Yoga Helmuth Maldoner Karlsruhe - Fragen/Hinweise
Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Fragen/Hinweise

 

Was heißt Prasâda?
Was ist therapeutischer Yoga?
Die Rückengesundheit
»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«
»Lehren Sie Meditation?«
Der Zugang zur spirituellen Welt
»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«
Hinweise zum Üben
»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«
Die tägliche Übung
Traditioneller, klassischer Yoga
Wieviele Übungen gibt es?

 

 

Was heißt Prasâda?

Aus dem Sanskrit-English-Dictionary von Sir M. Monier-Williams:

prasâda = clearness (Klarheit), brightness (Helligkeit, Glanz), pellucidness (Durchsichtigkeit), purity (Reinheit), calmness, tranquillity (Ruhe), absence of excitement (Abwesenheit von Aufregung), serenity of disposition (heitere, abgeklärte Gemütsruhe); graciousness (Gnade), kindness (Güte), favour (Gunst), aid (Hilfe).

Heute denkt man bei prasâda mehr an die letzten vier Begriffe. Prasâda ist aber ein alter zentraler Begriff aus der spirituellen Welt und bedeutet »Klarheit, Reinheit, Ruhe, Frieden« des Geistes. 

prasâde sarvaduhkhânâm hânir asyopajâyate ... »In der Ruhe entsteht das Schwinden aller Leiden« [Bhagavad-Gîtâ II, 65].

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Was ist therapeutischer Yoga?

Die Bezeichnung eignet sich, um diesen Aspekt von den anderen Aspekten des Hatha-Yoga zu unterscheiden. Auch der Ausdruck traditionell ist keine Garantie dafür, daß im Laufe der Zeit alles seine Richtigkeit bewahrt.

Wenn man unvoreingenommen auf die überlieferten Übungen des Hatha-Yoga blickt, fallen einige Ungereimtheiten auf. Wie lange z.B. soll man in einem Âsana verweilen? Das häufig zu lesende so lange wie möglich ist in gesundheitlicher Hinsicht niemals korrekt. Viele der Âsanas erkennt man auf Anhieb als für den Rücken nicht physiologisch. Wie harmoniert dies mit den therapeutisch wertvollen Rückenübungen? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie müssen aus anderen Disziplinen stammen. Im Lauf der Zeit haben sich durch mangelnde Sorgfalt und durch die pragmatische Natur des Menschen Dinge vermischt die nicht zusammengehören.

Es haben sich Zirkus-Elemente in den Yoga eingeschlichen. Zwei Beispiele: 1. In Bauchlage beugt man die Knie und zieht die Füße so weit über den Rücken zu sich, bis sie vor dem Gesicht stehen (merudandâsana): eine schädliche Überstreckung des Rückens mit Belastung der HWS. 2. Man sitzt auf dem Steißbein in schädlicher Lendenkyphose, zieht die Beine nach oben bis die Füße am Hinterkopf überkreuzt werden und drückt sich hoch, so daß nur noch die Hände den Boden berühren (dvipâda kandharâsana). Mit so etwas kann man in der Tat auf dem Marktplatz sein Geld verdienen.

Man mag das als artistische Leistung bewundern; mit der Gesundheit ist es unvereinbar. Von jeder Übung kann gesagt werden, sie kräftige hier, sie dehne dort, aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? Die Praxis des Hatha-Yoga sei: vernünftig, sinnvoll, heilsam. Ist dies der Fall, wenn eine Übung nur um ihrer Schwierigkeit willen gemacht wird? Man sollte nicht alles glauben, was in vielen Büchern steht. Von der Kopfbrücke (setubandhâsana) wird gesagt, sie stärke den Nacken, belebe Kopf und Gehirn, usw. De facto stellt diese alte Übung ignoranter, übermütiger Krieger und Mönche eine hochgradig schädliche Belastung der Nackenwirbel dar.

Die Aufzählung weiterer negativer Beispiele erübrigt sich. Wer mit gesundem Menschenverstand auf die angebotenen Stellungen blickt, dem kann nicht verborgen bleiben, was für den Körper gut und was schädlich ist.

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Die Rückengesundheit

Gegen Rückenschmerzen gibt es nichts Besseres als den Hatha-Yoga. Wählt man aber die ungeeigneten Übungen, oder praktiziert man die geeigneten Übungen nicht korrekt, kann man sich schaden. Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, daß viele Ärzte negativ darüber denken. Man sieht in vielen Stellungen gelenkschädigende Überdehnungen und rückenfeindliche Haltungen. Der Vorwurf ist objektiv falsch und zum Teil dennoch berechtigt.

Warum falsch? Die richtigen Körperübungen, korrekt ausgeführt, sind niemals gelenk- und rückenfeindlich, vielmehr von höchstem therapeutischem Wert. Warum zum Teil berechtigt? Man stelle sich vor: Jemand klagt beim Orthopäden, daß ihm während einer Yogaübung ein heftiger Schmerz in den Rücken gefahren sei. Der Arzt läßt sich die Übung zeigen und reagiert negativ: In seinen Augen ist sie unphysiologisch, rückenfeindlich. Wie kann er auch wissen, daß sie entweder nicht zum therapeutischen Yoga gehört oder zu diesem gehört, jedoch nicht korrekt ausgeführt wurde. Die Erfahrung des Patienten genügt ihm für ein Urteil, und fertig ist das Bild vom schädlichen Hatha-Yoga. Den Ärzten ist kein Vorwurf zu machen. Woran sollten sie sich halten? Der Yoga ist ein Selbstbedienungsladen; zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden. Selbst wenn man eine therapeutisch sinnvolle Übung vor sich hat, ist noch nichts gewonnen; sie muß eben auch korrekt ausgeführt werden.

Die korrekte Ausführung der therapeutisch wertvollen Übungen – darum geht es in der Yogaschule.

