Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Fragen / Hinweise

 

Was heißt Prasâda?
Was ist therapeutischer Yoga?
Die Rückengesundheit
Hatha-Yoga und spiritueller Yoga
»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«
Der Zugang zur spirituellen Welt
Was bedeutet Meditation im klassischen Yoga?
»Lehren Sie Meditation«?
»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«
Hinweise zum Üben
»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«
Die tägliche Übung
Die ideale Kursstunde
Zur Korrektur im Unterricht
Wieviele Yoga-Übungen gibt es?
Verbotene Übungen
Was bedeutet Hatha-Yoga?
Die 12 therapeutisch wichtigsten Körperübungen

 

 

Was heißt Prasâda?

Aus dem Sanskrit-English-Dictionary von Sir Monier-Williams: prasâda = clearness (Klarheit), brightness (Helligkeit, Glanz), pellucidness (Durchsichtigkeit), purity (Reinheit), calmness, tranquillity (Ruhe), absence of excitement (Abwesenheit von Aufregung), serenity of disposition (heitere, abgeklärte Gemütsruhe); graciousness (Gnade). Heute denkt man mehr an »Gnade«. Prasâda ist aber ein alter zentraler Begriff aus der spirituellen Welt: »Klarheit, Reinheit, Ruhe, Frieden« des Geistes.

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Was ist therapeutischer Yoga?

Die Bezeichnung eignet sich, um diesen Aspekt von den anderen Aspekten des Hatha-Yoga zu unterscheiden. Auch der Ausdruck traditionell ist keine Garantie dafür, daß im Laufe der Zeit alles seine Richtigkeit bewahrt.

Wenn man unvoreingenommen auf die überlieferten Übungen des Hatha-Yoga blickt, fallen einige Ungereimtheiten auf. Wie lange z.B. soll man in einem Âsana verweilen? Das häufig zu lesende so lange wie möglich ist in gesundheitlicher Hinsicht niemals korrekt. Viele der Âsanas erkennt man auf Anhieb als für den Rücken nicht physiologisch. Wie harmoniert dies mit den therapeutisch wertvollen Rückenübungen? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie müssen aus anderen Disziplinen stammen. Im Lauf der Zeit haben sich durch mangelnde Sorgfalt und durch die pragmatische Natur des Menschen Dinge vermischt die nicht zusammengehören.

Es haben sich Zirkus-Elemente in den Yoga eingeschlichen. Zwei Beispiele: 1. In Bauchlage beugt man die Knie und zieht die Füße so weit über den Rücken zu sich, bis sie vor dem Gesicht stehen (merudandâsana): eine schädliche Überstreckung des Rückens mit Belastung der HWS. 2. Man sitzt auf dem Steißbein in schädlicher Lendenkyphose, zieht die Beine nach oben bis die Füße am Hinterkopf überkreuzt werden und drückt sich hoch, so daß nur noch die Hände den Boden berühren (dvipâda kandharâsana). Mit so etwas kann man in der Tat auf dem Marktplatz sein Geld verdienen.

Man mag das als artistische Leistung bewundern; mit der Gesundheit ist es unvereinbar. Von jeder Übung kann gesagt werden, sie kräftige hier, sie dehne dort, aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? Die Praxis des Hatha-Yoga sei: vernünftig, sinnvoll, heilsam. Ist dies der Fall, wenn eine Übung nur um ihrer Schwierigkeit willen gemacht wird? Man sollte nicht alles glauben, was in vielen Büchern steht. Von der Kopfbrücke (setubandhâsana) wird gesagt, sie stärke den Nacken, belebe Kopf und Gehirn, usw. De facto stellt diese alte Übung ignoranter, übermütiger Krieger und Mönche eine hochgradig schädliche Belastung der Nackenwirbel dar.

Die Aufzählung weiterer negativer Beispiele erübrigt sich. Wer mit gesundem Menschenverstand auf die angebotenen Stellungen blickt, dem kann nicht verborgen bleiben, was für den Körper gut und was schädlich ist.

