aus all dem gelernt? Nun, ich habe am Ende die Essenz der Essenz begriffen – man soll nicht selbstsüchtig sein. »Der Gedanke an ›Ich‹ und ›Mein‹ muß verschwinden, der Gedanke an ›Du‹ und ›Dein‹ seine Stelle einnehmen« (Shrî Swâmîji in The Secrets of Mind-Control). Es ist wichtig, nicht zu nehmen, sondern zu geben; nicht bedient zu werden, sondern zu dienen; nicht um meinetwillen zu wünschen, denken und handeln, sondern für das Wohlergehen der anderen. Es ist so einfach, aber oft versteht man dies erst, nachdem man genug gelitten hat.

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Das Wunder, 1986

Es nahte der Sommer 1986. Ich war mittlerweile entschlossen, die Sannyâsa-Kleider (symbolisch) zurückzugeben und Shrî Swâmîji Adieu zu sagen. In diesem schwärzesten Augenblick war es die Gnade des Meisters »auf dem Umweg« über meine Gefährtin , die mein Leben rettete. Sie sagte: »Ich verstehe, daß du nicht nach Gylling willst, aber ich muß hinfahren!« Und sie fuhr. Und kam bereits eine Woche später zurück. Um mir zu berichten daß Shrî Swâmîji nach mir gefragt hatte, was Er über mich gesagt hatte, und daß Er dabei traurig zu sein schien. Das war zuviel; ich fühlte mich beschämt und beschloß, mich »wenigstens anständig« vom Meister zu verabschieden. So fuhren meine treue Gefährtin und ich umgehend, zwei oder drei Tage später nach Gylling.

Ich war extrem nervös vor dem ersten Darshan, aber Shrî Swâmîji kam mir wundervoll entgegen. Bevor ich nach der Verbeugung ein Wort sagen konnte, sprach Er: »Laß uns morgen darüber reden!« Ich war sehr erleichtert und durfte gehen. Wieder ein Tag und eine ganze Nacht zum Überlegen. Und das erste Wunder am nächsten Tag. Vor meiner Verabschiedung wollte ich erst um Verzeihung für mein Handeln bitten. So begann ich mit jenem Satz, den ich dem Meister in acht Jahren am häufigsten gesagt habe: »Ich bin ein sehr dummer Mensch …« Shrî Swâmîji war todernst, als Er meine Entschuldigungsbitte und den Rest anhörte. Und während ich sprach, löste sich etwas in mir, brach mein Widerstand. Nachdem ich aufgehört hatte zu sprechen sagte Er »Es ist in Ordnung«, gab mir ein Prasâd und ich ging. Erneut vergingen ein langer Tag und eine lange Nacht … Beim dritten Darshan schließlich das zweite Wunder. Kaum hatte ich mich verbeugt, sagte der Meister: »Alles was bis jetzt geschehen ist … das ist nichts.« Dabei fuhr sein rechter Arm durch den Raum, als ob Er etwas vom Tisch fegte. Da fiel er mir wieder ein, der Satz »gegen den Guru zu revoltieren bedeutet den spirituellen Untergang des Schülers«, und ich verstand, daß der Meister mir verziehen hatte. Ich mußte dann draußen weinen. Und plötzlich war sie wieder da, die Liebe und Hingabe an Shrî Swâmîji. Entsprechend harmonisch verliefen die letzten Darshans des Monats August 1986. Wir hatten dann noch die Gnade, die Einweihung des neu errichteten Mantra-Kutirs miterleben zu dürfen, auch ein Wunder.

Es heißt, daß ein Guru dem Schüler jenen Teil des Karma abnimmt, welches das größte Hindernis für einen geistigen Fortschritt wäre. Shrî Swâmîji beseitigte einen solchen Berg von schlechtem Karma bei Mantra-Dîkshâ 1980 – tausend Leben würden nicht reichen, um Ihm dafür zu danken. Und jetzt das zweite Mal nach meiner Revolte.

Trotzdem, einiges Karma verbleibt, und das muß der Schüler austragen. So war es auch in unserem Fall. Meine Lebensgefährtin fand wieder eine gute Arbeit. Allerdings in Luxembourg, so daß wir die nächsten 24 Jahre praktisch getrennt lebten, wir sahen uns ein- bis zweimal im Monat. Überraschend schnell gelang es, das Haus zu verkaufen. Mein »Rest des Karma« bestand in einer dann folgenden tiefen Depression, die über viele Jahre ging, schier endlos. Als Musiker hörte ich in den nächsten zwanzig Jahren nie wieder irgendeine Musik, als Musiklehrer rührte ich nie wieder mein Instrument an und mußte als logische Konsequenz meinen Beruf aufgeben. Eine schreckliche Zeit.