Was korrekt hinsichtlich des Rückens bedeutet, sei an der Rumpfbeuge im Stand geklärt. Mit rundem Rücken den Rumpf zu beugen, nach vorne zu sinken, ist der schlimmste Fehler, die größte Gefahr für die Bandscheiben. Bei allen Rumpfbeugen liegt der Drehpunkt nicht im Rücken, sondern in den Hüftgelenken. Den Rumpf mit hängendem Kopf, ohne Spannung im Rücken, Wirbel für Wirbel runder werdend schwer sinken zu lassen – dies ist ein fahrlässiges Spiel mit der Gesundheit des Rückens. Und noch gefährlicher ist die Rückkehr aus dieser falschen Haltung. Wirbel für Wirbel, rund bei einem derart instabilen Zustand der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur hochzukommen: verrückt. Dagegen ist die Rumpfbeuge mit gespreizten Beinen und mit geradem Rücken eine physiologisch korrekte und wichtige Dehn-Kraft-Übung des Hatha-Yoga. Dieses eine Beispiel genügt für ein Verständnis.

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»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«

Nein. In alter Zeit war es verboten öffentlich den Prânâyâma zu lehren, und ich halte mich daran.

Die Yoga-Atmungen sind zweierlei: a) die fließenden, sanften Übungen, bei denen die Luft nach der Einatmung nicht angehalten wird. Sie fördern den harmonischen Fluß des Prâna und sollten von allen an der Gesundheit Interessierten praktiziert werden; b) Prânâyâma, die Techniken mit längerem Anhalten der Luft. Sie sind auch therapeutisch, ihr eigentliches Ziel aber ist die Erweckung der Kundalinî. Daher darf der Prânâyâma nur von völlig gesunden, intensiv Übenden unter Anleitung eines Meisters praktiziert werden, er gehört nicht an die Öffentlichkeit.

Die Prânâyâmas sind Kumbhakas, mit Anhalten der Luft, speziell nach dem Einatmen. Jedes längere Atemanhalten erhitzt die im untersten Chakra schlafende Urkraft, zwingt sie zum Aufsteigen. Falsch praktiziert können diese Übunge gefährliche Folgen haben. Sollte jemand daran denken in den Prânâyâma einzusteigen, muß ihm klar sein:

1. Primäres Ziel des Prânâyâma ist nicht die Gesundheit, vielmehr das Erwachen und der Aufstieg der Kundalinî, und damit gehört er zu den geistigen Übungen.

2. Dieser Aufstieg ist nur möglich, wenn Körper, Nâdis und Geist durch lange intensive Übung des gesamten Yoga die nötige Reinheit erlangt haben. Deshalb gehören die Einhaltung der ethischen Gebote, ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit, die Praxis der Meditation und die Atemübungen zusammen. Der Prânâyâma darf nicht für sich geübt werden, losgelöst von den anderen Teilen der Yogapraxis.

3. Niemals darf der Prânâyâma ohne Führung durch einen Meister praktiziert werden. Er allein kennt die Gefahren des spirituellen Weges. Ein vernünftiger Schüler läßt sich persönlich unterweisen, er lernt nicht aus Büchern; und mit gutem Grund verweigert er in einem Yogakurs Prânâyâma-Übungen, die ihm ein unwissender Lehrer beibringen will.

4. Wenn man die zum Schutze des Übenden aufgestellten Regeln und Warnungen in egozentrischer Besserwisserei und Arroganz (andere Gründe sehe ich nicht) vom Tisch fegt, sind Probleme unvermeidbar. Bedingt durch die Unreinheit von Körper und Geist steigt die zu früh erweckte Urkraft nur teilweise auf, und ihre Ströme fließen chaotisch durch den Körper. Die Folgen sind schwere Störungen der Verdauung, Herz- und Lungenprobleme, allerlei Schmerzen, Schlaflosigkeit, psychische Probleme, geistige Verwirrung.

Das letzte sei besonders betont. Krankheiten, Schmerzen, Schlaflosigkeit sind schlimm genug, aber sie betreffen eine einzige Person; damit verglichen hat die geistige Verwirrung die tragischeren Folgen. Menschen, in denen Teilströme der Urkraft das Gehirn erreicht haben, halten die auf diese Weise erlangten kleineren Erkenntnisse für die ganze Wahrheit und machen sich zu Verkündern der »Wahrheit«, weil sie den Versuchungen der Ehre und der Macht nicht widerstehen können. So geraten nicht nur sie selber in die Irre, sondern noch andere schwache Menschen, die zu belehren und zu führen sich diese Pseudogurus anmaßen.

Dennoch wird überall unbekümmert der Prânâyâma gelehrt. Man mag sich wundern warum es dabei nicht so häufig zu Problemen kommt, wie sie eigentlich zu erwarten wären. Die Erklärung ist einfach: Die wenigsten Kursteilnehmer üben daheim intensiv weiter. Gott sei Dank, es schützt sie vor Gefahr. Wenn aber nur einer von zehn Menschen sich ernsthaft mit dem Prânâyâma beschäftigt, müßte dies für den Lehrer, der solches öffentlich unterrichtet, ein Grund zur Beunruhigung sein, denn er wird karmisch für die dann entstehenden Schwierigkeiten seines »Schülers« verantwortlich sein.