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Die Rückengesundheit

Gegen Rückenschmerzen gibt es nichts Besseres als den Hatha-Yoga. Wählt man aber die ungeeigneten Übungen, oder praktiziert man die geeigneten Übungen nicht korrekt, kann man sich schaden. Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, daß viele Ärzte negativ darüber denken. Man sieht in vielen Stellungen gelenkschädigende Überdehnungen und rückenfeindliche Haltungen. Der Vorwurf ist objektiv falsch und zum Teil dennoch berechtigt.

Warum falsch? Die richtigen Körperübungen, korrekt ausgeführt, sind niemals gelenk- und rückenfeindlich, vielmehr von höchstem therapeutischem Wert. Warum zum Teil berechtigt? Man stelle sich vor: Jemand klagt beim Orthopäden, daß ihm während einer Yogaübung ein heftiger Schmerz in den Rücken gefahren sei. Der Arzt läßt sich die Übung zeigen und reagiert negativ: In seinen Augen ist sie unphysiologisch, rückenfeindlich. Wie kann er auch wissen, daß sie entweder nicht zum therapeutischen Yoga gehört oder zu diesem gehört, jedoch nicht korrekt ausgeführt wurde. Die Erfahrung des Patienten genügt ihm für ein Urteil, und fertig ist das Bild vom schädlichen Hatha-Yoga. Den Ärzten ist kein Vorwurf zu machen. Woran sollten sie sich halten? Der Yoga ist ein Selbstbedienungsladen; zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden. Selbst wenn man eine therapeutisch sinnvolle Übung vor sich hat, ist noch nichts gewonnen; sie muß eben auch korrekt ausgeführt werden.

Die korrekte Ausführung der therapeutisch wertvollen Übungen – darum geht es in der Yogaschule.

Was korrekt hinsichtlich des Rückens bedeutet, sei an der Rumpfbeuge im Stand geklärt. Mit rundem Rücken den Rumpf zu beugen, nach vorne zu sinken, ist der schlimmste Fehler, die größte Gefahr für die Bandscheiben. Bei allen Rumpfbeugen liegt der Drehpunkt nicht im Rücken, sondern in den Hüftgelenken. Den Rumpf mit hängendem Kopf, ohne Spannung im Rücken, Wirbel für Wirbel runder werdend schwer sinken zu lassen – dies ist ein fahrlässiges Spiel mit der Gesundheit des Rückens. Und noch gefährlicher ist die Rückkehr aus dieser falschen Haltung. Wirbel für Wirbel, rund bei einem derart instabilen Zustand der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur hochzukommen: verrückt. Dagegen ist die Rumpfbeuge mit gespreizten Beinen und mit geradem Rücken eine physiologisch korrekte und wichtige Dehn-Kraft-Übung des Hatha-Yoga. Dieses eine Beispiel genügt für ein Verständnis.

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Hatha-Yoga und spiritueller Yoga

Obwohl der Hatha-Yoga sich aus Elementen mehrerer Disziplinen zusammensetzt, gilt er seit langem als einheitliche Lehre einer tantrischen Schule, die sich vor allem mit Techniken des Atmens und der Meditation zur Erweckung der Urkraft (Kundalinî) beschäftigt. Die hier vorgestellte Methode hat nichts damit zu tun, sie ist rein gesundheitlich.

Der gesunde, widerstandsfähige Körper soll für das religiöse Ziel genutzt werden; der weitere Weg ist aber nicht Thema in der Yogaschule. Unter klassischem Yoga verstehe ich ein System, bestehend aus dem gesundheitlichen Hatha-Yoga (Körper- und Atemübungen, Reinigungen, Ernährung, psychische Hygiene); aus tantrischen Körperübungen; aus dem Prânâyâma (Atemtechniken mit Anhalten der Luft); aus Dhâranâ (Konzentration) und Dhyâna (Meditation).

Nur der gesundheitliche Teil darf öffentlich gelehrt werden, das ist die alte und weise Regel. Tantrische Körperübungen, Prânâyâma, Dhâranâ und Dhyâna bilden den höheren Yoga, bei dem es um das Erwachen der Urkraft geht. Ihr zu früher, nicht beherrschter Aufstieg hat viele körperliche und psychische Leiden zur Folge. Hier muß ohne Wenn und Aber die Hilfe eines Gurus gesucht werden, der mit den Gefahren des spirituellen Weges vertraut ist.

