Biographie: Shri Swami Narayanananda Maharaj
Persönliche Anmerkung von Helmuth Maldoner, 1
Der Ur-Yoga in seiner reinsten Form
Der Friedensmantra purnam adah
Der Guru und das Geheimnis der Geheimnisse
Will der Mensch nicht frei sein?
Om – Verehrung den strahlenden Gurus!
Der Sinn der menschlichen Geburt
shrî = »Licht/Glanz verbreitend, Herrlichkeit, Schönheit, Glück, Würde, Heiligkeit«; ehrfurchtsvolle Anrede einer Gottheit, eines Heiligen oder einer Person in sehr hohem Stand • swâmî (svâmî) = Mönch, Meister (wörtl. »Herr seiner selbst«) • nârâyana = Gott (nârâ = Menschen; ayana = das Gehen: »Wohin die Menschen gehen«; letztes Ziel aller Menschen) • ânanda = »Seligkeit« • mahârâj = »großer König« (mahâ-râja).

Shri Swami Narayanananda Maharaj
[1902–1988]

Shri Swami Narayanananda (12. April 1902 – 26. Februar 1988) wurde in Kongana im Distrikt Coorg (Kurg, Kodagu), Karnataka State, Südindien in einer hochangesehenen Familie geboren. Die Eltern bekamen das Kind nach vielen Jahren der Buße, des Fastens, der Gebete und der Opfergaben an die örtlichen Gottheiten. Daher empfanden sie eine sehr tiefe Liebe zu ihrem ungewöhnlich gutaussehenden Sohn, der zum Blickfang aller Augen im Dorf wurde. Sie nannten ihn Nanjunda, das ist einer der vielen Namen von Gott Shiva mit der Bedeutung »Gift-Esser« (nanju, Gift), weil Shiva das von den Dämonen im kosmischen Ozean erschaffene tödliche Gift Halâhala trank, um dadurch die Welt zu retten.
Nanjunda hing sehr an seinen Eltern, doch als er im Alter von fünf Jahren zur Schule weggeschickt wurde, fühlte er sich unbesorgt und ging leichten Herzens. Als Junge war er ein aktiver und vielseitiger Schüler, gut im Lernen und auffällig auf dem Sportplatz. Er vertrat seine Schule oft auf Turnieren und schnitt rühmlich ab.
Trotz all seiner Aktivitäten pflegte Nanjunda bereits als Junge jeden Morgen und jeden Abend jeweils eine halbe Stunde lang zu meditieren, ohne dass irgendjemand ihn dazu angeleitet hätte. Er war keinem Mönch oder Guru begegnet und er gehörte keiner bestimmten spirituellen Institution an. Tatsächlich hatte er niemanden, der ihn führte; die Tendenz zu einem meditativen Leben war ihm angeboren. Die regelmäßigen und systematischen Meditationen brachten ihm schon in jungen Jahren Zustände von Trance und tiefer Konzentration des Geistes.
Nach Abschluss seines Studiums entschied sich Nanjunda nicht für ein Eheleben. Stattdessen entsagte er im Alter von siebenundzwanzig Jahren der Welt und wurde Mönch. Sein Verzicht war vollständig. Nicht, daß sein Leben ein Misserfolg gewesen wäre. In seinem normalen Leben zuhause hatte er alle Annehmlichkeiten. Er hatte keinerlei Probleme und keinerlei Entbehrungen, eine glänzende Karriere stand ihm offen. Der Grund war, dass sich sein Geisteszustand völlig verändert hatte. Als er eines Tages wie gewohnt zur Meditation saß, verspürte er mehr als eine Stunde lang eine sehr tiefe geistige Konzentration. Als dieser hohe Zustand vorüber war, hörte er seine innere Stimme, die ihn aufrief, der Welt zu entsagen und Mönch zu werden.
Er entschloss sich augenblicklich dazu, verlor keine Zeit, verschenkte Sein Hab und Gut, verteilte sein gesamtes Privatvermögen bis zur letzten Rupie.
Am 5. September 1929 vollzog Nanjunda gewisse Rituale (Pûjâ und Homa) und verteilte Essen an die versammelten Dorfbewohner. Mental legte er ein Zölibatsgelübde ab und schwor, immer die Wahrheit zu sagen. Er beschloss auch, dass er nie wieder Geld anfassen würde. Er rasierte sich den Kopf, nahm ein ockerfarbenes Mönchsgewand aus den Händen seiner Mutter und fiel auf die Knie, um allen älteren Menschen Ehre zu erweisen, die bei ihm waren.
Nachdem er den Dorfbewohnern eine kurze Rede über den Sinn des Lebens hielt und den Grund für seine Entscheidung, der Welt zu entsagen, erläuterte, verließ er sein Heim auf der Suche nach einem Guru, den er schließlich in Belur Math bei Kalkutta in Shri Swami Shivananda Mahapurush (1854–1934) fand, einem direkten Schüler von Shri Ramakrishna Paramahamsa (1836–1886). Von ihm bekam er den Mönchsnamen Swami Narayanananda (Nârâyan-ânanda).
Shri Ramakrishna Paramahamsa

Shri Swami Shivananda Mahapurush

Fast vier Jahre lebte Swami Narayanananda in verschiedenen Ashramas der Ramakrishna-Mission; während dieser Zeit hielt er sich strikt an die Durchführung der geistigen Übungen und empfand immer stärker den Drang, in der Einsamkeit noch intensiver zu praktizieren. Ein großes Verlangen nach Gottverwirklichung erfaßte ihn.
So kam es zwangsläufig, dass sein Guru ihn eines Tages (Oktober 1932) zu sich rufen ließ und in einer Eingebung zu ihm sagte, er solle nun in den Himâlaya ziehen, um den Samâdhi (die Erleuchtung) zu erlangen.
Angesichts der mächtigen, schneebedeckten Gebirgskette des Himâlaya fühlte sich Swami Narayanananda euphorisch und begann mit strengstem Tapasya (Askese). Er arbeitete unermüdlich, mit 12–16 Stunden täglichem Mantra-Japa und Meditation, mit nur zwei Stunden Schlaf, aber oft verbrachte er tage- und nächtelang ohne Schlaf, ohne Ruhe oder Erholung.
Die intensive Praxis wurde schon nach kurzer Zeit belohnt. Swami Narayanananda ging in der Shivarâtrî-Nacht Ende Februar des Jahres 1933 in den Nirvikalpa-Samâdhi oder Nirvâna, den höchstmöglichen Bewusstseinszustand ein. Shivarâtrî ist das Fest zu Ehren von Gott Shiva, welches in Indien die ganze Nacht hindurch in Verehrung und Anbetung verbracht wird.
In dieser heiligen Nacht saß Swami Narayanananda wie üblich um Mitternacht in Meditation. Mit tief konzentriertem Geist spürte er das volle Aufsteigen der Kundalinî-Shakti zum Sahasrâra-Chakra. Sein Herzschlag und Seine Atmung stoppten automatisch. Die Körperidee verschwand und er spürte, wie sein Geist zusammen mit Ego, Willen, Gedächtnis, Intellekt vollständig in der Unendlichkeit versank und das individuelle Bewusstsein mit dem All-Einen verschmolz. Dies war die Erfahrung des formlosen Aspekt Gottes, des alldurchdringenden Bewusstseins.
Swami Narayanananda blieb lange Zeit im Zustand des Nirvikalpa-Samâdhi. Dann kehrte sein Geist langsam auf die Ebene des relativen Bewusstseins zurück. Doch nun hatte sich sein Blickwinkel völlig verändert. Nachdem er die volle Erleuchtung erlangt hatte, gab es in seinem Geist keine Spur von Unwissenheit mehr, und er nahm überall hinter allen Namen und Formen das eine Selbst wahr, sah die göttliche Einheit in der universellen Vielfalt.
Selbst nach dieser seltenen Errungenschaft lebte Swami Narayanananda weiterhin das einfache Leben in Abgeschiedenheit im Himâlaya. Er nahm keine Schüler an und kümmerte sich auch nicht um Geld oder körperliche Annehmlichkeiten.
Nach dem Tode seines Gurus löste Swami Narayanananda im Jahre 1936 die Verbindung zur Râmakrishna-Mission und lebte viele Jahre in der Einsamkeit. Auf solche Weise unbeachtet und ungestört von der Welt, vertiefte er sich in Studien über den Geist und schrieb seine bahnbrechenden Erkenntnisse auf dem Feld der Yoga-Psychologie nieder.
Swami Narayanananda 1944 im Himalaya
am Ufer der Bhagirathi (Oberlauf des Ganges)

Erst im Jahre 1947, als die Unabhängigkeit Indiens zur Spaltung des Landes führte und es zu furchtbaren Massakern zwischen Hindus und Moslems kam, gab Swami Narayanananda seine Zurückgezogenheit auf, um der verirrten Menschheit zu helfen – die »Universale Religion« war geboren. Er begann Schüler anzunehmen (die ersten waren Hindu-Flüchtlinge aus Pakistan) und veröffentlichte nach und nach seine Schriften. So wurde Swami Narayanananda im Laufe der Zeit als spiritueller Führer in den Herzen Seiner Anhänger in Ost und West inthronisiert.
Anfangs wollte Swami Narayanananda weder eine Organisation noch Ashramas. Im Laufe seines Lebens als Mönch sammelte er nie Spenden. Auf seine eigene einfache Weise lebend, mied er das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Im Laufe der Zeit erhöhte sich aber die Anzahl der Schüler dermaßen, dass es unvermeidbar wurde die Bewegung in einer Institution zu organisieren. So wurde im Jahr 1967 der »Narayanananda Universal Yoga Trust« gegründet.
Swami Narayanananda ca. 1960 in Rishikesh

Zu dieser Zeit kamen junge Suchende aus dem Westen, vor allem aus Dänemark, mit dem Weisen in Kontakt. Nach ihrer Rückkehr aus Indien bauten sie in Gylling auf Jütland einen Ashram auf, um dort ein Leben in Arbeit und Meditation zu verbringen.
Im Jahr 1971 verließ Swami Narayanananda erstmals indischen Boden und kam zu Besuch nach Gylling. Von nun an bis 1987 reiste er jedes Jahr für mehrere Monate nach Dänemark (und einige Male nach Deutschland), wo Tausenden von Wahrheitssuchern die Gelegenheit zur Begegnung geboten wurde.
Der Gylling-Ashram ist das Weltzentrum des N.U.Yoga Trust. Weitere Ashrams gibt es in Indien, Deutschland, Schweden, Norwegen, USA. Die Mönche und Nonnen des von Swami Narayanananda errichteten zölibateren Ordens verdienen ihren Lebensunterhalt selbst und bemühen sich, »ein einfaches, reines, heiliges Leben« nach den Prinzipien des Meisters zu führen.
Dies steht in klarem Zusammenhang mit den oben kurz erwähnten Vorgängen von 1947. Dazu sagte der Meister:
»All die schändlichen Dinge die getan wurden … sind unbeschreiblich. In aller Kürze können wir sagen, dass diese Leute schlimmer waren als Bestien. All diese Dinge geschahen im Namen Gottes, der Religion, der Rasse und Farbe, und aus Mangel an einem klaren Verständnis von Gott und Religion. Angesichts dieses schrecklichen Elends und der Ignoranz der Menschen schmolz gleichsam das Herz von Swami Narayanananda, und diese Ereignisse brachten Ihn dazu, Seine Zurückgezogenheit aufzugeben und Bücher zu schreiben. Und diese Ereignisse sind die Ursache der Fundamentlegung für die Universale Religion.«
wurzelt in Swami Narayananandas eigener Erfahrung der letzten Wahrheit; eine Wahrheit, die jedem Menschen zugänglich ist. Mit seinen Worten:
»Hilf einem Menschen von dort aus, wo er steht. Ergänze, ohne zu verdrängen, das ist das Motto der Universalen Religion. Diese Religion, ›Universal‹, hat keinen Streit mit irgendeiner Sekte, Konfession, Doktrin, Dogma oder Geschlecht. Sie befasst sich mit der höchsten Art der Philosophie, die praktisch ist, nicht spekulativ. Diese Philosophie hält leicht der strengen Prüfung der Naturwissenschaft stand. Sie hat Liebe und Sympathie für alle, unabhängig von Stand, Glauben, Hautfarbe und Geschlecht.«
Mit seinen Schriften hinterließ Swami Narayanananda der leidenden Menschheit einen unermesslichen Schatz. Es gibt 12 Haupt- und 24 kleinere Werke. Von den ins Deutsche übersetzten Hauptwerken (die englischen Originale sind prinzipiell jeder Übersetzung vorzuziehen) seien an dieser Stelle erwähnt:
Als Einstieg wird Das Geheimnis der Geisteskontrolle empfohlen. In unerreichter Klarheit führt hier der Meister in die Welt des Yoga (Lehre, Prinzipien, Techniken, Psychologie). Auffallend sind die ständigen Hinweise auf Irrtümer und Gefahren, denen man auf dem geistigen Pfad ausgesetzt ist. Dieser besondere Aspekt der Lehre von Swami Narayanananda zeugt von höchster Verantwortung, »echte Sâdhakas (aufrichtig geistig Strebende) auf dem rechten Pfad zum letzten Ziel zu führen«, so seine eigenen Worte in der Geisteskontrolle.
Als zweites liest man das wundervolle Der Weg zur Erleuchtung.
Diese beiden stellen die Grundlage dar; die anderen Schriften behandeln jeweils spezielle Themen; so geht es etwa in Der Weg zu Frieden, Kraft und langem Leben einzig um Brahmacharya (Enthaltsamkeit).
Wer die Werke des Weisen, die weltweit besten zu den Themen Yoga und Religion nicht kennt, der kann nicht behaupten über den wahren Yoga Bescheid zu wissen.

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Übersicht sämtlicher Werke von Swami Narayanananda in der Reihenfolge des Erscheinens der 1. Auflage:
[1–12 = Hauptwerke; 13–36 = kleinere Schriften]
Diese Aufzählung bezieht sich auf die Ausgabe von The Complete Works of Swami Narayanananda (1979–1984). Eine zweite Ausgabe von The Complete Works of Swami Narayanananda erschien 2001–2002 in 18 Bänden. Die kleineren Werke (Bände 13–36) wurden hier in drei Bänden zusammengefasst (Kleine Werke I–III, Bände 13–15), und die folgenden Bände wurden hinzugefügt: Band 16: «Birthday Messages, Poems and Consolations»; Band 17: «Selected Articles 1933–1986»; Band 18: «Autobiography of Swami Narayanananda» (hier in einem Band – zuvor separat in zwei reich illustrierten und kommentierten Bänden erschienen).
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Shri Swami Narayanananda Maharaj verließ diese Welt am 26. Februar 1988 im südindischen Maisûru (Mysore, Karnataka State), in der Nähe seines Geburtsortes.
Im Stillen zu leben, Ruhm, Macht und Reichtum verwerfend, aus reinem Erbarmen Wissen zu verbreiten, Wahrheitssucher zu inspirieren und zu führen – und am Ende unbemerkt seitens der Welt von dannen zu gehen, das sind die Zeichen erhabenster Größe und Heiligkeit.

