Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Geistiges

 

Vermischtes
Bhaja-Govindam (Shrî Shankarâchârya)
Die Essenz des Yoga (Maitrî-Upanishad VI. 34)
Gurvashtakam (Shrî Shankarâchârya)
Nicht-Selbst und Selbst (Chândogya-Upanishad VIII. 7)
Die Essenz der Bhagavad-Gîtâ (VIII. 7)
Erhebe dich! Erwache! (Katha-Upanishad I. 3)
Der Friedensmantra »pûrnam adah …« (Îsha-Upanishad)
Eine Mahnung (Kularnava-Tantra)
Der entscheidende Satz
Der Guru
Zehntausend Jahre Mantra-Japa
Will der Mensch nicht frei sein?

 

 

Vermischtes

»Verliere niemals die Hoffnung. Sei voll von hohen Hoffnungen und halte dich an hohe Ideale. Habe unendlichen Glauben – Glauben an dich, Glauben an Gott, Glauben an die Worte deines Meisters und Glauben an die Heiligen Schriften. Schaue niemals auf dich herab. Grüble niemals über deine Schwächen, Nachteile, Sünden und Abstürze. Bist du heute ein Sünder, kannst du morgen ein Heiliger sein, wenn du nur willst. Selbstvertrauen wird dich mit unendlicher Kraft und Stärke füllen. Gute Gedanken und edle Taten werden dich groß machen; unrechte Wünsche, Gedanken und Handlungen lassen dich tiefer sinken. Die Welt ist nichts als eine Projektion deines eigenen Geistes. Wie du denkst, so wirst du.« [Shri Swami Narayanananda, aus The Secrets of Mind-Control]

»Der Yogin übe dies(en Yoga) im Geheimen, an einem einsamen Ort, ohne die Gesellschaft von Menschen. Um den Schein zu wahren, bleibe er in der Gemeinschaft, sei aber mit dem Herzen nicht in ihr. Er vernachlässige nicht die Pflichten seines Berufes und Standes, erfülle sie jedoch nur als ein Werkzeug Gottes, ohne an ihnen zu haften. Wenn er so handelt, lädt er keine Schuld auf sich. Auch Ehemann und Ehefrau können durch verständiges Befolgen dieser Methode die Vollendung erreichen, daran ist kein Zweifel. Inmitten der Familie lebend, stets seine familiären Pflichten (ohne Anhaftung) erfüllend, erlangt, wer frei von Verdienst und Schuld ist und seine Sinne beherrscht, die Erlösung.« [Shiva-Samhitâ]

»Sogenannte Intelligenz ist in ihrer Begrenztheit nur ein anderer Name für Unwissenheit. Wenn ein Mensch das wahre Wissen erlangen und alle Geheimnisse enträtseln will, gebe er sich dem Wissen um Gott hin.« [Swami Brahmananda]

»Kannst du um Ihn weinen mit intensiver Sehnsucht? Die Menschen vergießen eimerweise Tränen für Kinder, Frau, Geld, usw.; wer aber weint um Gott?« [Shri Ramakrishna]

»In wen alle Begierden eingehen so wie in den Ozean – sich ständig füllend (dennoch) ruhig verharrend – die Wasser eingehen, der erlangt den Frieden; nicht (aber) der nach Wünschen Begehrende. Der Mensch, der alle Begierden aufgibt, der ohne Verlangen (nach Genuß und Macht) lebt, ohne den Gedanken an das ›Ich‹ und ›Mein‹ – er erlangt den Frieden.« [Bhagavad-Gîtâ]

»Wenn die Menschen mit ihrem Geist ebensosehr an Gott hingen wie sie an den Sinnesobjekten hängen, wer würde dann nicht aus der Gefangenschaft (im Samsâra) befreit?« [Maitrî-Upanishad]

»Wir können unser Leben an tausend einfachen Dingen erproben, etwa daran, daß dieselbe Sonne, die meine Bohnen zur Reife bringt, gleichzeitig ein System von Erden wie die unsrige beleuchtet. Hätte ich mich daran erinnert, wären einige Irrtümer vermieden worden. Eine solche Einsicht besaß ich nicht, als ich sie hackte. Wie wundervoll sind die Dreiecke, deren Spitzen von Sternen gebildet werden! Wieviele verschiedene und voneinander entfernte Wesen betrachten sie im selben Augenblick aus den unterschiedlichen Wohnungen des Universums!« [Henry David Thoreau]

»Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der günstige Augenblick ist flüchtig, die Erfahrung ist trügerisch, das Urteil ist schwierig.« [Hippokrates]

»Es gibt zu viele Intellektuelle auf der Welt / Die haben ausgiebig studiert und wissen einfach alles / Doch kennen sie ihr ursprüngliches Wahres-Wesen nicht / Und wandeln fern, so fern vom WEG! / Wie eingehend sie auch die Wirklichkeit erklären / Was nützen denn alle die leeren Formeln? / Wenn du ein einzig mal dein Selbst-Wesen erinnerst / Dann tut sich dir des Buddhas Einsicht auf.« [Han Shan]

»Lebe im Verborgenen!« [Epikuros]

»Die Verehrung des Weisen ist ein großes Gut für die, die ihn verehren.« [Epikuros]

»Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Schreibtisch, erschrak aber als ich feststellte daß sie tägliches Abstauben benötigten, während der Hausrat meines Geistes noch ganz unabgestaubt war, und angewidert warf ich sie zum Fenster hinaus.« [Henry David Thoreau] 

»Geht man nicht aus der Tür, kennt man die Welt. Blickt man nicht aus dem Fenster, sieht man des Himmels Weg. Je weiter man ausgeht, desto weniger kennt man.« [Lao Tse]

»Wer zur Quelle gehen kann geht nicht zum Wassertopf.« [Leonardo da Vinci]

»Eine tugendhafte, aber alleinstehende und führerlose Seele gleicht einer brennenden Kohle; anstatt sich mehr zu entzünden, erkaltet sie.« [Juan de la Cruz]

»Die Gnade des Meisters trägt mehr zur Selbstverwirklichung bei als Lehren, Vorlesungen, Meditation, usw. Diese sind nur zweitrangige Hilfen, während die Gnade des Meisters die erste und wesentliche Ursache ist.« [Shri Ramana Maharshi]

»Das eine ist das Gute, das andere ist das Angenehme; beide führen zu verschiedenen Zielen. Wer sich an das Gute hält wird gut; wer das Angenehme wählt verliert das Glück.« [Katha-Upanishad]

»Dreifach ist das Tor zur Hölle, das zur Selbstzerstörung führt: Wollust, Zorn und Gier. Darum gebe man diese drei auf! Der Mensch, der von diesen, den drei Toren zur Finsternis, sich befreit hat, wirkt für sein Heil und geht den höchsten Weg.« [Bhagavad-Gîtâ]

»Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr. Der Gute redekünstelt nicht, der Redekünstler ist nicht gut. Der Erkennende ist nicht vielwissend, der Vielwisser erkennt nicht. Der heilige Mensch sammelt nicht an. Je mehr er für die Menschen tut, desto mehr hat er. Je mehr er den Menschen gibt, desto viel mehr hat er. Des Himmels Weg ist, wohltun und nicht schaden. Des heiligen Menschen Weg ist, tun und nicht streiten.« [Lao Tse]

»Es gibt drei Wege (zur Erkenntnis): Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste; zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste; drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.« [Kungfutse]

»Gemessen am Zweck der Natur, ist Armut ein Reichtum; Reichtum aber, der keine Grenzen kennt, ist große Armut.« [Epikuros]

»So wie man denkt, so wird man; das ist das ewige Geheimnis!« [Maitrî-Upanishad ]

»Eine Philosophie, die nicht imstande ist die Leiden der Seele zu heilen, ist nur leeres Geschwätz und ebenso sinnlos wie eine Heilkunst, die es nicht ver­mag Krankheiten aus dem Körper zu vertreiben.« [Epikur]

»Es ist erstaunlich zu sehen wie man es in unseren Tagen treibt. Man trifft nicht selten Seelen, die kaum für ein paar Pfennige geistliches Verständnis haben, und sobald sie bei Gelegenheit einer Betrachtung irgend etwas wahrnehmen, dasselbe alsogleich als göttliche Ansprache bezeichnen. Und da sie dies wirklich glauben, sagen sie: Gott hat zu mir dies und jenes gesprochen, Gott hat mir dies zur Antwort gegeben. Das ist aber durchaus nicht der Fall, sondern sie selbst geben sich Antwort, weil sie eben darnach Verlangen tragen.« [Juan de La Cruz]

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BHAJA-GOVINDAM von Shri Shankaracharya

Eine Hymne gegen die Verschwendung von Zeit und Energie

Übersetzung aus dem Sanskrit: ©2012 Helmuth Maldoner (Swami Ramananda)

Dieses unsterbliche Werk wird auch genannt Moha-Mudgara »der Hammer (mudgara) der die Verblendung (moha) zerschmettert«. 

Zur Entstehung des Bhaja-Govindam
Shri Shankara hielt sich einst auf einer Wallfahrt in Kâshî (Varanasî, Benares) auf. Dort ging er eines Morgens in Begleitung seiner Schüler zum Ganges, um ein Bad zu nehmen. Auf dem Weg hörte er eine Stimme, die Rezitation von Grammatikregeln der Sanskritsprache. Er ging der Stimme nach und traf auf einen alten Gelehrten, der eifrig dabei war die Aphorismen des Pânini aufzusagen, des größten Grammatikers Indiens. Dies bewegte Shri Shankara, und er wurde von Mitleid erfüllt angesichts der Ignoranz eines Gelehrten, dem selbst im hohen Alter, bei der wenigen noch vorhandenen Zeit und Energie, eine intellektuelle Leistung wichtiger war als die Grundfrage nach dem Sinn des Lebens und nach der Befreiung aus der Gefangenschaft im Samsâra. Wir verschwenden die kostbare menschliche Geburt für Weltliches, für den Genuß der Sinne, das ist der Lauf der Dinge. Je näher aber der Zeitpunkt des Abschieds kommt, desto mehr sollte der Gedanke an das Heil der Seele überwiegen; etwas anderes wird aus spiritueller Sicht als Sinnlosigkeit und Torheit bezeichnet. So richtete sich Shri Shankara an den Alten und begann mit den berühmten Worten: »Gib dich Gott hin, du törichter Geist! Ist die Zeit des Todes gekommen, können dich Grammatikregeln gewiß nicht retten …« Das dann Folgende empfindet mancher als harsch, aber das Mitleid großer Meister äußert sich oft in einer donnernden Ausdrucksweise, die eine wirkliche Wende im Geist bewirken soll.