Finden wird man hier: Hinweise auf die korrekte Ausführung der therapeutischen Körper- und Atemübungen, auf einfache Reinigungen, Vorschläge zur Ernährung und zur Hilfe bei Leiden aller Art, Gedanken zur psychischen Hygiene.

Nicht finden wird man die tantrischen Körperübungen, den klassischen Prânâyâma, höhere Techniken der Konzentration und eine Anleitung zur Meditation. Damit auf eigene Faust zu experimentieren wäre entweder Naivität oder Hochmut. Wer sich zum spirituellen Yoga hingezogen fühlt und Gott oder sein Selbst um Hilfe bittet, dem wird zur rechten Zeit die rechte Führung zuteil werden.

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»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«

Nein. In alter Zeit war es verboten öffentlich den Prânâyâma zu lehren, und ich halte mich daran.

Die Yoga-Atmungen sind zweierlei: a) die fließenden, sanften Übungen, bei denen die Luft nach der Einatmung nicht angehalten wird. Sie fördern den harmonischen Fluß des Prâna und sollten von allen an der Gesundheit Interessierten praktiziert werden; b) Prânâyâma, die Techniken mit längerem Anhalten der Luft. Sie sind auch therapeutisch, ihr eigentliches Ziel aber ist die Erweckung der Kundalinî. Daher darf der Prânâyâma nur von völlig gesunden, intensiv Übenden unter Anleitung eines Meisters praktiziert werden, er gehört nicht an die Öffentlichkeit.

Die Prânâyâmas sind Kumbhakas, mit Anhalten der Luft, speziell nach dem Einatmen. Jedes längere Atemanhalten erhitzt die im untersten Chakra schlafende Urkraft, zwingt sie zum Aufsteigen. Falsch praktiziert können diese Übunge gefährliche Folgen haben. Sollte jemand daran denken in den Prânâyâma einzusteigen, muß ihm klar sein:

1. Primäres Ziel des Prânâyâma ist nicht die Gesundheit, vielmehr das Erwachen und der Aufstieg der Kundalinî, und damit gehört er zu den geistigen Übungen.

2. Dieser Aufstieg ist nur möglich, wenn Körper, Nâdis und Geist durch lange intensive Übung des gesamten Yoga die nötige Reinheit erlangt haben. Deshalb gehören die Einhaltung der ethischen Gebote, ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit, die Praxis der Meditation und die Atemübungen zusammen. Der Prânâyâma darf nicht für sich geübt werden, losgelöst von den anderen Teilen der Yogapraxis.

3. Niemals darf der Prânâyâma ohne Führung durch einen Meister praktiziert werden. Er allein kennt die Gefahren des spirituellen Weges. Ein vernünftiger Schüler läßt sich persönlich unterweisen, er lernt nicht aus Büchern; und mit gutem Grund verweigert er in einem Yogakurs Prânâyâma-Übungen, die ihm ein unwissender Lehrer beibringen will.

4. Wenn man die zum Schutze des Übenden aufgestellten Regeln und Warnungen in egozentrischer Besserwisserei und Arroganz (andere Gründe sehe ich nicht) vom Tisch fegt, sind Probleme unvermeidbar. Bedingt durch die Unreinheit von Körper und Geist steigt die zu früh erweckte Urkraft nur teilweise auf, und ihre Ströme fließen chaotisch durch den Körper. Die Folgen sind schwere Störungen der Verdauung, Herz- und Lungenprobleme, allerlei Schmerzen, Schlaflosigkeit, psychische Probleme, geistige Verwirrung.

Das letzte sei besonders betont. Krankheiten, Schmerzen, Schlaflosigkeit sind schlimm genug, aber sie betreffen eine einzige Person; damit verglichen hat die geistige Verwirrung die tragischeren Folgen. Menschen, in denen Teilströme der Urkraft das Gehirn erreicht haben, halten die auf diese Weise erlangten kleineren Erkenntnisse für die ganze Wahrheit und machen sich zu Verkündern der »Wahrheit«, weil sie den Versuchungen der Ehre und der Macht nicht widerstehen können. So geraten nicht nur sie selber in die Irre, sondern noch andere schwache Menschen, die zu belehren und zu führen sich diese Pseudogurus anmaßen.