Das Vermächtnis von Shri Swami Narayanananda Maharaj lautet:
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Die Letzte Wahrheit wird Gott genannt.
Dies kann man im Zustand des Nirvikalpa-Samâdhi verwirklichen.
Ein Kreis kann nur ein Zentrum, aber zahlreiche Radien haben.
Das Zentrum kann mit Gott verglichen werden und die Radien mit den Religionen.
Also kann keine Sekte, keine Religion oder Buch einen absoluten Anspruch darauf erheben.
Wer sich diese Wahrheit erarbeitet erlangt sie.
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»Verliere niemals die Hoffnung. Sei voll von hohen Hoffnungen und halte dich an hohe Ideale. Habe unendlichen Glauben – Glauben an dich, Glauben an Gott, Glauben an die Worte deines Meisters und Glauben an die Heiligen Schriften. Schaue niemals auf dich herab. Grüble niemals über deine Schwächen, Nachteile, Sünden und Abstürze. Bist du heute ein Sünder, kannst du morgen ein Heiliger sein, wenn du nur willst. Selbstvertrauen wird dich mit unendlicher Kraft und Stärke füllen. Gute Gedanken und edle Taten werden dich groß machen; unrechte Wünsche, Gedanken und Handlungen lassen dich tiefer sinken. Die Welt ist nichts als eine Projektion deines eigenen Geistes. Wie du denkst, so wirst du.«

»Die seltene Geburt als Mensch, eine günstige Umgebung, die geheiligten Füße des Gurus, der rechte Pfad, die rechte Führung, ein klarer Intellekt und aufrichtiges Bemühen – was willst du noch, mein Kind? Was fürchtest du, mein Liebes? Erhebe deinen Geist hoch, höher als die höchsten schneebedeckten Berge. Mache deinen Charakter stark und fest wie den Himâlaya. Tauche tief, tief bis auf den Grund des Ozeans von Sat-Chit-Ânanda (Sein, Bewusstsein, Seligkeit) und sei für immer frei.«
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Anmerkung
Maribeth Gray (Swami Omkarananda), eine amerikanische direkte Schülerin des Meisters, hat im November 2022 ein Buch herausgegeben, »Darshan with Swami Narayanananda« [Englisch, → Link]. Darshan ist hier »das Zusammentreffen mit einer heiligen Person« und das dazugehörende typische Frage-Antwort-Geschehen zwischen Devotees und Guru.

Wenn die Werke von Swami Narayanananda, wie oben erwähnt, die weltweit besten zu den Themen Yoga und Religion sind, warum weiß angeblich niemand davon? Yoga-Lehrer und -Autoren kennen zumindest »Die Urkraft im Menschen«, welches als Standardwerk gilt. Dennoch wird Swami Narayanananda in 999 von 1000 Yogabüchern nicht erwähnt, er ist in praktisch keinem Literaturhinweis zu finden; dies ist dermaßen ungewöhnlich, dass der Gedanke an methodisches Verschweigen nicht abwegig ist.
Unsere Gesellschaft ist nach wie vor nicht bereit, bestimmte Dinge zu hören. Ein Erleuchteter beugt sich nicht dem Zeitgeist, er steht kompromisslos in der höchsten Wahrheit. Den Ur-Yoga (jener der Upanishaden, des Mahabharata, der Âgamas), den wahren Yoga in seiner Strenge, das Festhalten an ewig gültigen ethischen Prinzipien kann eine moderne Yogawelt nicht akzeptieren. Die Bedeutung von Brahmacharya, Hauptpfeiler der Lehre von Swami Narayanananda, wird heruntergespielt oder verschwiegen. Viele kennen hier den Zusammenhang mit der Spiritualität nicht, oder sie weisen bewusst nicht darauf hin; wer heute Enthaltsamkeit predigt hat sehr wenige Anhänger und Freunde. Weiter: Überall wird der Pranayama öffentlich gelehrt (gegen die alten Vorschriften); der einfachste Yogalehrer, selbst noch ein Suchender, weiht »Schüler« in die Meditation ein (gegen die alten Vorschriften); das im modernen Yoga beliebte Geistheilen lehnte Swami Narayanananda als gefährlichen Missbrauch übernatürlicher Kräfte ab. Und noch andere Aspekte.
Auch seine kristallklare, zwingende Yoga-Psychologie wollen die meisten nicht verstehen. Im Vorwort von »Die Urkraft im Menschen« (erschienen 1950) schrieb der Weise:
»Meine Erklärung des Geistes, des Gedächtnisspeichers, der Wünsche und Gedankenfunktionen mag vielen neu und fremd erscheinen, und viele mögen mir nicht zustimmen. Es mag sein, dass ich jetzt der einzige bin, der diese Wahrheit verkündet. Das beunruhigt mich aber nicht im geringsten. Denn die Wahrheit bedarf keiner Stütze und kann nicht lange verborgen bleiben. Wenn die Welt nicht bereit ist, die Wahrheit jetzt zu hören, so wird sie es in späteren Jahren tun müssen.«
Bei YouTube gibt es ein kurzes Video [→ Link] in dem ein junger Inder einige Buchcover von Swami Narayanananda vorstellt. Mit dem Hinweis: »Weisheit von einem großen Yogi und Jñani. Jedes Wort ist eine kostbare Perle.« Ein Kommentator schreibt dazu: »Ich habe einen kompletten Satz Seiner Bücher. Jedes Wort von Ihm ist in der Tat eine wertvolle Perle. Es ist eine Tragödie, dass Er und Seine große Weisheit in Vergessenheit geraten sind.« Ich verneige mich vor diesen jungen Menschen.
Es ist höchst bedauerlich dass der dänische Gylling-Ashram – das Weltzentrum des Narayanananda Universal Yoga Trust und Inhaber der Urheberrechte – die Werke von Swami Narayanananda vom Verkauf zurückgezogen hat, man kann sie zur Zeit nur antiquarisch erwerben. Der deutsche Ashram agiert im Einklang mit Gylling ebenso. Der dänische Ashram ist offiziell nur als Druckerei für hochwertige Bücher bekannt, der deutsche Ashram betreibt Europas größten Verlag für Homöopathiebücher. Schön und gut – aber auf beiden Webseiten ist vom Yoga, von Swami Narayanananda und von seinen einzigartigen Werken nichts zu sehen. Begründet wird das in etwa so: »Die Welt ist noch nicht reif für die Botschaft des Meisters, die Menschen können seine Lehre nicht verstehen.«
Mir ist es nicht möglich, diese Begründung nachzuvollziehen.
Swami Narayanananda veröffentlichte sein erstes Werk, »Der Weg zu Frieden, Kraft und langem Leben« im Jahr 1945. Zahllose Wahrheitssucher in einer verzweifelten Welt sehnen sich bewusst oder unbewusst nach dem Evangelium der Universalen Religion. Ich glaube nicht dass es im Sinne von Swami Narayanananda ist, seine befreiende Botschaft zu verbergen. Den Beweis für diese Behauptung sehe ich im Vorwort des genannten Buches, in dem seine eröffnenden himmlischen Sätze lauten:
»Ich sende diese Schrift in die weite Welt. Ich sende sie mit all meinen besten Wünschen und meiner Liebe aus. Möge sie Zugang zu jedem Winkel und jeder Ecke dieses Universums finden! Möge Er aus Seiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit heraus den leidenden Millionen durch dieses kleine Buch Führung und Trost geben. Ich bin sicher, dass diese bescheidene These von mir einen warmen Platz in den Herzen aller wahrheitsliebenden Männer und Frauen finden wird, ungeachtet der Glaubensbekenntnisse, Sekten und Kasten.« [Swami Narayanananda. The Way to Peace, Power and Long Life. Vorwort]
Das Verhalten des Gylling-Ashrams ist unnatürlich. Als natürlich sehe ich, um ein Beispiel zu nennen, die folgende Aussage eines Vaishnava-Gurus, Shri Bhaktivedanta Narayana Goswami Maharaj (†2010). Er hinterließ seinen Schülern unter anderem diese Worte: »Ich möchte dass meine Bücher verteilt werden und nicht in einem kalten Lager liegenbleiben. Ich möchte dass in regelmäßigen Abständen Tausende von Büchern vom Drucker kommen und sogleich verteilt und wieder neu gedruckt werden. Mein Beitrag für die jetzige und zukünftige Generationen ist in erster Linie in den Büchern verkörpert, die ich schreibe und übersetze. Sie sind mein Vermächtnis.«
In der Biographie (oben) von Swami Narayanananda wurde angemerkt: »Mit seinen Schriften hinterließ Er der leidenden Menschheit einen unermesslichen Schatz.« Sie sind SEIN Vermächtnis.
Nicht nur besitzt der N.U.Yoga-Ashram Gylling die Urheberrechte an den Werken von Swami Narayanananda. Auf dem Ashramgelände stehen überdies das Guru-Kutir (kutira, n. = Hütte), die Wohnstätte des Meisters während seiner Aufenthalte in Dänemark; das Mantra-Kutir mit einem Kristall in einem großen Granitblock, in dem der Heilige seine Kraft hinterließ; schließlich das Narayana-Kutir mit den Schriften und den persönlichen Gegenständen des Weisen. Eine Pilgerstätte für alle Wahrheitssucher, die eine innere Verbindung zu Shri Swami Narayanananda fühlen und suchen.
Leider hat die Leitung des Ashrams beschlossen, dass das Tor verschlossen bleibt, es gibt momentan keine Möglichkeit des physischen Kontakts zur Pilgerstätte. Wahrheitssucher, die eine Mantra-Einweihung wünschen, werden auf einen undefinierten späteren Zeitpunkt vertröstet.
Warum ich das nicht verstehen kann erklärt sich am Beispiel der Ramakrishna-Mission (Belur Math, Bengalen, Indien). Shri Ramakrishna Paramahamsa verließ diese Welt im Jahre 1886. Seit dieser Zeit wird jedem Wahrheitssucher, der sich zu Shri Ramakrishna hingezogen fühlt, bei der Einweihung ein Mantra im Namen des großen Meisters gegeben. Und so wird es selbstverständlich auch in den Ashramas anderer Richtungen gehandhabt, deren Meister längst nicht mehr hier sind. Dies ist natürlich und normal. Wie soll sich die Menschheit für die Universale Religion erwärmen wenn sie durch das Schweigen Gyllings nicht einmal weiß, dass es einen überragenden Weisen namens Swami Narayanananda gegeben hat? Erneut das Zitat eines jungen Inders: »Es ist eine Tragödie, dass Er und Seine große Weisheit in Vergessenheit geraten sind.« Ich kann nur hoffen, dass sich der gegenwärtige Zustand bald ändern wird.
Das Universum, die Welt, das Leben an sich – das sind alles Rätsel; wir werden sie erst beim Eingehen in den höchstmöglichen Zustand des Bewusstseins gelöst haben, so sagte Swami Narayanananda. Ich durfte die folgenden zwei Sätze des Weisen mit eigenen Ohren hören: »Im Samâdhi wirst du das Rätsel des Lebens gelöst haben.« Und: »Im Samâdhi wirst du wissen, was du immer wissen wolltest.« Unendlich tiefe Worte, die das Ende des leidvollen Kreislaufs der Geburten und Tode bedeuten.
Das größte Rätsel überhaupt, das Geheimnis aller Geheimnisse ist dabei das unbegreifliche Wesen des Gurus. Es ist für uns Normalsterbliche sinnlos sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Auch dieses Geheimnis wird erst mit dem Eingehen in den Samâdhi keines mehr sein. Ich erachte die Aussage von Shri Ramana Maharshi als die hilfreichste insgesamt:
Besucher: »Was ist die Gnade des Gurus? Wie wirkt sie?« Shri Ramana: »Guru ist das Selbst.« Besucher: »Wie führt das zur Verwirklichung?« Shri Ramana: »Îshvaro gururâtmeti … (Gott ist dasselbe wie Guru und Selbst ...). Ein Mensch beginnt mit Unzufriedenheit. Nicht zufrieden mit der Welt, sucht er die Befriedigung der Wünsche durch Gebete zu Gott; sein Geist wird gereinigt; er sehnt sich mehr danach, Gott zu kennen als seine weltlichen Wünsche zu befriedigen. Dann beginnt Gottes Gnade sich zu offenbaren. Gott nimmt die Gestalt eines Gurus an und erscheint dem Verehrer; Er lehrt ihn die Wahrheit; Er reinigt den Geist durch Seine Lehre und den Kontakt; der Geist gewinnt an Kraft, er kann sich nach innen wenden; durch Meditation wird er noch weiter gereinigt und bleibt schließlich still ohne die geringste Wellenbewegung. Diese Stille ist das Selbst. Der Guru ist beides, äußerlich und innerlich. Von außen gibt Er dem Geist einen Anstoß sich nach innen wenden; im Inneren zieht Er den Geist zum Selbst und hilft dem Geist, zur Ruhe zu kommen. Das ist Gnade. Daher gibt es keinen Unterschied zwischen Gott, Guru und Selbst.« [Talks with Sri Ramana Maharshi. Juni 1936, Talk 198]
Bhagavân Shrî Ramana Maharshi

Der Schlüsselsatz lautet hier: »Gott nimmt die Gestalt eines Gurus an und erscheint dem Verehrer.« Welcher »menschliche« Guru es ist, dies wird vom Karma des Wahrheitssuchers bestimmt, von seinen Wünschen, Vorlieben und Interessen.
Shri Ramana: »Man kann zu einem anderen Guru gehen, nachdem der eigene Guru verstorben ist. Aber letzten Endes sind die Gurus eins, denn keiner von ihnen ist ›die Form‹. Der geistige Kontakt ist immer der beste. Da der Guru nicht physisch ist, wird sein Kontakt weiter bestehen, nachdem seine Form verschwunden ist. Wenn ein Weiser in der Welt existiert, wird sein Einfluß von allen Menschen in der Welt gefühlt werden oder ihnen zugutekommen, und nicht nur seinen direkten Schülern.«
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Shri Swami Brahmananda Maharaj (1863–1922) war ein direkter Schüler von Shri Ramakrishna und späterer Präsident des Ramakrishna Math (Ramakrishna-Mission). In dem fantastischen Büchlein The Eternal Companion trifft man auf diesen Dialog:
Shrî Swâmî Brahmânanda Mahârâj

Swami Brahmananda: »Betet zu Shrî Râmakrishna. Er lebt noch. Betet zu Ihm: ›Du bist mein und ich bin dein.‹ Verschmelzt mit seinem Bewusstsein, Er wird euch den Weg zeigen.« Schüler: »Aber Maharaj, wollen Sie damit sagen, dass Shri Ramakrishna noch lebt?« Swami Brahmananda: »Natürlich lebt er noch! Bist du verrückt? Wenn Er nicht leben würde, warum sollten wir dann ein solches Leben führen und unser Heim und all unseren Besitz aufgeben? Er IST. Bitte darum, ihn zu sehen und zu kennen. Schütte dein ganzes Herz im Gebet vor ihm aus; Er wird alle deine Zweifel beseitigen und dir seine wahre Natur enthüllen.« Schüler: »Maharaj, sehen Sie Ihn?« Swami Brahmananda: »Ja! Durch Seine Gnade sehe ich Ihn. Jeder kann Ihn sehen, wenn Er Seine Gnade hat. Aber wieviele sind es, die ihn lieben? Wieviele sehnen sich danach, ihn zu sehen?«
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Ist man erst Schüler, wenn man einen Mantra erhalten hat? Nein. Das wird nicht selten missverstanden, siehe weiter unten. Aber ja, zu Lebzeiten von Swami Narayanananda war dies natürlich, über diese große Gnade braucht nichts weiter gesagt zu werden. Jetzt ist der Meister nicht mehr in dieser Welt, doch Er lebt in den Herzen Seiner Verehrer weiter.
Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj

Schüler: »Würde Guruji mir bitte sagen, ob der Jîvan-Mukta (der Lebend-Befreite), nachdem er den Körper verlassen hat, weiterhin seine Schüler begleiten wird, von einer höheren Ebene der Existenz aus?« Swami Narayanananda: »Wenn der Schüler ihn will, wird er immer mit dem Schüler sein. Wenn der Schüler ihn nicht will, wird er verschwinden.« Schüler: »Dann wird er ewig existieren?« Swami Narayanananda: »Ja, solange der Schüler existiert, wird er existieren. Solange die Schüler ihn nicht vergessen, wird er immer mit ihnen sein.«
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»Wenn die Menschen an mich denken, bin ich bei ihnen.« [Shri Neeb Karori Baba Maharaj, *?–†1973]
»Wenn du auf mein Bild schaust kann ich dich sehen.«
»Ich saß immer vor diesem Bild in einer Art Meditation, und ich sah Ihn. Ich habe niemandem davon erzählt; ich meine, man geht nicht herum und erzählt den Leuten, dass man mit Bildern spricht, wissen Sie? Und als ich nach Indien kam und schließlich Mahârâj traf, sah Er mich an und sagte: Du hast die ganze Zeit mit meinem Bild geredet! Du hast viele Fragen gestellt!« [eine amerikanische Verehrerin über Shri Neeb Karori Baba Maharaj; aus dem Film »Windfall of Grace«]
Shrî Nîb Karorî Bâbâ Mahârâj