Zur Übersetzung von Vers 1
GOVINDA ist einer der vielen Namen von Shri Krishna und bedeutet bei Shankaras universaler Aussage Gott, das alldurchdringende »uranfängliche Wesen, aus dem das ewige Werden hervorströmt« (Bhagavad-Gîtâ). BHAJ = lieben, verehren, sich hingeben. Im Deutschen liest man für »bhaja Govindam« einstimmig »verehre Govinda«, was eventuell nicht umfassend genug ist. Von Shri Krishna wird in der Bhagavad-Gîtâ gesagt: »Jene die Mich verehren, indem sie alle Handlungen Mir weihen, mich als Höchstes ansehen, mit auf nichts anderes gerichteter Hingabe über Mich meditieren – diesen, o Arjuna, werde ich zum Retter aus dem Ozean des tödlichen Samsâra!« Richte deinen Geist auf Gott / gib dich Gott hin – das ist die sinnvollste Wiedergabe. MÛDHA = töricht, betört, verwirrt, verblendet, dumpf, kein klares Bewußtsein habend. »Du Narr, du Tor« – Shankaras Wortwahl ist nicht eine Beleidigung eines alten Lehrers, vielmehr die in ihrer Energie liebevolle Aufforderung, die Dinge endlich in der gebotenen Klarheit zu sehen.

Die universale Bedeutung des Bhaja-Govindam
Wer Shankaras Worte einzig an den Gelehrten gerichtet glaubt, wird das wundervolle Gedicht mißverstehen. Spätestens beim zweiten und dritten Vers kämen dann Zweifel auf, da dort vom Hängen am Reichtum und von der Wollust die Rede ist – Dinge, denen der Alte vermutlich entwachsen war. Belehrungen der Meister, selbst wenn sie dem Einzelnen gelten, sind universale Wahrheiten. Man kann seine Zeit mit diesem und jenem, mit so vielem verschwenden. So steht hier »Grammatikregeln« für »nutzloses Wissen«; nutzlos, weil es das Rätsel des Lebens nicht lösen kann. Und Shri Shankara nutzt den Moment, um noch Anderes zu nennen, was ein Finden des Selbst verhindert.

Wenn im dritten Vers drastisch von der Anziehungskraft des weiblichen Körpers gesprochen wird sollte man bedenken, daß der Text über tausend Jahre alt ist. Es sind nicht nur die Männer in Gefahr, sich in den Freuden der Sinne zu verlieren; Brahmacharya, ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit, gilt für beide Geschlechter. Es gilt, den Geist des Geschriebenen zu verstehen. Wenn Shri Ramakrishna vor den beiden Gefahren »Frauen und Gold« warnte, war das eine damals bekannte und beliebte Redewendung. Wirklich gemeint sind jedoch nicht die Frauen und das Gold, sondern die Wollust und das Hängen am Materiellen. Die Botschaft der Bhagavad-Gîtâ lautet: »Dreifach ist das Tor zur Hölle, das zur Selbstzerstörung führt: Wollust, Zorn und Gier. Darum gebe man diese drei auf! Der Mensch, der von diesen, den drei Toren zur Finsternis, sich befreit hat, o Arjuna, wirkt für sein Heil und geht daher den höchsten Weg.«

 

bhajagovindam bhajagovindam govindam bhajamûdhamate | 
samprâpte sannihite kâle nahi nahi rakshati dukriñkarane || 1
||

bhaja = gib dich hin, richte deinen Geist auf … govinda = Gott; mûdha = verwirrt, dumpf, kein klares Bewußtsein habend, dumm, töricht, verblendet; mûdhamate = du törichter Geist; samprâpta = (wenn du) erreicht (hast); sannihita = in der Nähe befindlich, bevorstehend, die Gegenwart, das Herankommen; kâla = der Zeitpunkt (des Todes); nahi = na = nicht; hi = gewiß, wahrlich; rakshati = behütet, schützt, rettet (dich); dukriñkarana = eine Grammatikformel aus Pâninis Buch

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott, auf Gott richte den Geist, du Tor! | Ist der Zeitpunkt des Todes gekommen, können dich Grammatikregeln gewiß nicht retten. || 1 ||

 

mûdha jahîhi dhanâgamatrishnâm kuru sadbuddhim manasi vitrishnâm | 
yallabhase nijakarmopâttam vittam tena vinodaya chittam || 2 ||

bhajagovindam bhajagovindam …  (Vers 1 wird als Refrain wiederholt; entweder halb bis | oder ganz)

mûdha = Narr; jahîhi = jahi = gib auf; iha = hier auf Erden; dhanâgamatrishnâm = trishnâ = den Durst, die Gier, das Verlangen; âgama = Erwerb; dhana = Besitz, Reichtum;   kuru = tue, mache; sadbuddhim = sat = gut, rein, heilig; buddhi = Bewußtsein; manasi = im Geist; vitrishnâ = frei von Gier; yallabhase = yat = was immer; labhase = du erhältst; nijakarmopâttam = nija = eigen; karma = Werk, Handlung; upâtta = erhalten; vitta = Besitz, Habe; tena = so, auf diese Weise, dadurch; vinodaya = unterhalte, vergnüge dich, sei zufrieden damit; chitta = Geist 

O Narr! Gib hier auf Erden den Durst nach Erwerb von Besitz auf; frei von Gier, fülle den Geist mit heiligen Gedanken. | Sei zufrieden mit dem, was dir als Frucht der eigenen Handlungen zukommt. || 2 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott  (Vers 1 wird als Refrain wiederholt; entweder halb bis | oder ganz)

 

nârîstanabhara nâbhîdesham drishtvâ mâgâmohâvesham |
etanmâmsâvasâdi vikâram manasi vichintaya vâram vâram || 3 ||

bhajagovindam bhajagovindam  

nârîstanabhara = nârî = Frau; stana = Brust; bhara = ernährend, erhaltend, voll (mit Milch); nâbhîdesham = nâbhi = Nabel; desha = Ort, Gegend; drishtvâ = gesehen habend; mâgâmohâvesham = mâ = nicht;= gehen, sich begeben zu; moha = Verblendung, Betäubung; âvesha = Benommensein, Ergriffensein; etanmâmsâvasâdi = etad = dies; mâmsa = Fleisch; vasâ = Fett; adi = und so weiter, und anderes, und dergleichen; vikâra = Produkt, Erzeugnis, Umwandlung, Veränderung; manasi = im Geist; vichintaya = denke nach; vâram vâram  = wieder und wieder, häufig, oft

Laß dich nicht ergreifen von der Verblendung (der Lust), wenn du die vollen Brüste und den Nabel der Frauen siehst. | Der Körper ist eine Zusammensetzung von Fleisch, Fett und anderem. Denke darüber nach, wieder und wieder. || 3 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

 

nalinîdalagata jalamatitaralam tadvajjîvitamatishayachapalam |
viddhi vyâdhyabhimânagrastam lokam shokahatam cha samastam || 4 ||

bhajagovindam bhajagovindam

nalinîdalagata = nalinî = Lotusblume; dala = Blatt; gata = gegangen, befindlich; jalamatitaralam = jala = Wasser; ati = überaus, sehr; tarala = schwankend, zitternd, unbeständig; tadvajjîvitamatishayachapalam = tadvat = ebenso, gleichfalls; jîvita = Leben; atishaya = überaus, sehr, in hohem Grad; chapala = schwankend, unstet, beweglich; viddhi = wisse; vyâdhyabhimânagrastam = vyâdhi = Krankheit; abhimâna = Eigendünkel, Hochmut, Wahn; grasta = verzehrt, geschluckt, gefressen, ergriffen, gepackt; loka = die Welt; shokahatam = shoka = Kummer, Schmerz; hata = geschlagen, getroffen, geplagt von, leiden an; cha = und; samasta = alle, ganz, insgesamt

Wie ein auf dem Lotusblatt schwankender Wassertropfen, ebenso höchst unbeständig ist das Leben. | Erkenne daß die ganze Welt von Krankheit, Selbstsucht und Kummer verzehrt wird. || 4 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

 

yâvadvittopârjana saktah tâvannija parivâro raktah |
pashchâjjîvati jarjara dehe vârttâm ko'pi na pricchati gehe || 5 ||   

bhajagovindam bhajagovindam

yâvadvittopârjana = yâvat = so lange als, wie weit; vitta = Besitz, Geld, Vermögen; upârjana = Erwerb; sakta = beschäftigt mit, gewidmet, hängend an, erfüllt von; tâvannija = tâvat = so lange, so weit; nija = eigen; parivâra = Familie, Umgebung, Gefolge; raktah = eingenommen von, hängend an, entzückt; pashchâjjîvati = pashchât = später, hinterher; jîvati = lebt; jarjara = gebrechlich, zerschlagen; dehe = im Körper; vârttâ = Nachricht, Wort, Erkundigung, »was gibt es Neues?«; ko'pi = ka api = wer auch immer, irgendjemand; na = nicht; pricchati = fragt nach, erkundigt sich; gehe = im Haus 

Solange jemand fähig ist Geld zu verdienen, hängen die Angehörigen an ihm. | Später, wenn er in einem gebrechlichen Körper lebt, fragt niemand im Haus nach ihm. || 5 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

  

yâvatpavano nivasati dehe tâvatpricchati kushalam gehe |   
gatavati vâyau dehâpâye bhâryâ bibhyati tasminkâye || 6 ||

bhajagovindam bhajagovindam

yâvat = so lange als; pavana = Wind, Atem; nivasati = wohnt, lebt; dehe = im Körper; tâvat = so lange; pricchati = fragt nach, erkundigt sich; kushala = Wohlbefinden; gehe = im Haus; gatavati = gegangen; vâyau dehâpâye = Lok. von vâyu = Lebenskraft; deha = Körper; apâya = Weggang; bhâryâ = Gattin; bibhyati = fürchtet sich, ist in Furcht, erschreckt sich; tasminkâye = vor diesem (tad) Körper (kâya) 