Dennoch wird überall unbekümmert der Prânâyâma gelehrt. Man mag sich wundern warum es dabei nicht so häufig zu Problemen kommt, wie sie eigentlich zu erwarten wären. Die Erklärung ist einfach: Die wenigsten Kursteilnehmer üben daheim intensiv weiter. Gott sei Dank, es schützt sie vor Gefahr. Wenn aber nur einer von zehn Menschen sich ernsthaft mit dem Prânâyâma beschäftigt, müßte dies für den Lehrer, der solches öffentlich unterrichtet, ein Grund zur Beunruhigung sein, denn er wird karmisch für die dann entstehenden Schwierigkeiten seines »Schülers« verantwortlich sein.

Ich zitiere zum Thema Atmen aus einem der besten Bücher, die ich kenne: Stephan Palos, Atem und Meditation. Da das Buch zur Zeit vergriffen ist sei es erlaubt, einige kurze Ausschnitte wiederzugeben.
»Wir halten es für notwendig, einiges auch über die Yoga-Atemübungen zu sagen, weil sie Ähnlichkeiten mit den chinesischen Methoden aufweisen. Der größere Teil der diesbezüglichen Werke hat populärwissenschaftlichen Charakter. Unter ihnen befinden sich sicherlich manche, von denen angenommen werden kann, daß sie im guten Glauben geschrieben wurden; aber sie vermitteln die Übungen oft in einem falschen Licht und unter unrichtigen Voraussetzungen, so daß ihr therapeutischer Wert nur gering einzuschätzen, oder sogar gefährlich ist. Diese Werke verursachen meist mehr Schaden, als daß sie Nutzen bringen. Das bezieht sich besonders auf die physischen, als Hatha-Yoga bekannten Übungen. Dem Autor sind mehrere Fälle bekannt geworden, wo beispielsweise der Kopfstand zu Lähmungen geführt hat oder übertriebene Atemübungen den Tod herbeiführten. Der Laie, der damit begonnen hat, nach irgendwelchen Büchern die Übungen selbst zu praktizieren, weiß niemals, welchen unberechenbaren Weg er eingeschlagen hat.
Die atemtherapeutischen Ärzte im Westen … bestätigen im Einklang mit den Yogis, daß die Interessenten sich nur unter Anleitung eines erfahrenen Führers mit diesen Übungen beschäftigen dürfen. Ohne eine praktische Unterrichtung können die Atemübungen nicht nur für einen Kranken äußerst schädlich sein, sondern auch bei dem Gesunden zu Schäden führen. Das gilt auch für die Ausübung der Meditation.
Der Beginn der Atemübungen ist stets mit Gefahren verbunden, wenn die geeignete Führung fehlt. Solche Übungen nehmen äußere Energie auf und setzen innere Kräfte frei, die einen übermäßigen Einfluß auf den Betreffenden ausüben. Sie erheben ihn zu einer ekstatischen Erfahrung oder treiben ihn in die Tiefe der Verzweiflung. Ohne Führung können die Atemübungen gefährlicher sein als ein unüberwachter Versuch mit LSD.
Weder Akupunktur noch Atemtherapie sollten von Menschen ausgeführt werden, die nicht genügend unterrichtet sind in der traditionellen Medizin, und die keinen Sinn für Verantwortung und Berufsmoral haben. Die westliche Medizin öffnet nicht das Tor zu den Geheimnissen der orientalischen Medizin. Viele westliche Mediziner, die über dieses Thema schreiben, wissen nicht, daß Nadelstiche oder auch nur ein 10 bis 15 Sekunden andauernder Druck auf bestimmte therapeutische Zentren Gehirnschaden, Frühgeburt, selbst Tod hervorrufen können, während Mißbrauch der Atemmethoden augenblicklich zur Spaltung der Persönlichkeit führen kann … und die Einlieferung in ein Nervensanatorium notwendig macht.« Soweit Stephan Palos.