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»Auch wenn ich nicht mehr in Fleisch und Blut bin, werde ich meine Verehrer immer beschützen. Ich werde bei dir sein, sobald du an mich denkst.« [Shri Sai Baba von Shirdi, *?–†1918]
»Diejenigen die denken, dass Baba nur in Shirdi ist, haben mich überhaupt nicht erkannt.«
»Wenn du mich ansiehst, sehe ich dich an.«
Shrî Sâî Bâbâ von Shirdi

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»Selbst nachdem ich den Mahâsamâdhi erlangt habe, werde ich hier sein. Wo immer und wann immer meine Anhänger sich mit reiner Hingabe an mich erinnern, werde ich auch da sein. Wahre Verehrer mit reiner Absicht und gütigem Herzen werden für immer in meinem göttlichen Schoß unter meinem Schutz sein.« [Bhagavan Shri Nityananda von Ganeshpuri, 1897–1961]
Eine weibliche Anhängerin von Bhagavân Shrî Nityânanda ahnte, dass der Heilige vorhatte seinen Körper zu verlassen. Sie begann zu weinen und flehte Nityananda an, nicht zu gehen. Der Meister ermahnte sie: »Warum weinst du? Hör auf damit. Auf der feinstofflichen Ebene ist größere Arbeit möglich als auf der grobstofflichen.«
Bhagavân Shrî Nityânanda

Wenn es heißt, dass bei der Mantra-Einweihung (mantra-dîkshâ) der Guru dem Schüler einen neuen, geistigen Leib (dharma kâya) schenkt, dann ist damit nicht der Mantra gemeint, sondern die Verbindung des Meisters mit dem Schüler anlässlich der Einweihung. Das wird nicht selten missverstanden. Ein Mantra ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, ein Fahrzeug, es soll dem Wahrheitssucher zur Konzentration verhelfen. Auf einer bestimmten, höheren Stufe der Konzentration wird der Mantra veschwinden und der Geist wird anders weitergezogen in Richtung Ziel.
Der Mantra ist damit vergänglich, aber die Verbindung des Jüngers mit dem Guru ist ewig, sie endet erst mit dem Erreichen des Nirvikalpa-Samâdhi.
Es geht in erster Linie nicht um den Mantra, sondern um die mystische, höchst geheimnisvolle Verbindung Guru-Schüler, eine unbegreifliche Gnade.
»Der Guru und das Geheimnis aller Geheimnisse« → Link
So gesehen ergibt die klassische Feststellung einen Sinn, dass jemand, der sich selber einen Mantra aus Büchern heraussucht, aber eine Verbindung mit einem Guru nicht eingehen will, keinen substantiellen Fortschritt erzielen kann:
»Der Nicht-Eingeweihte mag einen Mantra aussprechen so oft er will: es wird ihm nicht gelingen, auch nur die geringste Wirkung hervorzurufen. Darum können Mantras zu Tausenden in Büchern abgedruckt werden, ohne dass sie ihr Geheimnis preisgeben oder ihren Wert verlieren. Mantras haben Kraft und Bedeutung nur für den Eingeweihten, mit dessen innerstem Wesen sie unlösbar verknüpft sind.« [Lama Anagarika Govinda. Grundlagen tibetischer Mystik]
Ein indischer Merksatz aus alter Zeit lautet entsprechend: »Es gibt keinen spirituellen Yoga ohne Guru.« Mit diesen Worten haben viele Liebhaber des modernen Yoga, die an einer falsch verstandenen Freiheit hängen, große Schwierigkeiten. Echte Spiritualität ist, wie Shri Ramana Maharshi und alle anderen großen Meister es ausdrückten, die Selbsthingabe, das Aufgeben des Ego, die Herzensbindung an den Guru, wer immer das auch in seiner menschlichen Form sein mag.
»Die Beziehung zwischen einem Guru und einem Schüler kann formal sein, oder geistig, oder beides. Ein Suchender, der nach Wahrheit oder Gottverwirklichung strebt, mag zu einem Heiligen gehen, sich von ihm einweihen lassen, ihm dienen und ein formaler Schüler werden, ohne jedoch in der Lage zu sein, seinen Anweisungen oder Lehren zu folgen. Ein anderer Mensch mag nicht zu einem Heiligen gehen. Aber wenn er seine Lehren gelesen hat, sie in die Praxis umsetzt und sein großer Bewunderer wird, wird er sein Schüler im Geiste. Ein dritter Mensch mag zu einem Heiligen gehen, von ihm Anweisungen entgegennehmen, ihm persönliche Dienste leisten und seine Lehren in die Praxis umsetzen. So wird er sowohl formal als auch im Geiste ein Schüler des Heiligen.« [Shri Swami Narayanananda Maharaj]
Man mache sich mit der Person und mit der Lehre eines Meisters vertraut. Man wähle unter den vielen zugänglichen Bildern eines Heiligen jenes aus, welches das Herz am meisten anspricht. Wie es im Yoga-Sûtra steht konzentriert sich der Geist leicht auf etwas, das man liebt. Man spreche mit diesem Bild, man baue eine innere Verbindung zum Meister auf, von Herz zu Herz, gebe sich Ihm hin, denke ständig an Ihn, bitte Ihn um Hilfe, meditiere über Ihn, folge Seinen Anweisungen. Das andere geschieht dann von selbst.
Wer WIRKLICH will, für den öffnet sich der Weg zwangsläufig. Das ist ein Gesetz der geistigen Welt.

surrender = »sich ergeben – aufgeben – sich geschlagen geben – kapitulieren – auf etwas verzichten – sich einer Sache hingeben«. Im spirituellen Bereich bedeutet es »Selbsthingabe« und hat eben in gewisser Weise auch mit »sich ergeben« zu tun.
»Gott hat dich in die Welt gesetzt. Was kannst du dagegen tun? Überlasse Ihm alles. Gib dich Seinen Füßen hin. Dann wird es keine Verwirrung mehr geben. Dann wirst du erkennen, dass es Gott ist, der alles tut.« [Shrî Râmakrishna Paramahamsa]
Shri Ramana: »[...] Nun ja. Was ist Schicksal? Es gibt kein Schicksal. Gib dich hin, und alles wird gut werden. Wirf die ganze Verantwortung auf Gott. Trage die Last nicht selbst. Was kann dir das Schicksal dann antun?« Besucherin: »Selbsthingabe ist unmöglich.« Shri Ramana: »Ja. Eine völlige Hingabe ist am Anfang unmöglich. Eine teilweise Hingabe ist sicherlich für alle möglich. Im Laufe der Zeit wird das zur völligen Hingabe führen. Nun, wenn Hingabe unmöglich ist, was kann man dann tun? Es gibt keinen Seelenfrieden. Du bist nicht imstande ihn herbeizuführen. Er kann nur durch Hingabe erreicht werden.«
Von dem in ganz Indien hochverehrten Heiligen Shri Sai Baba von Shirdi (*?–†1918) stammt der in die Tiefe gehende Ausspruch: »Vertraue voll und ganz dem Guru, das ist das einzige Sâdhana.«

»Ein Mann betete zum Meister, ihm seine Sünden zu vergeben. Ihm wurde gesagt, dass es genügen würde wenn er darauf achtete dass sein Geist ihn nicht beunruhigte.« [Talks with Sri Ramana Maharshi]

Der englische Ausdruck trouble ist eindeutig. Im Deutschen sind mehrere Übersetzungen vorteilhaft. Ein troubled mind ist ein »unruhiger, aufgewühlter, verwirrter, geplagter, betrübter, bedrängter, gestörter« Geist. In diesem Sinne: Warum ist das der Yoga in seiner reinsten Form? Weil er den Menschen auf den Punkt bringt, weil er auf die Essenz der Essenz verweist. Da ist keine Rede von Göttern, Ritualen und Sonstigem, was man gemeinhin als Hinduismus versteht. Das ist die reine Lehre der Upanishaden, Indiens höchste Form der Philosophie.
In den Talks gibt es einen weiteren fulminanten Merksatz, der mit wenigen Worten das Gleiche sagt. Ein Satz wie Blitz und Donner. Ein Besucher wollte den Meister über Gott befragen. Shri Ramana unterbrach ihn sofort mit den Worten: »Lass Gott in Ruhe, denn Er ist unbekannt. Was ist mit dir?«
»Die Welt ist nichts als eine Projektion deines eigenen Geistes. Wie du denkst, so wirst du.« [Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj]

Das ist der Weg des wahren Yoga. Um noch einmal Bhagavân Shrî Ramana Maharshi zu zitieren:
»Die Letzte Wahrheit ist so einfach. Es ist nichts anderes als im Urzustand zu sein. Das ist alles, was darüber gesagt zu werden braucht. Dennoch ist es verwunderlich dass, um diese einfache Wahrheit zu lehren, so viele Religionen, Glaubensbekenntnisse, Methoden und Auseinandersetzungen unter ihnen entstehen mußten und so weiter. Wie bedauerlich, wie bedauerlich! […] Nur der reife Geist kann die einfache Wahrheit in all ihrer Nacktheit begreifen.«
»Was ist die Essenz der Bhagavad-Gita? Denke immer an Mich, und kämpfe!« [Shri Swami Narayanananda Maharaj]
Die Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ ist DIE Heilige Schrift des Yoga [→ Link], der universalen Heilslehre; ein für jeden Wahrheitssucher hilfreicher Führer zum höchsten Ziel: »Die Loslösung von der Verbindung mit dem Leiden – dies wird Yoga genannt« [VI.23]. Was sie uns zur Möglichkeit der Erlösung, zur Überwindung »dieser unglücklichen Welt« [IX.33] sagt, ist einzigartig und macht sie zum Buch der Bücher. Mit den Worten Wilhelm von Humboldt ist sie »das Tiefste und Erhabenste, was die Welt aufzuweisen hat«.
Die Essenz der BhGita ist der erste Halbvers 7 des achten Gesanges – tasmât sarveshu kâleshu mâm anusmara yudhya cha. Die Worte werden sofort verständlich, wenn man die BhGita als Ganzes studiert hat. Im anderen Falle präge man sich wenigstens die vorangehenden Verse 5 und 6 ein, denn 5, 6 und 7 gehören zusammen.
antakâle cha mâm eva smaran muktvâ kalevaram |
yah prayâti sa madbhâvam yâti nâsty atra samshayah || 5
Wer in der Stunde des Todes, wenn er, den Körper verlassend, von dannen geht,
an Mich allein denkt, der geht in Mein Wesen ein; darüber gibt es keinen Zweifel! (5)
yam yam vâpi smaran bhâvam tyajatyante kalevaram |
tam tam evaiti kaunteya sadâ tadbhâvabhâvitah || 6
An welchen Seinszustand auch immer er denkt, wenn er am Ende den Körper aufgibt,
zu diesem allein geht er, o Arjuna, (weil er) ständig in (den Gedanken an) diesen Seinszustand vertieft (war). (6)
tasmât sarveshu kâleshu mâm anusmara yudhya cha |
mayy arpitamanobuddhir mâm evaishyasy asamshayah || 7
Denke darum zu allen Zeiten an Mich, und kämpfe!
Mit Mir hingegebenem Geist und Verstand wirst du ohne Zweifel zu Mir kommen. (7)
VIII. 6
Ein überragend wichtiger Vers, der zusammen mit dem nächsten gelesen werden muß. Dass der letzte Gedanke im Leben eines Menschen die Art seiner Wiedergeburt bestimmt, diesen Hinweis findet man in vielen Schriften. Es wird aber nicht gelingen, im Moment des Todes an Gott oder an höhere Dinge zu denken, wenn man nicht vorher, während des ganzen Lebens darin vertieft war. Gedanken prägen und werden Wirklichkeit; und die zu Lebzeiten stärksten Wünsche und Gedanken, welche im Gedächtnisspeicher aufbewahrt sind, werden im Augenblick des Abschieds mit aller Macht im Geist auftauchen und die nächste Geburt bestimmen (mit aller Macht = sie überwältigen ihn; der gewöhnliche Mensch kann den Fluss der letzten Gedanken nicht kontrollieren). Folgerichtig sagt Shrî Krishna im nächsten Vers: »Denke darum zu allen Zeiten an Mich!«
VIII. 7
»Denke immer an Mich, und kämpfe!« – das ist die Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ in einem einzigen Satz.
sarveshu kâleshu mâm anusmara yudhya cha