Ich zitiere zum Thema Atmen aus einem der besten Bücher, die ich kenne: Stephan Palos, Atem und Meditation. Von Stephan Palos können weniger seriöse Autoren, »Atem- und Meditationslehrer« lernen, was Verantwortung bedeutet. Da das Buch zur Zeit vergriffen ist sei es erlaubt, einige kurze Ausschnitte wiederzugeben.
»Wir halten es für notwendig, einiges auch über die Yoga-Atemübungen zu sagen, weil sie Ähnlichkeiten mit den chinesischen Methoden aufweisen. Der größere Teil der diesbezüglichen Werke hat populärwissenschaftlichen Charakter. Unter ihnen befinden sich sicherlich manche, von denen angenommen werden kann, daß sie im guten Glauben geschrieben wurden; aber sie vermitteln die Übungen oft in einem falschen Licht und unter unrichtigen Voraussetzungen, so daß ihr therapeutischer Wert nur gering einzuschätzen, oder sogar gefährlich ist. Diese Werke verursachen meist mehr Schaden, als daß sie Nutzen bringen. Das bezieht sich besonders auf die physischen, als Hatha-Yoga bekannten Übungen. Dem Autor sind mehrere Fälle bekannt geworden, wo beispielsweise der Kopfstand zu Lähmungen geführt hat oder übertriebene Atemübungen den Tod herbeiführten. Der Laie, der damit begonnen hat, nach irgendwelchen Büchern die Übungen selbst zu praktizieren, weiß niemals, welchen unberechenbaren Weg er eingeschlagen hat.
Die atemtherapeutischen Ärzte im Westen … bestätigen im Einklang mit den Yogis, daß die Interessenten sich nur unter Anleitung eines erfahrenen Führers mit diesen Übungen beschäftigen dürfen. Ohne eine praktische Unterrichtung können die Atemübungen nicht nur für einen Kranken äußerst schädlich sein, sondern auch bei dem Gesunden zu Schäden führen. Das gilt auch für die Ausübung der Meditation.
Der Beginn der Atemübungen ist stets mit Gefahren verbunden, wenn die geeignete Führung fehlt. Solche Übungen nehmen äußere Energie auf und setzen innere Kräfte frei, die einen übermäßigen Einfluß auf den Betreffenden ausüben. Sie erheben ihn zu einer ekstatischen Erfahrung oder treiben ihn in die Tiefe der Verzweiflung. Ohne Führung können die Atemübungen gefährlicher sein als ein unüberwachter Versuch mit LSD.
Weder Akupunktur noch Atemtherapie sollten von Menschen ausgeführt werden, die nicht genügend unterrichtet sind in der traditionellen Medizin, und die keinen Sinn für Verantwortung und Berufsmoral haben. Die westliche Medizin öffnet nicht das Tor zu den Geheimnissen der orientalischen Medizin. Viele westliche Mediziner, die über dieses Thema schreiben, wissen nicht, daß Nadelstiche oder auch nur ein 10 bis 15 Sekunden andauernder Druck auf bestimmte therapeutische Zentren Gehirnschaden, Frühgeburt, selbst Tod hervorrufen können, während Mißbrauch der Atemmethoden augenblicklich zur Spaltung der Persönlichkeit führen kann … und die Einlieferung in ein Nervensanatorium notwendig macht.« Soweit Stephan Palos.

Von dem indischen Weisen Swâmî Nârâyanânanda hören wir: »Es kam ein buddhistischer Mönch zu mir, um Yoga zu lernen. Er war mit der Leitung von ungefähr vierzig Klöstern betraut. Er ging auch auf Universitäten und hielt Vorlesungen über Buddhismus. Doch das lustigste war, daß er nicht wußte, wie man meditiert. Weiterhin gab eine der großen Organisationen eine Zeitschrift heraus, in der Lektionen in Prânâyâma veröffentlicht wurden. Und im Jahre 1950 wollte einer dieser Leute von mir Prânâyâma erlernen. Er war einer von denen, die Prânâyâma-Lektionen erteilen – und er wollte Prânâyâma erlernen! Ich wurde ungehalten. Eine Stunde lang machte ich ihm Vorwürfe; ich sagte z.B.: ›Ihr Gauner, was macht ihr? Ihr lehrt Prânâyâma und könnt es nicht einmal selbst. Ihr habt Prânâyâma-Übungen an die Öffentlichkeit gebracht. Was für eine schändliche Sache!‹ Dann sagte ich: ›Heute werde ich dir gar nichts beibringen. Komme morgen oder übermorgen, dann will ich sehen.‹ Darauf bekam er Angst und kam nicht wieder. Dennoch sind sie alle große ›Gurus‹, die Prânâyâma-Lektionen erteilen usw. So geht es heute überall. So viele Gurus gibt es, große Gurus. Die Zeitungspropaganda bringt sie groß heraus – selbst das Universum erblaßt vor ihrer Größe! Schreckliche Gurus sind das. Das ganze ist ein seltsamer Spaß. Es ist eher ein Unglück. Und wieviele werden verrückt? Das wird man noch sehen müssen. Erst wenn sie tiefer gehen, werden sie verstehen.«

Da der Prânâyâma ein Haupttechnik des Kundalinî-Yoga ist, sollten auch diese weisen Worte des Psychiaters C. G. Jung (1875–1961) zum Nachdenken anregen:

Original: »One often hears and reads about the dangers of yoga, particularly of the ill-reputed Kundalini Yoga. The deliberately induced psychotic state, which in certain unstable individuals might easily lead to a real psychosis, is a danger that needs to be taken very seriously indeed. These things really are dangerous and ought not to be meddled with in our typically Western way. It is a meddling with fate, which strikes at the very roots of human existence and can let loose a flood of sufferings of which no sane person ever dreamed.« [C. G. Jung, Introduction to The Tibetan Book of The Dead]

»Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalini-Yoga. Der absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [aus: Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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»Lehren Sie Meditation?«

Nein. Eine Einweihung in die Meditation ist die spirituell größte Sache und steht nur dem Erleuchteten zu; alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit dem Karma.

