Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Heilatmen

 

Das Atmen im Yogakurs
Der klassische Prânâyâma
Die beiden korrekten Ruheatmungen
Aus der Atemschule von Dr. Parow
Die Essenz des Yoga-Atmens
Tiefatmen ist selten gesund und meistens schädlich
Die Wichtigkeit der vollständigen Atmung
Merksatz für Hyper- und Hypotoniker
Heilatmungen: die beste Übung
Eine Klarstellung zur Buteyko-Atmung
Göttliches Atmen

 

 

Das Atmen im Yogakurs

Atemübungen beeinflussen den Prâna noch schneller als die Âsanas. Falsch praktizierte Körperübungen können schädlich sein; falsch praktiziertes Atmen ist immer schädlich. Man sollte wissen, was man tut.

Viele Menschen haben das natürliche Atmen verlernt; Zitat aus einem Buch über Atemheilkunde zur heutigen Situation: »Kein Mensch atmet richtig.« Das ist durch die Lebensführung bedingt: eine schlechte Verdauung, zuwenig Bewegung, chronischer Streß, mangelnde Beherrschung der Gefühle. Ein Yogalehrer muß darauf reagieren, selbst wenn damit die gewohnten Vorstellungen vom Atmen in Yogakursen über den Haufen geworfen werden. Eine Atemtherapie beginnt stets damit, die Fehlatmungen abzustellen.

Grundsätzlich: Alle Atemübungen mit Ausnahme der Bauchatmung im Liegen und der Lendenatmung im Sitzen sind schädlich, solange die Verspannungen nicht gelöst sind. Die zwei natürlichen Atmungen sind keine Übungen; man bezeichnet sie anfangs dennoch als solche, bis die Fehlatmungen abgestellt sind.

Nr. 1 ist die Bauchatmung im Liegen, die reine Zwerchfellatmung. Herzpatienten und Übergewichtige lagern den Oberkörper höher (Herzpatienten verzichten gar auf die Rückenlage), damit die Bauchorgane die Bewegung des Zwerchfells nicht behindern. Die Essenz ist: Man läßt es atmen; man spürt, wie die Nabelgegend sich von alleine weitet und senkt; wie der Bauchraum weich wird. Man ist sich bewußt, wie der Atem ruhig und gleichmäßig fließt; wie das Zwerchfell sich bewegt; wie Bauch und Gesicht entspannen. Mit Autosuggestion vervielfacht sich die gute Wirkung: Ruhe und Gelöstheit ziehen in den Körper; der Prâna fließt harmonisch; Frieden erfüllt den Geist.

Nr. 2 ist die Lendenatmung im Sitzen. Beim Einatmen bewegt man die Schultern nicht und hält den Tonus der Bauchdecke; so fließt die Luft nach hinten unten, die Lendengegend bewegt sich, es entsteht ein sanfter Druck im Abdomen. Das ist die normale Ruheatmung im Sitzen und Stehen.

Sämtliche andere Atmungen sind willentlich. Willentlich bedeutet nicht natürlich (das kann wohl mißverständlich sein, heißt aber nichts anderes als: diese Art des Atmens muß man wollen); dennoch ist das willentliche, minutenlange Atmen wertvoll. Alle indischen Atemübungen sind willentlich. Hier muß man sich entscheiden zwischen westlicher und östlicher Anschauung; das willentliche Atmen kann nicht von Nutzen sein wenn man ständig die Befürchtung hat, etwas Schädliches zu tun.

Die vollständige Atmung ist angenehm und heilsam. Korrekt ist sie, wenn sie unterschieden wird im Sitzen und im Liegen; wenn sie zwar tief aber zum Ausgleich langsam und mit kurzem Leerbleiben gemacht wird; so gleicht sich die erhöhte Zufuhr von Sauerstoff durch eine Vermehrung des Kohlendioxyds aus. Die vollständige Atmung ist damit ein Förderer der Zellatmung. Ihr Hauptzweck ist dennoch nicht die Steigerung des Sauerstoffs, vielmehr die durch die Wellenbewegung des Rumpfes (im Liegen und Sitzen) und durch die Bauchspannung (im Sitzen) bewirkte Beseitigung der pathogenen Blutfülle im Bauch. So wie sich die natürliche Atmung im Liegen/Sitzen durch die Sache mit der Bauchspannung unterscheiden, so ist es bei der vollständigen Atmung. Im Sitzen soll es nicht zu der Wellenbewegung kommen, denn dazu müßte man den Bauch weiten, bevor die Luft in den Brustkorb strömt. Im Sitzen ist das jedoch ein Fehler von einer Ausnahme abgesehen: Es ist therapeutisch sinnvoll, einige Male eine übertriebene Wellenbewegung des Rumpfes mit anschließendem Vorbeugen zu provozieren, um die Blutfülle des Bauchraums zu beseitigen. Dann folgt die normale Technik im Sitzen mit Tonus der Bauchdecke.

Das verlängerte Ausatmen mit Leerbleiben ist die beste senkende Übung (gegen Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Augen- und Ohrenprobleme, innere Unruhe), eine Erholung für Körper und Geist.

Das rhythmische, fließende Atmen darf nur praktiziert werden, wenn man sich an das willentliche Atmen gewöhnt hat. Das rhythmische Atmen ist die unerläßliche Vorbereitung für jene, die in den Pranayama einsteigen wollen.

Die Kunst des Atmens besteht im absolut gelösten Ausatmen mit kurzem Leerbleiben. Das Ausatmen ist passiv, ohne jeden Druck; man achte aber darauf, die Luft ganz gehenzulassen, wirklich leer zu werden. Es liegt an psychophysischen Spannungen, wenn man damit Probleme hat. Ruhig auszuatmen bedeutet vor allem innerlich loslassen zu können, und dies fällt den meisten Menschen schwer. Solange das gelöste Ausatmen nicht perfekt funktioniert, so lange sind alle anderen Atemübungen sinnlos und schädlich.

Wann atmet man richtig? Zu Beginn des willentlichen Atmens sind eventuelle Störungen normal (Kreislauf, Herzklopfen, Unwohlsein). Sind die anfänglichen Probleme durch eine korrekte Praxis überwunden, gilt: Das Atmen sei angenehm, heilsam, energieaufladend. Anstrengung = Fehler gemacht; Druck im Kopf = Fehler gemacht … Für das Atmen ist, wie für die Körperübungen, entscheidend: Es sollte einem nach der Yogastunde besser gehen als vorher; andernfalls hat man nicht gut gearbeitet.