Dieser Shântimantra (shânti = Frieden) ist gleich in zwei der zehn bedeutendsten indischen Upanishaden zu finden; als öffnende Anrufung in der Îsha und im fünften Kapitel der altehrwürdigen Brihadâranyaka.
[Im deutschen Sprachgebrauch hat sich das Mantra (n.) durchgesetzt; ich folge den klassischen Wörterbüchern: der Mantra (m.).]
Der Mantra pûrnam adah ist einer der wichtigsten überhaupt. Bereits das bloße Aussprechen reinigt die psychische und ätherische Atmossphäre, erzeugt eine Schwingung des Friedens, richtet den Geist auf das Höhere. Was hier ausgesagt wird zeugt davon, dass der indische Geist zu einer Zeit, als wir noch mit Fellen bekleidet durch die Wälder streiften, die höchsten Höhen erklommen hatte. Die Worte des pûrnam adah sind die Essenz der Geistigkeit, sie handeln vom Brahman und können intellektuell nicht begriffen werden, denn sie sind Worte der großen Seher. Nur wer den Zustand des Nirvikalpa-Samâdhi erreicht hat weiß wirklich, was hier gemeint ist.
pûrnam adah pûrnam idam pûrnât pûrnam udachyate |
pûrnasya pûrnam âdâya pûrnam evâvashishyate ||
Jenes (ist) das Volle; dieses (ist) das Volle. Aus dem Vollen kommt das Volle hervor.
Von dem Vollen das Volle genommen, bleibt wahrlich (nichts als) das Volle. ||
Eine freie Wiedergabe
»Jenes nichtoffenbare, unveränderliche, ewige Sein ist Brahman (Gott im formlosen Aspekt); dieses vergängliche, sichtbare Universum ist Brahman (alle Welten als Gott mit Form), denn es ist aus dem Brahman hervorgegangen. Obgleich durch das Offenbarwerden scheinbar Brahman von dem Brahman genommen wird (= die Schöpfung als ein Teil Gottes), bleibt wahrlich das Brahman unveränderlich, immer es selbst.«
Zum Inhalt
Eine Hilfe zum Verständnis des pûrnam adah gibt die Bhagavad-Gîtâ (XIII.30): »Wenn er sieht, dass das Gesondert-Dasein der Wesen in dem Einen sich befindet und nur von diesem (Einen) her sich ausbreitet, dann geht er in das Brahman ein.«
In Seinem Werk »The Gist of Religions« gibt Shrî Swâmî Nârâyanânanda eine ausführliche Erklärung des pûrnam adah. Sein einleitender Satz lautet: »Ein sorgfältiges Studium und ein wenig tiefes Nachdenken über diesen einen Mantra enthüllt den ganzen Kern der Vedânta-Philosophie und stellt die Position oder Beziehung von Brahman (Gott) zum Universum fest.«
Dass das Ganze und seine Teile, das Eine und das Viele eins sind, dass es also das Viele im Grunde gar nicht gibt, das vermag nur der Erleuchtete glaubhaft zu sagen. Im Falle von uns Normalsterblichen wäre eine derartige Aussage »Bücherweisheit«, wie es in den Upanishaden herablassend heißt, leeres Geschwätz. Wer in den Nirvikalpa-Samâdhi eingeht, für den existiert die Welt nicht mehr. Wer viele einzelne Dinge sieht, erkennt das Brahman nicht. Jener, der aus dem Samâdhi zurückkehrt, er allein kann in der Vielheit der Wesen und Dinge das Eine sehen. Der Mantra pûrnam adah ist eine Hilfe auf dem Weg, eine ständige Erinnerung, diesen Zustand erreichen zu können.
Von Shri Ramakrishna hören wir:
»Es ist leicht zu argumentieren und zu beweisen, dass die Welt um uns herum falsch ist, dass alles eine Illusion ist und das Höchste Brahman allein die Wahrheit ist. Aber ein logischer Beweis, dass das Brahman die einzige Realität ist, führt nicht zur Erfahrung oder Verwirklichung des Brahman. Zwischen intellektuellem Wissen und spiritueller Erfahrung besteht ein himmelweiter Unterschied. […] Durch Dialektik kommen wir zu dem Schluss, dass das Höchste Brahman allein wahr ist, dass die einzelnen Seelen und die vielgestaltigen Dinge des Universums um uns herum nur eine Erscheinung sind. Doch diese Schlussfolgerung dringt nicht in unser Herz und unseren Geist ein und verwandelt sie. Die Schlussfolgerung, zu der wir intellektuell gelangt sind, steht für sich und berührt und prägt unser Leben nicht. Sie ist noch nicht Teil unseres innersten Wesens. Die Schlussfolgerung, zu der wir durch viel Lernen und durch viele verbale Argumente gelangen, bleibt bei uns wie die Last auf dem Rücken eines Esels. Sie geht nicht in unser Wesen ein. Die erklärten Anhänger der Illusionstheorie scheinen, seltsam genug, sehr besorgt zu sein um ihre tägliche Nahrung und Kleidung. Kleinigkeiten beunruhigen uns und wir verlieren viel zu leicht die Beherrschung. Unser Wissen um die Wahrheit hat nicht immer Einfluss auf unser Verhalten. Advaita ist keine einfache Sache. Es erfordert Disziplin und Verehrung.«
Zur Rezitation
Dieser Mantra ist eine klassische Anrufung und wird vor der Meditation, vor und nach dem Studium der Schriften, beim Satsanga (Treffen mit spirituellen Menschen) rezitiert. Er erzeugt die rechte atmosphärische Schwingung. Es versteht sich von selbst dass diese Schwingung auch dann zustandekommt wenn das pûrnam adah nicht korrekt gesprochen wird, alles ist eine Frage der inneren Haltung. Genauso natürlich ist aber, dass es, wie alle Mantras, bei korrekter Aussprache besser wirkt.
Nicht wenige stören sich am typisch deutschen »purnAmmidAmm …«; man glaubt damit die »lässige« indische Aussprache nachahmen zu können und es klingt doch nur wie tarammtatamm. Es ist auch ein Unterschied ob man »eva vashishyate« sagt (das Wort vashishyate gibt es nicht) oder korrekt »eva avashishyate« … Hier der Mantra mit Betonungshilfe in Großschrift:
pUrnam Adah pUrnam Idam pUrnAt pUrnam udAchyatE
pUrnasya pUrnam AdAya pUrnam EvAvashishyatE
Om shAntih shAntih shAntih
Man kann es auch so darstellen (zweite Zeile): puurnasya puurnam aadaaya puurnam eevaavashishyatee … Die Briten in Indien jedenfalls schrieben tatsächlich: poornam …, was zu einer korrekten Aussprache führte.
Die meisten westlichen Rezitationen und Vertonungen des purnam adah sind schlimm, eine Verhunzung heiligster Worte. Aber auch in Indien hat man nicht immer die Garantie einer korrekten Aussprache, seltsam. Gut ist diese Rezitation → Link.
Eine Hymne gegen die Verschwendung von Zeit und Energie. Das unsterbliche Werk wird auch Moha-Mudgara genannt – »Hammer (mudgara) der die Verblendung (moha) zerschmettert«.
Zur Entstehung des Bhaja-Govindam
Shri Shankara hielt sich einst auf einer Wallfahrt in Kâshî (Vârânasî, Benares) auf. Dort ging er eines Morgens in Begleitung seiner Schüler zum Ganges, um ein Bad zu nehmen. Auf dem Weg hörte er eine Stimme, die Rezitation von Grammatikregeln der Sanskritsprache. Er ging der Stimme nach und traf auf einen alten Gelehrten, der eifrig dabei war die Aphorismen des Pânini aufzusagen, des größten Grammatikers Indiens. Dies bewegte Shrî Shankara, und er wurde von Mitleid erfüllt angesichts der Ignoranz eines Gelehrten, dem selbst im hohen Alter, bei der wenigen noch vorhandenen Zeit und Energie, eine intellektuelle Leistung wichtiger war als die Grundfrage nach dem Sinn des Lebens und nach der Befreiung aus der Gefangenschaft im Samsâra. Wir verschwenden die kostbare menschliche Geburt für Weltliches, für den Genuss der Sinne, das ist der Lauf der Dinge. Je näher aber der Zeitpunkt des Abschieds kommt, desto mehr sollte der Gedanke an das Heil der Seele überwiegen; etwas anderes wird aus spiritueller Sicht als Sinnlosigkeit und Torheit bezeichnet. So richtete sich Shrî Shankara an den Alten und begann mit den berühmten Worten: »Gib dich Gott hin, du törichter Geist! Ist die Zeit des Todes gekommen, können dich Grammatikregeln gewiß nicht retten …«
Zur Übersetzung von Vers 1
GOVINDA ist einer der vielen Namen von Shrî Krishna und bedeutet bei Shankaras universaler Aussage Gott, das alldurchdringende »uranfängliche Wesen, aus dem das ewige Werden hervorströmt« (Bhagavad-Gîtâ). BHAJ = lieben, verehren, sich hingeben. Im Deutschen liest man für »bhaja Govindam« einstimmig »verehre Govinda«, was eventuell nicht umfassend genug ist. Von Shrî Krishna wird in der Bhagavad-Gîtâ gesagt: »Jene die Mich verehren, indem sie alle Handlungen Mir weihen, mich als Höchstes ansehen, mit auf nichts anderes gerichteter Hingabe über Mich meditieren – diesen, o Arjuna, werde ich zum Retter aus dem Ozean des tödlichen Samsâra!« Richte deinen Geist auf Gott / gib dich Gott hin – das ist die sinnvollste Wiedergabe. MÛDHA = töricht, betört, verwirrt, verblendet, dumpf, kein klares Bewusstsein habend. »Du Narr, du Tor« – Shankaras Wortwahl ist nicht eine Beleidigung eines alten Lehrers, vielmehr die in ihrer Energie liebevolle Aufforderung, die Dinge endlich in der gebotenen Klarheit zu sehen.
Die universale Bedeutung des Bhaja-Govindam
Wer Shankaras Worte einzig an den Gelehrten gerichtet glaubt, wird das wundervolle Gedicht missverstehen. Spätestens beim zweiten und dritten Vers kämen dann Zweifel auf, da dort vom Hängen am Reichtum und von der Wollust die Rede ist – Dinge, denen der Alte vermutlich entwachsen war. Belehrungen der Meister, selbst wenn sie dem Einzelnen gelten, sind universale Wahrheiten. Man kann seine Zeit mit diesem und jenem, mit so vielem verschwenden. So steht in dieser Hymne »Grammatikregeln« für »nutzloses Wissen«; nutzlos, weil es das Rätsel des Lebens nicht lösen kann. Und Shri Shankara nutzt den Moment, um noch anderes zu nennen, was ein Finden des Selbst verhindert.
Wenn im dritten Vers drastisch von der Anziehungskraft des weiblichen Körpers gesprochen wird sollte man bedenken, dass der Text über tausend Jahre alt ist. Es sind nicht nur die Männer in Gefahr, sich in den Freuden der Sinne zu verlieren; Brahmacharya, ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit, gilt für beide Geschlechter. Es gilt, den Geist des Geschriebenen zu verstehen. Wenn Shrî Râmakrishna vor den beiden Gefahren »Frauen und Gold« warnte, war das eine damals bekannte und beliebte Redewendung. Wirklich gemeint sind jedoch nicht die Frauen und das Gold, sondern die Wollust und das Hängen am Materiellen. Die Botschaft der Bhagavad-Gîtâ lautet: »Dreifach ist das Tor zur Hölle, das zur Selbstzerstörung führt: Wollust, Zorn und Gier. Darum gebe man diese drei auf! Der Mensch, der von diesen, den drei Toren zur Finsternis, sich befreit hat, o Arjuna, wirkt für sein Heil und geht daher den höchsten Weg.«
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Vers 1 (bhajagovindam bhajagovindam … Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott …) wird als Refrain nach jedem der weiteren Verse wiederholt.
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bhajagovindam bhajagovindam govindam bhajamûdhamate |
samprâpte sannihite kâle nahi nahi rakshati dukriñkarane || 1
Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott, auf Gott richte den Geist, du Tor!
Ist der Zeitpunkt des Todes gekommen, können dich Grammatikregeln gewiß nicht retten. [1)]
bhaja = gib dich hin, richte deinen Geist auf … govinda = Gott; mûdha = verwirrt, dumpf, kein klares Bewusstsein habend, dumm, töricht, verblendet; mûdhamate = du törichter Geist; samprâpta = (wenn du) erreicht (hast); sannihita = in der Nähe befindlich, bevorstehend, die Gegenwart, das Herankommen; kâla = der Zeitpunkt (des Todes); nahi = na = nicht; hi = gewiß, wahrlich; rakshati = behütet, schützt, rettet (dich); dukriñkarana = eine Grammatikformel aus Pâninis Buch [1]
mûdha jahîhi dhanâgamatrishnâm kuru sadbuddhim manasi vitrishnâm |
yallabhase nijakarmopâttam vittam tena vinodaya chittam || 2
O Narr! Gib hier auf Erden den Durst nach Erwerb von Besitz auf; frei von Gier, fülle den Geist mit heiligen Gedanken.
Sei zufrieden mit dem, was dir als Frucht der eigenen Handlungen zukommt. [2]
mûdha = Narr; jahîhi = jahi = gib auf; iha = hier auf Erden; dhanâgamatrishnâm = trishnâ = den Durst, die Gier, das Verlangen; âgama = Erwerb; dhana = Besitz, Reichtum; kuru = tue, mache; sadbuddhim = sat = gut, rein, heilig; buddhi = Bewusstsein; manasi = im Geist; vitrishnâ = frei von Gier; yallabhase = yat = was immer; labhase = du erhältst; nijakarmopâttam = nija = eigen; karma = Werk, Handlung; upâtta = erhalten; vitta = Besitz, Habe; tena = so, auf diese Weise, dadurch; vinodaya = unterhalte, vergnüge dich, sei zufrieden damit; chitta = Geist [2]
nârîstanabhara nâbhîdesham drishtvâ mâgâmohâvesham |
etanmâmsâvasâdi vikâram manasi vichintaya vâram vâram || 3
Lass dich nicht ergreifen von der Verblendung (der Lust), wenn du die vollen Brüste und den Nabel der Frauen siehst.
Der Körper ist eine Zusammensetzung von Fleisch, Fett und anderem. Denke darüber nach, wieder und wieder. [3]
nârîstanabhara = nârî = Frau; stana = Brust; bhara = ernährend, erhaltend, voll (mit Milch); nâbhîdesham = nâbhi = Nabel; desha = Ort, Gegend; drishtvâ = gesehen habend; mâgâmohâvesham = mâ = nicht; gâ = gehen, sich begeben zu; moha = Verblendung, Betäubung; âvesha = Benommensein, Ergriffensein; etanmâmsâvasâdi = etad = dies; mâmsa = Fleisch; vasâ = Fett; adi = und so weiter, und anderes, und dergleichen; vikâra = Produkt, Erzeugnis, Umwandlung, Veränderung; manasi = im Geist; vichintaya = denke nach; vâram vâram = wieder und wieder, häufig, oft [3]
nalinîdalagata jalamatitaralam tadvajjîvitamatishayachapalam |
viddhi vyâdhyabhimânagrastam lokam shokahatam cha samastam || 4
Wie ein auf dem Lotusblatt schwankender Wassertropfen, ebenso höchst unbeständig ist das Leben.
Erkenne dass die ganze Welt von Krankheit, Selbstsucht und Kummer verzehrt wird. (4)
nalinîdalagata = nalinî = Lotusblume; dala = Blatt; gata = gegangen, befindlich; jalamatitaralam = jala = Wasser; ati = überaus, sehr; tarala = schwankend, zitternd, unbeständig; tadvajjîvitamatishayachapalam = tadvat = ebenso, gleichfalls; jîvita = Leben; atishaya = überaus, sehr, in hohem Grad; chapala = schwankend, unstet, beweglich; viddhi = wisse; vyâdhyabhimânagrastam = vyâdhi = Krankheit; abhimâna = Eigendünkel, Hochmut, Wahn; grasta = verzehrt, geschluckt, gefressen, ergriffen, gepackt; loka = die Welt; shokahatam = shoka = Kummer, Schmerz; hata = geschlagen, getroffen, geplagt von, leiden an; cha = und; samasta = alle, ganz, insgesamt [4]
yâvadvittopârjana saktah tâvannija parivâro raktah |
pashchâjjîvati jarjara dehe vârttâm ko'pi na pricchati gehe || 5
Solange jemand fähig ist Geld zu verdienen, hängen die Angehörigen an ihm.
Später, wenn er in einem gebrechlichen Körper lebt, fragt niemand im Haus nach ihm. [5]
yâvadvittopârjana = yâvat = so lange als, wie weit; vitta = Besitz, Geld, Vermögen; upârjana = Erwerb; sakta = beschäftigt mit, gewidmet, hängend an, erfüllt von; tâvannija = tâvat = so lange, so weit; nija = eigen; parivâra = Familie, Umgebung, Gefolge; raktah = eingenommen von, hängend an, entzückt; pashchâjjîvati = pashchât = später, hinterher; jîvati = lebt; jarjara = gebrechlich, zerschlagen; dehe = im Körper; vârttâ = Nachricht, Wort, Erkundigung, »was gibt es Neues?«; ko'pi = ka api = wer auch immer, irgendjemand; na = nicht; pricchati = fragt nach, erkundigt sich; gehe = im Haus [5]
yâvatpavano nivasati dehe tâvatpricchati kushalam gehe |
gatavati vâyau dehâpâye bhâryâ bibhyati tasminkâye || 6
Solange der Atem im Körper wohnt, erkundigt sich jeder im Haus nach dem Wohlbefinden.
Wenn aber die Lebenskraft den Körper verlassen hat, fürchtet sich sogar die Gattin vor diesem Körper. [6]
yâvat = so lange als; pavana = Wind, Atem; nivasati = wohnt, lebt; dehe = im Körper; tâvat = so lange; pricchati = fragt nach, erkundigt sich; kushala = Wohlbefinden; gehe = im Haus; gatavati = gegangen; vâyau dehâpâye = Lok. von vâyu = Lebenskraft; deha = Körper; apâya = Weggang; bhâryâ = Gattin; bibhyati = fürchtet sich, ist in Furcht, erschreckt sich; tasminkâye = vor diesem (tad) Körper (kâya) [6]
bâlastâvatkrîdâsaktah tarunastâvattarunîsaktah |
vriddhastâvaccintâsaktah pare brahmani ko'pi na saktah || 7
Als Kind hängt man am Spiel; als Jüngling an der jungen Frau.
Im Alter ist man erfüllt von Sorge. (Ach!) Niemand ist erfüllt vom höchsten Brahman. (7)
bâla = Kind; tâvat = so lange, so weit; krîdâ = Spiel; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; taruna = Jüngling; tâvat = so lange, so weit; tarunî = Mädchen; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; vriddha = alt, groß, erwachsen; tâvaccintâsaktah = tavât = so lange, so weit; cintâ = Sorge; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; pare (auch zu lesen: parame) brahmani ko'pi na saktah = ka api = irgendjemand; na = nicht; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; para oder parama brahman = höchstes Brahman, Gott [7]
kâte kântâ kaste putrah samsâro'yamatîva vichitrah |
kasya tvam kah kuta âyâtah tattvam chintaya tadiha bhrâtah || 8
Wer ist deine Frau? Wer ist dein Sohn? Höchst seltsam ist dieser Samsâra.
Von wem bist du? Von wo bist du gekommen? O Bruder, denke hier über die Wahrheit nach. (8)
kâte = kâ = wer (als negative Frage); te = deine; kântâ = Frau; kaste (ka + te) putrah = wer dein Sohn; samsâro'yamatîva = samsâra = der Kreislauf der Geburten und Tode; ayam = dieser; atîva = höchst; vichitra = seltsam; kasya = von wem; tvam = du; kah kuta = von wo; âyâtah = gekommen, erreicht, angekommen; tattva = Wahrheit; chintaya = denke nach; tad iha = dies hier (bedeutet: diese Dinge betreffend, denke nach, was die Wahrheit ist); bhrâtar = Bruder [8]
satsangatve nissangatvam nissangatve nirmohatvam |
nirmohatve nishchalatattvam nishchalatattve jîvanmuktih || 9
Die Gemeinschaft mit Wahrheitssuchern führt zum Nicht-Anhaften; durch das Nicht-Anhaften entsteht das Freisein von Verblendung.
Das Freisein von Verblendung führt zur eigenen wahren Natur. Die Erkenntnis der eigenen wahren Natur ist die Erlösung. [9]
satsangatve = durch den satsanga = die Gemeinschaft (sanga) mit den Guten, Reinen (sat); nissangatva= das Nicht-Anhaften; nissangatve = vom Nicht-Anhaften; nirmohatva = das Freisein von Verblendung; nirmohatve = durch das Freisein von Verblendung; nishchalatattvam = nishchala = unbeweglich, unwandelbar, unveränderlich; tattva = das wahre Wesen, Wahrheit; nishchalatattve = durch die Verwirklichung des wahren Wesens, der eigenen wahren Natur; jîvanmukti = jîvat = lebend; mukti = Erlösung, Befreiung (jîvanmukti = die Befreiung zu Lebzeiten) ([9]
vayasigate kah kâmavikârah shushke nîre kah kâsârah |
kshînevitte kah parivârah jñâte tattve kah samsârah || 10
Welche ist die Lust, wenn die Jugend gegangen ist? Wo ist der Teich, wenn das Wasser verdunstet ist?
Wo ist das Gefolge, wenn der Reichtum veschwunden ist? Wo ist der Samsâra, wenn man die Wahrheit erkannt hat? [10]
vayasigate = vayas = Jugend, das kraftvolle Alter, Energie, Gesundheit; gata = gegangen; ka = wer, was, welches; kâmavikâra = Lust, Leidenschaft; shushka = trocken, dürr; nîra = Wasser; ka = wer, was, welches; kâsâra = Teich, See; kshînevitte = kshîna = verschwunden, untergegangen; vitta = Besitz, Habe, Reichtum; ka = wer, was, welches; parivâra = Familie, Angehörige, Freunde, wörtl. »das Gefolge, die Begleitung«; jñâte = erkannt habend; tattve = die Wahrheit; ka = wer, was, welches; samsâra = der Kreislauf der Geburten und Tode, das Getriebe der Welt [10]
mâ kuru dhana jana yauvana garvam harati nimeshâtkâlah sarvam |
mâyâmayamidamakhilam buddhvâ (auch: hitvâ) brahmapadam tvam pravisha viditvâ || 11
Sei nicht stolz auf Besitz, Freunde, Jugend. Dies alles nimmt die Zeit in einem Augenblick weg.
Ist dir zum Bewusstsein gekommen daß all dies aus Täuschung besteht, erkenne das Brahman und gehe darin ein. [11]
mâ= nicht; kuru = tue, mache; dhana = Besitz, Reichtum; jana = »die Leute« (hier: die Nahestehenden); yauvana = Jugend; garva = Stolz, Hochmut; harati = raubt, nimmt weg; nimeshâtkâlah = nimesha = Augenblick; kâla = Zeit; sarvam = alles; mâyâmayamidamakhilam = mâyâmaya = aus Täuschung (mâyâ) bestehend (maya); idam = dies; akhila = alles, restlos, lückenlos; buddhvâ = zum Bewusstsein gekommen seiend. Statt buddhvâ findet man auch die Lesart hitvâ = aufgegeben, verlassen habend. Der zweite Halbvers lautet dann: »All dies aus Täuschung Bestehende aufgegeben habend, erkenne das Brahman und gehe darin ein.« brahmapada = die Stätte Brahmans, der Brahman-Zustand; tvam = du; pravisha = gehe ein; viditvâ = erkannt habend [11]
dinayâminyau sâyam prâtah shishiravasantau punarâyâtah |
kâlah krîdati gacchatyâyuh tadapi na muñchatyâshâvâyuh || 12
Tag und Nacht, Abenddämmerung und Morgengrauen, Winter und Frühling, sie kommen und gehen.
Die Zeit spielt, das Leben schwindet dahin. Aber der Sturm der Wünsche läßt (seinen Griff) nicht los. (12)
dinayâminyau = dina = Tag; yâminî = Nacht; sâya = Abend; prâta = früh morgens; shishiravasantau = shishira = Winter; vasanta = Frühling; punarâyâtah = punar-âyâti = das Wieder-Kommen; kâla = Zeit; krîdati = spielt; gacchatyâyuh = gacchati = geht; âyu = Leben, Lebenszeit; tad api = hat hier die Bedeutung »aber, dennoch, gleichwohl, nichtsdestoweniger«; na = nicht; muñchatyâshâvâyuh = muñchati = gibt auf, läßt los, läßt frei; âshâ = Wunsch, Hoffnung; vâyu = Wind (bedeutet hier »Sturm«) [12]
♦ ♦ ♦
Diese Worte (1–12) stammen von Shrî Shankara selbst. Vers 13 (andere Zählart: 12a) ist eine Einfügung und wird nicht von allen rezitiert:
dvâdashamañjarikâbhirasheshah kathito vaiyâkaranasyaishah |
upadesho bhûdvidyânipunaih shrîmacchankarabhagavaccharanaih || 13 (oder 12a)
Diese Unterweisung wurde als Strauß mit zwölf (Vers-)Blüten einem Grammatiker gegeben
vom allwissenden, göttlichen Shrîmat Shankara. (13 oder 12a)
Die nächsten Verse (das Werk umfaßt 31, mit Einfügungen – ähnlich 12a – 33 oder 34 Strophen) wurden später von den inspirierten Schülern Shankaras verfasst, die bei der Belehrung in Kâshî anwesend waren. Man singt das Bhaja-Govindam in unterschiedlicher Verszahl; hier werden Shankaras originale Worte an den alten Gelehrten bevorzugt (1–12). Ab Vers 14 (andere Zählart: 13) ist ein großer Unterschied, in meinen Augen sogar ein deutlicher Bruch zu erkennen. Die Verse der Schüler sind klassisch und schön, dennoch fehlt die unvergleichliche, konzentrierte Direktheit des überragenden Meisters. Die traditionelle Anschauung ist aber, dass die letzten vier oder fünf Verse wiederum von Shrî Shankara sind, der damit dem auf diese Weise entstandenen Werk seinen Segen gab. Daran ist kaum zu zweifeln, schließt doch das Bhaja-Govindam im Vers 34 (andere Zählart: 33) mit den wundervollen Worten:
bhajagovindam bhajagovindam govindam bhajamûdhamate |
nâmasmaranâdanyamupâyam nahi pashyâmo bhavatarane || 34 (oder 33)
Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott, auf Gott richte den Geist, du Tor!
Wahrlich, außer der Erinnerung an den Namen Gottes gibt es keinen anderen Weg, den leidvollen Ozean des Lebens zu überqueren. [34 oder 33]
bhaja = richte den Geist auf … govinda = Gott; mûdhamate = du törichter Geist; nâma = der Name (Gottes); smaranâ = das Gedenken, die Erinnerung; hat hier die klassische Bedeutung »Mantra-Japa«, die Wiederholung des Namens Gottes; anya = anderes; upâyam = Mittel, Art und Weise, Ausweg; na = nicht; hi = gewiß, wahrlich; pashyâmo = sehen wir; bhavatarane = bhava = das Entstehen, Geburt, Existenz, Leben, Welt; tarana = das Hinübersetzen, Überwinden, Retten; Floß, Boot [34 oder 33]
Von den Lehren des Weisen Maitrî wird der 34. Abschnitt des 6. Kapitels am häufigsten zitiert, weil er die Essenz des Yoga ist. Mehr muss ein Sucher der Wahrheit nicht wissen. Es sei besonders auf den zweiten Halbvers 3 hingewiesen, er ist die Essenz der Essenz: yach chittas tanmayo bhavati guhyam etat sanâtanam • »So wie man denkt, so wird man; dies ist das ewige Geheimnis!«