Solange der Atem im Körper wohnt, erkundigt sich jeder im Haus nach dem Wohlbefinden. | Wenn aber die Lebenskraft den Körper verlassen hat, fürchtet sich sogar die Gattin vor diesem Körper. || 6 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

  

bâlastâvatkrîdâsaktah tarunastâvattarunîsaktah |
vriddhastâvaccintâsaktah pare brahmani ko'pi na saktah || 7 ||

bhajagovindam bhajagovindam

bâla = Kind; tâvat = so lange, so weit; krîdâ = Spiel; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; taruna = Jüngling; tâvat = so lange, so weit; tarunî = Mädchen; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; vriddha = alt, groß, erwachsen; tâvaccintâsaktah = tavât = so lange, so weit; cintâ = Sorge; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; pare (auch zu lesen: parame) brahmani ko'pi na saktah = ka api = irgendjemand; na = nicht; sakta = hängend an, beschäftigt mit, erfüllt von; para oder parama brahman = höchstes Brahman, Gott

Als Kind hängt man am Spiel; als Jüngling an der jungen Frau. | Im Alter ist man erfüllt von Sorge. (Ach!) Niemand ist erfüllt vom höchsten Brahman. || 7 ||

  Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

 

kâte kântâ kaste putrah samsâro'yamatîva vichitrah | 
kasya tvam kah kuta âyâtah tattvam chintaya tadiha bhrâtah || 8 ||

bhajagovindam bhajagovindam

kâte = kâ = wer (als negative Frage); te = deine; kântâ = Frau; kaste (ka + te) putrah = wer dein Sohn; samsâro'yamatîva = samsâra = der Kreislauf der Geburten und Tode; ayam = dieser; atîva = höchst; vichitra = seltsam; kasya = von wem; tvam = du; kah kuta = von wo; âyâtah = gekommen, erreicht, angekommen; tattva = Wahrheit; chintaya = denke nach; tad iha = dies hier (bedeutet: diese Dinge betreffend, denke nach, was die Wahrheit ist); bhrâtar = Bruder  

Wer ist deine Frau? Wer ist dein Sohn? Höchst seltsam ist dieser Samsâra. | Von wem bist du? Von wo bist du gekommen? O Bruder, denke hier über die Wahrheit nach. || 8 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

 

satsangatve nissangatvam nissangatve nirmohatvam | 
nirmohatve nishchalatattvam nishchalatattve jîvanmuktih || 9 || 

bhajagovindam bhajagovindam

satsangatve = durch den satsanga = die Gemeinschaft (sanga) mit den Guten, Reinen (sat); nissangatva= das Nicht-Anhaften; nissangatve = vom Nicht-Anhaften; nirmohatva = das Freisein von Verblendung; nirmohatve = durch das Freisein von Verblendung; nishchalatattvam = nishchala = unbeweglich, unwandelbar, unveränderlich; tattva = das wahre Wesen, Wahrheit; nishchalatattve = durch die Verwirklichung des wahren Wesens, der eigenen wahren Natur; jîvanmukti = jîvat = lebend; mukti = Erlösung, Befreiung (jîvanmukti = die Befreiung zu Lebzeiten)

Die Gemeinschaft mit Wahrheitssuchern führt zum Nicht-Anhaften; durch das Nicht-Anhaften entsteht das Freisein von Verblendung. | Das Freisein von Verblendung führt zur eigenen wahren Natur. Die Erkenntnis der eigenen wahren Natur ist die Erlösung. || 9 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

  

vayasigate kah kâmavikârah shushke nîre kah kâsârah |
kshînevitte kah parivârah jñâte tattve kah samsârah || 10 || 

bhajagovindam bhajagovindam

vayasigate = vayas = Jugend, das kraftvolle Alter, Energie, Gesundheit; gata = gegangen; ka = wer, was, welches; kâmavikâra = Lust, Leidenschaft; shushka = trocken, dürr; nîra = Wasser; ka = wer, was, welches; kâsâra = Teich, See; kshînevitte = kshîna = verschwunden, untergegangen; vitta = Besitz, Habe, Reichtum; ka = wer, was, welches; parivâra = Familie, Angehörige, Freunde, wörtl. »das Gefolge, die Begleitung«; jñâte = erkannt habend; tattve = die Wahrheit; ka = wer, was, welches; samsâra = der Kreislauf der Geburten und Tode, das Getriebe der Welt

Welche ist die Lust, wenn die Jugend gegangen ist? Wo ist der Teich, wenn das Wasser verdunstet ist? | Wo ist das Gefolge, wenn der Reichtum veschwunden ist? Wo ist der Samsâra, wenn man die Wahrheit erkannt hat? || 10 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

  

mâ kuru dhana jana yauvana garvam harati nimeshâtkâlah sarvam | 
mâyâmayamidamakhilam buddhvâ (auch: hitvâ) brahmapadam tvam pravisha viditvâ || 11 ||

bhajagovindam bhajagovindam

= nicht; kuru = tue, mache; dhana = Besitz, Reichtum; jana = »die Leute« (hier: die Nahestehenden); yauvana = Jugend; garva = Stolz, Hochmut; harati = raubt, nimmt weg; nimeshâtkâlah = nimesha = Augenblick; kâla = Zeit; sarvam = alles; mâyâmayamidamakhilam = mâyâmaya = aus Täuschung (mâyâ) bestehend (maya); idam = dies; akhila = alles, restlos, lückenlos; buddhvâ = zum Bewußtsein gekommen seiend. Statt buddhvâ findet man auch die Lesart hitvâ = aufgegeben, verlassen habend. Der zweite Halbvers lautet dann: »All dies aus Täuschung Bestehende aufgegeben habend, erkenne das Brahman und gehe darin ein.« brahmapada = die Stätte Brahmans, der Brahman-Zustand; tvam = du; pravisha = gehe ein; viditvâ = erkannt habend 

Sei nicht stolz auf Besitz, Freunde, Jugend. Dies alles nimmt die Zeit in einem Augenblick weg. | Ist dir zum Bewußtsein gekommen daß all dies aus Täuschung besteht, erkenne das Brahman und gehe darin ein. || 11 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

  

dinayâminyau sâyam prâtah shishiravasantau punarâyâtah | 
kâlah krîdati gacchatyâyuh tadapi na muñchatyâshâvâyuh || 12 ||

bhajagovindam bhajagovindam

dinayâminyau = dina = Tag; yâminî = Nacht; sâya = Abend; prâta = früh morgens; shishiravasantau = shishira = Winter; vasanta = Frühling; punarâyâtah = punar-âyâti = das Wieder-Kommen; kâla = Zeit; krîdati = spielt; gacchatyâyuh = gacchati = geht; âyu = Leben, Lebenszeit; tad api = hat hier die Bedeutung »aber, dennoch, gleichwohl, nichtsdestoweniger«; na = nicht; muñchatyâshâvâyuh = muñchati = gibt auf, läßt los, läßt frei; âshâ = Wunsch, Hoffnung; vâyu = Wind (bedeutet hier »Sturm«)

Tag und Nacht, Abenddämmerung und Morgengrauen, Winter und Frühling, sie kommen und gehen. | Die Zeit spielt, das Leben schwindet dahin. Aber der Sturm der Wünsche läßt (seinen Griff) nicht los. || 12 ||

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott

 

Diese Worte (1–12) stammen von Shri Shankara selbst. Vers 13 (andere Zählart: 12a) ist eine Einfügung und wird nicht von allen rezitiert:

dvâdashamañjarikâbhirasheshah kathito vaiyâkaranasyaishah | 
upadesho bhûdvidyânipunaih shrîmacchankarabhagavaccharanaih || 13 (oder 12a) ||

Diese Unterweisung wurde als Strauß mit zwölf (Vers-)Blüten einem Grammatiker gegeben vom allwissenden, göttlichen Shrîmat Shankara.  || 13 (oder 12a) || 

Die nächsten Verse (das Werk umfaßt 31, mit Einfügungen – ähnlich 12a – 33 oder 34 Strophen) wurden später von den inspirierten Schülern Shankaras verfaßt, die bei der Belehrung in Kâshî anwesend waren. Man singt das Bhaja-Govindam in unterschiedlicher Verszahl; hier werden Shankaras originale Worte an den alten Gelehrten bevorzugt (1–12). Ab Vers 14 (andere Zählart: 13) ist ein großer Unterschied, in meinen Augen sogar ein deutlicher Bruch zu erkennen. Die Verse der Schüler sind klassisch und schön, dennoch fehlt die unvergleichliche, konzentrierte Direktheit des überragenden Meisters. Die traditionelle Anschauung ist aber, daß die letzten vier oder fünf Verse wiederum von Shri Shankara sind, der damit dem auf diese Weise entstandenen Werk seinen Segen gab. Daran ist kaum zu zweifeln, schließt doch das Bhaja-Govindam im Vers 34 (andere Zählart: 33) mit den wundervollen Worten:

bhajagovindam bhajagovindam govindam bhajamûdhamate |
nâmasmaranâdanyamupâyam nahi pashyâmo bhavatarane || 34 (oder 33) ||

bhaja = richte den Geist auf … govinda = Gott; mûdhamate = du törichter Geist; nâma = der Name (Gottes); smaranâ = das Gedenken, die Erinnerung; hat hier die klassische Bedeutung »Mantra-Japa«, die Wiederholung des Namens Gottes; anya = anderes; upâyam = Mittel, Art und Weise, Ausweg; na = nicht; hi = gewiß, wahrlich; pashyâmo = sehen wir; bhavatarane = bhava = das Entstehen, Geburt, Existenz, Leben, Welt; tarana = das Hinübersetzen, Überwinden, Retten; Floß, Boot

Richte den Geist auf Gott, richte den Geist auf Gott, auf Gott richte den Geist, du Tor! | Wahrlich, außer der Erinnerung an den Namen Gottes gibt es keinen anderen Weg, den leidvollen Ozean des Lebens zu überqueren. || 34 (oder 33) || 

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Die Essenz des Yoga (Maitrî-Upanishad VI. 34)

Übersetzung aus dem Sanskrit: ©2012 Helmuth Maldoner (Swâmî Râmânanda)

Von den Lehren des Weisen Maitrî wird der 34. Abschnitt des 6. Kapitels am häufigsten zitiert, weil er die Essenz des Yoga ist. Mehr muß ein Sucher der Wahrheit nicht wissen. Es sei besonders auf den zweiten Halbvers 3 hingewiesen, er ist die Essenz der Essenz: yach chittas tanmayo bhavati guhyam etat sanâtanam – »So wie man denkt, so wird man; das ist das ewige Geheimnis!«

Ein Kommentar zu VI. 34 erübrigt sich; alles ist klar. Nur zu Vers 8: »bis er zum Untergang gegangen ist (kshayam gatam)« bedeutet: bis er sich auflöst; und »eine Ausdehnung der Knoten (grantha-vistarâh)« heißt: eine Verstärkung der Fessel, die an den Samsâra, an den leidvollen Kreislauf der Geburten und Tode bindet. Man findet dafür auch die freie Wiedergabe »das ist die Freiheit! Alles andere sind unnütze Worte, oder: alles andere ist Bücherweisheit.« Schließlich Vers 10: »Wie man Wasser nicht von Wasser unterscheiden kann …« bedeutet: Mit dem Auflösen des Geistes ist die Vielheit verschwunden, es gibt nur noch das Eine ohne ein Zweites.