Es zeugt von Unreife jemanden in die eigene geistige Welt hineinführen zu wollen. Sich anzumaßen andere Menschen zu leiten, während man im selben Ozean der Unwissenheit schwimmt, das ist die wahre Verblendung. Die Welt ist voll von selbsternannten »Meistern«, die in ihrem Halbwissen nicht verstehen wollen, was sie durch solche Aktivitäten anrichten. Der Yoga sagt: »Gib niemals ungebeten Ratschläge, und wenn dich jemand um Rat fragen sollte, überlege sorgfältig, was du äußern wirst, denn du wirst dafür karmisch verantwortlich sein. Warum mischst du dich in das Karma anderer ein, wo du deine eigenen Verstrickungen noch nicht gelöst hast?«

Yoga-Lehrer sind gut beraten, lediglich »Kursteilnehmer« zu haben, nicht »Schüler«, damit sie nicht in die Gefahr geraten, Guru zu spielen. Wohl ist es so, daß in Indien unter guru traditionell jeder Lehrer verstanden  wird; nehme ich also dort etwa Musikunterricht, bin ich Schüler eines  Gurus, selbst wenn er ein gewöhnlicher, weltlicher Mensch ist. Aber in Indien wird sorgfältig unterschieden: Es gibt viele Gurus, aber nur einen sadguru: der erleuchtete, wahre Guru. Ihm steht es zu, Führer auf dem spirituellen Pfad zu sein und Schüler anzunehmen, indem  er sie in die Meditation einweiht. Er ist der einzige der weiß, was in diesem Augenblick wirklich geschieht.

Ein Yogalehrer mag einem Kursteilnehmer rein technisch klassische Sitzhaltungen zeigen. Fünf Minuten mit geradem Rücken still zu sitzen ist eine Grundübung, die zur Disziplin des therapeutischen Yoga zählt. Das Reich der Meditation dagegen darf man nicht ohne die Hilfe eines Gurus betreten. Die Frage, warum die Welt überquillt von Unwissenden, die sich für erleuchtet halten und meinen, der Menschheit »helfen« zu  müssen, ist ein anderes Thema.

Es gibt keine unverbindliche »Einweisung« in die Meditation; sie ist eine Einweihung; ein verborgener Vorgang, bei dem es zur Karmavermischung, zur Seelenverbindung  kommt. Nur der Erleuchtete vermag ohne Schaden das schlechte Karma  seiner Schüler auf sich zu nehmen. Warum weiht dann ein gewöhnlicher Mensch Menschen ein? Wieso glaubt ein Blinder, andere Blinde führen zu können? Welche Gründe es sein mögen, sie wurzeln im »Ich« und »Mein«. Auch die ohne Anleitung durch einen wahren Meister praktizierte Meditation führt nur zum gefahrvollen teilweisen Aufstieg der Kundalinî, der die ohnehin vorhandenen Probleme auf dem religiösen Pfad  vervielfacht.

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Der Zugang zur spirituellen Welt

Jeder Mensch muß von selbst auf den für ihn richtigen Pfad gelangen, durch eigenes Wissen, vorangetrieben durch das eigene Karma. Wenn es jemandes Schicksal ist, auf diesen oder jenen Weg zu kommen, dann wird er zwangsläufig diese Richtung einschlagen; da braucht es niemanden der ihn überzeugen muß.

»Selbst der Einsichtige handelt gemäß seiner eigenen Natur. Die Wesen folgen der Natur. Was soll (angesichts dessen) die Unterdrückung (der eigenen Natur) bewirken?« (Bhagavad-Gîtâ)

»Die Wesen folgen der Natur« (= ihrem Karma) – diese tiefgründigste Aussage erklärt alle sonst unerklärbaren Dinge. Wer sie verinnerlicht hat ist nicht mehr fähig andere zu belehren, beeinflussen und überzeugen zu wollen; er hält sich sogar mit Ratschlägen zurück und kann nur den Worten von Shrî Krishna folgen: Lasse jeden tun, wozu ihn sein Karma zwingt; lasse jeden gehen, wohin es ihn treibt, während du selbst versuchst, im Geist des Yoga zu handeln! Das rechte Verstehen ist der Weg zur Erlösung, und diesen Weg muß jeder für sich gehen.

Es mag sein, daß ein kleiner Anstoß von außen hilfreich ist. Dann kann man auf mehrmalige Nachfrage eine Buchempfehlung aussprechen oder eine Adresse vermitteln. Das ist alles; jedes tiefere Eingreifen in die Seelenwelt anderer wäre von Übel.

Ich führe niemanden in die Meditation ein. Wer sich zum Spirituellen hingezogen fühlt wird nicht abgewiesen; er sollte aber verstehen daß es schwierig ist die wahre geistige Welt zu betreten, und daß ich dabei nur indirekt helfen könnte.

In der Yogaschule ist es ab und zu möglich, sich dem geistigen Yoga anzunähern: 30 Minuten stilles Sitzen (eine körperliche Disziplin, keine Meditation); danach sprechen wir beim Tee über den Yoga (60 Minuten).

Zu den 60 Minuten: Ich verspüre nicht den geringsten Drang, von meiner Seite aus irgendetwas zu sagen, beantworte aber gerne Fragen. Sollten keine Fragen da sein, dann lesen wir, um die Stunde sinnvoll zu gestalten, aus den einzigartigen Büchern von Swâmî Nârâyanânanda. Wir reden nicht über »Gott und die Welt«, nicht über persönliche Dinge (!), nicht über andere Religionen und Lehren, nur über den Yoga.

Das ist für ernsthaft Interessierte; für jene wenigen, die genau wissen was sie wollen.

Bis auf einen kleinen Beitrag für die Teekasse ist der geistige Yoga kostenlos.

Das Angebot gilt nur in Verbindung mit dem allgemeinen Unterricht; ein Vorgespräch ist vorausgesetzt.

Eines sei klargestellt: Wer sagt »Ich will meditieren, um zur Ruhe zu kommen«, der hat nicht verstanden, worum es beim spirituellen Yoga geht. Wer vom Alltag abschalten, in diesem Sinne ruhig werden will, sollte im Liegen zwanzig Minuten entspannen, oder zehn Minuten bewußt atmen, oder bei beruhigender Musik eine Tasse Tee trinken, aber gewiß nicht »meditieren«. Der wahre geistige Yoga ist der größte Streß; hier geht es um Konzentration (das Schwierigste überhaupt), Selbstbeherrschung, Askese, Verzicht; um das Elend des Kreislaufs der Geburten und Tode, um die Überwindung dieser armseligen Welt, um die Sehnsucht nach Freiheit, um das Finden eines echten Gurus; um das alles beherrschende Thema Karma, um Religion, um das Heil der Seele. Wer diese Begriffe nicht zu seinem Wortschatz zählt sollte sich nicht mit Meditation und geistigem Yoga beschäftigen.