Ein Kommentar zu VI.34 erübrigt sich, alles ist klar. Nur zu Vers 8: »bis er zum Untergang gegangen ist (kshayam gatam)« bedeutet: bis er sich auflöst; und »eine Ausdehnung der Knoten (grantha-vistarâh)« heißt: eine Verstärkung der Fessel, die an den Samsâra, an den leidvollen Kreislauf der Geburten und Tode bindet. Man findet dafür auch die freie Wiedergabe »das ist die Freiheit! Alles andere sind unnütze Worte, oder: alles andere ist Bücherweisheit.« Schließlich Vers 10: »Wie man Wasser nicht von Wasser unterscheiden kann …« bedeutet: Mit dem Auflösen des Geistes ist die Vielheit verschwunden, es gibt nur noch das Eine ohne ein Zweites.
Der Abschnitt 34 beginnt mit den Worten »… hier erreicht der Yogin den Zustand des geistigen Friedens (manah-shânti-padam). Er richtet den Geist auf das Selbst. Dazu gibt es diese Verse«:
yathâ nirindhano vahnih svayonâv upashâmyate |
tathâ vritti-kshayâch chittam svayonâv upashâmyate || 1
Wie Feuer ohne Brennstoff im Herd erlöscht,
so erlischt der Geist in seinem Ursprung, wenn die Unruhe des Denkens aufhört. (1)
svayonâv upashântasya manasah satyakâmatah |
indriyârtha-vimûdhasyânritâh karma-vashânugâh || 2
Das Denken kommt zur Ruhe in seinem Ursprung für den, der sich nach Wahrheit sehnt.
Wer aber von den Sinnesobjekten verwirrt ist, lebt in der Unwahrheit als Folge seines Handelns. (2)
chittam eva hi samsâram tat prayatnena shodayet |
yach chittas tanmayo bhavati guhyam etat sanâtanam || 3
Der (eigene) Geist, wahrlich, ist der Samsâra; ihn zu reinigen soll man sich bemühen.
So wie man denkt, so wird man; dies ist das ewige Geheimnis! (3)
chittasya hi prasâdena hanti karma shubhâshubham |
prasannâtmâtmani sthitvâ sukham avyayam ashnute || 4
Durch den Frieden des Geistes vernichtet er die (Folgen der) guten und schlechten Werke.
Mit friedvollem Geist im Selbst ruhend, erlangt er unvergängliche Freude. (4)
samâsaktam yathâ chittam jantor vishaya-gochare |
yady evam brahmani syât tat ko na muchyeta bandhanât || 5
Wenn die Menschen ebensosehr an Gott hingen wie sie an den Sinnesobjekten hängen,
wer würde dann nicht aus der Gefangenschaft befreit? (5)
mano hi dvividham proktam shuddham châshuddam eva cha |
ashuddham kâmasamparkât shuddham kâma-vivarjitam || 6
Der Geist eines Menschen ist zweifach: rein und unrein.
Unrein durch die Berührung mit den Wünschen; rein, wenn von Wünschen frei. (6)
laya-vikshepa-rahitam manah kritvâ sunishchalam |
yadâ yâty amanîbhâvam tadâ tat paramam padam || 7
Den Geist freigemacht habend von Trägheit und Zerstreutheit, ganz unbeweglich,
gelangt er zum Nichtsein des Geistes, dann zu jener höchsten Stätte. (7)
tâvan mano niroddhavyam hridi yâvat kshayam gatam |
etaj jñânam ca moksham ca sheshânye granthavistarâh || 8
So lange muß der Geist im Inneren stillgelegt werden, bis er zum Untergang gegangen ist;
das ist die Erkenntnis, die Freiheit! Alles andere ist nur eine Ausdehnung der Knoten. (8)
samâdhi-nirdhauta-malasya chetaso niveshitasyâtmani yat sukham bhavet |
na shakyate varnayitum girâ tadâ svayam tad antahkaranena grihyate || 9
Wessen Geist durch Versenkung von allem Übel rein geworden ist und im Selbst ruht, erfährt ein Glück,
das mit Worten nicht zu beschreiben, nur im Innersten zu begreifen ist. (9)
apâm âpo'gnir agnau vâ vyomni vyoma na lakshayet |
evam antargatam yasya manah sa parimuchyate || 10
Wie man Wasser nicht von Wasser, Feuer nicht von Feuer, den Äther nicht vom Äther unterscheiden kann,
ebenso ist jener völlig befreit, dessen Geist im Inneren sich aufgelöst hat. (10)
mana eva manushyânâm kâranam bandha-mokshayoh |
bandhâya vishayâsangim moksho nirvishayam smritam || 11
Der Geist, wahrlich, ist für die Menschen die Ursache von Bindung und Befreiung.
Zur Bindung führt er durch das Haften an der Sinnenwelt, zur Befreiung durch Loslösung davon. (11)
Zehn Wahrheitssucher mögen vielleicht zehn verschiedene Antworten geben, wenn sie nach der Essenz des spirituellen Weges gefragt werden. In den Augen vieler Devotees sind es die folgenden Worte aus der Guru-Gîtâ (Vers 76), denn sie handeln vom größten aller Geheimnisse.
dhyânamûlam gurormûrtih pûjâmûlam guroh padam |
mantramûlam gurorvâkyam mokshamûlam guroh kripâ || 76
Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Gurus; die Wurzel der Verehrung sind die Füße des Gurus;
die Wurzel des Mantra ist das Wort des Gurus; die Wurzel der Erlösung ist die Gnade des Gurus. (76)
In zahlreichen Ashrams wird täglich die gesamte Guru-Gita rezitiert. Es gibt Differenzen bei der Zählung der Verse. Da die Guru-Gîtâ ein Teil des riesigen Skanda-Purâna ist, werden von manchen nur »die ganz wichtigen« Shlokas ausgewählt; andere wiederum möchten den vollen Text. Entsprechend sind die Verszählungen etwas unterschiedlich. Als Essenz gilt eigentlich der berühmte Shloka
gururbrahmâ gururvishnurgururdevo maheshvarah |
gurureva param brahma tasmai shrîgurave namah || 32
Der Guru ist Brahmâ, der Guru ist Vishnu, der Guru ist Shiva;
der Guru ist wahrlich das höchste Brahman; Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru! (32)
Viele halten aber den anfangs zitierten Vers 76 für noch bedeutender, denn er enthält die Geheimnisse der Praxis des spirituellen Weges: Was ist die Wurzel (mûla – auch: Essenz, Grundlage) der Meditation? Was ist die Essenz aller Verehrungsrituale, die wahre Pûjâ? Der Guru-Mantra als Schlüssel der spirituellen Praxis. Schließlich das größte aller Geheimnisse: Wer ist der Guru, was bewirkt er, wie führt er seine Schüler zur Freiheit?
Zur letzten Frage sei Bhagavân Shrî Ramana Maharshi zitiert:
Besucherin: »Ist zur Verwirklichung ein Meister notwendig?« Shri Ramana: »Die Gnade des Meisters trägt mehr zur Selbstverwirklichung bei als Lehren, Vorträge, Meditation usw. Sie sind nur zweitrangige Hilfen, während die Gnade des Meisters die erste und wesentliche Ursache ist.«

Besucherin: »Was sind die Hilfen zur Verwirklichung?« Shri Ramana: »Die Lehren der Heiligen Schriften und der verwirklichten Seelen.« Besucherin: »Können solche Lehren Gespräche, Vorträge und Meditationen sein?« Shri Ramana: »Ja, all diese sind nur zweitrangige Hilfen, während das Wesentliche die Gnade des Meisters ist.«