Von dem indischen Weisen Swâmî Nârâyanânanda hören wir: »Es kam ein buddhistischer Mönch zu mir, um Yoga zu lernen. Er war mit der Leitung von ungefähr vierzig Klöstern betraut. Er ging auch auf Universitäten und hielt Vorlesungen über Buddhismus. Doch das lustigste war, daß er nicht wußte, wie man meditiert. Weiterhin gab eine der großen Organisationen eine Zeitschrift heraus, in der Lektionen in Prânâyâma veröffentlicht wurden. Und im Jahre 1950 wollte einer dieser Leute von mir Prânâyâma erlernen. Er war einer von denen, die Prânâyâma-Lektionen erteilen – und er wollte Prânâyâma erlernen! Ich wurde ungehalten. Eine Stunde lang machte ich ihm Vorwürfe; ich sagte z.B.: ›Ihr Gauner, was macht ihr? Ihr lehrt Prânâyâma und könnt es nicht einmal selbst. Ihr habt Prânâyâma-Übungen an die Öffentlichkeit gebracht. Was für eine schändliche Sache!‹ Dann sagte ich: ›Heute werde ich dir gar nichts beibringen. Komme morgen oder übermorgen, dann will ich sehen.‹ Darauf bekam er Angst und kam nicht wieder. Dennoch sind sie alle große ›Gurus‹, die Prânâyâma-Lektionen erteilen usw. So geht es heute überall. So viele Gurus gibt es, große Gurus. Die Zeitungspropaganda bringt sie groß heraus – selbst das Universum erblaßt vor ihrer Größe! Schreckliche Gurus sind das. Das ganze ist ein seltsamer Spaß. Es ist eher ein Unglück. Und wieviele werden verrückt? Das wird man noch sehen müssen. Erst wenn sie tiefer gehen, werden sie verstehen.«

Da der Prânâyâma ein Haupttechnik des Kundalinî-Yoga ist, sollten auch diese weisen Worte des Psychiaters C. G. Jung (1875–1961) zum Nachdenken anregen: »Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalini-Yoga. Der (durch ihn) absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [aus: Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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Der Zugang zur spirituellen Welt

Jeder Mensch muß von selbst auf den für ihn richtigen Pfad gelangen, durch eigenes Wissen, vorangetrieben durch das eigene Karma. Wenn es jemandes Schicksal ist, auf diesen oder jenen Weg zu kommen, dann wird er zwangsläufig diese Richtung einschlagen; da braucht es niemanden der ihn überzeugen muß.

»Selbst der Einsichtige handelt gemäß seiner eigenen Natur. Die Wesen folgen der Natur. Was soll (angesichts dessen) die Unterdrückung (der eigenen Natur) bewirken?« (Bhagavad-Gîtâ)

»Die Wesen folgen der Natur« (= ihrem Karma) – diese tiefgründigste Aussage erklärt alle sonst unerklärbaren Dinge. Wer sie verinnerlicht hat ist nicht mehr fähig andere zu belehren, beeinflussen und überzeugen zu wollen; er hält sich sogar mit Ratschlägen zurück und kann nur den Worten von Shrî Krishna folgen: Lasse jeden tun, wozu ihn sein Karma zwingt; lasse jeden gehen, wohin es ihn treibt, während du selbst versuchst, im Geist des Yoga zu handeln! Das rechte Verstehen ist der Weg zur Erlösung, und diesen Weg muß jeder für sich gehen.

Es mag sein, daß ein kleiner Anstoß von außen hilfreich ist. Dann kann man auf mehrmalige Nachfrage eine Buchempfehlung aussprechen oder eine Adresse vermitteln. Das ist alles; jedes tiefere Eingreifen in die Seelenwelt anderer wäre von Übel.

Ich führe nicht in die Meditation ein. Dies steht einzig dem Erleuchteten zu; alles andere ist ein gefährliches Spiel mit dem Karma. Wer sich zum Spirituellen hingezogen fühlt wird nicht abgewiesen; er sollte aber verstehen daß es schwierig ist die wahre geistige Welt zu betreten, und daß ich dabei nur indirekt helfen könnte.