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»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«

Nein. Der Kundalinî-Yoga ohne rechte Führung und Praxis ist der sichere Weg in den Abgrund. [Gemeint ist der alte tantrische Weg, bei dem es um das Erwachen der Urkraft geht. Die im Westen bekanntere 3HO-Lehre von Yogi Bhajan ist eine besondere Form des Kundalinî-Yoga und bedürfte einer eigenen – kritischen – Erwähnung.]

Es ist zu beklagen, daß der Kundalinî-Yoga in so vielen Yogaschulen gelehrt wird. Und typisch für unsere Gesellschaft, die nichts Heiliges mehr kennt; die sich für so aufgeklärt hält, daß Geheimnisse nichts mehr zählen. Zum Schutze der Schüler auf dem gefahrvollen geistigen Pfad war einst das Wissen von der Urkraft das Geheimnis der Geheimnisse.

Die Kundalinî ist die Urkraft der Schöpfung und damit auch die Ursache des Geistes. Im weltlichen Menschen beschränken sich die Aktivitäten der im untersten Chakra ruhenden Kundalinî auf die Versorgung von Körper und Geist mit Energie. Ihr durch ein reines Leben und durch die Übung der Konzentration bewirktes Erwachen und Aufsteigen führt den Yogin über immer höhere Ebenen des Bewußtseins zurück an den Ausgangspunkt der Schöpfung und am Ende, durch vollkommene Konzentration, in das Einswerden mit dem grenzenlosen Meer des Bewußtseins. Nach dieser Definition ist der Yoga ein tantrischer Prozeß; so wird alles genannt, was mit der Erweckung der Kundalinî zu tun hat. Da keine andere indische Lehre zu mehr Fehldeutungen geführt hat, sei festgehalten: Der wahre Yoga ist rein geistiges Tantra; hier wird als Bedingung für den spirituellen Weg die völlige Selbstbeherrschung und damit auch ein Leben in Enthaltsamkeit (Brahmacharya) gefordert.

Der Begriff Tantra sollte nicht mißverstanden werden. Durch die Aktivitäten östlicher Sekten und westlicher »Yogis« ist eine einst moralisch hochstehende Disziplin zu einem magischen Yoga verkommen. Die oft zitierte und meist mißverstandene »Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips« hat nichts mit dem grobstofflichen Akt zu tun. Sie bezieht sich auf einen geheimnisvollen, geistigen Vorgang – den Aufstieg der als weiblich betrachteten dynamischen Urkraft und ihr Einswerden mit dem als männlich angesehenen statischen Aspekt des Bewußtseins im Kopfzentrum, das Erreichen des finalen Zustands der Erleuchtung.

In allen rein lebenden Menschen wird die Urkraft wach und steigt auf, aber nur wenige wissen es. Jede Art von Yoga ist genaugenommen ein Kundalinî-Yoga, aber in den meisten Yogarichtungen und in anderen religiösen Gemeinschaften wird dieser Aspekt nicht in den Vordergrund gestellt. Gewöhnlich betrachtet man die auf dem religiösen Weg auftretenden, durch den wechselvollen Aufstieg der Urkraft bedingten Phänomene als von Gott gesandt; man ist dankbar für die guten Dinge (Zuversicht, Freude, Inspirationen, Visionen), demütig akzeptiert man die schlechten (Krankheit, Depression, Zweifel, geistige Verwirrung). Diese sympathische Haltung entzieht sich jeder kritischen Bemerkung. Auf der höchsten Ebene jedoch heißt es, wie in der Bhagavad-Gîtâ zu lesen ist: Alles Leiden verdankt der Mensch dem eigenen unreinen Geist. Gott ist das alldurchdringende Meer des Bewußtseins und hat mit Gut und Böse, mit Freude und Leid, mit dem Glück und Unglück der Lebewesen nichts zu tun. Das Wissen wird von Unwissenheit verhüllt, allein dadurch leiden die Geschöpfe.

Den Meistern des Kundalinî-Yoga verdanken wir die Erkenntnis, daß man die Urkraft aktiv, durch eigene Bemühung lenken und zu ihrem Ursprung zurückführen kann. Sie offenbarten die verborgenen Zusammenhänge zwischen der Urkraft und dem Körper, dem Atem, dem Geist. Mittels bestimmter Körperhaltungen, Atemtechniken und psychischer Methoden ist es möglich, auf die Kundalinî einzuwirken.

Solche Techniken bezeichnet man als Kundalinî-Übungen, um sie von den anderen, rein gesundheitlichen Aspekten des Yoga zu unterscheiden. Zu den Kundalinî-Übungen gehören der Prânâyâma einschließlich der Mudrâs und Bandhas, die Konzentration und auch einige Körperstellungen (Âsanas).

Das Erwecken der Urkraft ist mit Gefahren verbunden und darf nur von intensiv Übenden im persönlichen Kontakt mit einem wahren Guru erlernt werden. Wer ist ein intensiv Übender? Ein völlig Gesunder mit widerstandsfähigem Körper und Geist, ein zurückgezogen und in Enthaltsamkeit Lebender; einer, der ein reines und heiliges Leben führt, ständig das höchste Ziel vor Augen. Wer von uns im geschäftigen, nach außen gerichteten Westen kann sich dazu zählen? Die meisten Menschen, die sich leichtfertig mit Übungen zur Erweckung der Urkraft beschäftigen, wissen wenig von den Gefahren, die durch ihr zu frühes und unbeherrschtes Erwachen drohen. Sie gleichen Kindern, die mit Rasierklingen spielen. In ihrer Naivität sind sie unschuldig, aber sie werden weinen, sobald sie sich verletzt haben. Soll man Kinder kritisieren? Nein; man darf aber jene »Meister« tadeln, die durch das öffentliche Lehren solcher Techniken sich und andere schwache Menschen ins Unglück treiben. »Schwach« bedeutet: Das Ego solcher Meister und ihrer Schüler, ihr falsches Selbstbewußtsein ist stark; ihre Kraft zur Unterscheidung, ihr guter Wille zur Einsicht und daher ihr Charakter sind schwach.