Die Worte des Maharshi, und die Endworte von Vers 76 (mokshamûlam guroh kripâ) setzen den Glauben an den Guru voraus, und das Wissen, wie wichtig er für den Sucher der Wahrheit ist. Bei derartigen Aussagen hält sich der Verfasser der Guru-Gîtâ nicht zurück. Man denke nur an Vers 44:
shive kruddhe gurustrâtâ gurau kruddhe shivo na hi |
tasmât sarvaprayatnena shrîgurum sharanam vrajet || 44
Wenn Shiva erzürnt ist, kann der Guru dich retten; wenn aber der Guru erzürnt ist, kann nicht einmal Shiva dich retten.
Nimm deshalb Zuflucht zum Guru mit all deiner Kraft. (44)
Die Guru-Gita ist etwas für »Devotees«. Man verinnerliche in diesem Zusammenhang auch den Refrain aus dem Gurvasthakam, die unsterblichen Worte von Shri Shankaracharya:
manashchenna lagnam guroranghripadme |
tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim ||
Wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt,
wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? ||
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gururbrahmâ gururvishnurgururdevo maheshvarah |
gurureva param brahma tasmai shrîgurave namah ||
Der Guru ist Brahmâ, der Guru ist Vishnu, der Guru ist Shiva;
der Guru ist wahrlich das höchste Brahman; Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru! ||
anekajanmasamprâpta karmabandhavidâhine |
âtmajñânapradânena tasmai shrîgurave namah ||
Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru, der die Fesseln des in vielen Geburten
angesammelten Karmas verbrennt, indem er Selbst-Erkenntnis schenkt! ||
dhyânamûlam gurormûrtih pûjâmûlam gurohpadam |
mantramûlam gurorvâkyam mokshamûlam guroh kripâ ||
Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Gurus; die Wurzel der Verehrung sind die Füße des Gurus;
die Wurzel des Mantra ist das Wort des Gurus; die Wurzel der Erlösung ist die Gnade des Gurus! ||
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»Geheimnis aller Geheimnisse« – dies bezieht sich auf den weltberühmten Vers aus der »Hymne an Dakshinâmûrti (= Shiva, hier in der Bedeutung: der Alldurchdringende)«, genauer aus der einleitenden Meditation (dhyânam) dazu: Shrî-Dakshinâmûrti-Stotram-Dhyânam, verfasst vom legendären Shrî Shankarâcharya. Der ganze Vers lautet:
îshvaro gururâtmeti mûrtibhedavibhâgine |
vyomavadvyâptadehâya dakshinâmûrtaye namah ||
Ich verneige mich vor Dakshinâmûrti, dem Alldurchdringenden,
der sich in (scheinbar) verschiedenen Formen als Gott, Guru und Selbst offenbart. ||
Gott, Guru und Selbst sind nicht verschieden, sondern ein und dasselbe. Bhagavân Shrî Ramana Maharshi betonte dies ausdrücklich. Eine seiner eindeutigen Aussagen hierzu:
Besucher: »Was ist die Gnade des Gurus? Wie wirkt sie?« Shri Ramana: »Guru ist das Selbst.« Besucher: »Wie führt das zur Verwirklichung?« Shri Ramana: »Îshvaro gururâtmeti … (Gott ist dasselbe wie Guru und Selbst ...). Ein Mensch beginnt mit Unzufriedenheit. Nicht zufrieden mit der Welt, sucht er die Befriedigung der Wünsche durch Gebete zu Gott; sein Geist wird gereinigt; er sehnt sich mehr danach, Gott zu kennen als seine weltlichen Wünsche zu befriedigen. Dann beginnt Gottes Gnade sich zu offenbaren. Gott nimmt die Gestalt eines Gurus an und erscheint dem Verehrer; Er lehrt ihn die Wahrheit; Er reinigt den Geist durch seine Lehre und den Kontakt; der Geist gewinnt an Kraft, er kann sich nach innen wenden; durch Meditation wird er noch weiter gereinigt und bleibt schließlich still ohne die geringste Wellenbewegung. Diese Stille ist das Selbst. Der Guru ist beides, äußerlich und innerlich. Von außen gibt Er dem Geist einen Anstoß sich nach innen wenden; im Inneren zieht Er den Geist zum Selbst und hilft dem Geist, zur Ruhe zu kommen. Das ist Gnade. Daher gibt es keinen Unterschied zwischen Gott, Guru und dem Selbst.«
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mânasa bhajare guru-charanam
dustara-bhava-sâgara-taranam ||
Verehre im Geist die Füße des Gurus;
(sie sind das Boot,) um den schwer zu überquerenden Ozean der (weltlichen) Existenz zu überqueren. ||
Als der 14jährige Sathya Sâî Bâbâ im Jahre 1940 sich als Guru offenbarte und Seine Mission begann (»Meine Verehrer rufen mich …«), war dies die Anfangszeile des ersten Bhajans, den Er Seine Anhänger lehrte. Diese Zeile ist die Essenz des spirituellen Weges.
Die Anfangszeile, welche Shri Sathya Sai Baba als den größten Mantra pries, fasst seine Lehre zusammen: Der königliche Weg zum höchsten Ziel des menschlichen Lebens – die Freiheit (Moksha) vom leidvollen Kreislauf der Geburten und Tode – ist die völlige Hingabe an den Guru.
Einige Versionen des wundervollen Bhajans mit vollem Text: siehe unter »Sattvische Musik« [→ Link].

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Mein Meister unterschrieb Briefe an die Schüler stets so: »… Dein eigenes Selbst, Swami Narayanananda«.
Bei der Einweihung (mantra-dîkshâ) erhielt ich das »Mantra-Blatt« (ein Merkblatt mit der schriftlichen Ausführung des vorher mündlich Mitgeteilten). Dort fiel mir schnell das Ende auf, wo als Unterschrift steht: »Dein eigenes Selbst.« Ich kannte das aus dem Studium der Schriften: »Îshvaro gururâtmeti … Gott, Guru und Selbst sind ein und dasselbe.« Aber diese Worte als reine Lektüre sind tot, das ergibt nur die Reaktion: »Aha.« Kniet man vor einem lebenden Meister und hört »Ich bin dein Selbst«, ist das etwas unvergleichlich anderes. Dass der Guru Gott ist, geht aus dem klassischen Satz hervor: »Der Kenner Brahmans wird selbst zum Brahman.« Das ist einigermaßen verständlich, vor allem da der Begriff ›Gott‹ in den großen Religionen nicht plausibel definiert wird. Dass der Guru das eigene Selbst ist halte ich dagegen für das Geheimnis aller Geheimnisse.
In einer alten Yogaschrift (der Titel ist mir leider entfallen) las ich vor vielen Jahren: Erst kurz vor dem Eingehen in den Samâdhi, wenn die Kundalinî-Shakti zum vollständigen Aufstieg gekommen ist, wird der Wahrheitssucher erkennen, wer der Guru wirklich gewesen ist.
Gurvashtakam (Guru+Ashtakam) = das Oktett (ashtaka) an den Guru. Das ehrfurchtsvolle Shrî ist meist vorangesetzt: Shrî-Guru-Ashtakam = Acht Verse über den strahlenden Guru.
Nach den Sandhi-Regeln des Sanskrit (die Verbindung von Wörtern) sind viele Begriffe nicht einfach zu lesen. So besteht das manashchenna in jedem Vers aus manah-ched-na. Deshalb ist eine Wort-für-Wort-Erklärung sinnvoll. Da andererseits versucht wird die Texte auf dieser Seite möglichst kurz zu halten, sei beim Gurvashtakam (wie bei der Maitrî-Upanishad) auf eine detaillierte Wiedergabe verzichtet; wichtig ist dass man begreift worum es geht.
Eine Ausnahme: der zweite Halbvers, da er in allen Versen vorkommt. Er ist die Essenz; darauf legt Shrî Shankara das Gewicht. Der Geist erhält förmlich einen Schlag wenn man das viermal geäußerte tatah kim (wozu dies alles) vernimmt.
manashchenna lagnam guroranghripadme |
tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim ||
Wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt,
wozu dies alles (wörtlich: dann wozu?) ? Wozu? Wozu? Wozu? ||
manashchenna = manah = der Geist; ched = wenn; na = nicht; lagna = Vergangenheitsform von lag (sich heften an, sich hängen an, sich anschließen, hängenbleiben an, haften, sich anschmiegen; guroranghripadme = guroh = des Guru; anghri = Fuß; padma = Lotus; tatah kim = tatah = von daher, dann, deshalb; kim = was? warum? wozu? was nützt das?
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Eine weitere Ausnahme betrifft Vers 1, da es zwei Lesarten gibt: 1. sharîram surûpam tathâ vâ kalatram und 2. sharîram surûpam sadâ roga muktam. Daher auch hier etwas genauer:
sharîra = Körper; su = sehr, wohl, sehr gut, schön; rûpa = das Äußere, Gestalt, Form, Bild, Aussehen; erste Lesart: tathâ vâ = so, ebenso, desgleichen; kalatra = Ehefrau; zweite Lesart: sadâ = immer, stets; roga = Krankheit, Gebrechen; mukta = frei von, befreit, erlöst
Erste Lesart: »Man mag einen wohlgeformten Körper haben, und eine schöne, anziehende Ehefrau …«
Zweite Lesart: »Man mag einen stattlichen Körper haben, der immer frei von Krankheit ist …«
Obwohl die erste Lesart überwiegt, passt sie weder inhaltlich – sie ist geradezu albern – noch in die Logik eines Meisters. Die zweite Lesart ist stimmig: Es ist gutes Karma, einen starken, nicht behinderten Körper zu haben, der noch dazu ein Leben lang frei von Krankheit ist … Das sind zwei verschiedene essentielle Dinge, die einer gesonderten Erwähnung bedurften. Die in meinen Augen korrekte Lesart von Vers 1 steht unten.
Schließlich eine Anmerkung zum letzten Vers, zur Übersetzung von mano vartate me – »mein (me) Geist (manas) lebt in (vartate) …« vrit, vart hat die Bedeutungen: sich drehen, sich bewegen, existieren, bestehen, verweilen, wohnen, etwas im Sinn haben, sich mit einer Sache beschäftigen, einer Sache obliegen. Der Geist »lebt« in den Dingen, an die er denkt.
Mein Geist lebt nicht im Wald (aranye) = ich beschäftige mich nicht mehr mit dem Dasein eines Eremiten in den Wäldern, ich bin darüber hinausgegangen. Mein Geist lebt nicht im eigenen Haus (svasya gehe) = ich erfülle meine familiären Pflichten getreu meinem Dharma, hafte aber nicht mehr an ihnen. Mein Geist lebt nicht im Körper (dehe) = ich habe aufgehört mich mit ihm zu identifizieren. Mein Geist lebt nicht im Unschätzbaren (anarghye) = ich strebe nicht mehr nach den angeblich so wertvollen materiellen Dingen; für mich sind »Gold und Lehm das gleiche« (so die Worte von Shrî Râmakrishna). Und dennoch, spricht Shrî Shankara, ist diese hohe Stufe nicht genug. Fehler können noch gemacht werden, die Gefahr von Rückschlägen ist immer da. Die endgültige Erlösung erreicht man durch Guru-Kripâ, durch die sichere Führung und die unbegreifliche Liebe des Guru. Dies ist das verborgenste aller Geheimnisse.
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sharîram surûpam sadâ roga muktam yashashchâruchitram dhanam meru-tulyam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 1
Ein stattlicher Körper, frei von Krankheit ein Leben lang; der Ruhm glänzend und angenehm; der Reichtum so groß und beständig wie der (Weltberg) Meru; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (1)
kalatram dhanam putra-pautrâdi sarvam griham bândhavâh sarvametaddhi jâtam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 2
Ehefrau, Reichtum, Sohn, Enkel und so fort, alles; Haus, Freunde – dies alles wahrlich (mag) vorhanden (sein); wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (2)
sadangâdivedo mukhe shâstravidyâ kavitvâdigadyam supadyam karoti |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 3
Den Veda mit seinen sechs Teilen auf den Lippen (und auch) die Kenntnis der (anderen) Schriften (habend), die Fähigkeit zu Dichtkunst und Prosa; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (3)
videsheshu mânyah svadesheshu dhanyah sadâcâravritteshu matto na chânyah |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 4
Geachtet in der Fremde, glücklich in der Heimat; von niemandem übertroffen auf den Pfaden des rechten Lebenswandels; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (4)
kshamâmandale bhûpabhûpâlavrindaih sadâ sevitam yasya pâdâravindam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 5
Die Schar der Könige des Erdkreises mag (einem) immer (huldigend) zu Füßen liegen; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (5)
yasho me gatam dikshu dânapratâpat-jagadvastu sarvam kare yatprasâdat |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 6
In alle Richtungen ist mein Ruhm vorgedrungen durch die Macht der Gaben; alle Dinge der Welt sind infolge dieser Gunst in (meiner) Hand; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (6)
na bhogo na yogo na vâ vâjirâjau na kântamukhe naiva vitteshu chittam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 7
Der Geist (hängt) nicht (mehr) am Genuß der Sinne, nicht an dem durch Yoga-Übung Erreichtem; nicht an Heldentum und Königswürde, nicht am Antlitz der Geliebten, nicht an den Besitztümern; wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (7)
aranye na vâ svasya gehe na kârye na dehe mano vartate me tvanarghye |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 8
Mein Geist lebt nicht in den Wäldern, nicht im eigenen Haus, nicht in dem (alltäglich) zu Tuenden, nicht im Körperlichen, nicht im (Wunsch nach) unschätzbaren (materiellen Dingen); wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Gurus hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu? (8)
Nirvâna-Shatkam (Sechs Verse über das Nirvana), auch genannt Âtma-Shatkam (Sechs Verse über das Selbst) – dieses dem Âdi-Shankara (vermutlich 8. Jahrhundert) zugeschriebene kurze Werk kann als Essenz der Letzten Wahrheit bezeichnet werden. Es gibt zwei unterschiedliche Legenden über die Entstehung des Nirvâna-Shatkam.
1. Auf der Suche nach einem Guru wanderte Shrî Shankara einst an den Ufern des Flusses Narmada. Dort begegnete er dem Rishi (Seher, Erleuchteter) Shrî Govinda Bhagavadpâda. Dieser fragte den achtjährigen Shankara: »Wer bist du?« Und Shankara antwortete ihm mit den sechs Versen des Âtma-Shatkam. Als der Rishi dies hörte, nahm er Shankara sofort als seinen Schüler an.
2. Als Shrî Shankara sich in Kâshî (Benares) aufhielt, begegnete ihm eines Tages auf dem Weg zum Ganges, wo er sein tägliches Bad nehmen wollte, ein Chândâla (»Hundefleischesser«, d.h. ein Unberührbarer, dessen Aufgabe in Kâshî war, die Körper der Toten zu verbrennen). Shankara forderte ihn auf, den Weg freizumachen; nach traditionellem Verständnis durfte nicht einmal der Schatten eines Unberührbaren auf einen Brahmanen fallen. Anstatt wegzugehen, sagte der Chândâla zu Shankara: »Wer bist du?« Da Shankara bewusst war dass kein gewöhnlicher Mensch diese Frage stellen würde, überkam ihn die Gewissheit, dass Shiva selbst, der HERR von Kâshî, in Gestalt eines Unberührbaren vor ihm stand. Er bat um Verzeihung, und bei nächster Gelegenheit fiel er in einen tiefen Meditationszustand, bei dem auf die in Indien so berühmte Frage »Wer bist du?« als Antwort in seinem Inneren die Aufzählung erfolgte, was er NICHT ist. So erreichte Shrî Shankara bereits in jungen Jahren (er starb 32jährig im Himâlaya) die Erkenntnis, die er in einem einzigen Satz predigte:
brahma satyam jagan-mithyâ jivo brahmaiva nâparah
Die Welt ist eine Täuschung; die einzige Wirklichkeit ist Brahman. Der Jîva ist niemand anderer als Brahman.
brahman = Gott; satya = Wahrheit, Wirklichkeit; jagat = Welt, Universum; mithyâ = falsch, unwahr; jîva = das Selbst, die individuelle Seele; brahmaiva = brahman + eva → brahman = Gott; eva (das vorausgehende Wort hervorhebend) = eben, nur, wahrlich; nâparah = na + apara → na = nicht; apara = ein anderer
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mano-buddhyahamkâra-chittâni nâham
na cha shrotra-jihve na cha ghrâna-netre
na cha vyoma bhûmir na tejo na vâyuh
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [1]
Ich (bin) nicht Geist, Intellekt, Ich-Bewusstsein, Gedächtnis;
und nicht Gehör, Zunge, nicht Nase, Augen;
und nicht Himmel, Erde, nicht Feuer, nicht Wind –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. [1]
na cha prâna-samjño na vai pañcha-vâyuh
na vâ sapta-dhâtur na vâ pañcha-koshah
na vâk pâni-padau na chopastha-pâyû
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [2]
Und nicht Prana noch die fünf Lebenskräfte;
nicht die sieben Körperelemente noch die fünf Hüllen (des Körpers);
nicht Sprache noch Hände (und) Füße, nicht Fortpflanzungs- und Ausscheidungsorgane –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. [2]
na me dvesha-râgau na me lobha-mohau
mado naiva me naiva mâtsarya-bhâvah
na dharmo na chârtho na kâmo na mokshah
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [3]
Nicht (gibt es) in mir Abneigung und Zuneigung; nicht (gibt es) in mir Gier noch Täuschung;
nicht Stolz, nicht Neid, nicht das vierfache Ziel des Lebens (Dharma, Artha, Kama, Moksha) –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. [3]
na punyam na pâpam na saukhyam na duhkham
na mantro na tîrtham na vedâ na yajñâh
aham bhojanam naiva bhojyam na bhoktâ
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [4]
Nicht Sünde, nicht Tugend, nicht Freude, nicht Leid;
(ich brauche) nicht Mantras, nicht Pilgerfahrten, nicht Schriften, nicht Opferrituale;
(ich bin) nicht das Genießen, nicht das zu Genießende, nicht der Genießer –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. [4]
na mrtyur na shankâ na me jâti-bhedah
pitâ naiva me naiva mâtâ na janma
na bandhur na mitram gurur naiva shishyah
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [5]
(Ich kenne) nicht Tod noch Todesfurcht, nicht (gibt es) für mich eine Unterscheidung der Kasten;
wahrlich nicht Vater, nicht Mutter, nicht Geburt,
(ich habe) nicht Verwandte, nicht Freunde, weder Lehrer noch Schüler –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. [5]
aham nirvikalpo nirâkâra-rûpo
vibhutvâc cha sarvatra sarvendriyânâm
na châsangatam naiva muktir na meyah
chid-ânanda-rûpah shivo’ham shivo’ham [6]
Ich (bin) jenseits der Dualität, (mein) Wesen (ist) die Formlosigkeit;
und das Alldurchdringende, allgegenwärtig (und doch jenseits) aller Sinne;
(bin) nicht gebunden, nicht befreit, unermeßlich –
ich (bin) Shiva, ich (bin) Shiva, das Wesen von Bewusstsein (und) Glückseligkeit. (6)
Die Katha-Upanishad ist etwa 2500 Jahre alt; einer der so vielen Schätze Indiens. In der ganzen Welt berühmt wurde der erste Halbvers 14 von Kapitel I. 3 (uttishthata jâgrata prâpya varân nibodhata) durch Swami Vivekananda. Er zitierte allerdings den Satz nur zur Hälfte wörtlich (Erhebe dich! Erwache!), das andere ist sinngemäß: «Arise, awake ! And stop not till the Goal is reached!» • »Erhebe dich, erwache! Und ruhe nicht eher, als bis das Ziel erreicht ist!«
Der zweite Satz ist, wie gesagt, sinngemäß richtig. In den Begriffen des Originalverses sind allerdings so viele wichtige Dinge enthalten, dass eine wörtliche Übersetzung von Gewinn ist:
uttishthata jâgrata prâpya varân nibodhata |
kshurasya dhârâ nishitâ duratyayâ durgam pathas tat kavayo vadanti ||
uttishthata = erhebe dich; jâgrata = wach auf; prâpya = zu erlangen, zu erreichen; varân = vara = 1. bester unter, der Beste; 2. Gnade, Gnadengeschenk. Man übersetzt hier zweifach und meint dasselbe: erlangt habend die Gnade, gefunden habend den Guru; nibodhata = lerne, erkenne, sei wachsam, wach, bewußt, schärfe das Bewusstsein; kshurasya = des Rasiermessers; dhârâ = Schneide, Klinge, Kante; nishitâ= scharf, gewetzt, geschärft; duratyayâ = schwer zu überschreiten, zu ergründen; durgam = unwegsam, unzugänglich; pathah = Pfad, Weg; tat = dies, so; kavayah = die Weisen; vadanti = sagen, sprechen
Etwas genauer zu prâpya varân nibodhata
prâpya ist das Gerundiv von pra + âp = erreichen, erlangen, erhalten, antreffen. Ein Gerundiv ist laut Duden »eine als Adjektiv fungierende Verbform mit passivischer Bedeutung, die eine Notwendigkeit ausdrückt«. Zum Beispiel: kar = tun; kartavya = was getan werden muß; bhû = sein; bhavya = was sein soll. Mit den Worten von H. C. Kellner »wird das Gerundiv durch Nebensätze mit indem oder nachdem übersetzt; es drückt also sowohl die gleichzeitige als auch die vollendete Handlung aus«. prâpya = »was erlangt werden muß« und »nachdem es erlangt wurde«. Die häufigste Wiedergabe lautet: »Erlangt habend die Gnade der Besten, sei wachsam!« Es kann auch heißen: »Sei wachsam, um die Gnade der Besten zu erlangen!« Mit gleicher Bedeutung, denn gesagt wird damit: Du brauchst eine Führung, weil der Weg schwer zu gehen ist.
varân. Nach Shrî Shankarâchârya sind mit dem Plural varân gemeint: die Besten, die verwirklichten Gurus. In der Übersetzung unten stehen beide Begriffe (»die Gnade« und »die Besten«) vereint, weil es genau den Sinn von varân trifft: Erlangt habend die Gnade des Gurus …
nibodhata ist der Imperativ (Befehl, Aufforderung) von ni + budh. Das Verbum budh ist eines von vielen Beispielen dafür, dass Sanskritbegriffe schlecht mit nur einem Wort übersetzbar sind. budh heißt nicht nur »erkennen, bemerken, wahrnehmen, achten auf«, sondern im eigentlichen Sinn »wachen, erwachen, wachsam sein, zum Bewusstsein kommen«, wie man am Buddha (»der Erwachte«) sieht. nibodhata = sei wach! Sei wachsam! Werde dir bewusst!
Dieser in die tiefsten Tiefen gehende Sanskritvers kann wie das Bhaja-Govindam und ähnliche Perlen als Essenz des spirituellen Weges angesehen werden. Was wird gesagt? Erstens: Wach auf aus deinem Schlaf der Verblendung (»du Tor«, wie Shrî Shankara anfeuert), strebe nach dem höheren Sinn des Lebens; suche den Guru und öffne dein Bewusstsein für die von ihm enthüllte Wahrheit. Zweitens: Ohne Guru geht es nicht, denn der unwegsame, schwer zu gehende geistige Pfad ist vergleichbar mit dem Gang auf der Schneide eines Rasiermessers.
uttishthata jâgrata prâpya varân nibodhata |
kshurasya dhârâ nishitâ duratyayâ durgam pathas tat kavayo vadanti ||
Erhebe dich! Erwache! Erlangt habend die Gnade der Besten, sei wachsam!
Schwer zu gehen ist auf des Messers Schneide; (so) der unwegsame Pfad (des Yoga), sagen die Weisen. ||
Aus einer Szene des Films »Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen« («Meetings with Remarkable Men», Peter Brook, GB 1978), in dem es um die spirituelle Suche des jungen Georges I. Gurdjieff (1866–1949) geht. Den geschilderten Dialog findet man ab Minute 70. Der Film ist in seiner Essenz wertvoll, weil er die klassische Situation beschreibt: Ein Mensch sucht nach dem Weg und irrt von hier nach dort, um am Ende, nach leidvollen, aufreibenden Erfahrungen erkennen zu müssen: Ich habe nichts gefunden.
Auf seiner mühsamen Wanderschaft im Kaukasus/Hindukush trifft Gurdjieff zweimal auf einen Dervish. Dieser speist ihn beim ersten Mal mit einem unverbindlichen Hinweis ab und lässt ihn wieder gehen. Am Ende seiner Irrfahrt sucht Gurdjieff den Dervish ein zweites Mal auf, und hier trifft man auf den folgenden Dialog:
Der Meister: »Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?«
Gurdjieff: »Ich habe nichts gefunden. Ich weiß nicht wie ich suchen soll. Es gibt nie eine Antwort. Was kann ich jetzt tun? Ich bin verzweifelt.«
Der Meister: »Du wirst die Antwort niemals alleine finden. Alleine kann ein Mensch nur sehr wenig tun. Seine einzige Hoffnung ist es, einen Ort zu finden, an dem das wahre Wissen lebendig gehalten wird.« (nach kurzem Innehalten:) »Ich rate dir zu versuchen, die Sarmoung-Bruderschaft zu finden. Geh am (Fluss) Amudarja hinauf, Richtung Kafiristan. Es ist ein gefährliches Unterfangen, du wirst dein Leben riskieren! Aber im richtigen Augenblick wird sich ein Führer finden.«
Und Gurdjieff macht sich auf, die Geschichte gelangt zu ihrem guten Ende.
Der entscheidende Satz dieser bewegenden Szene ist:
»Alleine kann ein Mensch nur sehr wenig tun.«
Die Aussage deckt sich mit den Worten anderer Meister. Für einen wirklichen geistigen Fortschritt benötigt ein Suchender eine Führung.
Von einem großen christlichen Heiligen stammen die Worte: »Eine tugendhafte, aber alleinstehende und führerlose Seele gleicht einer brennenden Kohle: Anstatt sich mehr zu entzünden erkaltet sie.« [Juan de la Cruz, 1542–1591]
»Wenn ein Mensch den Punkt erreicht hat, an dem er sechs Monate lang in Meditation sitzen kann, erübrigen sich Nahrungsaufnahme, Ausscheidungen oder was sonst noch. Nur ein Tropfen Amrita-Nektar vom Kopf in den Körper hält ihn am Leben. Wenn ein Tiger diesen Körper frisst ist das egal; nur wenn das Leben zum Körper zurückkehrt wird es Schmerzen geben.« [Shri Neeb Karori Baba Maharaj]