Bei Atemübungen im Yogakurs ist zu bedenken: 1. Der Lehrer kann aus zeitlichen Gründen unmöglich zehn und mehr Personen kontrollieren. Entweder atmen die Übenden also richtig, oder man läßt es besser bleiben. Atemübungen sind Therapie; diese gelingt nur bei Überwachung jeweils einer Person. 2. Therapeutisches Atmen ist nur sinnvoll wenn man täglich daheim praktiziert. Einmal in der Woche im Kurs zu üben macht aus heilsamen Dingen das Gegenteil: ungewohntes Atmen, Streß, Unwohlsein, jede Woche neu und unbefriedigend. 3. Atmen erfordert Bewußtheit. Von der Arbeit erschöpft, haben dies jedoch nur wenige Menschen. Kursteilnehmer, die bereits bei der ersten Atemübung einschlafen darf man nicht aufwecken, sie seien sich selbst überlassen; so entspannen sie zumindest und atmen natürlich in den Bauch. Atmen mit vorgegebenem Rhythmus ist für Fortgeschrittene wertvoll. Für Anfänger ist das Gleichschalten unterschiedlicher Frequenzen nicht therapeutisch.

Eine sinnvolle Atemarbeit in Yogakursen ist: das Erkennen der Fehlatmungen; das Einprägen der Normalatmung; das Loslassen von Spannungen; das Bewußtmachen der feineren Vorgänge im Organismus; das Umpolen durch positive Autosuggestionen. Sobald die Fehlatmungen beseitigt sind, die natürliche Ruheatmung wieder fließt, gelten auch andere Regeln – falls man Interesse daran hat, weiterzugehen.

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Der klassische Prânâyâma

Die Yoga-Atmungen sind zweizuteilen: 1. Die fließenden Übungen, bei denen der Atem nicht angehalten wird. Sie fördern das harmonischen Fließen des Prâna, sind therapeutisch wertvoll. 2. Prânâyâma, die Techniken mit Anhalten des Atems, speziell nach der Einatmung. Sie sind auch gesundheitlich gut, ihr eigentliches Ziel aber ist die Erweckung der Kundalinî. Damit ist der Prânâyâma ein Teil des geistigen Yoga und darf nur unter Anleitung eines Meisters praktiziert werden. Prânâyâma-Übungen gehören nicht an die Öffentlichkeit. Siehe dazu hier.

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Die beiden korrekten Ruheatmungen

Alle Atemübungen sind kontraproduktiv, solange die beiden Ruheatmungen nicht perfekt ablaufen. Kurz:

1. Die Naturatmung in Rückenlage ist die gelöste Bauchatmung. Nur das Zwerchfell bewegt sich (und die unteren Rippenmuskeln), die Atemhilfsmuskeln im oberen Rumpf sind nicht aktiv. Bewegt sich in Rückenlage etwas anderes als nur der Bauch, zeugt dies von körperlichen und psychischen Spannungen. Der Bauch bewegt sich von alleine; es ist ein Fehler, ihn aktiv zu wölben, denn dadurch entstehen noch mehr Spannungen. Ein noch größerer Fehler wäre es, beim Ausatmen nachzuhelfen; es gilt drucklos die Luft hinauszulassen.

2. Die Naturatmung im Sitzen und Stehen ist nicht identisch mit der Bauchatmung im Liegen. »Im Bauch loslassen« wäre in aufrechter Position ein unnatürlicher, den Fluß des Prana störender Vorgang, während die Lendenatmung mit Tonus der Bauchdecke den Energiefluß im Unterleib harmonisiert. Den Bauch nicht extra anspannen, wohl aber den Tonus halten – die natürliche Muskelspannung im aktiven Zustand, welche nur in Rücken- und Seitenlage sich löst, in der dann die Atmung mit weichem Bauch fließt. Wenn man im Sitzen und Stehen »im Bauch losläßt« geht der Prana falsche Wege, da sollte man sich nicht wundern wenn es zu Problemen kommt.

Zu 1. Senkt sich einatmend das Zwerchfell, weitet sich der ganze untere Rumpf. Man kann in Rückenlage spüren, daß mit dem Heben der Bauchdecke sich die Flanken weiten, wenn auch nicht so deutlich wie im Sitzen.

Zu 2. Bei der Lendenatmung weitet sich neben der Nierengegend auch etwas der Oberbauch; vom Nabel abwärts jedoch halte man den Tonus, und eine leichte Spannung des Beckenbodens (genauer: das natürliche rhythmische Spannen und Entspannen des Beckenbodens beim Aus- und Einatmen darf nicht durch eine Schwäche des Beckenbodens verlorengehen).

Die Ruheatmung im Liegen und im Sitzen unterscheiden sich: darauf wird im Yoga Wert gelegt. André van Lysebeth, einer der Pioniere des Hatha-Yoga in Europa, zitiert Swâmî Kuvalayânanda vom indischen Yoga-Institut Lonavla: »Es gibt zwei Möglichkeiten, um einzuatmen. Westliche Atemgymnastik empfiehlt, daß der Bauch entspannt und ausgewölbt werde. Der Yoga verlangt, daß im Gegenteil die Bauchmuskulatur kontrahiert bleibt.« [Anmerkung: gemeint ist damit die Atmung im Sitzen, wie es beim klassischen Prânâyâma der Fall ist.]

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Aus der Atemschule von Dr. Parow

Vor allem der erste der folgenden Punkte sorgt für Verwirrung, weil man uns von Kindheit an das Gegenteil gelehrt hat. Die Prinzipien des Arztes Julius Parow harmonieren mit der Essenz des Yoga-Atmens. Tatsache ist, daß heute die meisten Menschen in ständiger Ausatmungsschuld sind (sie atmen zuviel ein und zuwenig aus), bewirkt durch chronischen Streß und die dadurch entstehenden Verspannungen.