»Wieso Unglück«, wird oft entgegnet, »ich arbeite mit der Kundalinî, und mir geht es gut!« Nun, alles hat seine Zeit. Die ersten Erlebnisse sind schön und erfüllend, aber irgendwann kommt die Reaktion des Geistes, und dann wird man sehen. Das wahre Glück, sagt uns die Bhagavad-Gîtâ, schmeckt am Anfang wie Gift, und erst am Ende wie Nektar. Das schwankende, täuschende Glück schmeckt am Anfang wie Nektar, und am Ende ist es Gift. Die Erweckung der Urkraft ist, so lesen wir in den Schriften, der schnellste aller religiösen Wege; er führt direkt zum Himmel oder direkt in die Hölle.

Wie kann das sein? Weil es eine rechte und eine unrechte Art gibt, die Urkraft zu erwecken. Was ist recht? Ein reines Leben unter Führung eines wahren Gurus; unter ständiger Achtsamkeit, das Ego nicht wachsen zu lassen; das Verwerfen von Ehre und Ruhm (daß man etwa der Versuchung widersteht, selbst ein Guru zu werden und andere in Prânâyâma und Meditation einzuweihen); das Ablehnen der Wunderkräfte, welche man durch den Aufstieg der Kundalinî erhält (dies schließt mit ein, daß man nicht zum Geistheiler, Hellseher und ähnliches wird) … Was ist unrecht? Daß man die Kräfte des Yoga benutzt, um die Sinnenfreuden intensiver erleben zu können; daß man aufgrund kleinerer Erkenntnisse meint, die Wahrheit gefunden zu haben und sie verkünden zu müssen; daß man im Wunsch, der Menschheit zu »helfen«, Schüler annimmt, obwohl man selber so gut wie nichts erreicht hat; daß man die erlangten übernatürlichen Fähigkeiten mißbraucht, indem man Kranke energetisch-geistig »heilt« und ähnlichen Aktivitäten nachgeht. Das Ego, sagen die indischen Weisen, ist die Wurzel allen Übels, und solange diese Wurzel nicht vernichtet ist, gibt es keine Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten und Tode.

Kundalinî-Übungen gehören nicht an die Öffentlichkeit, und ein Lehrer des Yoga oder anderer geistiger Disziplinen, der sich nicht an diesen Grundsatz hält, verstößt gegen die alten ethischen Prinzipien. In meinem Buch über den Hatha-Yoga werden zwar einige Kundalinî-Übungen genannt, aber nicht erklärt, wobei eine strikte Trennung zwischen den Wirkungsbereichen nicht immer einfach ist. Die Kobra dient in normaler Ausführung der Gesundheit; zudem wird sie traditionell über längere Zeit mit einer bestimmten Art des Atmens gehalten, dann beeinflußt sie die Kundalinî. Auf solche Dinge wird genau eingegangen, um Mißverständnisse zu  vermeiden.

Ich lese (Oktober 2007) in einer Karlsruher Zeitung folgende Anzeige: »Yogameister XY in Karlsruhe. Der bekannte Verfasser mehrerer Yoga-Fachbücher lädt zum aktiven Mitmachen von speziellen Atemübungen (Prânâyâma) ein, welche einen wichtigen Stellenwert zur Energieerweckung (Kundalinî) im Yoga haben.« Und ich bin wieder einmal sprachlos. Im alten Indien wäre so etwas nicht möglich gewesen.

Von dem Psychiater C. G. Jung (1875–1961) hören wir diese weisen Worte: 

Original: »One often hears and reads about the dangers of yoga, particularly of the ill-reputed Kundalini Yoga. The deliberately induced psychotic state, which in certain unstable individuals might easily lead to a real psychosis, is a danger that needs to be taken very seriously indeed. These things really are dangerous and ought not to be meddled with in our typically Western way. It is a meddling with fate, which strikes at the very roots of human existence and can let loose a flood of sufferings of which no sane person ever dreamed.« [C. G. Jung, Introduction to The Tibetan Book of The Dead]

»Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalinî-Yoga. Der absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [aus: Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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Hinweise zum Üben

Was muß man beim Üben am meisten beachten?
Daß man sehr langsam und bewußt übt; daß die Gedanken bei dem sind, was man im Augenblick tut. Auf diese Weise wird man immer richtig üben und sich nie verletzen. Nichts ist im Yoga wichtiger als das unablässige Spüren. Das tut auch dem Geist gut, denn es fördert die Konzentration und bringt ihm daher Ruhe. Langsam und bewußt – die zwei großen Begriffe in der Yogapraxis!

Soll man das im Kurs Erlernte daheim weiterüben?
Unbedingt. Wer nur einmal in der Woche praktiziert nutzt die Stunde in der Yogaschule zum reinen Üben und zum Entspannen. Das ist natürlich gut. Perfekt aber wäre: Ich nutze den Unterricht mehr zum  Lernen – und praktiziere fleißig das Erlernte zu Hause.

Wie oft pro Woche sollte man üben?
Am besten täglich. Angesichts von soviel Streß und Zeitknappheit heutzutage ist ein dreimaliges Üben pro Woche auch sehr gut, jeden zweiten Tag 30  Minuten lang. Die wichtigsten aller Gesundheitsübungen, Uddîyâna und Mûla-Bandha, sollte man aber täglich praktizieren, das dauert nicht länger als drei Minuten. Dasselbe gilt für die außerordentlich wichtige  Nasenspülung, welche in zwei Minuten erledigt ist. Die Reinigungen sind  generell wichtiger als die Âsanas.