Über diese tiefgründigen Worte eines großen Heiligen wäre ein ausführender Kommentar nicht fehl am Platz (folgt).
Der Name Nîb Karorî Bâbâ (Hindî: Neeb Karori Baba) wurde seltsamerweise zum bedeutungslosen »Neem Karoli Baba« verhunzt. Siehe dazu die kritische Anmerkung hier, zweiter Absatz.
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Shrî Nîb Karorî Bâbâ Mahârâj
[*? – †1973]

Dieses Bild – eine der relativ wenigen Aufnahmen von Shri Neeb Karori Baba Maharaj – berührt besonders. Da steht ein Wesen – im Vergleich zu uns Normalsterblichen ist hier der Ausdruck »Mensch« nicht mehr passend – der die höchsten Stufen der Geistigkeit erreicht hat. Barfuß, nur ein Lendentuch tragend, in eine billige Decke gehüllt. Dabei gehört er zu denen, die »König der Könige« genannt werden – vor ihnen haben im alten Indien die mächtigsten Herrscher ihre Knie gebeugt. Die extreme Schlichtheit, die absolute Bedürfnislosigkeit ist ein Schock für alles Weltliche – allerdings ein heilsamer, erhebender, motivierender. Eine leibhaftige Beschreibung dessen, was in der Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ im III. Gesang, Vers 17 & 18 gesagt wird:
yas tv âtmaratir eva syâd âtmatriptash cha mânavah |
âtmany eva cha samtushtas tasya kâryam na vidyate || 17
Der Mensch, der allein am Âtman (Selbst) Freude hat, im Âtman sein Genüge hat,
im Âtman allein zufrieden ist, für ihn gibt es nichts zu Tuendes mehr. (17)
naiva tasya kritenârtho nâkriteneha kashchana |
na châsya sarvabhûteshu kashchid arthavyapâshrayah || 18
Nicht gibt es für ihn irgendeinen Nutzen durch das, was hier von ihm getan oder nicht getan wird;
und nicht nimmt er bei allen Wesen aus irgendeinem Grunde Zuflucht. (18)
»Er nimmt bei niemandem Zuflucht« – es lohnt sich, intensiv über diese Worte nachzudenken. Was die inflationär verwendeten Begriffe »Unabhängigkeit« und »Freiheit« wirklich bedeuten, dies kann man einzig und allein am Erleuchteten erkennen.
Unter allen lebenden Wesen ist nur er FREI.
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Eine vollkommene Übereinstimmung des Gesagten (»extreme Schlichtheit, absolute Bedürnislosigkeit, heilsamer Schock, König der Könige«) erkennt man anhand dieser wundervollen und aussagekräftigen Aufnahmen:
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Shrî Râmakrishna Paramahamsa
[1836–1886]

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Bhagavân Shrî Ramana Maharshi
[1879–1950]
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Bhagavân Shrî Nityânanda von Ganeshpuri
[1897–1961]

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Shrî Sâî Bâbâ von Shirdi
[*?–†1918]

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Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj
[1902–1988]

Diese unsterblichen Worte von Shri Ramakrishna Paramahamsa (1836–1886) findet man im 1898 erschienenen Buch von Prof. Max Müller: Ramakrishna. His Life and Sayings und sind dort unter Spruch 312 verzeichnet.
»Es gibt Menschen die, obwohl sie nichts mehr haben was sie in dieser Welt anzieht, sich selber einige Bindungen schaffen und so versuchen, sich an diese Erde zu fesseln. Sie wollen nicht frei sein und lieben es nicht, frei zu sein. Ein Mensch der keine Familie zu versorgen hat, keine Verwandten um die er sich kümmern muss, legt sich in der Regel als Haustier und Gefährten eine Katze zu, oder einen Affen, oder einen Hund, oder einen Vogel, und stillt so seinen Durst nach Milch durch das Trinken bloßer Molke. Solches ist die Macht der Mâyâ oder Unwissenheit über die Menschheit.«

»Wenn die Menschen ebensosehr an Gott hingen wie sie an den Sinnesgegenständen hängen, wer würde dann nicht aus der Gefangenschaft befreit? [Maitrî-Upanishad VI.34.5]

»Kannst du um Ihn weinen mit intensiver Sehnsucht? Die Menschen vergießen eimerweise Tränen für Kinder, Frau, Geld, usw.; wer aber weint um Gott?« [Shrî Râmakrishna Paramahamsa]