Im Ruhezustand, so liest man, atmet der Erwachsene etwa 15mal pro Minute. Man mag dagegen argumentieren (ob dies wirklich Ruhe bedeutet) oder nicht; der Yogin jedenfalls bemüht sich den Atem zu verlangsamen, zur Förderung der Gesundheit, des harmonischen Fließens des Prana. So mancher ist hier verunsichert und sagt: Ich kriege nicht genug Sauerstoff, wenn ich »weniger« atme! Die Äußerung beweist, daß er weder über die westliche Physiologie noch über das Yoga-Atmen nachgedacht hat. Das ist viel Theorie; hier geht es an die Praxis, an die wichtigsten 7 Punkte aus Dr. Parows Empfehlungen:

– nur mit möglichst wenig, nicht mit viel Luft atmen

– so langsam wie möglich die Luft einziehen

– so drucklos wie möglich die Luft herauslassen

– den Brustkorb beim Atmen nicht heben und senken

– die Lenden beim Einatmen weich nachgebend ausdehnen

– die Schultern durch Hängenlassen entspannen

– Gesicht und Zunge ganz entspannt

Wird das genau eingehalten, ist es nach Dr. Parow nur eine Frage der Zeit und des Übens, bis sich diese im Ruhezustand normale Atmung so gut eingeprägt hat, daß sie als Gewohnheit automatisch abläuft.

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Die Essenz des Yoga-Atmens

»Der Prâna fließt gut durch Körperübungen; er fließt noch besser durch Atemübungen; am besten fließt er durch das friedliche Sitzen in Meditation.« In diesem Merksatz steckt das Geheimnis: Je ruhiger der Atem fließt, desto ruhiger fließen die Energieströme. Somit klärt sich alles, wenn man an den Merksatz denkt: »Gesundheit ist das harmonische Fließen der Lebensenergie; ihr gestörter, zu starker und zu schwacher Fluß bedeutet Krankheit.«

»Je ruhiger der Atem fließt« heißt: je langsamer er fließt; dies ist die Essenz des Yoga-Atmens. So wird verständlich, warum das stille Sitzen derart hoch angesehen wird; der Meditationsatem ist der extrem langsam fließende, fast unmerkliche Atem, der den Eindruck des Stillstands vermittelt. Er geht über das bewußte Atmen, über das Üben hinaus, führt zur inneren Ruhe und öffnet das Tor zur Konzentration.

Im Ruhezustand, so liest man, atmet der Erwachsene etwa 15mal pro Minute. Man mag dagegen argumentieren oder nicht; der Yogin jedenfalls bemüht sich den Atem zu verlangsamen, zur Förderung der Gesundheit. »Atme mit möglichst wenig, nicht mit viel Luft (Dr. Parow).« So mancher erwidert: Ich kriege nicht genug Sauerstoff, wenn ich flacher atme! Die Äußerung beweist, daß er weder über das Yoga-Atmen noch über die westliche Physiologie nachgedacht hat: Daß wir in Ruhe viel Sauerstoff brauchen ist ein Mißverständnis, welches die Idee mit sich bringt, das Kohlendioxyd als schlecht zu betrachten, als ein Abfallprodukt, das durch Tiefatmen aus dem Körper zu entfernen ist. Ein physiologischer Gehalt an Kohlendioxyd im Blut ist lebenswichtig, und der unter chronischem Streß stehende Mensch, der sich in ständiger Ausatmungsschuld befindet (er atmet zuviel ein und zuwenig aus), bringt das natürliche Wechselspiel zwischen Sauerstoff und Kohlendioxyd aus dem Gleichgewicht.

Die Yoga-Logik anhand der vollständigen Atmung: Wer hier geübt ist, atmet etwa 3mal pro Minute; bei fünfminütiger Übung sind das 15 Atemzüge – so viel, wie der normale Mensch in nur einer Minute benötigt. Im Hinblick auf die Gesundheit ist das sehr gut, wie aus der tiefgründigen Lehre vom Prana hervorgehen sollte.

Man mag sich mit den vielen einzelnen Atemtechniken beschäftigen; sie sind abwechslungsreich und gewinnbringend. Man mag sich aber auch nur an die Essenz der Sache halten: Ich atme jetzt einige Zeit lang so fein, so ruhig, so langsam wie möglich ein und aus!

Man wird übrigens feststellen, daß alleine schon die Bewußtheit das Atmen langsamer macht. Sobald der Atem beobachtet wird, fließt er von selbst ruhiger. Und dadurch kommt automatisch die innere Ruhe. Das ist ein natürliches Phänomen, welches man nutzen sollte. Es ist überaus einfach – jedes Kind kann das – und hochwirksam. Das Atembewußtsein spielt im Yoga die größte Rolle!

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Tiefatmen ist selten gesund und meistens schädlich

Viele Menschen sagen: »Atme ich einige Male tief und energisch ein, dann wird mir schwindlig« – ein klares Zeichen dafür, daß Tiefatmen nicht gesund ist. Besonders das allseits gepriesene Tiefatmen im Verbund mit Bewegungen wie dem Heben der Arme usw. ist als unnatürlicher Vorgang abzulehnen. Fehlatmungen können durch Tiefatmen nicht korrigiert werden; im Gegenteil, es wird alles noch schlimmer, denn die Spannungen nehmen zu.

Das Mißverständnis mit dem Tiefatmen entsteht, wenn die Sache mit dem Sauerstoff und Kohlendioxyd nicht bedacht wird, und wenn man die Ruheatmung nicht von der Atmung in Bewegung abgrenzt. Das sind zwei verschiedene Welten mit unterschiedlichen Prinzipien. Hier ist von der Ruheatmung die Rede, und von ihr gilt: Man atme ruhig, entspannt, gelöst. Mit den Worten von Dr. Parow: »Atme mit möglichst wenig, nicht mit viel Luft.« Einatmen = Spannung; Ausatmen = Entspannung (die Rede ist von der Ruheatmung. Das Anspannen mit dem Ausatmen, wie es bei Anstrengung und z.B. in der Kampfkunst gemacht wird, ist etwas anderes). Tiefatmen ist eine vermehrte Spannung. Die meisten Fehlatmungen entstehen durch zuviel Spannung. Wie soll sich durch Tiefatmen eine Fehlatmung bessern? Und falls jemand argumentiert »durch Tiefatmen erhält der Körper mehr Sauerstoff«, dann ist er gut beraten, sich mit Dr. Buteyko zu beschäftigen. Je mehr Sauerstoff man einatmet, desto mehr Kohlendioxyd wird aus dem Körper entfernt. Je geringer das Kohlendioxyd wird, desto schlechter trennt sich der Sauerstoff von seinem Träger, dem Hämoglobin des Blutes, desto weniger Sauerstoff steht den Zellen zur Verfügung (der »Bohr-Effekt«). Das gilt für die Atmung im Zustand der Ruhe, also für den größten Teil des Tages und für die ganze Nacht.