Welche von den vielen Übungen soll man machen?
Jene, die man gerade braucht. Bei Kreuzschmerzen wird eine Schulterübung wenig  bringen; bei Hüftarthrose benötigt man Übungen für das Hüftgelenk; will man Ruhe, sollte man zehn Minuten atmen … Dieses Prinzip gilt für den Fall, daß man nur 15–30 Minuten Zeit hat. Wer über mehr Zeit verfügt, sollte eine komplette Übungsserie durchgehen, wie »die große Gelenkrunde« (für alle Gelenke des Körpers), oder die Schulterserie, oder …

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»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«

Weil es für Kinder nichts Unnatürlicheres gibt als den traditionellen Hatha-Yoga.

Die außerordentlich langsam und ganz bewußt ausgeführten Bewegungen in den Âsanas, insbesondere das für den Yoga typische stille Verharren, ebenso die absolut ruhigen, konzentrierten Atemübungen stehen im völligen Gegensatz zur Natur des Kindes. Kinder müssen spielen, rennen, kämpfen, sich austoben, sich körperlich erschöpfen können. Sport von der Art des Fußballs und anderer Spiele im Freien, dynamische Dinge eben, die körperlich sehr fordernd sind, das tut Kindern gut. Man mag einwenden: »Der (überall angebotene) Kinder-Yoga ist ja spielerisch, dynamisch, er macht ihnen Spaß; und die Förderung der Konzentration tut den Kindern gut.« Das stimmt; aber den wahren Sinn des Hatha-Yoga können weder Kinder noch Jugendliche verstehen. Die Schulung der Konzentration ist für Kinder extrem wichtig; sie soll jedoch in anderer Form gelehrt werden, nicht in Verbindung mit dem Hatha-Yoga.

Körperliche Dynamik gepaart mit der Schulung der Konzentration – die ideale Disziplin dafür ist der Kampfsport; nichts ist für Kinder und Jugendliche (männlich und weiblich) besser geeignet als Karate, Taekwondo, Kungfu.

Man mag weiter einwenden: »Kinder leiden heute viel an Haltungsschäden, also ist der Hatha-Yoga doch gut?« Diese Schäden sind auffallend und müssen korrigiert werden, aber nicht durch den Yoga, sondern mit Hilfe anderer Übungen. Erneut: Der körperliche Teil des Hatha-Yoga (die Âsanas und die Atemübungen) steht im Widerspruch zur kindlichen Natur.

Auch die Jugendlichen (ab 12) und die jungen Menschen (ab 18) verstehen gewöhnlich den Hatha-Yoga nicht. Manchmal verirrt sich ein 20jähriger in einen Yogakurs, aber man sieht es ihm an: Er langweilt sich, der Sinn der Übungen will sich ihm nicht erschließen. Ausnahmen von dieser Regel gibt es, und sie erklären sich durch das Karma.

Attraktiv wird der Hatha-Yoga ab 35, 40 Jahren. Erste größere Beschwerden und Leiden kommen; ihre Linderung und Heilung mit Hilfe geeigneter Übungen wird dankbar wahrgenommen – erst jetzt wird der Yoga verstanden.

»Der Hatha-Yoga ist das zufluchtgewährende Kloster für die von Schmerzen Geplagten.« Besser als mit diesen Worten einer alten Schrift kann man es nicht sagen. Anders ausgedrückt: Kindern, Jugendlichen, jungen gesunden Frauen und Männern wird sich das Geheimnis des Hatha-Yoga nicht enthüllen, denn er entspricht nicht ihrer momentanen Natur.

Auf die Frage »Die sportlichen Stile wie der Power-Yoga sind dynamisch und damit doch für Kinder geeignet?« wäre zu antworten: Ja, aber was hat Power-Yoga mit dem traditionellen Hatha-Yoga zu tun? Nicht alles was aus Amerika kommt ist ein Fortschritt.

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Die tägliche Übung

Ohne tägliches, systematisches Praktizieren können die Übungen ihre Wirkungen nicht wirklich entfalten. Dieser Satz möge Menschen die nur gelegentlich üben nicht demotivieren; es soll nur gesagt sein, daß man bei mangelnder Praxis nicht herausfinden wird, welches Potential im Hatha-Yoga steckt.

»Gibt es eine Übung gegen mein Problem?« – wie oft wird dies gefragt. Wir haben uns über Jahre ein Leiden zugezogen; jetzt soll es durch wenige Minuten Übung verschwinden: allein der Gedanke ist absurd.

Es mag sogar sein, daß bei manchen Beschwerden eine einzige Übung genügt, aber die Sache hängt an dem immer selben Haken: Regelmäßigkeit und Intensität. Wie oft klagen Kursteilnehmer: Die empfohlene Übung hat bei meinem Problem nicht geholfen – und wie oft stellt sich heraus, daß der Grund dafür einzig in der mangelnden Arbeit zu finden war. Es gibt Menschen die erwarten, daß ihre seit langem bestehende schmerzhafte Schultersteife mit 5 Minuten Übung pro Woche verschwindet; daß die der Kobra zugesprochene Heilung der meisten Unterleibsleiden eintritt, wenn diese ja nur wenige Sekunden dauernde Übung jeden dritten Tag einige Male gemacht wird. Solchen Menschen kann man entweder weiterhin schöne Träume wünschen, oder ihnen ans Herz legen: Je mehr guten Willen und Zeit man investiert, desto mehr bekommt man zurück. Nur durch tägliche Übung wird sich die tiefgreifende Macht des Hatha-Yoga enthüllen.

Die in den Schriften versprochenen Wirkungen sind keine »indischen Übertreibungen«, wie es oft aus Enttäuschung heißt. Bei ausbleibendem Erfolg laute die Frage: Lag es an der Übung oder am Übenden? Auf das letzte kommt nur der selbstkritische Geist. Die meisten gehen den bequemen Weg: »Die Methode hat mir nichts gebracht? Ich suche eine andere. Yoga? Das habe ich auch schon drei Monate gemacht.« Das ist der Mensch des Westens: drei Monate Yoga, drei Monate Qigong, ein Intensiv-Wochenende (!) Atmung und Meditation. Kennen tun wir alles, können nur wenig.