Om Shrî Gurubhyo Namah – diese wundervolle traditionelle Anrufung wird häufig übersetzt mit: »Om, Verehrung dem strahlenden Guru!« Das ist nicht korrekt. Im Singular heißt es »shrî gurave namah«; gurubhyah ist der Dativ im Plural und bedeutet »den Gurus«. Den Verbindungsregeln (sandhi) des Sanskrit entsprechend wandelt sich das gurubhyah vor na (namah) zu gurubhyo. »Om, Verehrung den strahlenden Gurus!«
Damit ist eine subtile Botschaft verbunden. »Mein Guru ist der größte, seine Lehre ist die einzig wahre« – alle Erleuchteten haben diese Anschauung selbstverständlich von sich gewiesen. Erneut der weiter oben zitierte Satz: »Gott nimmt die Gestalt eines Gurus an und erscheint dem Verehrer.« Hat Gott nur eine Form? Shrî Ramana Maharshi bezeichnete eine solche, nicht selten anzutreffende Idee als typische Überspanntheit von Anfängern auf dem geistigen Weg.
Das Gesagte sollte allerdings nicht als Widerspruch zu einer anderen klassischen Aussage verstanden werden. Von Shri Swami Narayanananda hören wir:
»Halte dich an einen Guru, an einen Guru-Mantra und an eine Ishta-Devatâ (erwählte Gottheit). […] Habe vollstes Vertrauen in diese und führe dein Sâdhana mit Geduld und Ausdauer fort, bis du das Höchste erreichst. Anderenfalls wirst du dein Ziel mit Sicherheit verfehlen.«
Viele sind hier nicht einverstanden, bringen das Argument »Der Guru ist nur einer, Gott oder das Selbst«, und sagen, man dürfe nicht intolerant oder fanatisch sein. Selbstverständlich. Was aber die Konzentration, die Essenz des Yoga angeht, sind diese Worte des Meisters nichts anderes als logisches Denken. Ekâgrata, die Einspitzigkeit des Geistes, ist nur zu erreichen durch andauernde Übung (abhyâsa) der Konzentration auf ein einziges (eka) Prinzip (tattva), wie Shrî Patañjali im Sûtra erklärt (I.32).
Ähnlich sagte Shri Swami Vivekananda, man sollte »theoretisch« Toleranz und Liebe allen Religionen und Wegen gegenüber zeigen, aber in der Praxis einem einzigen Pfad folgen. Nur dann nämlich sei die Erlangung der wahren Konzentration und dann Meditation möglich. Das ist purer gesunder Menschenverstand. Jeder aufrichtige Sâdhaka (Übende) wird es bestätigen.
Es gibt eine bewegende Geschichte darüber, erzählt von Shri Swami Vivekananda [The Complete Works …, Volume 9]:
»Hanumân, der große Verehrer von Râma, lebte sehr lange. Zu seinen Lebzeiten erschien Râma wieder auf Erden in Gestalt von Krishna. Da Hanumân ein großer Yogi war wusste er, dass der eine Gott nun zurückgekehrt war als Krishna. Er kam und diente Krishna, aber er sagte zu ihm: ›Ich möchte Deine frühere Râma-Form sehen.‹ Krishna antwortete: ›Ist diese Form nicht genug? Ich bin Krishna, ich bin Râma. All dies sind meine Formen.‹ Hanumân erwiderte: ›Ich weiß das; aber die Râma-Form ist für mich. Krishna und Râma sind dasselbe. Sie sind beide die Inkarnation des Höchsten Selbst. Und dennoch ist der lotusäugige Râma mein Ein und Alles.‹ Das ist nishthâ – bei einer Form zu bleiben obwohl man weiß, daß alle die verschiedenen Formen der Verehrung recht sind.«
Im Sinne des letzten Halbsatzes kommt die traditionelle Anrufung zum Tragen: Om Shri Gurubhyo Namah – »Om, Verehrung den strahlenden Gurus!«
[aus: Yoga-Sûtra. Der Yogaleitfaden des Patañjali. ©Raja Verlag]
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Eine der berührendsten, erleuchtendsten Geschichten aus den Upanishaden. Und eine der praktischsten, denn es geht um Erfahrungen, die wir alle jeden Tag und jede Nacht machen. Am Beispiel solcher Geschichten mag man erkennen, welch überragende Ebene der indische Geist erreicht hatte zu einer Zeit, als die Menschen des Westens noch in Fellen gekleidet durch die Wälder streiften auf der Suche nach Nahrung.
Welche Erkenntnis gewinnt man aus Wachzustand, Traum und Tiefschlaf? Dies ist ein Gedanke, den die Weisen Indiens bevorzugt gebrauchen, um zum Nachdenken anzuregen. Ausgegangen wird vom Yoga-Sûtra, wo Shrî Patañjali sagt (II.5): anitya-ashuchi-duhkha-anâtmasu nitya-shuchi-âtmâ-khyâtir avidyâ || »Im Nicht-Ewigen, im Unreinen, im Leidvollen und im Nicht-Selbst das Ewige, das Reine, das Freudvolle und das Selbst zu sehen ist Nichtwissen.« Und Avidyâ, das Nichtwissen, ist die Ursache für unsere Irrfahrt im Samsâra.
Das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten (YS II.5); sich mit den Vrittis, mit dem eigenen Geist zu identifizieren (YS I.4); eine Erkenntnis aus Traum und Tiefschlaf zu gewinnen (YS I.38) – dazu nun die berühmte, wundervolle Lehrgeschichte aus der Chândogya-Upanishad. In Anbetracht der Länge des Textes wird man verstehen wenn – mit Ausnahme der Eingangsworte – auf das Sanskrit verzichtet wird:
VIII.7: ya âtmâ apahata-pâpmâ vijaro vimrityur vishoko vijighatso'pipâsah … iti ha prajâpatir uvâcha
VIII.7: Den Âtman [das Selbst], der frei ist von allem Bösen, frei von Alter und Tod, frei vom Kummer, von Hunger und Durst …, ihn soll man suchen, ihn soll man zu erkennen wünschen. Wer diesen Âtman findet und erkennt, erlangt alle Welten und alle Wünsche. So sprach Prajâpati [der Herr der Geschöpfe].
Dies hörten die Götter und auch die Dämonen, und sie sprachen: Wohlan! Lasst uns den Âtman suchen …; und von den Göttern wurde Indra, von den Dämonen Virochana ausgesandt. Ohne voneinander zu wissen, erschienen beide vor Prajâpati.
Nachdem sie zweiunddreißig Jahre bei ihm im Stande der Schülerschaft gelebt hatten, fragte Prajâpati, in welcher Absicht sie gekommen wären; und sie sagten, sie wollten von Ihm über das Selbst hören.
Prajâpati sprach [sich zunächst auf ihre Ebene stellend]:
»Der Purusha [Mensch], welcher [als Spiegelbild] im Auge gesehen wird, er ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman!« Indra und Virochana [Seher und Gesehenes gleichsetzend – siehe Yoga-Sûtra II.6 – fragten zur Bestätigung]: »Wer ist jener, der im Wasser und im Spiegel zu sehen ist?« Prajâpati: »Betrachtet euch in einem Gefäß mit Wasser. Was seht ihr?« – »Wir sehen vollständig uns selbst als Spiegelbild.« – »Nun schmückt euch, legt prächtige Kleider an und blickt erneut ins Wasser.« Die Schüler [mit dem Wechsel ihrer selbst auch das Selbst als wechselnd ansehend]: »Ebenso geschmückt und prächtig gekleidet, wie wir es sind, o Herr, ist das Selbst geschmückt und gekleidet.« – »Dies«, sprach Prajâpati, »ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman!« Da zogen Indra und Virochana friedlichen Herzens fort. Prajâpati aber sah ihnen nach und sprach: »Da gehen sie hin, ohne das Selbst gefunden zu haben. Wer von den Göttern oder Dämonen dieser Lehre folgt, wird verloren sein.«
Zufrieden kam Virochana zu den Dämonen zurück und verkündete ihnen [Körper und Geist für das Selbst haltend]: »Man soll sich glücklich machen, sich selbst dienen! Wer dies tut, erlangt beides, diese Welt und die jenseitige.« Daher nennt man hier auf Erden heute noch einen, der nicht spendet, nicht glaubt und nicht opfert, einen Dämonen; denn dies ist die Lehre der Dämonen. Sie richten sogar den Körper von Verstorbenen mit schönen Kleidern und mit Schmuck her, weil sie glauben, dadurch die jenseitige Welt zu gewinnen.
Indra aber kam auf dem Weg, noch ehe er bei den Göttern angekommen war, dies Bedenken: »So wie das [angebliche] Selbst schön gekleidet und geschmückt ist, wenn der Körper schön gekleidet und geschmückt ist, ebenso muss ja das Selbst blind in einem blinden, lahm in einem lahmen, verstümmelt in einem verstümmelten Körper sein. Es geht zugrunde, wenn der Körper zugrundegeht. Ich sehe darin nichts Erfreuliches.« Und er kehrte um.
Prajâpati sagte zu ihm: »Du zogst doch mit Virochana friedlichen Herzens von dannen. Mit welchem Wunsch kehrst du zurück?« Und Indra legte sein Bedenken vor … »So wie du sagst, o Indra«, sprach Prajâpati, »genauso ist es! Ich will es dir nun weiter erklären. Bleibe bei mir.« Und Indra blieb weitere zweiunddreißig Jahre bei Prajâpati.
Dann sprach dieser zu ihm: »Das, was im Traumzustand glücklich umherstreift – das ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman.« Friedlichen Herzens zog Indra von dannen. Noch ehe er aber bei den Göttern angekommen war, kam ihm das Bedenken: »Wenn auch das Selbst nicht blind ist, wenn der Körper blind ist, noch lahm, wenn dieser lahm ist; wenn auch das Selbst von den Gebrechen des Körpers nicht in Mitleidenschaft gezogen wird …, so scheint es [im Traum] dennoch, als würde es getötet, als würde es bedrängt, als würde es Unangenehmes erfahren, als würde es weinen. Ich sehe darin nichts Erfreuliches.« Und er kehrte abermals zu Prajâpati zurück.
»O Indra! Du bist doch friedlichen Herzens von hier gegangen; welcher Wunsch bringt dich zurück?« Und Indra legte erneut sein Bedenken vor … »Genauso ist es, Indra! Nun will ich es dir weiter erklären. Bleibe noch zweiunddreißig Jahre bei mir.« Dann sprach Prajapati zu ihm: »Wenn man im (Tief)schlaf sich befindet, ganz in sich zurückgezogen [wenn der Geist in die Lebenskraft eingegangen ist], vollkommen friedlich, ohne Traum – dies ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman!«
Friedlichen Herzens zog Indra wieder von dannen. Noch ehe er aber bei den Göttern angekommen war, kam ihm das Bedenken: »In diesem Zustand [des Tiefschlafs] hat man doch keinerlei Bewußtsein, man weiß nicht: ›Dies bin ich‹, noch kennt man die anderen Wesen. Man ist wahrlich wie ausgelöscht. Darin sehe ich nichts Erfreuliches.« Und abermals kehrte er zu Prajâpati zurück. Dieser sah ihn kommen und sprach: »O Indra, friedlichen Herzens bist du doch von hier gegangen; warum kommst du wieder?« Und Indra legte ihm seinen Zweifel vor …
Prajâpati sprach: »So ist es! Ich will dir eine letzte Aufklärung geben; bleibe noch fünf Jahre bei mir.« Und so blieb Indra insgesamt hundertundein Jahre bei Prajâpati. Am Ende sprach dieser: »O Indra, sterblich fürwahr ist dieser Körper, vom Tod umfangen. Er ist der Sitz des unsterblichen, körperlosen Selbst. Dieses ist den Erfahrungen von Freude und Leid ausgesetzt, solange es in einem Körper wohnt. Der Verkörperte vermag Freude und Leid nicht abzuwehren. Wer aber körperlos ist, der wird von Freude und Leid nicht berührt … Körperlos ist der Wind, körperlos sind Wolken, Blitz und Donner. So wie diese sich aus dem Raum erheben, in das höchste Licht eingehen und in ihrer eigenen Gestalt hervortreten, ebenso erhebt sich ›die vollkommene Ruhe‹ [die Seele] aus diesem Körper, geht in das höchste Licht ein und tritt in der eigenen Gestalt hervor. Dies ist der höchste Purusha.
Wenn das Auge sich auf den Raum richtet, so ist es der Purusha im Auge, welcher sieht; das Auge ist nur das Werkzeug zum Sehen. Und wer sich bewusst ist: ›Dies will ich riechen‹, das ist das Selbst; die Nase ist nur das Werkzeug zum Riechen. Wer weiß: ›Das will ich sagen‹, das ist das Selbst; die Stimme ist nur das Werkzeug zum Sprechen. Wer sich bewusst ist: ›Dies will ich hören‹, das ist das Selbst; das Ohr ist nur das Werkzeug zum Hören. Und wer weiß: ›Das will ich denken‹, das ist das Selbst; der Geist ist sein göttliches Auge. Mit diesem göttlichen Auge, dem Geist, schaut das Selbst auf die Wünsche und freut sich in der Welt.
Die Götter verehren dieses Selbst; darum sind alle Welten ihrer und die Erfüllung aller Wünsche. Derjenige erlangt alle Welten und alle Wünsche, der das Selbst findet und erkennt. So sprach Prajâpati, so sprach Prajâpati. [Chândogya-Upanishad VIII.7–12]
»Intelligenz ist in ihrer Begrenztheit nur ein anderer Name für Unwissenheit. Wenn ein Mensch das wahre Wissen erlangen und alle Geheimnisse enträtseln will, gebe er sich dem Wissen um Gott hin.« [Swami Brahmananda]

Shrî Swâmî Brahmânanda Mahârâj
[1863–1922]

Shri Swami Brahmananda Maharaj war ein direkter Schüler von Shri Ramakrishna Paramahamsa und späterer Präsident des Ramakrishna Math (Ramakrishna-Mission) in Belur Math, Bengalen. Einer seiner Schüler, Swami Prabhavananda, verfasste in Zusammenarbeit mit anderen Mönchen ein kleines Buch, The Eternal Companion (»Der ewige Gefährte«). Wie der Untertitel sagt (His Life and Teachings) geht es um die Biographie des Heiligen und aus seinen Unterweisungen für die Schüler, aus tröstenden und ermunternden Ratschlägen, aus tiefster praktisch angewandter Weisheit. In Sachen Inspiration steht The Eternal Companion in meinen Augen neben der göttlichen Bhagavad-Gîtâ ganz oben.
»Menschliche Geburt ist selten und sehr schwer zu erlangen. Moksha (Freiheit) kann nur durch menschliche Geburt erreicht werden. Es wird gesagt dass ein Jîva (die Seele) nach acht Millionen Geburten und Tode menschliches Leben erlangt. Selbst nach Erlangung menschlichen Lebens ist es sehr schwer, einen gesunden Körper und einen scharfen Intellekt zu haben. Hat ein Mensch all diese Dinge erlangt, muss er Gebrauch von ihnen machen, um Moksha zu erreichen. Tut er das nicht, ist solch ein kostbares Leben eine bloße Verschwendung.« [Shri Swami Narayanananda]

Shrî Swâmî Nârâyanânanda Mahârâj
[1902–1988]

»Nach dem Sinn des Lebens zu suchen ist das Ergebnis guten Karmas aus vergangenen Geburten. Jene, die nicht nach dieser Erkenntnis streben verschwenden nur ihr Leben.« [Shrî Ramana Maharshi]

Bhagavân Shrî Ramana Maharshi
[1879–1950]

»Wer das wahre Ziel des Lebens nicht kennt, ist ein Tier. Dieses Ziel ist Wunschlosigkeit. Wer sich dieser Tatsache nicht bewusst ist, ist kein Mensch. Der Mensch, die Krone und der Höhepunkt der Schöpfung Gottes, darf nicht wie ein Frosch sein, der unter Wasser sinkt und immer wieder über Wasser aufsteigt. Das menschliche Leben ist kein Vergleich zu dem des Frosches. Dieses Leben kann nicht immer erlangt werden. Wenn wir es erlangt haben, sollten wir uns bemühen, das Ziel des Lebens zu erreichen. Mahlzeiten können nicht vor dem Kochen eingenommen werden. Die Kraft der Unterscheidung ist das Feuer; Intelligenz ist das Gefäß; Mukti (Erlösung, Freiheit) ist das Ziel des Lebens.« [Bhagavân Shrî Nityânanda von Ganeshpuri]

Bhagavân Shrî Nityânanda von Ganeshpuri
[1897–1961]

»In dieser Welt leiden zahllose Wesen alle Arten von Schmerzen. Das Alter wartet gleich einer Tigerin. Das Leben fließt fort wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug. Krankheit tötet wie ein Feind. Reichtum ist nur ein Traum; Jugend gleicht einer Blume. Das Leben blitzt auf und schwindet wieder. Der Körper ist wie eine Wasserblase. Wie kann man dies wissen und dennoch zufrieden sein? Der Jîvâtman (die Seele) durchläuft hunderttausende von Existenzen, doch nur als Mensch kann er die Wahrheit erlangen. Es ist sehr schwer als Mensch geboren zu werden. Darum ist ein Selbstmörder wer nicht weiß was ihm gut tut, nachdem er solche herausragende Geburt erlangt hat.« [Kulârnava-Tantra • aus: Sir John Woodroffe. Shakti and Shakta.]

»Geht man nicht aus der Tür, kennt man die Welt. Blickt man nicht aus dem Fenster, sieht man des Himmels Weg. Je weiter man ausgeht, desto weniger kennt man.« [Lao-Tse 47, Übersetzung Victor von Strauß]

«Not going outside, you know the world. Not looking through the window, you see the way of heaven. The farther you go, the less you know.»
»Sans sortir de la porte, connaître le monde ! Sans regarder par la fenêtre, voir la Voie du ciel ! Plus on sort loin, moins on connaît.«
Bildnachweis
Swami Narayanananda = ©N.U.Yoga Trust Gylling
Shri-Yantra = ©Mahesh Patil/fotolia.com
Shri Ramakrishna = Wikimedia Commons, Bild von 1885
Swami Shivananda = von der Webseite rkmbaranagar.org
Ramana Maharshi, Brahmananda, Neeb Karori Baba, Shirdi Sai, Nityananda = Internet
»sarveshu kaleshu …« = www.shlokam.org
Shri Shankaracharya = Gemälde von Raja Ravi Varma, 1904
Rose = ©Phimak/fotolia.com
Diese Seite wurde am 22.02.2026 zuletzt geändert.