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Ein weiteres Wunder, 1989

1989, ein Jahr nach dem Weggang des Meisters, erhielt ich in Karlsruhe einen mysteriösen Telefonanruf: Wo ich denn bliebe, man vermisse mich in Gylling, dabei sei ich doch auf der Anmeldungsliste (?) für die Hatha-Yoga-Lehrerausbildung, welche gerade begonnen habe. Wenn etwas feststand, dann dies: Ich hatte mich nicht für eine Ausbildung angemeldet, ich wußte von nichts. Dennoch fuhr ich nach diesem seltsamen Anruf zwei Tage später nach Gylling … Wie ich oben schrieb, mußte ich in der Zeit der großen Krise meinen Beruf als Musiklehrer aufgeben. In den Jahren 1987 bis 1991 lebte ich von Gelegenheitsarbeiten. Da ich eine Hatha-Yoga-Ausbildung nie in Betracht gezogen hatte und vor allem in diesem Jahr 1989 nicht der geringste Gedanke diesbezüglich in meinem Geist war, kann das nur ein himmlisches Geschenk von Shrî Swâmîji gewesen sein, im Sinne von: »Du kannst kein Musiklehrer mehr sein? Dann werde Yogalehrer!« Ich absolvierte die zweijährige Ausbildung und bin seit 1991 hauptberuflich Yogalehrer.

Shrî Swâmîji in Rishikesh, ca. 1959

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Letzter Sommer mit Shrî Swâmîji, 1987

1980 sagte ein strahlender Swâmîji zum Abschied in Blansingen dreimal zu mir: »Sei stark!« Es war wohl ein gutes Potential in mir, und der Meister wollte mich ermuntern. Im Jahr 1983 war es ähnlich: Ich hatte zur Vorbereitung auf Shrî Swâmîjis Aufenthalt in Blansingen zwei Wochen (oder waren es drei Wochen?) gefastet, viel Sport getrieben usw. Als der Wagen mit dem Meister in Blansingen eintraf, stand ich mit vielen anderen im Gang des Âshrams. Shrî Swâmîji trat ein, ging einige Meter und stoppte – mir blieb fast das Herz stehen – direkt vor mir. Er sah mich an, ich konnte Seinen Blick kaum ertragen. Und ich hatte den Eindruck, daß Er sehr zufrieden mit meinem Zustand war. So wie 1980 war es dann auch hier: Als Er sah, daß ich zu Boden schauen mußte, wandte Er sich ab und ging weiter in das Guru-Kutir.

1987: welcher Unterschied. Beim ersten privaten Darshan nach unserer Ankunft ging ich in das Guru-Kutir und verbeugte mich. Shrî Swâmîji war anders als sonst, äußerst zurückgezogen. Bevor ich ein Wort sagen konnte, kam erneut sein liebevolles »Und?«. Spontan kam in diesem Augenblick der Gedanke an das »Sei stark!« von 1980. Nur daß ich jetzt nicht Dinge sagte wie »ich werde fleißig meditieren« oder ähnliches, sondern: »Ich möchte die Zeit im Camp nutzen um mich vom Chaos, vom Energieverlust der letzten Jahre zu erholen.« Schon beim Sprechen dieser Worte war ich beschämt und dachte: Soweit ist es gekommen, daß du dich in einem Yoga-Camp erholen mußt! Shrî Swâmîji lächelte dennoch und sagte in Seinem nie versiegenden Verständnis sanft: »Es ist in Ordnung.« Ich aber war sehr traurig. Zumal es der letzte Sommer vor dem Mahâsamâdhi, dem Abschied eines Erleuchteten von dieser Welt war.