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Traditioneller, klassischer Yoga

Traditionell hat die Bedeutung: ursprünglich, überliefert, nicht dem Zeitgeist angepaßt. Das deutlichste Merkmal des Geistes ist: Er hält es nie längere Zeit bei einer Sache, bei einem Gedanken aus. Ununterbrochen sucht er neue Eindrücke und Reize, unaufhörlich springt er von einem Gedanken zum anderen. Nur mit dieser Natur des Geistes ist  zu erklären, warum es unter anderem ständig neue Formen des Yoga geben muß, denn das Alte ist ja so quälend langweilig. Yoga bedeutet Einfachheit, aber gerade die Einfachheit ist für viele Menschen das größte Hindernis.

Der Geist hat vier Grundeigenschaften: Denken, Fühlen, Wollen (Handeln), Sich-Sammeln (Konzentrieren); eine davon ist meist vorherrschend. Entsprechend wurde von den Meistern der Yoga in vier Arten eingeteilt: Die Denker gehen den Weg des Jñâna-Yoga – die Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen, zwischen Licht und Dunkelheit, um so zur höchsten Wahrheit zu gelangen. Menschen, in denen die Fähigkeit des Fühlens vorherrscht, gehen den Weg des Bhakti-Yoga – der Weg des Herzens, der Hingabe an das göttliche Ideal. Jene, die es zur Handlung treibt, gelangen über den Weg des Karma-Yoga zum Ziel – die Arbeit um der Arbeit willen, ohne das Verlangen nach den Früchten dieser Arbeit, ohne den Gedanken an eine Gegenleistung, an Gewinn und Lob. Für jene, deren Stärke das Sich-Sammeln (die Konzentration) ist, gibt es den Râja-Yoga, den Weg der Beherrschung der Wünsche, Gedanken, Emotionen. Vier Eigenschaften, vier Wege – das ist klassisch. Wieviele Yogas gibt es angeblich noch? Laya-Yoga, Siddha-Yoga, Kundalini-Yoga, Tantra-Yoga, Mantra-Yoga, Dhyana-Yoga … Und in Bezug auf die Gesundheit: Früher gab es den Hatha-Yoga; heute liest man von: Aku-Yoga, Luna-Yoga, Flow-Yoga, Ayur-Yoga, Vinyasa-Yoga, Chi-Yoga, Yin-Yoga, Tri-Yoga, Jivamukti-Yoga, Anusara-Yoga, Power-Yoga, Hormon-Yoga … Mit dem Alten, mit dem Einfachen geben sich wenige zufrieden.

Traditionell hat eine weitere Bedeutung. In alter Zeit war es verboten, den Prânâyâma öffentlich zu lehren; wieviele Yogalehrer halten sich heute an diese wichtige Vorschrift? Einst galt es als Verfehlung jemanden in die Meditation einzuweihen, solange man selbst nicht den Zustand der Weisheit erreicht hatte; wieviele Yoga- und Meditationslehrer gibt es heute, die sich daran halten? Einst bemühte man sich als Wanderer auf dem spirituellen Pfad um die Enthaltsamkeit; heute erzählen uns »Fachleute«, daß die alte Regel des Brahmacharya überholt ist. Das geistige Heilen ist gängig in vielen esoterischen Richtungen, auch im modernen Yoga; die echten Meister dagegen warnten in alter Zeit davor, weil dies ein gefährlicher Mißbrauch übernatürlicher Kräfte ist.

In diesem Sinne: Die Bezeichnung traditioneller Yoga weist auf das ursprüngliche, den alten Regeln entsprechende System hin.

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Wieviele Übungen gibt es?

Zahlenmäßig am größten sind die Körperstellungen (Âsanas), zwei- bis dreihundert. Therapeutisch bedeutsam sind etwa dreißg; der Rest befriedigt mehr den sportlichen Ehrgeiz. Das soll keine Abwertung sein; man muß nur wissen, wofür man seine Zeit und Energie aufwenden will. Zu den Körperübungen zählen auch die verschiedenen Formen der Entspannung.

Die Atemübungen sind zweifach: der Prânâyâma und das fließende Atmen. Klassische Prânâyâmas gibt es acht; ihr großes Ziel ist das Erwecken der Urkraft, damit gehören sie nicht an die Öffentlichkeit. Als therapeutisches Atmen betrachte ich nur das fließende Atmen, etwa ein dutzend Übungen.

Die Reinigungsverfahren Kriyas) sind wichtiger als die Âsanas. Auch bei Zeitknappheit praktikabel sind die Reinigung der Zunge (täglich, wenige Sekunden); die Spülung der Nase (täglich, drei Minuten); der kleine Einlauf (mehrmals wöchentlich, wenige Minuten); die Feuerreinigung des Darmes (täglich, fünf Minuten); die große Wasserreinigung des Darmes (einmal im Jahr, einen halben Tag).

Psychische Techniken gibt es viele, das ist das große Thema des Yoga. Sie können eingeteilt werden in: 1. Übungen zur Selbstbeherrschung (nicht klagen; nicht kritisieren; nicht von sich sprechen; keine Ratschläge erteilen; usw.); 2. Übungen zur Autosuggestion (die Verwandlung des Geistes zu positivem Denken, zur Fähigkeit der Selbstheilung bei Krankheiten, usw.). Diese zwei Arten werden auch zum Hatha-Yoga gezählt. 3. Die zum spirituellen Yoga gehörenden Techniken zur Entwicklung der willentlichen Konzentration auf einen Punkt. »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes« (Yoga-Sûtra). Konzentration – das ist die Essenz des Yoga; und Techniken zur Gewinnung dieser Fähigkeit gibt es verschiedene, abgestimmt auf den Charakter, auf die Vorlieben, auf die geistigen Fähigkeiten des Übenden.

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Diese Seite wurde am 24.09.2018 zuletzt geändert.

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