Regeln haben Ausnahmen. Manchmal tief zu atmen ist gut, das sagt der gesunde Menschenverstand. Kommt man aus dem überhitzten Saunaraum ins Freie, dann ist es gut, einige Male tief einzuatmen. Reckt und streckt man sich morgens vor dem Aufstehen, dann ist es natürlich, einige Male tief zu atmen. Gähnt man herzhaft, dann atmet man tief, und es ist gesund, weil der Körper danach verlangt. Kommt man aus der Entspannung des Yoga, dann streckt man sich energisch und atmet dabei einige Male tief, um den Kreislauf anzukurbeln: ein natürlicher Vorgang. Weiter ist Tiefatmen gesund in Form des Bhastrika-Prânâyâma und der vollständigen Atmung; bei beiden aber geht es um die korrekte Ausführung: Nach dem Tiefatmen hält man den Atem zur Vermehrung des Kohlendioxyds an; damit ist der Prânâyâma ein geniale Technik zur Förderung der Zellatmung. Es sollte nicht schwierig sein, dies alles von dem zu Unrecht gepriesenen generellen Tiefatmen zu unterscheiden.

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Die Wichtigkeit der vollständigen Atmung

Wenn es heißt »nicht tief atmen; nur mit wenig Luft atmen«, könnte man denken daß die vollständige Yoga-Atmung schädlich ist. Sie ist jedoch die Mutter aller Atemübungen, eine grundlegende Technik und darf nicht vernachlässigt werden.

Es gibt die ruhige, recht verstanden flache Normalatmung des gesunden Menschen; und es gibt die verminderte Atmung des nicht mehr Gesunden bzw. Kranken. Wenn man die flache, ruhige Normalatmung auch als verminderte Atmung ansieht, dann ist man einem Mißverständnis zum Opfer gefallen. 

Die Ursachen für eine verminderte, krankhafte Atmung sind zahlreich. Zu den bedeutenden gehören das Übergewicht, Darmprobleme, der Blutstau im Unterleib, das blockierte Zwerchfell, Probleme mit Herz, Lungen und Nieren. Über den Kern der Sache, die Blut- und Energiestauung im Bauchraum, habe ich in den Heilwirkungen geschrieben.

Bei verminderter Atmung ist die regelmäßige, tägliche Praxis der vollständigen Atmung wichtig. 

Erstens in der klassischen Art, siehe Heilwirkungen Seite 226, zweitens bei Bedarf nach Dr. Tirala. Dazu heißt es in den Heilwirkungen: »Der Autor hält die Anwendung der ›übertriebenen‹ vollständigen Atmung für wichtig, beschreibt sie aber nicht im Detail weil er glaubt, daß sie nur im Unterricht korrekt zu erlernen ist. Er ermuntert Leser, die mit dieser Information verständlicherweise unzufrieden sind, sich das Buch zu besorgen: Prof. Dr. Lothar G. Tirala, Heilatmung bei Blutdruck-, Herz- und Kreislaufkrankheiten.« Update: Das lange vergriffene Buch ist wieder erhältlich, es heißt jetzt »Heilatmung – Gesundheit ohne Medikamente«. Ich weiß aber nicht, ob es sich um eine unveränderte Neuauflage des Originals handelt.

Die von Prof. Tirala vorgeschriebene Dauer der Übung war: 3 mal 15 Minuten täglich !

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Merksatz für Hyper- und Hypotoniker

Auf dieser Webseite, in meinem Buch und im täglichen Unterricht liegt der Schwerpunkt beim Atmen auf der Verlängerung des Ausatmens, sogar mit anschließendem kurzem Leerbleiben, praktisch als »Verlängerung der Verlängerung«. Das sollte verständlich sein, da es ungleich mehr Menschen mit zu hohem als mit zu niedrigem Blutdruck gibt. Ich betone immer wieder: Die »senkenden« Übungen sind reinste Medizin bei Hypertonie (Bluthochdruck).

Es sollte ebenso verständlich sein, daß für echte Hypotoniker (= mit nachgewiesenem erheblich niedrigem Druck) das Umgekehrte positiv ist. Sie sollten das »Leersein« vermeiden (ein, zwei Sekunden – wie es die Regel ist – sind harmlos, gemeint ist ein längeres Leerbleiben) und die Einatmung betonen, sogar mit Anhalten des Atems nach der Einatmung. Wobei zur Sicherheit erneut gesagt werden soll: Ein längeres Halten der Luft mit vollen Lungen (das beginnt bei acht Sekunden) ist typisch für den Prânâyâma und damit allgemein nicht empfohlen. Ein Anhalten auf drei, vier Zähler hingegen ist therapeutisch wertvoll bei Hypotonie und sollte praktiziert werden.

Der Merksatz lautet also zusammenfassend: Hypertoniker → Verlängerung der Ausatmung; Hypotoniker → Verlängerung der Einatmung.

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Heilatmungen: die beste Übung

Als beste Übung bezeichne ich die unten beschriebene milde Form. Nur der Vollständigkeit halber wird die intensive Art erwähnt, welche zum Prânâyâma gehört (= sie darf als echtes, längeres Anhalten des Atems nur persönlich erlernt werden).

Zur Überschrift: Es gibt nicht nur eine Art, gesundheitlich zu atmen, und es wird unterschieden in Naturatmung und Übung. Die Essenz des Yoga-Atmens, das ruhige Atmen im Sitzen und Stehen, ist natürlich eine Heilatmung, eine der besten. Obwohl hier mancher einwendet, daß man sich sogar dazu zwingen muß, sollte sie nicht als Übung bezeichnet werden, denn es ist die Normalatmung eines gesunden, entspannten Menschen mit geordneten Gedanken, eine auffallend langsame, flache Atmung. Daß der Erwachsene 14–18mal pro Minute atmet, wie kam diese Norm zustande? 15 Atemzüge, das heißt: Man atmet 2 Sekunden ein, 2 Sekunden aus und macht nach dem Ausatmen nicht die kleinste Pause; dies kann nicht normal sein. Man mag einwenden: Die meisten atmen so! Das stimmt; man darf es trotzdem nicht als Norm festlegen. Auch für das Atmen gilt: Wenn das Schlechte normal geworden ist, ist es noch lange nicht natürlich. Im Ruhezustand 10 Atemzüge pro Minute, das ist besser; 8–6mal, das ist optimal.