Der Abschnitt 34 beginnt mit den Worten »… hier erreicht der Yogin den Zustand des geistigen Friedens (manah-shânti-padam). Er richtet den Geist auf das Selbst. Dazu gibt es diese Verse:«

 

yathâ nirindhano vahnih svayonâv upashâmyate  |
tathâ vritti-kshayâch chittam svayonâv upashâmyate || 1 ||
Wie Feuer ohne Brennstoff im Herd erlöscht, 
so erlischt der Geist in seinem Ursprung, wenn die Unruhe des Denkens aufhört. || 1 ||

svayonâv upashântasya manasah satyakâmatah |
indriyârtha-vimûdhasyânritâh karma-vashânugâh || 2 ||
Das Denken kommt zur Ruhe in seinem Ursprung für den, der sich nach Wahrheit sehnt.
Wer aber von den Sinnesobjekten verwirrt ist, lebt in der Unwahrheit als Folge seines Handelns. || 2 ||

chittam eva hi samsâram tat prayatnena shodayet |
yach chittas tanmayo bhavati guhyam etat sanâtanam || 3 ||
Der (eigene) Geist, wahrlich, ist der Samsâra; ihn zu reinigen soll man sich bemühen.
So wie man denkt, so wird man; das ist das ewige Geheimnis ! || 3 ||

chittasya hi prasâdena hanti karma shubhâshubham |
prasannâtmâtmani sthitvâ sukham avyayam ashnute || 4 ||
Durch den Frieden des Geistes vernichtet er die (Folgen der) guten und schlechten Werke.
Mit friedvollem Geist im Selbst ruhend, erlangt er unvergängliche Freude. || 4 ||

samâsaktam yathâ chittam jantor vishaya-gochare |
yady evam brahmani syât tat ko na muchyeta bandhanât || 5 ||
Wenn die Menschen ebensosehr an Gott hingen wie sie an den Sinnesobjekten
hängen, wer würde dann nicht aus der Gefangenschaft (im Samsâra) befreit ? || 5
||

mano hi dvividham proktam shuddham châshuddam eva cha |
ashuddham kâmasamparkât shuddham kâma-vivarjitam || 6 ||
Der Geist eines Menschen ist zweifach: rein und unrein.
Unrein durch die Berührung mit den Wünschen; rein, wenn von Wünschen frei. || 6 ||

laya-vikshepa-rahitam manah kritvâ sunishchalam |
yadâ yâty amanîbhâvam tadâ tat paramam padam || 7 ||
Den Geist freigemacht habend von Trägheit und Zerstreutheit, ganz unbeweglich,
gelangt er zum Nichtsein des Geistes, dann zu jener höchsten Stätte. || 7 ||

tâvan mano niroddhavyam hridi yâvat kshayam gatam |
etaj jñânam ca moksham ca sheshânye granthavistarâh || 8 ||
So lange muß der Geist im Inneren stillgelegt werden, bis er zum Untergang gegangen ist; 
das ist die Erkenntnis, die Freiheit ! Alles andere ist nur eine Ausdehnung der Knoten. || 8 ||

samâdhi-nirdhauta-malasya chetaso niveshitasyâtmani yat sukham bhavet |
na shakyate varnayitum girâ tadâ svayam tad antahkaranena grihyate || 9 ||
Wessen Geist durch Versenkung von allem Übel rein geworden ist und im Selbst ruht,
erfährt ein Glück, das mit Worten nicht zu beschreiben, nur im Innersten zu begreifen ist. || 9 ||

apâm âpo'gnir agnau vâ vyomni vyoma na lakshayet |
evam antargatam yasya manah sa parimuchyate || 10 ||
Wie man Wasser nicht von Wasser, Feuer nicht von Feuer, den Äther nicht vom Äther unterscheiden kann,
ebenso ist jener völlig befreit, dessen Geist im Inneren sich aufgelöst hat. || 10 ||

mana eva manushyânâm kâranam bandha-mokshayoh |
bandhâya vishayâsangim moksho nirvishayam smritam || 11 ||
Der Geist, wahrlich, ist für die Menschen die Ursache von Bindung und Befreiung.
Zur Bindung führt er durch das Haften an der Sinnenwelt, zur Befreiung durch Loslösung davon. || 11 ||

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Gurvashtakam (Shri Shankaracharya)

Übersetzung aus dem Sanskrit: ©2012 Helmuth Maldoner (Swâmî Râmânanda)

Gurvashtakam (Guru+Ashtakam) = das Oktett (ashtaka) an den Guru. Das ehrfurchtsvolle Shrî ist meist vorangesetzt (shrî = Licht/Glanz verbreitend, hervorleuchten; Herrlichkeit, Pracht, Würde, Heiligkeit): Shrî-Guru-Ashtakam = Acht Verse über den strahlenden Guru.

Im Bhaja-Govindam erinnert Shri Shankara an den Sinn der menschlichen Geburt; im ebenso wundervollen Gurvashtakam weist er auf das gleiche hin (wozu ist man wohlhabend, gesund, berühmt usw., wenn man nicht die Erlösung sucht) und darauf, daß dieses Ziel nur mit Hilfe einer geistigen Führung erreicht werden kann.

Nach den Sandhi-Regeln des Sanskrit (die Verbindung von Wörtern) sind viele Begriffe nicht einfach zu lesen. So besteht das manashchenna in jedem Vers aus manah-ched-na. Deshalb ist eine Wort-für-Wort-Erklärung sinnvoll. Da andererseits versucht wird die Texte auf dieser Seite möglichst kurz zu halten, sei beim Gurvashtakam (wie bei der Maitrî-Upanishad) auf eine detaillierte Wiedergabe verzichtet; wichtig ist daß man begreift worum es geht.

Eine Ausnahme: der zweite Halbvers, da er in allen Versen vorkommt. Er ist die Essenz; darauf legt Shri Shankara das Gewicht. Der Geist erhält förmlich einen Schlag wenn man das viermal geäußerte tatah kim (wozu dies alles) vernimmt. 

manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim

manashchenna = manah = der Geist; ched = wenn; na = nicht; lagna = Vergangenheitsform von lag (sich heften an, sich hängen an, sich anschließen, hängenbleiben an, haften, sich anschmiegen;  guroranghripadme = guroh = des Guru; anghri =  Fuß; padma = Lotus; tatah kim = tatah = von daher, dann, deshalb; kim = was? warum? wozu? was nützt das?

Wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu dies alles (wörtlich: dann wozu?) ? Wozu? Wozu? Wozu?

Eine weitere Ausnahme betrifft Vers 1, da es zwei Lesarten gibt: sharîram surûpam tathâ vâ kalatram und sharîram surûpam sadâ roga muktam. Daher auch hier etwas genauer: 

sharîra = Körper; su = sehr, wohl, sehr gut, schön; rûpa = das Äußere, Gestalt, Form, Bild, Aussehen; erste Lesart: tathâ vâ = so, ebenso, desgleichen; kalatra = Ehefrau; zweite Lesart: sadâ = immer, stets; roga = Krankheit, Gebrechen; mukta = frei von, befreit, erlöst 

Die erste Lesart: Man mag einen wohlgeformten Körper haben, und eine schöne, anziehende Ehefrau … Die zweite Lesart: Man mag einen stattlichen Körper haben, der immer frei von Krankheit ist …

Obwohl die erste Lesart überwiegt, paßt sie weder inhaltlich (sie ist geradezu albern) noch in die Logik eines Meisters. Die zweite Lesart ist stimmig: Es ist gutes Karma, einen starken, nicht behinderten Körper zu haben, der noch dazu ein Leben lang frei von Krankheit ist … Das sind zwei verschiedene essentielle Dinge, die einer gesonderten Erwähnung bedurften. Die in meinen Augen korrekte Lesart von Vers 1 steht unten.

Schließlich eine Anmerkung zum letzten Vers, zur Übersetzung von mano vartate me – »mein (me) Geist (manas) lebt in (vartate) …« vrit, vart hat die Bedeutungen: sich drehen, sich bewegen, existieren, bestehen, verweilen, wohnen, etwas im Sinn haben, sich mit einer Sache beschäftigen, einer Sache obliegen. Der Geist »lebt« in den Dingen, an die er denkt.
Mein Geist lebt nicht im Wald (aranye) = ich beschäftige mich nicht mehr mit dem Dasein eines Eremiten in den Wäldern, ich bin darüber hinausgegangen. Mein Geist lebt nicht im eigenen Haus (svasya gehe) = ich erfülle meine familiären Pflichten getreu meinem Dharma, hafte aber nicht mehr an ihnen. Mein Geist lebt nicht im Körper (dehe) = ich habe aufgehört mich mit ihm zu identifizieren. Mein Geist lebt nicht im Unschätzbaren (anarghye) = ich strebe nicht mehr nach den angeblich so wertvollen materiellen Dingen; für mich sind »Gold und Lehm das gleiche« (so die Worte von Shrî Râmakrishna). Und dennoch, spricht Shri Shankara, ist diese hohe Stufe nicht genug. Fehler können noch gemacht werden, die Gefahr von Rückschlägen ist immer da. Die endgültige Erlösung erreicht man durch Guru-Kripâ, durch die sichere Führung und die unbegreifliche Liebe des Guru. Dies ist das verborgenste aller Geheimnisse.