Shrî Swâmîji, letzter Sommer in Gylling, 1987

Ein Gurubhai schrieb mir kürzlich über das Yoga-Camp: »Das waren wundervolle Tage.« Beim Lesen dieser Worte kam urplötzlich die Gylling-Schwingung über mich wie ein Schwall in einem Wasserfall, ich mußte weinen. Erstens, weil diese Tage in der Tat wundervoll waren. Zweitens, weil sie nie mehr wiederkommen werden, so ist das Leben. Drittens, weil mir in diesen Tagen vergleichsweise selten zu Bewußtsein kam, wie wundervoll sie waren; den größeren Teil der Zeit folgte ich den Torheiten und Launen meines Egos und machte haarsträubende Fehler.

Je näher das Ende des Yoga-Camps, der Sannyâsa Day kam, desto deutlicher wurde die Zurückgezogenheit des Meisters. Zeichen des Abschieds? Ich war unsicher. Meine persönlichen Darshans dauerten jeweils nur wenige Sekunden; Shrî Swâmîji gewährte mir Seinen liebevollen Blick und gab mir schweigend das Prasâd.

Noch einmal durfte ich eine besondere Minute erleben. Ein älterer Besucher erhielt Mantra-Dîkshâ, und ich wurde gebeten, ihn als Übersetzer zu begleiten. Er hatte sich schon viele Jahre mit Meditation beschäftigt. Ein oder zwei Tage nach der Einweihung kam er zu mir und bat mich, ihn ein weiteres Mal zum Meister zu begleiten, er hätte ein beunruhigendes Problem: Während der Meditation verspüre er eine brennende Empfindung in der Mitte der Brust. Ich übermittelte dem Meister die Frage. Shrî Swâmîji schaute uns liebevoll an, öffnete die Arme in Seinem Schoß mit nach oben zeigenden Handflächen und sagte strahlend und mit Nachdruck: »Es ist natürlich!« Ein großer Segen.

Am Sannyâsa Day, als das Gruppenfoto der neuen Mönche und Nonnen mit dem Meister in der Meditationshalle aufgenommen wurde, fiel es Shrî Swâmîji sehr schwer zu sprechen; bereits diese extreme Zurückgezogenheit war ein intensives Erlebnis für mich. Dann das nächste: Der Fotograf bat viele Anwesende, sie sollten zur Seite treten, weil auf dem Foto nicht alle Platz haben konnten. Als Shrî Swâmîji sah, wie die Hälfte der Leute in den Hintergrund ging und daß sogar welche außerhalb der Halle standen, sagte Er – ich muß das so ausdrücken – unter großer Anstrengung: »Nein, alle müssen auf das Bild.« Der Fotograf widersprach ein- oder zweimal, das ginge dann aber nicht. Shrî Swâmîji erneut: »Nein. Alle.« Daraufhin rückten wir alle ganz eng zusammen, es war eine wundervolle, andächtige Stimmung im Raum.

»das letzte Foto« – Shrî Swâmîji, Gylling 1987

Bei meinem letzten privaten Darshan ahnte ich – befürchtete ich – daß ich Shrî Swâmîji nicht mehr in Gylling sehen würde (ich hatte allerdings die Vorstellung, daß der Meister noch eine Weile in Indien zu erreichen sein würde). Ich hatte mir erhofft, daß Er einige persönliche Worte an mich richten würde. Es war aber wie meistens: Ein liebevoller Blick, noch einmal eine Sekunde Kontakt, als Seine Hand mir das Prasâd reichte. Ich wußte aus der Lektüre der Schriften: »Die großen Heiligen gehen in aller Stille, unbemerkt von der Welt.« Jetzt lebten diese Worte, sie waren Wirklichkeit geworden.

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Nach Shrî Swâmîjis Mahâsamâdhi

Wir erhielten die Nachricht vom Mahâsamâdhi des Meisters per Telefon vom Leiter des deutschen Âshrams. Ein riesiger Schock, und die erste, spontane Schwingung im Geist war: Ist Shrî Swâmîji »ganz« gegangen, hat Er sich in der Unendlichkeit aufgelöst und wir bleiben alleine zurück? Diese Frage ist nicht ein Zeichen mangelnder Hingabe oder von Zweifeln, sondern ganz normal, wie die Geschichte zeigt; beispielsweise fragten sich bereits vor 2500 Jahren die Jünger des Buddha nach dessen Parinirvâna das gleiche. Umgehend erschien das Yoga Magazine (1/1988) mit dem Darshan »Hilfe nach dem Mahâsamâdhi«. Die wichtigsten Sätze daraus waren für mich:

Schüler: »Würde Guruji mir bitte sagen, ob der Jîvan-Mukta (der Lebend-Befreite), nachdem er den Körper verlassen hat, weiterhin Seine Schüler begleiten wird, auf einer höheren Ebene der Existenz?«

Shrî Swâmîji: »Wenn der Schüler Ihn will, wird Er immer mit dem Schüler sein. Wenn der Schüler Ihn nicht will, wird Er verschwinden.«

Schüler: »Dann wird Er ewig existieren?«

Shrî Swâmîji: »Ja, solange der Schüler existiert, wird Er existieren. Solange die Schüler Ihn nicht vergessen, wird Er immer mit ihnen sein.«

»Solange die Schüler Ihn nicht vergessen,
wird Er immer mit ihnen sein.«

Jetzt galt es erst recht, die Worte »Dein eigenes Selbst« zu verinnerlichen. Dennoch, es war und ist schwierig. Welch unbegreifliches Glück hatten wir, welche Gnade war uns beschieden, dem Erleuchteten zu Lebzeiten begegnen zu dürfen! Vieles war so einfach, was dann später mehr Glauben und Hingabe erfordert.

Meine Lebensgefährtin arbeitete weiterhin in Luxembourg (bis 2009), ich war seit 1991 Yogalehrer in Karlsruhe, lange Jahre in öffentlichen Gebäuden (Schulen, Krankenkassen) und erst viel später, dank der Hilfe meiner Lebensgefährtin, in der eigenen Yogaschule. Wir nahmen monatlich an den Satsangas in den Âshramas in Blansingen und Burgberg teil, fuhren jedes Jahr nach Gylling zu Shrî Swâmîjis Geburtstag und, solange es dort angeboten wurde, zur Feier des Gurupûrnimâ. Privat sahen meine Lebensgefährtin und ich uns 24 Jahre lang zweimal im Monat. Eine schwierige Zeit. Auch hier erwies sich meine Lebensgefährtin als fest verankert in Shrî Swâmîji. Ihr unablässiger Trost half mir in den Depressionsphasen. Eisern drängte sie auf die monatlichen Satsangas; ohne meine Lebensgefährtin hätte man mich in Blansingen und Burgberg nie mehr gesehen.

2015 mußte sich meine Lebensgefährtin einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Sie hatte sich lange vorher durch Mantra-Japa (mantra-japa = Wiederholung des Mantra) und Autosuggestionen gestärkt und dann alles so tapfer gemeistert. Am Morgen der Operation, als sie in den Vorbereitungsraum gefahren wurde, richtete sie sich von weitem in den letzten Sekunden im Bett auf und sagte zum Abschied zu mir: »Mach Mantra-Japa!« Welch faszinierende, wundervolle Seele. Dann verschwand sie hinter dem Vorhang. Auch dieses Bild werde ich nie mehr vergessen. Shrî Swâmîji war bei ihr, davon bin ich überzeugt. Die Operation glückte, sie erholte sich gut. Aber all dies hat mich tief getroffen, insbesondere die Umstände vor der Operation.

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Anmerkungen

»Kraft ist Leben, Schwäche ist Tod.« Wie oft zitierte der Meister diese berühmten Worte? In guten Zeiten waren sie motivierend, in schlechten entmutigten sie. Ich habe mich nur kurze Zeit stark gefühlt. Es gehört zur Naivität des Anfängertums zu glauben, daß der Samâdhi eine Sache von wenigen Monaten oder Jahren ist. Meine Fehler waren energiezehrend, Shrî Swâmîjis »Sei stark!« bleibt nach wie vor eine Aufforderung.

Von den Erleuchteten hören wir: »Erreicht den Samâdhi in diesem Leben!« Auf der anderen Seite sagte Shrî Swâmîji: »Die Zahl solch großer Seelen, die zum Nirvikalpa-Samâdhi streben und ihn erreichen, kann an den Fingern abgezählt werden.« [The Universal Religion]

Es gibt aber auch diese enorm wichtigen, ebenfalls von Swâmî Nârâyanânanda stammenden Worte:

»In seiner Unwissenheit glaubt der Mensch, daß er alles und jedes tun kann. Zu Beginn des Lebens ist er sehr optimistisch in seinen Ansichten und stolz auf die kleinen Häppchen von Erfolg, die seine Bemühungen begleiten. Nach einiger Zeit erhält er Tritte von verschiedenen Seiten, steht Mißerfolgen, Störungen und Widerwärtigkeiten gegenüber und erkennt durch Leiden seine Fehler und Schwächen. Dann beginnt er langsam aber stetig, sich auf Gott zu richten und um Hilfe und Führung zu beten. So kommt es, daß ein Mensch erst nach vielen Anstrengungen und Fehlern wirklichen Glauben an Gott entwickelt und Selbsthingabe übt.« [A Practical Guide to Samadhi]

In einem Video-Darshan hörte ich kürzlich, wie Shrî Swâmîji über eine (mir unbekannte) Person sprach mit dem Satz: »… Er gehört zu den nichtmeditierenden Schülern.« Hört man in diesem Augenblick auf den Tonfall des Meisters, schaut man in Sein Gesicht, so zeigt sich: Er sagte es nicht kritisch oder abwertend, vielmehr liebevoll. Shrî Swâmîji war offiziell sehr streng, aber Er hatte Verständnis für alles. In den Schriften wird der Guru »Meer der Gnade« genannt; zahllose Schüler (vieler Meister) wissen darüber ergreifende Geschichten zu erzählen.

»dhyânamûlam gurormûrtih, die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Gurus; pûjâmûlam guror padam, die Wurzel der Verehrung, die Füße des Gurus; mantramûlam gurorvâkyam, die Wurzel der Mantras, das Wort des Gurus; mokshamûlam guroh kripâh, die Wurzel der Erlösung, die Gnade des Gurus« [Shrî-Guru-Gîtâ, Vers 76]

»Alter bedeutet Elend«, hörte ich Shrî Swâmîji sagen. Zu Zeiten meines Studiums der Schriften waren die Begriffe »Alter, Krankheit, Tod« gelehrte, tote Worte; jetzt sind sie Wirklichkeit, und ich wäre glücklich, könnte ich die Widrigkeiten des Lebens »geduldig ertragen« (tâms titikshasva), wie Shrî Krishna in der Bhagavad-Gîtâ sagt (II.14).

Der Meister sagte: »Nur wahre Helden und Heldinnen können ihre eigene wahre Natur erkennen.« Ich habe die unbegreifliche Ehre, Schüler eines Erleuchteten zu sein; zu den Helden gehöre ich nicht. Wie hoch auch meine Gedanken gegangen sein mögen, das Leben holte mich zurück an den mir gebührenden Platz. Jetzt versuche ich, mich an diese Worte von Shrî Swâmîji zu halten: »Sei freundlich zu allen Wesen, liebe alle und diene allen soweit es dir möglich ist.« [The Way to Peace, Power and Long Life]

Andererseits darf ich zahlreiche spirituelle Träume erleben, viele mit Shrî Swâmîji. Und im Wachzustand habe ich praktisch ständig den Meister vor Augen. Vielleicht ist dies Seine Art, mich auf dem Weg zu halten.

In seinem berühmten Gurvasthakam (»Acht Verse an den Guru«) zählt der große Shrî Shankarâchârya alle Dinge auf, die wir als Glück empfinden: ein kräftiger, gesunder Körper; Wohlstand; glücklich in der Familie; Freunde; ein rechter Wandel; Kenntnis der Schriften; Ruhm … Und bei allen acht Versen gibt es den Refrain: »Wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?«

Bhagavad-Gîtâ (VIII.5–7): »Wer in der Stunde des Todes, wenn er den Körper verlassend von dannen geht, an Mich denkt, der geht in Mein Wesen ein; darüber gibt es keinen Zweifel. An welchen Seinszustand auch immer er denkt, wenn er am Ende den Körper aufgibt, zu diesem allein geht er, weil er ständig in den Gedanken daran vertieft war. Denke darum zu allen Zeiten an Mich, und kämpfe!«

»Denke immer an Mich, und kämpfe!« Ob ich noch kämpfen kann weiß ich nicht. Aber diese Worte von Swâmî Nârâyanânanda bleiben unwiderstehlich und treffen mein Innerstes:

»Öffne dein Herz, o Mensch! Atme Göttlichkeit frei ein und aus. Der Heilige Name, mit überströmender Liebe aus dem Innersten des Herzens gesprochen, zerstört Millionen und Milliarden von angesammelten Sünden aus Äonen von Geburten. […] Mögest du die Segel deines Herzens entfalten durch aufrichtige Gebete und Japa (Gottes Name); du wirst die göttliche Gnade einfangen und dein Boot wird den Hafen auf der anderen Seite des Ozeans von Samsâra erreichen.« [A Practical Guide to Samadhi]