Auch an dieser Stelle sei auf den Unterschied zwischen a) natürlichem und b) willentlichem Atmen hingewiesen. Willentlich bedeutet nicht natürlich (das kann durchaus mißverständlich sein, heißt aber nichts anderes als: diese Art des Atmens muß man wollen); dennoch ist das minutenlange willentliche Atmen wertvoll. Alle indischen Atemübungen sind willentliche Atmungen. Hier muß man sich entscheiden können zwischen westlicher und östlicher Anschauung, denn das willentliche Atmen kann nicht von Nutzen sein wenn man dabei die permanente Befürchtung hat, etwas Schädliches zu tun.

Man lehrt: Tiefatmen ist gesund, weil der Organismus mehr Sauerstoff bekommt. Dem liegt die Idee zugrunde: Sauerstoff ist gut, Träger des Lebens; Kohlendioxyd ist als Abfallprodukt schnell aus dem Körper zu entfernen. Da muß es verwundern wenn man hört: Der chronisch verspannte Mensch atmet zuviel ein und zuwenig aus – Einatmen ist Spannung, Ausatmen ist Entspannung, niemand widerspricht diesem Merksatz, jeder kann es spüren (die Rede ist von der Ruheatmung. Das Anspannen beim Ausatmen, wie es bei Anstrengung und in der Kampfkunst gemacht wird, ist etwas anderes). Das wird als Atmen in ständiger Ausatmungsschuld bezeichnet und ist selbstverständlich falsch und schädlich. Gleichzeitig bedeutet diese Fehlatmung: viel Sauerstoff, wenig Kohlendioxyd.

Viel Sauerstoff, wenig Kohlendioxyd = Gesundheit – so stimmt es eben nicht. Der wegweisende Satz des Forschers Dr. Paul Seeger lautet: »Nicht Sauerstoffmangel ist die Ursache des Krebses. Sauerstoff ist zur Genüge vorhanden, er kann jedoch nicht utilisiert werden!« Warum der Sauerstoff in den Körperzellen nicht utilisiert werden kann (er oxydiert dort zum Zwecke der Energiegewinnung den Wasserstoff), das ist  ein endloses Thema mit vielen Einzelpunkten, welche hier nicht besprochen werden können bis auf eine Ausnahme: das falsche Atmen. Eine der Definitionen für »Gesundheit« ist das Gleichgewicht der biochemisch-energetischen Prozesse im Organismus, und dazu gehört das Wechselspiel zwischen Sauerstoff und Kohlendioxyd.

Mancher Yogafreund wendet ein: Einer der Prânâyâmas ist Bhastrikâ, der Blasebalg. Bei ihm wird in schnellen, fortlaufenden Stößen energisch ein- und ausgeatmet, um auf diese Weise »viel Sauerstoff zu tanken«. Irrt der Yoga? Nein. Erstens führt man diese willentliche Atmung täglich nur wenige Minuten lang aus; zweitens kommt es auf die korrekte Ausführung an: Nach etwa zehnmal »Schnüffeln« wird die Luft lange angehalten, dadurch das Kohlendioxyd vermehrt und der Wasserstoff in den Zellen durch den auf diese Weise (durch Erhöhung des CO2) freiwerdenden Sauerstoff oxydiert; erst dann folgen die nächsten energischen Atemzüge, erneut die Vermehrung des Kohlendioxyds durch Anhalten und so fort. Genial – wie der gesamte Yoga es ist. Bhastrikâ ist ein Förderer der Zellatmung. Vorsicht: Bhastrikâ ist ein klassischer Prânâyâma und sollte nicht ohne Führung eines  wahren Meisters praktiziert werden.

Den gleichen Einwand gibt es bei Sarala-Prânâyâma, der vollständigen Yoga-Atmung. Der Ausdruck »vollständig« sagt es – sie gehört zum Tiefatmen. Es gilt auch hier: Erstens führt man sie nur wenige Minuten aus; zweitens kommt es auf die korrekte Ausführung an. Man atmet zwar tief, aber langsam, und man macht eine deutliche Pause nach dem Ausatmen; somit gleicht sich die erhöhte Sauerstoffzufuhr durch eine Vermehrung des Kohlendioxyds aus. Auch diese Atmung ist damit ein Förderer der Zellatmung. Ihre eigentliche Absicht ist aber nicht die Steigerung des Sauerstoffs, vielmehr die durch die Wellenbewegung des Rumpfes bewirkte Beseitigung der pathogenen Blutfülle im Bauch.

Wie der Sauerstoff hat auch das Kohlendioxyd wichtige Aufgaben im Organismus. Die erste Anregung dazu bekam ich vor 35 Jahren von Boris Sacharow, einem der Pioniere des Hatha-Yoga in Deutschland. In seinem Buch »Yoga aus dem Urquell« (Günther-Verlag Stuttgart 1957) gibt es im Kapitel über den Prânâyâma einen Abschnitt, der ein tieferes Nachdenken verdient: »Abgesehen von (…) bewirken die indischen Atemübungen, was bis jetzt nirgends hervorgehoben wurde, in nicht minderem Maße die  seelische Gesundung durch erhöhte Zufuhr des Kohlendioxydgases – eine besondere Methode, welche zuletzt in Amerika … eingeführt und durch einen Kongreß der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung bestätigt und nunmehr allgemein anerkannt wurde und welche darin besteht, daß der Patient ein Gasgemisch von 70% Sauerstoff und 30% Kohlendioxyd etwa 5 Minuten einatmet und nach 30–100 solcher Behandlungen von  Hysterie, Schwermut, Alkoholismus, Sprachfehlern und mindestens 80%  sonstiger neurotischer Erkrankungen restlos – und dabei ohne Anwendung von Psychoanalyse, Hypnose und dergl. – geheilt werden soll. Im Falle der indischen Atemübungen erlangt man dasselbe Resultat lediglich durch das besonders dosierte, steigende Atemanhalten, wobei das notwendige Kohlendioxyd auf natürliche Weise in der Lunge selbst durch Verbrennung von größerer Menge eingeatmeten Sauerstoffes gebildet wird [ein Lapsus,  Anm. von H. Maldoner; »verbrannt« wird der Wasserstoff]. So heilt der uralte indische Yoga auch Nervenleiden auf natürlichste – und doch modernste – Weise.«