 

sharîram surûpam sadâ roga muktam yashashchâruchitram dhanam meru-tulyam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 1 ||
Ein stattlicher Körper, frei von Krankheit ein Leben lang; der Ruhm glänzend und angenehm; der Reichtum so groß und beständig wie der (goldene Weltberg) Meru; 
| wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 1 || 

kalatram dhanam putra-pautrâdi sarvam griham bândhavâh sarvametaddhi jâtam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 2 ||
Ehefrau, Reichtum, Sohn, Enkel und so fort, alles; Haus, Freunde – dies alles wahrlich (mag) vorhanden (sein); | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 2 ||   

sadangâdivedo mukhe shâstravidyâ kavitvâdigadyam supadyam karoti |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 3 ||
Den Veda mit seinen sechs Teilen auf den Lippen (und auch) die Kenntnis der (anderen) Schriften (habend), die Fähigkeit zu Dichtkunst und Prosa; | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 3 ||   

videsheshu mânyah svadesheshu dhanyah sadâcâravritteshu matto na chânyah
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 4 ||
(Man ist) geachtet in der Fremde, glücklich in der Heimat; von niemandem übertroffen auf den Pfaden des rechten Lebenswandels; | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 4 ||   

kshamâmandale bhûpabhûpâlavrindaih sadâ sevitam yasya pâdâravindam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 5 ||
Die Schar der Könige des Erdkreises mag (einem) immer (huldigend) zu Füßen liegen; | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 5 ||     

yasho me gatam dikshu dânapratâpat-jagadvastu sarvam kare yatprasâdat |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 6 ||
In alle Richtungen ist mein Ruhm vorgedrungen durch die Macht der Gaben; alle Dinge der Welt sind infolge dieser Gunst in (meiner) Hand; | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 6 ||   

na bhogo na yogo na vâ vâjirâjau na kântamukhe naiva vitteshu chittam |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 7 ||
Der Geist (hängt) nicht (mehr) am Genuß der Sinne, nicht an dem durch Yoga-Übung Erreichtem; nicht an Heldentum und Königswürde, nicht am Antlitz der Geliebten, nicht an den Besitztümern; | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 7 ||   

aranye na vâ svasya gehe na kârye na dehe mano vartate me tvanarghye |
manashchenna lagnam guroranghripadme tatah kim tatah kim tatah kim tatah kim || 8 ||
Mein Geist lebt nicht in den Wäldern, nicht im eigenen Haus, nicht in dem (alltäglich) zu Tuenden, nicht im Körperlichen, nicht im (Wunsch nach) unschätzbaren (materiellen Dingen); | wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?« || 8 || 

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Nicht-Selbst und Selbst (Chândogya-Upanishad VIII. 7)

Eine der berührendsten, erleuchtendsten Geschichten aus den Upanishaden. Und eine der praktischsten, denn es geht um Erfahrungen, die wir alle jeden Tag und jede Nacht machen.

Welche Erkenntnis gewinnt man aus Wachzustand, Traum und Tiefschlaf? Dies ist ein Gedanke, den die Weisen Indiens bevorzugt gebrauchen, um zum Nachdenken anzuregen. Ausgegangen wird vom Yoga-Sûtra, wo Shri Patañjali sagt (II, 5): anitya-ashuchi-duhkha-anâtmasu nitya-shuchi-âtmâ-khyâtir avidyâ || »Im Nicht-Ewigen, im Unreinen, im Leidvollen und im Nicht-Selbst das Ewige, das Reine, das Freudvolle und das Selbst zu sehen ist Nichtwissen.« Und Avidyâ, das Nichtwissen, ist die Ursache für unsere Irrfahrt im Samsâra.

Das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten (YS II, 5); sich mit den Vrittis, mit dem eigenen Geist zu identi­fizieren (YS I, 4); eine Erkenntnis aus Traum und Tiefschlaf zu gewinnen (YS I, 38) – dazu nun die berühmte, wundervolle Lehrgeschichte aus der Chândogya-Upanishad. In Anbetracht der Länge des Textes wird man verstehen wenn – mit Ausnahme der Eingangsworte – auf das Sanskrit verzichtet wird: 

VIII, 7: »ya âtmâ apahata-pâpmâ vijaro vimrityur vishoko vijighatso'pipâsah … iti ha prajâpatir uvâcha«

VIII, 7: »Den Âtman [das Selbst], der frei ist von allem Bösen, frei von Alter und Tod, frei vom Kum­mer, von Hunger und Durst …, ihn soll man suchen, ihn soll man zu erkennen wünschen. Wer diesen Âtman findet und erkennt, erlangt alle Welten und alle Wünsche.« So sprach Prajâpati [der Herr der Geschöpfe]. 

Dies hörten die Götter und auch die Dämonen, und sie sprachen: »Wohlan! Laßt uns den Âtman suchen …«; und von den Göttern wurde Indra, von den Dämonen Virochana ausgesandt. Ohne voneinander zu wissen, erschienen beide vor Prajâpati.

Nachdem sie zweiunddreißig Jahre bei ihm im Stande der Schülerschaft gelebt hatten, fragte Prajâpati, in welcher Absicht sie gekommen wären; und sie sagten, sie wollten von Ihm über das Selbst hören.

Prajâpati sprach [sich zunächst auf ihre Ebene stellend]: »Der Purusha [Mensch], welcher [als Spiegelbild] im Auge gesehen wird, er ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlo­se, das Brahman!« Indra und Virochana [Seher und Gese­henes gleichsetzend – siehe  Yoga-Sûtra II, 6 – fragten zur Bestäti­gung]: »Wer ist jener, der im Wasser und im Spiegel zu sehen ist?« Prajâpati: »Betrachtet euch in einem Gefäß mit Wasser. Was seht ihr?« – »Wir sehen vollständig uns selbst als Spiegelbild.« – »Nun schmückt euch, legt prächtige Kleider an und blickt erneut ins Wasser.« Die Schüler [mit dem Wechsel ihrer selbst auch das Selbst als wechselnd ansehend]: »Ebenso geschmückt und prächtig gekleidet, wie wir es sind, o Herr, ist das Selbst geschmückt und gekleidet.« – »Dies«, sprach Prajâpati, »ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman!« Da zogen Indra und Virochana friedlichen Herzens fort. Prajâpati aber sah ihnen nach und sprach: »Da gehen sie hin, ohne das Selbst gefunden zu haben. Wer von den Göttern oder Dämonen dieser Lehre folgt, wird verloren sein.«

Zufrieden kam Virochana zu den Dämonen zurück und ver­kündete ihnen [Körper und Geist für das Selbst haltend]: »Man soll sich glücklich machen, sich selbst dienen! Wer dies tut, erlangt beides, diese Welt und die jenseitige.« Da­her nennt man hier auf Erden heute noch einen, der nicht spendet, nicht glaubt und nicht opfert, einen Dämonen; denn dies ist die Lehre der Dämonen. Sie richten sogar den Körper von Verstorbenen mit schönen Kleidern und mit Schmuck her, weil sie glauben, dadurch die jenseitige Welt zu gewinnen.

Indra aber kam auf dem Weg, noch ehe er bei den Göttern angekommen war, dies Bedenken: »So wie das [angebli­che] Selbst schön gekleidet und geschmückt ist, wenn der Körper schön gekleidet und geschmückt ist, ebenso muß ja das Selbst blind in einem blinden, lahm in einem lahmen, verstümmelt in einem verstümmelten Körper sein. Es geht zugrunde, wenn der Körper zugrundegeht. Ich sehe darin nichts Erfreuliches.« Und er kehrte um.

Prajâpati sagte zu ihm: »Du zogst doch mit Virochana fried­lichen Herzens von dannen. Mit welchem Wunsch kehrst du zurück?« Und Indra legte sein Bedenken vor … »So wie du sagst, o Indra«, sprach Prajâpati, »genauso ist es! Ich will es dir nun weiter erklären. Bleibe bei mir.« Und Indra blieb weitere zweiunddreißig Jahre bei Prajâpati.

Dann sprach dieser zu ihm: »Das, was im Traumzustand glücklich umherstreift – das ist das Selbst, das Unsterbli­che, Furchtlose, das Brahman.« Friedlichen Herzens zog Indra von dannen. Noch ehe er aber bei den Göttern ange­kommen war, kam ihm das Bedenken: »Wenn auch das Selbst nicht blind ist, wenn der Körper blind ist, noch lahm, wenn dieser lahm ist; wenn auch das Selbst von den Gebrechen des Körpers nicht in Mitleidenschaft gezogen wird …, so scheint es [im Traum] dennoch, als würde es getötet, als würde es bedrängt, als würde es Unangeneh­mes erfahren, als würde es weinen. Ich sehe darin nichts Erfreuliches.« Und er kehrte abermals zu Prajâpati zurück.

»O Indra! Du bist doch friedlichen Herzens von hier ge­gangen; welcher Wunsch bringt dich zurück?« Und Indra legte erneut sein Bedenken vor … »Genauso ist es, Indra! Nun will ich es dir weiter erklären. Bleibe noch zwei­unddreißig Jahre bei mir.« Dann sprach Prajapati zu ihm: »Wenn man im (Tief)schlaf sich befindet, ganz in sich zurückgezogen [wenn der Geist in die Lebenskraft einge­gangen ist], vollkommen friedlich, ohne Traum – dies ist das Selbst, das Unsterbliche, Furchtlose, das Brahman!«

Friedlichen Herzens zog Indra wieder von dannen. Noch ehe er aber bei den Göttern angekommen war, kam ihm das Bedenken: »In diesem Zustand [des Tiefschlafs] hat man doch keinerlei Bewußtsein, man weiß nicht: ›Dies bin ich‹, noch kennt man die anderen Wesen. Man ist wahrlich wie ausgelöscht. Darin sehe ich nichts Erfreuliches.« Und abermals kehrte er zu Prajâpati zurück. Dieser sah ihn kommen und sprach: »O Indra, friedlichen Herzens bist du doch von hier gegangen; warum kommst du wieder?« Und Indra legte ihm seinen Zweifel vor …

Prajâpati sprach: »So ist es! Ich will dir eine letzte Auf­klärung geben; bleibe noch fünf Jahre bei mir.« Und so blieb Indra insgesamt hundertundein Jahre bei Prajâpati. Am Ende sprach dieser: »O Indra, sterblich fürwahr ist dieser Körper, vom Tod umfangen. Er ist der Sitz des un­sterblichen, körperlosen Selbst. Dieses ist den Erfahrungen von Freude und Leid ausgesetzt, solange es in einem Kör­per wohnt. Der Verkörperte vermag Freude und Leid nicht abzuwehren. Wer aber körperlos ist, der wird von Freude und Leid nicht berührt … Körperlos ist der Wind, körper­los sind Wolken, Blitz und Donner. So wie diese sich aus dem Raum erheben, in das höchste Licht eingehen und in ihrer eigenen Gestalt hervortreten, ebenso erhebt sich ›die vollkommene Ruhe‹ [die Seele] aus diesem Körper, geht in das höchste Licht ein und tritt in der eigenen Gestalt hervor. Dies ist der höchste Purusha.