Eines war mir immer klar, von Anfang an bis heute, nämlich Shrî Swâmîjis Anweisung:

»Halte fest an einem Guru, einem Guru-Mantra und einer Ishta-Devatâ. […] Habe vollstes Vertrauen in diese und führe dein Sâdhana mit Geduld und Ausdauer fort, bis du das Höchste erreichst. Anderenfalls wirst du dein Ziel mit Sicherheit verfehlen.«

Viele sind hier nicht einverstanden, bringen das Argument »Der Guru ist nur einer, Gott oder das Selbst«, und sagen, man dürfe nicht intolerant oder fanatisch sein. Selbstverständlich. Was aber die Konzentration, die Essenz des Yoga angeht, sind diese Worte des Meisters nichts anderes als logisches Denken. Ekâgrata, die Einspitzigkeit des Geistes, ist nur zu erreichen durch andauernde Übung (abhyâsa) der Konzentration auf ein einziges (eka) Prinzip (tattva), wie Shrî Patañjali im Sûtra sagt (I.32). Es gibt eine bewegende Geschichte darüber, erzählt von Swâmî Vivekânanda (The Complete Works …, Volume 9):

»Hanumân, der große Verehrer von Râma, lebte sehr lange. Zu seinen Lebzeiten erschien Râma wieder auf Erden in Gestalt von Krishna. Da Hanumân ein großer Yogi war wußte er, daß der eine Gott nun zurückgekehrt war als Krishna. Er kam und diente Krishna, aber er sagte zu ihm: ›Ich möchte Deine frühere Râma-Form sehen.‹ Krishna antwortete: ›Ist diese Form nicht genug? Ich bin Krishna, ich bin Râma. All dies sind meine Formen.‹ Hanumân erwiderte: ›Ich weiß das; aber die Râma-Form ist für mich. Krishna und Râma sind dasselbe. Sie sind beide die Inkarnation des Höchsten Selbst. Und dennoch ist der lotusäugige Râma mein ein und alles.‹ Das ist Nishthâ – bei einer Form zu bleiben obwohl man weiß, daß all die verschiedenen Formen der Verehrung recht sind.«

Hanumân – Râma

Der spirituelle Pfad ist lang und beschwerlich, ich gehe sehr langsam voran. Wie oft tauchte der Gedanke auf »halt an und verlasse den Weg«, und wie oft kam eine Stimme, sei es aus dem Inneren oder von ferne, wie von einem Berggipfel ins Tal hinunterwehend, die mir sagte: »Gib nicht auf!« Durch gewisse Samskâras (samskâra = geistige Prägungen aus dem jetzigen und insbesondere aus früheren Leben) »wird man vorangetrieben, selbst ohne es zu wollen« (hriyate avashah api), wie es in der göttlichen Bhagavad-Gîtâ heißt (VI.44).

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»Erinnere dich immer an den Guru!«

Vers 18 der Shrî-Guru-Gîtâ erscheint mir wie ein Pfeil, der in Richtung Ziel zeigt:

»gurumûrtim smarennityam, denke immer an die Gestalt des Gurus; gurunâma sadâ japet, wiederhole Seinen Mantra ohne Unterlaß; gurorâjñâm prakurvîta, folge Seinen Anweisungen; guroranyanna bhâvayet, denke an nichts anderes als an den Guru.«

»deshikam sadâ smaret«
[Shrî-Guru-Gîtâ]
»Erinnere dich immer an den Guru«


 

anekajanmasamprâpta karmabandhavidâhine |
âtmajñânapradânena tasmai shrîgurave namah ||

[Shrî-Guru-Stotra]

Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru,
der die Fesseln des in vielen Geburten angesammelten Karmas verbrennt,
indem er Selbst-Erkenntnis schenkt!

 

OM shântih shântih shântih


 

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Bildnachweis
Waterlily = ©Joss/fotolia.com

alle Swâmîji-Bilder = ©N.U.Yoga Trust
Rose = ©Phimak/fotolia.com
Kurukshetra = aus dem Internet
Nîb Karorî Babâ = aus dem Internet
Hanumân–Râma = Wallpaper von Whoa.in

Diese Seite wurde am 30.01.2023 zuletzt geändert.

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