Die zweite Anregung kam später durch Dr. Konstantin Pavlovich Buteyko (1923–2003), einem Forscher aus der Ukraine, der als praktizierender Arzt zu dem Schluß kam, daß die wahre Ursache von Asthma, Allergien und vielen anderen Zivilisationskrankheiten die Verminderung der CO2-Konzentration im Blut ist, hervorgerufen durch chronisches (!) Hyperventilieren. Prof. Buteyko lehrte seine Patienten »weniger zu atmen« und auf diese Weise langfristig die Atmung wieder zu normalisieren. Im Jahr 1988 gründete er die Buteyko-Klinik in Moskau. Die als Buteyko-Atmung bekannte, sehr erfolgreiche Methode ist in Russland offiziell anerkannt und verbreitet sich nun in vielen Ländern.

Prof. Buteyko hat seine Methode als »willentliche Normalisierung der Atmung« bezeichnet, man bemerke auch hier den scheinbaren Widerspruch – ich muß, um die natürliche Atmung zu erreichen, willentlich eingreifen. Da nach Dr. Buteyko das Problem in einer Verminderung des Kohlendioxyds liegt, besteht die Lösung darin, dessen Gehalt im Blut anzuheben; dies geschieht durch ein »Bremsen« der Atmung generell und durch das Einhalten einer gewissen Leerphase nach dem Ausatmen speziell. Das Anhalten des Atems mit leeren Lungen kann anfangs nur kurz sein (mehrere Sekunden), soll aber durch tägliches Üben kontinuierlich gesteigert werden. In ihrer fortgeschrittenen Art hat diese Übung, technisch gesehen, große Ähnlichkeit mit einer uralten Yoga-Atmung, Mûrchâ-Prânâyâma. Zum letzten Satz: Dies ist meine Meinung. Die Mehrheit der Yogalehrer sieht das nicht so. Siehe dazu den Abschnitt »Zur indischen Technik« weiter unten.

Die Buteyko-Methode ist schwieriger als das einfache, sanfte Yoga-Atmen; man soll nach dem Ausatmen so lange wie möglich, unter Aufbietung großer Willenskraft nicht mehr atmen, um eine entsprechende Vermehrung des Kohlendioxyds zu erreichen. Wobei hier anzumerken ist: Die sogenannte Maximalpause ist umstritten; Prof. Buteyko ging es weniger um das kurze intensive Üben, etwa zur Abwehr eines Asthma-Anfalls, als vielmehr schlicht um eine Normalisierung der Atmung – um das langsame, flache, gelöste Atmen, ganz im Sinne des Yoga. Die Maximalpause hat einige Gegenanzeigen und darf nur unter persönlicher Anleitung praktiziert werden.

Dr. Buteykos Lehre ist hochwissenschaftlich, erfordert ein gründliches Studium – über 150 Krankheiten sollen auf die Therapie ansprechen – und kann aus diesem Grunde an dieser Stelle nur gestreift werden. Es ist unter anderem eine Frage des Respekts, eine so verdiente Persönlichkeit nicht verkürzend und daher vielleicht mißverständlich zu präsentieren. Das Nichtwissen unserer Ärzte über Dr. Buteyko ist typisch für die Schlafmützigkeit der Deutschen. Man halte sich auch hier an das Yogaprinzip von Selbststudium und Selbstbehandlung.

Die Erwähnung der Buteyko-Atmung liegt mir am Herzen. Da jedoch der Hatha-Yoga in meinen Augen das beste aller Gesundheitssysteme ist, wird man verstehen, wenn ich nun zum Yoga-Atmen, hier in Verbindung mit dem Stichwort Kohlendioxyd zurückkehre. Ich teile die Meinung von Boris Sacharow, daß alle anderen Prozeduren überflüssig sind, »wenn der Kranke es versteht, seinen Atem nach der indischen Methode anzuhalte und auf diese Weise allmählich den Kohlendioxydgehalt … beliebig zu steigern.« Hier wird nur die milde, unproblematische Form dieser Heilatmung vorgestellt, ich bitte um Verständnis; alles höhere Atmen soll unter persönlicher Anleitung erlernt werden.

Die milde Form
der Übung nenne ich um der Klarheit willen »das verlängerte Ausatmen« – eine der besten senkenden Übungen (Medizin bei Hypertonie, Herzproblemen, Kopfdruck, Tinnitus, Schlaflosigkeit, Asthma  …), eine der schnellsten und einfachsten Methoden, um zur körperlichen und psychischen Ruhe zu kommen, um den harmonischen Fluß des Prana zu erreichen – und eben auch, um das Kohlendioxyd im Blut zu vermehren und dadurch die richtige Ausnutzung des Sauerstoffs zu ermöglichen (der »Bohr-Effekt«). Anfangs ist es möglich, daß die Herzfrequenz nicht wie versprochen sinkt, sondern sogar etwas ansteigt. Das ist normal, hier darf man sich nicht entmutigen lassen; der Körper braucht etwas Zeit bis er begreift, was man von ihm will. Etwas Übung vorausgesetzt, führt diese Art des Atmens zu einem beseligenden Zustand, zur »Organstille« – ein  tiefes, befriedendes Gefühl des scheinbaren Stillstandes der inneren Maschinerie. Das Leerbleiben ist eine Erholung für die Organe, selbst bei kurzer Dauer; die geistige Wirkung kommt dann richtig zur Geltung, wenn man es schafft, länger leer zu bleiben und sich im Sinne des Yoga auf gewisse Dinge zu konzentrieren.