Wenn das Auge sich auf den Raum richtet, so ist es der Purusha im Auge, welcher sieht; das Auge ist nur das Werkzeug zum Sehen. Und wer sich bewußt ist: ›Dies will ich riechen‹, das ist das Selbst; die Nase ist nur das Werk­zeug zum Riechen. Wer weiß: ›Das will ich sagen‹, das ist das Selbst; die Stimme ist nur das Werkzeug zum Spre­chen. Wer sich bewußt ist: ›Dies will ich hören‹, das ist das Selbst; das Ohr ist nur das Werkzeug zum Hören. Und wer weiß: ›Das will ich denken‹, das ist das Selbst; der Geist ist sein göttliches Auge. Mit diesem göttlichen Auge, dem Geist, schaut das Selbst auf die Wünsche und freut sich in der Welt.

Die Götter verehren dieses Selbst; darum sind alle Welten ihrer und die Erfüllung aller Wünsche. Derjenige erlangt alle Welten und alle Wünsche, der das Selbst findet und erkennt. So sprach Prajâpati, so sprach Prajâpati.« [Chândogya-Upanishad VIII, 7–12]

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Die Essenz der Bhagavad-Gîtâ (VIII. 7)

Die Shrîmad-Bhagavad-Gîtâ ist die Hl. Schrift des Yoga, der universalen Heilslehre; ein für jeden Wahrheitssucher hilfreicher Führer zum höchsten Ziel: »Die Loslösung von der Verbindung mit dem Leiden – dies wird Yoga genannt« (VI, 23). Was sie uns zur Möglichkeit der Erlösung, zur Überwindung »dieser unglücklichen Welt« (IX, 33) sagt, ist einzigartig und macht sie zum Buch der Bücher. Sie ist »das Tiefste und Erhabenste, was die Welt aufzuweisen hat« (Wilhelm von Humbodt).

Die Essenz der Gîtâ ist der erste Halbvers 7 des achten Gesanges – tasmât sarveshu kâleshu mâm anusmara yudhya cha. Die Worte werden sofort verständlich, wenn man die Gîtâ als Ganzes studiert hat. Im anderen Falle präge man sich wenigstens den vorangehenden Vers 6 ein, denn 6 und 7 gehören zusammen.

yam yam vâpi smaran bhâvam
tyajatyante kalevaram |

tam tam evaiti kaunteya
sadâ tadbhâvabhâvitah || 6 ||

An welchen Seinszustand auch immer er denkt,
wenn er am Ende den Körper aufgibt,
zu diesem allein geht er, o Arjuna,
(weil er) ständig in (den Gedanken an) diesen Seinszustand vertieft (war). || 6 ||

tasmât sarveshu kâleshu
mâm anusmara yudhya cha  |
mayy arpitamanobuddhir
mâm evaishyasy asamshayah || 7 ||

Denke darum zu allen Zeiten an Mich, und kämpfe !
Mit Mir hingegebenem Geist und Verstand wirst du ohne Zweifel zu Mir kommen. || 7 ||

8, 6
Ein überragend wichtiger Vers, der zusammen mit dem nächsten gelesen werden muß. Daß der letzte Gedanke im Leben eines Menschen die Art seiner Wiedergeburt bestimmt, diesen Hinweis findet man in vielen Schriften. Es wird aber nicht gelingen, im Moment des Todes an Gott oder an höhere Dinge zu denken, wenn man nicht vorher, während des ganzen Lebens darin vertieft war. Gedanken prägen und werden Wirklichkeit; und die zu Lebzeiten stärksten Wünsche und Gedanken, welche im Gedächtnisspeicher aufbewahrt sind, werden im Augenblick des Abschieds mit aller Macht im Geist auftauchen und die nächste Geburt bestimmen (mit aller Macht = sie überwältigen ihn; der gewöhnliche Mensch kann den Fluß der letzten Gedanken nicht kontrollieren). Folgerichtig sagt Shri Krishna im nächsten Vers: »Denke darum zu allen Zeiten an Mich!«

8, 7
Denke immer an Mich, und kämpfe ! – das ist die Bhagavad-Gîtâ in einem Satz.

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Erhebe dich! Erwache! (Katha-Upanishad I. 3. 14)

Die Katha-Upanishad ist etwa 2500 Jahre alt; einer der so vielen Schätze Indiens. In der ganzen Welt berühmt wurde der erste Halbvers 14 von Kapitel I. 3 (uttishthata jâgrata prâpya varân nibodhata) durch Swami Vivekananda. Er zitierte allerdings den Satz nur zur Hälfte wörtlich (Erhebe dich! Erwache!), das andere ist sinngemäß:

Arise ! Awake !
And stop not till the Goal is reached !

Erhebe dich ! Erwache !
Und ruhe nicht eher, als bis das Ziel erreicht ist !
Swami Vivekananda
(1863–1902)

Der zweite Satz ist, wie gesagt, sinngemäß richtig. In den Begriffen des Originalverses sind allerdings so viele wichtige Dinge enthalten, daß eine wörtliche Übersetzung von Gewinn ist.

uttishthata jâgrata prâpya varân nibodhata |
kshurasya dhârâ nishitâ duratyayâ durgam pathas tat kavayo vadanti || 14 ||

uttishthata = erhebe dich; jâgrata = wach auf; prâpya = zu erlangen, zu erreichen; varân = vara = 1. bester unter, der Beste; 2. Gnade, Gnadengeschenk. Man übersetzt hier zweifach und meint dasselbe: erlangt habend die Gnade, gefunden habend den Guru;  nibodhata = lerne, erkenne, sei wachsam, wach, bewußt, schärfe das Bewußtsein; kshurasya = des Rasiermessers; dhârâ = Schneide, Klinge, Kante; nishitâ= scharf, gewetzt, geschärft; duratyayâ = schwer zu überschreiten, zu ergründen; durgam = unwegsam, unzugänglich; pathah = Pfad, Weg; tat = dies, so; kavayah = die Weisen; vadanti = sagen, sprechen

Etwas genauer zu prâpya varân nibodhata
1. prâpya ist das Gerundiv von pra + âp = erreichen, erlangen, erhalten, antreffen. Ein Gerundiv ist laut Duden »eine als Adjektiv fungierende Verbform mit passivischer Bedeutung, die eine Notwendigkeit ausdrückt«. Zum Beispiel: kar = tun; kartavya = was getan werden muß; bhû = sein; bhavya = was sein soll. Mit den Worten von H. C. Kellner »wird das Gerundiv durch Nebensätze mit indem oder nachdem übersetzt; es drückt also sowohl die gleichzeitige als auch die vollendete Handlung aus«. prâpya = »was erlangt werden muß« und »nachdem es erlangt wurde«. Die häufigste Wiedergabe lautet: »Erlangt habend die Gnade der Besten, sei wachsam!« Es kann auch heißen: »Sei wachsam, um die Gnade der Besten zu erlangen!« Mit gleicher Bedeutung, denn gesagt wird damit: Du brauchst eine Führung, weil der Weg schwer zu gehen ist.

2. varân. Nach Shri Shankaracharya sind mit dem Plural varân gemeint: die Besten, die verwirklichten Gurus. In der Übersetzung unten stehen beide Begriffe (»die Gnade« und »die Besten«) vereint, weil es genau den Sinn von varân trifft: Erlangt habend die Gnade des Guru …
3. nibodhata ist der Imperativ (Befehl, Aufforderung) von ni + budh. Das Verbum budh ist eines von vielen Beispielen dafür, daß Sanskritbegriffe schlecht mit nur einem Wort übersetzbar sind. budh heißt nicht nur »erkennen, bemerken, wahrnehmen, achten auf«, sondern im eigentlichen Sinn »wachen, erwachen, wachsam sein, zum Bewußtsein kommen«, wie man am Buddha (»der Erwachte«) sieht. nibodhata = sei wach! Sei wachsam! Werde dir bewußt!

Dieser in die tiefsten Tiefen gehende Sanskritvers kann wie das Bhaja-Govindam und ähnliche Perlen als Essenz des spirituellen Weges angesehen werden. Was wird gesagt? Erstens: Wach auf aus deinem Schlaf der Verblendung (»du Tor«, wie Shri Shankara anfeuert), strebe nach dem höheren Sinn des Lebens; suche den Guru und öffne dein Bewußtsein für die von ihm enthüllte Wahrheit. Zweitens: Ohne Guru geht es nicht, denn der unwegsame, schwer zu gehende geistige Pfad ist vergleichbar mit dem Gang auf der Schneide eines Rasiermessers.

uttishthata jâgrata
prâpya varân nibodhata |

kshurasya dhârâ nishitâ duratyayâ
durgam pathas tat kavayo vadanti || 14 ||

Erhebe dich ! Erwache !
Erlangt habend die Gnade der Besten, sei wachsam !
Schwer zu gehen ist auf des Messers Schneide;
(ebenso schwer ist) der unwegsame Pfad (des Yoga), sagen die Weisen. || 14 ||

Drei von mehreren schönen englischen Übersetzungen seien angefügt (die Quellen sind mir leider entfallen). Die etwas freiere dritte trifft mit der Aussage über den Guru die Sache auf den Punkt und erklärt gut die Wortwahl von Swami Vivekananda.