Die Theorie ist einfach: Bremse das Ausatmen und bleibe dann leer. Die Praxis der milden Form der Übung ist einfach: In Rückenlage oder mit geradem Rücken im Sitzen atmet man ein, wie man es gerade braucht (mild oder tief, jedenfalls langsam, sanft) und versucht, 1. den Ausatem zu bremsen, langsamer auszuatmen und in diesem Augenblick ganz loszulassen, auch geistig (!). 2. Dann verweilt man wenige Sekunden (!), so wie es angenehm (!) möglich ist, mit leeren Lungen. 3. Wenn der nachfolgende Einatmen nicht plötzlich, nicht stoßartig, vielmehr ruhig, sanft kommt, hat man alles richtig gemacht; andernfalls wurde die Leerphase zu lange gehalten. Jetzt nimmt man einige ruhige »Zwischenatem« (= man atmet normal  weiter), erst danach folgt eine neue Runde: ruhig ausatmen, leerbleiben, ruhig einatmen … So geht das mehrere Minuten lang. Zur Dauer des Leerbleibens: Anfangs können es nur 2, 3 Sekunden sein. Mit fortschreitender Übung gelingt es für längere Zeit: 5, 10, 15 Sekunden. Man vermeide jeden Streß; der Fortschritt muß auf natürliche Weise kommen. Je tiefer die geistige Entspannung ist, desto länger vermag man leerzubleiben und diesen Zustand zu genießen. Zur Position: Die sitzende Haltung ist besser als die liegende; vor allem ist sie Pflicht bei starkem Übergewicht, bei Herzproblemen, bei Hypotonie. Die liegende Position soll man im Bett nutzen; das hat den Vorteil, daß man schnell dabei einschläft: ein Mittel gegen Schlaflosigkeit (das  funktioniert vielleicht nicht in der Anfangsphase, wo die Atmung eher  Streß bedeutet, sondern nach einer gewissen Zeit der Übung).

Die intensive Form
der Übung heißt – noch einmal: meiner Meinung nach – Mûrchâ-Prânâyâma, die alte indische Technik, oder Buteyko-Atmung, die moderne Art. Damit sage ich nicht, daß der geniale Professor Buteyko einen Prânâyâma übernommen hat; er kam durch jahrelanges eigenes Studium auf die Sache. Die Ähnlichkeit der beiden Techniken ist auffallend; bei der Buteyko-Atmung geht es um den gesundheitlichen Aspekt, Mûrchâ-Prânâyâma gehört zum spirituellen Yoga. Die intensive Form sowohl der indischen als auch der russischen Technik darf niemals ohne persönliche Anleitung erlernt werden! Meist wird »Mûrchâ« mit »Ohnmacht, Betäubung« übersetzt. Das ist irreführend, denn die hier in Frage kommende Bedeutung des Begriffes ist »Ausschaltung der Sinne«, ein Zustand innerer Stille und Seligkeit. In Mûrchâ-Prânâyâma wird der Atem lange ausgesetzt unter Anwendung  einer bestimmten Konzentration; eine hohe und damit auch problematische Technik, nur für Eingeweihte. Ähnliches gilt für die intensive Form der Buteyko-Atmung: Hier muß der Therapeut neben dem Patienten sitzen, ihn anleiten und überwachen; alles andere wäre nicht in Ordnung. Die milde Form der Übung ist unproblematisch, ich kann es vertreten sie zu lehren. Der höchst angenehme (!) Moment des Loslassens beim Ausatmen; das angenehme (!), 5, 10, 15 Sekunden dauernde Leersein verlangsamt den Atemrhythmus (= die Essenz des Yoga-Atmens), führt zur Entspannung der Muskeln, zur Beruhigung der Nerven, ist eine Erholung für den Organismus und vermittelt einen Funken geistiger Ruhe.

Zur indischen Technik
Mûrchâ ist ein toter Prânâyâma, konkret: Seit langem weiß niemand mehr, wie genau das eigentlich geht. Schon die Beschreibung in den klassischen Schriften ist mißverständlich, aber das könnte Absicht sein, typisch für tantrische Werke. Jedenfalls: Was im Internet als Mûrchâ vorgestellt wird zeigt sich mir als skurril und größtenteils sinnlos, im schlimmeren Fall als schädlich, nämlich als Hyperventilation und damit der Idee von Prof. Buteyko entgegengesetzt.

Wegen der unklaren Beschreibung in den Schriften ist man auf Interpretationen angewiesen. Bei Mûrchâ dominiert die Meinung, die Luft nach dem Einatmen anzuhalten. Auch hier folge ich Boris Sacharow, welcher das im Originaltext (Gheranda-Samhitâ) stehende Wort »angenehm, behaglich« auf das langsame Ausatmen und Anhalten mit leeren Lungen bezieht. Die Technik gehört zum geistigen Yoga, sie wird im Yoga-Sûtra des Weisen Patañjali erwähnt ( I, 34): »Oder durch Ausstoßen und Anhalten des Atems erlangt man die Ruhe des Geistes.« Ähnliche Beschreibungen findet man in anderen Schriften. Eine der klassischen Anweisungen ist in meiner Übersetzung des Yoga-Sûtra zitiert: »Wenn der Atem ganz draußen ist und von selbst anhält, in solch einer Pause verschwindet das ›kleine Selbst‹ (das Ich-Bewußtsein, Ego).«

Der einzige Autor neben Boris Sacharow, der sich zu Mûrchâ halbwegs konstruktiv geäußert hat ist Theos Bernard in seinem wundervollen »Hatha Yoga. Ein Erfahrungsbericht aus Indien und Tibet«, eines der besten Bücher, die ich kenne. Er schrieb darin kurz: »Die Luftwege nach dem Einatmen mit Jâlandhara-Bandha fest schließen und die Luft langsam ausstoßen, wird Mûrchâ genannt … Ich lernte das auch in der Weise, daß mit dem Atmen nach der Ausatmung ausgesetzt wird.« Persönlich glaube ich, daß das letzte (= nach der Ausatmung) korrekt ist und finde diesbezüglich Bestätigung bei Yoga-Sûtra I, 34.

Zusammenfassend:
Beim Yoga-Atmen und bei der Buteyko-Atmung geht es darum, wie man atmet, und wie oft man atmet. Wie? Mit wenig Luft, nicht tief, entspannt, das Ausatmen betonend, mit kurzem Leerbleiben, stets durch die Nase. Wie oft? 6 bis 8 Atemzüge pro Minute wären ideal. Dies gilt für die normale Ruheatmung. Für das willentliche Atmen mag gelten: Ich atme fünfmal, viermal, dreimal pro Minute …

Wichtige Anmerkung
Man findet im Internet schwer eine genauere Anleitung zur Buteyko-Atmung; überall wird man auf Schulen und Kurse verwiesen. Das ist verständlich, zumal Professor Buteyko selber ein Gegner der Do-it-yourself-Methode war. Dementsprechend habe ich diesen Artikel als reine Information ins Internet gestellt, nicht als Anleitung. Schon die Âsanas des Hatha-Yoga soll man nicht aus Büchern lernen; wieviel mehr gilt dies für das Atmen. Ich erinnere an bereits Gesagtes: Falsch praktizierte Âsanas können schädlich sein; falsch praktiziertes Atmen ist immer schädlich. Man sollte wissen, was man tut. Ein vernünftiger Schüler läßt sich persönlich unterweisen.

Von Sebastian Kneipp ist bekannt wie schockiert er war als sich Patienten über »von Pfarrer Kneipp empfohlene« Wasseranwendungen beklagten, die sie »noch kranker machten« – und es sich herausstellte, daß diese Anwendungen völlig falsch ausgeführt wurden. Die meisten Leser lesen einen Text nicht wirklich aufmerksam; es ist die Regel, daß Ratschläge aus Büchern nicht annähernd so in die Praxis umgesetzt werden wie sie gegeben wurden.

Da es im Zeitalter der Information keine Geheimlehren mehr geben kann ist es durchaus sinnvoll in Buchform oder via Internet über alle möglichen Dinge zu berichten. Dies geschieht jedoch nur zum Zweck der Klärung, zum Ordnen der Gedanken.

Bezogen auf diesen Artikel sei damit gesagt: Selbst das Anhalten des Atems mit leeren Lungen – an sich unproblematisch – kann schädlich sein, wenn es nicht korrekt ausgeführt wird. Wieso hält ein Mensch bei der Übung daheim den Atem dreißig Sekunden lang an, wenn ihm vom Yogalehrer gesagt wurde: drei Sekunden? Wieso macht er die Übung eine halbe Stunde lang, wenn ihm gesagt wurde: wenige Minuten? Mit welchem Recht beklagt er sich dann, daß es ihm während und nach der »empfohlenen« (!) Übung schlecht gegangen sei? Der unberechenbare menschliche Faktor hat schon so manchen Verfasser von Ratgebern ratlos gemacht.

In diesem Sinne, liebe(r) Leser(in): Es ist hilfreich mit dem Thema Heilatmung in Berührung zu kommen. Hast Du verstanden worum es geht, und hältst Du es für wichtig, dann suche einen kompetenten Atemtherapeuten oder Yogalehrer, lasse Dich unterweisen und überprüfen – und dann übe.

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Eine Klarstellung zur Buteyko-Atmung

Der immer wieder anzutreffende Gedanke »Ich muß jetzt nach dem Ausatmen so lange wie möglich leer, ohne Luft bleiben!« ist ein Fehler, der die gesamte Übung ad absurdum führt. Was soll das bringen, daß man den Atem »so lange wie möglich« aussetzt? Eine solche Art des Übens der Buteyko-Atmung ist für die meisten nichts als Streß, aber gleichzeitig ist man stolz »auf das Erreichte«.

Man kann es nicht oft genug sagen: Professor Buteyko ging es weniger um das kurze intensive Üben, etwa zur Abwehr eines Asthma-Anfalls, als vielmehr um eine langfristige Normalisierung der Atmung – um das langsame, flache, gelöste Atmen. Wenn man es nach täglicher, monatelanger, geduldiger und vernünftiger Übung geschafft hat, 8mal pro Minute zu atmen anstatt 15mal: Dies ist ein Erfolg, dies ist im Sinne von Dr. Buteyko und im Sinne des Yoga.

Jemand der sagt: Ich kann den Atem bei leeren Lungen 1 Minute lang anhalten muß sich fragen lassen: Wieviele Runden nonstop schaffst du auf diese Weise? Eine Runde? Lächerlich; dafür hast du dich die ganze Zeit derart angestrengt? Mehrere Runden? Ist zugegeben gut. Doch wozu? Wie atmest du für den Rest des Tages und der Nacht? Schnell und ungleichmäßig wie gewohnt? Dann war all dies nichts als verschwendete Zeit und Energie. Und gesundheitsschädlich.

Siehe weiter oben »Die Essenz des Yoga-Atmens«. Dies soll man anstreben, in stetiger Übung erreichen, und für diesen Zweck ist die milde Form der Buteyko-Atmung ideal. Erreicht werden soll das Gleichgewicht zwischen Sauerstoff und Kohlendioxyd, das Verhindern der Ausatmungsschuld, schlicht: die gelöste, ruhige Atmung eines entspannten, gesunden  Menschen.

Alles andere läuft unter dem Motto »schneller, höher, stärker«. Atemübungen sind aber kein Sport!

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Göttliches Atmen

»Man soll nur essen, wenn man hungrig ist, aber ehe man satt ist, soll man aufhören zu essen. Man soll spazierengehen so viel, bis der Bauch entleert ist, und wenn dies geschehen ist, soll man in sein stilles Zimmer gehen, sich in der rechten Weise hinsetzen und dann schweigend den Atem zählen, bis zehn, dann bis hundert, dann bis tausend. Dann wird der Körper so unerschütterlich fest, die Seele so still und ruhig wie ein leerer Himmel. Wenn man länger in diesem Zustand verweilt, dann hört allmählich das Atmen auf, und wenn es kein Ausatmen und Einatmen mehr gibt, als ob der Atem durch die vierundachtzigtausend Haarlöcher wie Wolken … aus- und einziehe, dann wird einem klar, daß alle seit anfangloser Ewigkeit bestehenden Krankheiten von selbst verschwinden, und vielerlei Schäden und Schwächen sich wie von selbst auflösen. Das ist dann so, wie wenn ein Blinder plötzlich sehen könnte. Man braucht dann nicht mehr zu fragen, wo der Weg den man geht, hinführt, man braucht nur die eigene Kraft zu pflegen, ohne zu sprechen. Darum heißt es: Wer wirklich daran ist, seine Augen zu pflegen, der macht die Augen zu, und wer seine Ohren pflegen will, wünscht nichts mehr zu hören. Wer seine Seele und die wahre Kraft pflegt, der bleibt im Schweigen.«

Man kann die Bedeutung dieser wundervollen Worte nicht genug betonen. Sie stammen aus dem Ya-Sen-Kan-Na des Zenmeisters Hakuin.

Quelle: Karlfried Graf Dürckheim, Hara – die Erdmitte des Menschen

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Diese Seite wurde am 29.09.2016 zuletzt geändert.

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