»Arise, awake, enlighten yourself by resorting to the great (teachers), for that path is sharp as a razor's edge, difficult to tread and hard to go by, say the wise.«

»Arise ! Awake ! And learn by approaching the exalted ones. For that path is sharp as a razor's edge, impassable, and hard to go by, say the wise.«

»Arise ! Awake ! Realise and achieve the Highest with the help of the illumining, guiding and fulfilling Masters. The path is as sharp as the edge of a razor, difficult to cross, hard to tread – so declare the wise sages.«

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Der Friedensmantra »pûrnam adah …« (Îsha-Upanishad)

Dieser Shântimantra (shânti = Frieden) ist gleich in zwei der zehn bedeutendsten indischen Upanishaden zu finden; als öffnende Anrufung in der Îsha und im fünften Kapitel der altehrwürdigen Brihadâranyaka.

Der Mantra pûrnam adah … ist einer der wichtigsten überhaupt (im Deutschen hat sich das Mantra durchgesetzt; ich bevorzuge klassisch der Mantra). Bereits das bloße Aussprechen reinigt die psychische und ätherische Atmossphäre, erzeugt eine Schwingung des Friedens, richtet den Geist auf das Höhere. Was hier ausgesagt wird zeugt davon, daß der indische Geist zu einer Zeit, als wir noch mit Fellen bekleidet durch die Wälder streiften, die höchsten Höhen erklommen hatte. Die Worte des pûrnam adah … sind die Essenz der Geistigkeit, sie handeln vom Brahman (»das Eine ohne ein Zweites«) und können intellektuell nicht begriffen werden, denn sie sind Worte der großen Seher. Nur wer den Zustand des Nirvikalpa-Samâdhi erreicht hat weiß wirklich, was hier gemeint ist.

pûrnam adah pûrnam idam pûrnât pûrnam udachyate |
pûrnasya pûrnam âdâya pûrnam evâvashishyate ||
om shântih shântih shântih

pûrna = hat die Grundbedeutung »voll«. Zum Beispiel pûrnachandra = Vollmond. Weiter wird es übersetzt mit »Fülle, gefüllt, vollständig, vollendet«; adas = jenes, dort; idam = dieses, hier; pûrnât = aus dem Vollen; udachyate (ud + i, eti) = geht hervor, kommt, erscheint; pûrnasya = von dem Vollen; âdâya (â + dâ) = genommen, weggenommen, entfernt; eva = betont das vorausgehende Wort – so, gerade so, in der Tat, wahrlich; avashishyate (ava + sish) = bleibt übrig. om die heilige Silbe, Gott als Klang, Laut der ersten kosmischen Schwingung, Urquell aller Mantras; shânti = Frieden, Beruhigung, Aufhören, Erlöschen. Von sham = ruhig werden, sich legen, aufhören, erlöschen; Vergangenheitsform shanta = zur Ruhe gelangt, still, friedlich

pûrnam adah pûrnam idam
pûrnât pûrnam udachyate |
pûrnasya pûrnam âdâya
pûrnam evâvashishyate ||
om shântih shântih shântih

Jenes (ist) das Volle; dieses (ist) das Volle.
Aus dem Vollen kommt das Volle hervor.
Von dem Vollen das Volle genommen,
bleibt wahrlich (nichts als) das Volle.
OM Friede ! Friede !! Friede !!!

Eine freie Wiedergabe
»Jenes nichtoffenbare, unveränderliche, ewige Sein ist Brahman (Gott im formlosen Aspekt); dieses vergängliche, sichtbare Universum ist Brahman (alle Welten als Gott mit Form), denn es ist aus dem Brahman hervorgegangen. Obgleich durch das Offenbarwerden scheinbar Brahman von dem Brahman genommen wird (= die Schöpfung ein Teil Gottes), bleibt wahrlich das Brahman unveränderlich, immer es selbst.«

Zum Inhalt
Eine Hilfe zum Verständnis des pûrnam adah gibt die Bhagavad-Gîtâ: »Wenn er sieht, daß das Gesondert-Dasein der Wesen in dem Einen sich befindet und nur von diesem (Einen) her sich ausbreitet, dann geht er in das Brahman ein.« (XIII. 27 + 31)

In seinem Werk »The Gist of Religions« gibt Shri Swami Narayanananda eine ausführliche Erklärung des pûrnam adah. Der einleitende Satz lautet: »A careful study of and a little deep thinking about this one Mantra reveals the whole gist of Vedanta Philosophy and establishes the position or relation of Brahman (God) with the universe.« 

Daß das Ganze und seine Teile, das Eine und das Viele eins sind, daß es also das Viele im Grunde gar nicht gibt, das vermag nur der Erleuchtete glaubhaft zu sagen. Im Falle von uns Normalsterblichen wäre eine derartige Aussage »Bücherweisheit«, wie es in den Upanishaden herablassend heißt, leeres Geschwätz. Wer in den Nirvikalpa-Samâdhi eingeht, für den existiert die Welt nicht mehr. Wer viele einzelne Dinge sieht, erkennt das Brahman nicht. Jener, der aus dem Samâdhi zurückkehrt, er allein kann in der Vielheit der Wesen und Dinge das Eine sehen. Der Mantra pûrnam adah ist eine Hilfe auf dem Weg, eine ständige Erinnerung, diesen Zustand erreichen zu können.

Von Shri Ramakrishna hören wir: »Es ist leicht zu argumentieren daß die Welt eine Illusion und das Brahman allein die Wahrheit ist. Aber ein logischer Beweis für das Brahman kommt nicht der Verwirklichung des Brahman gleich. Zwischen intellektuellem Wissen und spiritueller Erfahrung gibt es einen himmelweiten Unterschied. Durch Dialektik kommen wir zu dem Schluß, daß allein das Brahman wirklich ist, daß die einzelnen Seelen und die vielgestaltigen Dinge um uns herum nur eine Erscheinung sind. Doch dieser Schluß betritt und verwandelt nicht Herz und Verstand. Die Schlußfolgerung, die wir intellektuell erreicht haben steht für sich, sie berührt und prägt unser Leben nicht. Sie bleibt bei uns wie die Last auf dem Rücken eines Esels. Sie geht nicht in unser innerstes Wesen ein. Die Anhänger der Illusionstheorie, seltsam genug, scheinen sehr besorgt zu sein um ihre tägliche Nahrung und Kleidung. Kleinigkeiten beunruhigen uns, und wir verlieren viel zu leicht die Beherrschung. Unsere Erkenntnis der Wahrheit beeinflußt nicht immer unser Verhalten. Advaita ist keine einfache Sache. Es erfordert Disziplin und Verehrung.«

Zur Rezitation
Dieser Mantra ist eine klassische Anrufung und wird vor der Meditation, vor und nach dem Studium der Schriften, beim Satsanga (Treffen mit spirituellen Menschen) rezitiert. Er erzeugt die rechte atmosphärische Schwingung. Es versteht sich von selbst daß diese Schwingung auch dann zustandekommt wenn das pûrnam adah … nicht korrekt gesprochen wird, alles ist eine Frage der inneren Haltung. Genauso natürlich ist aber, daß es, wie alle Mantras, bei korrekter Aussprache besser wirkt. Nicht wenige stören sich am typisch deutschen purnammidamm …; man glaubt damit die »lässige« indische Aussprache nachahmen zu können und es klingt doch nur wie taramtatam. Es ist auch ein Unterschied ob man eva vashishyate sagt (das Wort vashishyate gibt es nicht) oder korrekt eva avashishyate … Hier der Mantra mit Betonungshilfe in Fettdruck (e, o, â, û = betont und lang; a, i = betont und kurz):

pûrnam adah pûrnam idam pûrnât pûrnam udachyate |
pûrnasya pûrnam âdâya pûrnam evâvashishyate ||
om shântih shântih shântih

Man kann es auch so darstellen (am Beispiel der zweiten Zeile): puurnasya puurnam aadaaya … Die Briten in Indien jedenfalls schrieben tatsächlich: poornam …, was zur richtigen Aussprache führte. 

Die meisten westlichen Rezitationen und Vertonungen des purnam adah sind schlimm, eine Verhunzung heiligster Worte (zu Dutzenden auf YouTube zu finden). Aber auch in Indien hat man nicht immer die Garantie einer korrekten Aussprache, seltsam. Sehr gut ist diese Rezitation.

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Eine Mahnung (Kularnava-Tantra)

zitiert aus dem im Jahre 1918 erschienenen verdienstvollen Werk Shakti and Shakta. Essays and Addresses on the Shakta-Tantrashastra von Sir John Woodroffe (Arthur Avalon).

In the grand opening chapter of the Kularnava Tantra it is said:
In this world are countless masses of beings suffering all manner of pain. Old age is waiting like a tigress. Life ebbs away as it were water from out of a broken pot. Disease kills like enemies. Prosperity is but a dream; youth is like a flower. Life is seen and is gone like lightning. The body is but a bubble of water. How then can one know this and yet remain content? The Jîvâtman passes through lakhs of existence, yet only as man can he obtain the truth. It is with great difficulty that one is born as man. Therefore, he is a self-killer who, having obtained such excellent birth, does not know what is for his good.
Some there be who having drunk the wine of delusion are lost in worldly pursuits, reck not the fight of time and are moved not at the sight of suffering. There are others who have tumbled in the deep well of the Six Philosophies -- idle disputants tossed on the bewildering ocean of the Vedas and Shastras. They study day and night and learn words. Some again, overpowered by conceit, talk of Unmani though not in any way realizing it. Mere words and talk cannot dispel the delusion of the wandering. Darkness is not dispelled by the mention of the word » lamp«. What then is there to do? The Shastras are many, life is short and there are a million obstacles. Therefore should their essence be mastered, just as the Hamsa separates the milk from the water with which it has been mixed.

In dem großen eröffnenden Kapitel des Kularnava-Tantra wird gesagt:
In dieser Welt leiden zahllose Wesen alle Arten von Schmerzen. Das Alter wartet gleich einer Tigerin. Das Leben fließt fort wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug. Krankheit tötet wie ein Feind. Reichtum ist nur ein Traum; Jugend gleicht einer Blume. Das Leben blitzt auf und schwindet wieder. Der Körper ist wie eine Wasserblase. Wie kann man dies wissen und doch zufrieden sein? Der Jîvâtman durchläuft hunderttausende von Existenzen, doch nur als Mensch kann er die Wahrheit erlangen. Es ist sehr schwer, als Mensch geboren zu werden. Darum ist ein Selbstmörder wer nicht weiß was ihm gut tut, nachdem er solche herausragende Geburt erlangt hat.
Manche, die den Wein der Täuschung getrunken haben, verlieren sich in weltlichem Streben, kümmern sich nicht um das Fliehen der Zeit und werden nicht vom Anblick des Leidens berührt. Andere haben sich in den tiefen Brunnen der sechs Philosophien gestürzt – müßige Disputierende, hin und her geworfen auf dem verwirrenden Meer der Vedas und Shastras. Tag und Nacht studieren sie und lernen Worte. Wieder andere, vom Dünkel überwältigt, reden vom Stillstehen des Geistes ohne dies verwirklicht zu haben. Bloße Worte und Gespräche können nicht die Verblendung des (im Samsâra) Wandernden vertreiben. Dunkelheit wird nicht durch Äußern des Wortes »Lampe« vertrieben. Was dann ist zu tun? Es gibt viele Shastras, das Leben ist kurz, und es gibt eine Million Hindernisse. Darum soll ihre Essenz gemeistert werden, so wie der Schwan die Milch von dem Wasser trennt, mit dem sie vermischt ist.

Jîvâtman = Lebewesen
sechs Philosophien = die sechs indischen Philosophiesysteme
Vedas = die Heiligen Schriften des alten Indien
Shastras = Lehrbücher
Stillstehen des Geistes (unmani) = die höchste Stufe des Yoga, der Samadhi
Samsâra = der leidvolle Kreislauf der Geburten und Tode
Hamsa = der Schwan; von ihm heißt es, er könne die Milch vom Wasser trennen und gilt deshalb als Sinnbild des Erleuchteten

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Der entscheidende Satz

Aus einer Szene des Films »Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen« (»Meetings with Remarkable Men«, Peter Brook, GB 1978), in dem es um die spirituelle Suche des jungen Georges I. Gurdjieff (1866–1949) geht. Den geschilderten Dialog findet man ab Minute 70. Der Film ist in seiner Essenz wertvoll, weil er die klassische Situation beschreibt: Ein Mensch sucht nach dem WEG und irrt von hier nach dort, um am Ende, nach leidvollen, aufreibenden Erfahrungen erkennen zu  müssen: Ich habe nichts gefunden.

Auf seiner mühseligen Wanderschaft im Kaukasus und Hindukush trifft Gurdjieff zweimal auf einen Dervish. Dieser speist ihn beim ersten Mal mit einem unverbindlichen Hinweis ab und läßt ihn wieder gehen. Am Ende seiner Irrfahrt sucht Gurdjieff den Dervish ein zweites Mal auf, und hier trifft man auf den folgenden Dialog (der Film ist in englischer  Sprache). 

Der Meister: »Have you found what you are looking for?«
Gurdjieff: »I have found nothing. I don't know how to search. There is never an answer. What can I do now? I am desperate.«
Der Meister: »You will never find the answer by yourself. Alone a man can do very little. His only hope is to find a place where the real knowledge is been kept alive. (nach kurzem Innehalten:) I advice you to try to find the Sarmoung Brotherhood. Go up the Amudarja, towards Kafiristan. It is a dangerous undertaking, you will be risking your life! But at the right  moment there will be a guide.«

Und Gurdjieff macht sich auf, die Geschichte gelangt zu ihrem guten Ende.

Der entscheidende Satz dieser bewegenden Szene ist: »Alone a man can do very little.«

Die  Aussage deckt sich mit den Worten anderer Meister. Für einen wirklichen geistigen Fortschritt benötigt ein Suchender eine Führung.

Von einem großen christlichen Heiligen stammen die Worte: »Eine tugendhafte, aber alleinstehende und führerlose Seele gleicht einer brennenden  Kohle: Anstatt sich mehr zu entzünden erkaltet sie.« [Juan de la Cruz, 1542–1591]

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Der Guru

Zehn Wahrheitssucher werden eventuell zehn verschiedene Antworten geben, wenn sie nach der Essenz des spirituellen Weges gefragt werden. In den Augen vieler sind es die folgenden Worte aus der Guru-Gîtâ, denn sie handeln  vom größten aller Geheimnisse.

dhyânamûlam gurormûrtih pûjâmûlam guroh padam |
mantramûlam gurorvâkyam mokshamûlam guroh kripâ ||

»Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Guru; die Wurzel der Verehrung sind die Füße des Guru; die Wurzel des Mantra ist das Wort des Guru; die Wurzel der Erlösung ist die Gnade des Guru.« (Guru-Gîtâ, Vers 76)

dhyâna = Meditation; mûla = Wurzel, Basis, Essenz; mûrti = Gestalt, Form, Gesicht; pûjâ = rituelle Verehrung; pada = Fuß; vâkya = Rede, Satz, Aussage; moksha = Erlösung, Freiheit; kripâ = Erbarmen, Mitleid

In zahlreichen Âshramas wird täglich die gesamte Guru-Gîtâ rezitiert. Es gibt Differenzen bei der Zählung der Verse. Da die Guru-Gîtâ ein Teil des riesigen Skanda-Purâna ist, werden von manchen nur »die ganz wichtigen« Shlokas ausgewählt; andere wiederum möchten den vollen Text. Entsprechend sind die Verszählungen etwas unterschiedlich.

Als Essenz gilt eigentlich der berühmte Shloka gururbrahmâ gururvishnurgururdevo maheshvarah gurureva param brahma tasmai shrîgurave namah»der Guru ist Brahmâ, der Guru ist Vishnu, der Guru ist Shiva; der Guru ist wahrlich das höchste Brahman; Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru!« Viele halten den folgenden Vers für noch bedeutender, denn er enthält die Geheimnisse der Praxis des spirituellen Weges: Was ist die Wurzel (mûla – auch: Essenz, Grundlage) der Meditation? Was ist die Essenz aller Verehrungsrituale, die wahre Pûjâ? Der Gurr-Mantra als Schlüssel der spirituellen Praxis. Schließlich das größte aller Geheimnisse: Wer ist der Guru, was bewirkt er, wie führt er seine Schüler zur Freiheit?

Zur letzten Frage sei Shri Ramana Maharshi zitiert: »Die Gnade des Meisters trägt mehr zur Selbstverwirklichung bei als Lehren, Vorlesungen, Meditation, usw. Diese sind nur zweitrangige Hilfen, während die Gnade des Meisters die erste und wesentliche Ursache ist.«

Die Worte des Maharshi, und die Endworte von Vers 76 (mokshamûlam guroh kripâ) setzen den Glauben an den Guru voraus, und das Wissen, wie wichtig er für den Sucher der Wahrheit ist. Bei derartigen Aussagen hält sich der Verfasser der Guru-Gîtâ nicht zurück. Man denke an Vers 46: »If Shiva is angry, the Guru saves you; but if the Guru is angry, even Shiva cannot save you. Therefore, with every effort, take refuge in the Guru.« Die Guru-Gîtâ ist etwas für »Devotees«.

dhyânamûlam gurormûrtih
pûjâmûlam guroh padam |
mantramûlam gurorvâkyam
mokshamûlam guroh kripâ ||

»Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Guru;
die Wurzel der Verehrung sind die Füße des Guru;
die Wurzel des Mantra ist das Wort des Guru;
die Wurzel der Erlösung ist die Gnade des Guru.«

Man vergegenwärtige sich auch das Gurvasthakam, die unsterblichen Worte von Shri Shankaracharya: »Wenn aber der Geist nicht an den Lotusfüßen des Guru hängt, wozu (dies alles)? Wozu? Wozu? Wozu?«

gururbrahmâ gururvishnurgururdevo maheshvarah |
gurureva param brahma tasmai shrîgurave namah ||

»Der Guru ist Brahmâ, der Guru ist Vishnu, der Guru ist Shiva;
der Guru ist wahrlich das höchste Brahman; Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru!«

anekajanmasamprâpta karmabandhavidâhine  |
âtmajñânapradânena tasmai shrîgurave namah ||

»Verehrung Ihm, dem strahlenden Guru, der die Fesseln des in vielen Geburten
angesammelten Karmas verbrennt, indem er Selbst-Erkenntnis schenkt!«

dhyânamûlam gurormûrtih pûjâmûlam gurohpadam  |
mantramûlam gurorvâkyam mokshamûlam guroh kripâ ||

»Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Guru; die Wurzel der Verehrung sind die Füße des Guru;
die Wurzel des Mantra ist das Wort des Guru; die Wurzel der Erlösung ist die Gnade des Guru!«

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Zehntausend Jahre Mantra-Japa

»Saints did Japa and Sadhana for 10,000 years ..., only then they could succeed in Japa, Meditation and Yoga. But people want to be expert within 5–7 months only.« Tiefgründige und für den Wahrheitssucher wichtige Worte von Neeb Karori Baba (*? – †1973).

Japa = das Wiederholen des Mantras, des Namens Gottes
Sadhana = die geistlichen Übungen, die Praxis auf dem spirituellen Weg
10,000 years = über viele Inkarnationen; ein einziges Leben reicht nicht aus, um den Samâdhi zu erreichen.

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Will der Mensch nicht frei sein?

Diese unsterblichen Worte von Shri Ramakrishna (1836–1886) findet man im 1898 erschienenen Buch von Prof. Max Müller: Ramakrishna. His Life and Sayings und sind dort unter Spruch 312 verzeichnet.

312. »There are men, who, although they have nothing to attract them in this world, create some attachments for themselves, and so try to bind themselves to this earth. They do not want and do not like to be free. A man who has no family to care for, no relatives to look after, generally takes a cat, or a monkey, or a dog, or a bird for a pet object and companion, and thus slakes his thirst for milk by drinking mere whey. Such is the power of Mâyâ or Nescience over humanity.«

312. »Es gibt Menschen die, obwohl sie nichts mehr haben was sie in dieser Welt anzieht, sich selber einige Bindungen schaffen und so versuchen, sich an diese Erde zu fesseln. Sie wollen nicht frei sein und lieben es nicht, frei zu sein. Ein Mensch, der keine Familie zu versorgen hat, keine Verwandten, um die er sich kümmern muß, legt sich in der Regel als Haustier und Gefährten eine Katze zu, oder einen Affen, oder einen Hund, oder einen Vogel, und stillt so seinen Durst nach Milch durch das Trinken bloßer Molke. Solches ist die Macht der Mâyâ oder Unwissenheit über die Menschheit.«

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Bildnachweis
Shri Shankaracharya: Gemälde von Raja Ravi Varma, 1904

Diese Seite wurde am 09.05.2017 zuletzt geändert.

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