Eines sei klargestellt: Wer sagt »Ich will meditieren, um zur Ruhe zu kommen«, der hat nicht verstanden, worum es beim spirituellen Yoga geht. Wer vom Alltag abschalten, in diesem Sinne ruhig werden will, sollte im Liegen zwanzig Minuten entspannen, oder zehn Minuten bewußt atmen, oder bei beruhigender Musik eine Tasse Tee trinken, aber gewiß nicht »meditieren«. Der wahre geistige Yoga ist der größte Streß; hier geht es um Konzentration (das Schwierigste überhaupt), Selbstbeherrschung, Askese, Verzicht; um das Elend des Kreislaufs der Geburten und Tode, um die Überwindung dieser armseligen Welt, um die Sehnsucht nach Freiheit, um das Finden eines echten Gurus; um das alles beherrschende Thema Karma, um Religion, um das Heil der Seele. Wer diese Begriffe nicht zu seinem Wortschatz zählt sollte sich nicht mit Meditation und geistigem Yoga beschäftigen.

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Was bedeutet Meditation im klassischen Yoga?

Fragt man mehrere Personen, was Meditation ist, erhält man mehrere Antworten. »Wir gehen zur Meditation« – dieser Ausdruck ist in der allgemeinen Bedeutung praktisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nur die wenigsten Menschen während der Zeit ihrer »Meditation« sich wirklich mit dem beschäftigen, was der Yoga darunter versteht.

Meditation (dhyâna) ist der Folgezustand einer überragenden Fähigkeit zur Konzentration (dhâranâ). In der Regel ist es so, daß ein »Meditierender« nur versucht, seinen Geist auf einen Punkt zu richten und dort zu halten; man hat am Ende, im idealen Fall einen einzigen Gedanken (dies wäre dann die Meditationsstufe) und kann dank der geistigen Kraft verhindern, daß sich andere Gedanken dazwischenschieben. Konzentration ist die Vorstufe zur Meditation, und auch über diese Fähigkeit gibt es eine Vielzahl von Meinungen, dabei kann man die Sache eigentlich nicht falsch verstehen: Wie lange vermag ich meinen Geist in einem Gedanken, in einem Punkt zu halten, ohne daß sich andere Gedanken, andere Bilder dazwischenschieben? Shrî Patañjali sagt: »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes.« Und im nächsten Satz versichert er uns: Dann ruht man in der eigenen wahren Natur, im Zustand der Selbst-Erkenntnis. Was aber heißt »dann«? Hier macht sich so mancher Übende falsche Vorstellungen von seinen Fortschritten. Für die Dauer von wenigen Sekunden (!) alle Kräfte des Geistes in einem Punkt halten zu können, das ist eine überragende Stufe; Aussagen anderer Art zeugen von einer fehlerhaften Selbstbeobachtung (zu ihr gehört beispielsweise die Behauptung, man schaffe es, den Geist für einige Zeit leer zu machen, also an nichts zu denken. Das ist in diesem Stadium unmöglich; selbst »die Leere« ist nur eine Vorstellung des Geistes, ein Gedanke).

Unter »Konzentration« versteht der Yoga die Fähigkeit, den Geist zwölf Sekunden lang in einem Punkt, im Objekt der Konzentration halten zu können: eine überragende Stufe, ein himmelhoher Gipfel. Vermag man die Konzentration auf die Dauer von zwölf Dhâranâs (mehr als zwei Minuten) zu verlängern, dann erst ist man bei der Meditation. Läßt man den Geist, durch nichts mehr abgelenkt, weiter sich vertiefen und schafft eine alle menschlichen Dimensionen sprengende Dauer von zwölf Dhyanas (etwa eine halbe Stunde), dann geht man in den Zustand der vollkommenen Versenkung (samâdhi) ein.

In der landläufigen Bedeutung mag Meditation auch aus Gebeten und ähnlichem bestehen, das ist wichtig und wertvoll. Die Essenz des klassischen Yoga ist dennoch die Fähigkeit zur willentlichen Konzentration; es gibt auf dem spirituellen Weg nichts Höheres als ihre unablässige Übung.

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»Lehren Sie Meditation?«

Nein. Eine Einweihung in die Meditation ist die spirituell größte Sache und steht nur dem Erleuchteten zu; alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit dem Karma.

Es zeugt von Unreife jemanden in die eigene geistige Welt hineinführen zu wollen. Sich anzumaßen andere Menschen zu leiten, während man im selben Ozean der Unwissenheit schwimmt, das ist die wahre Verblendung. Die Welt ist voll von selbsternannten »Meistern«, die in ihrem Halbwissen nicht verstehen wollen, was sie durch solche Aktivitäten anrichten. Der Yoga sagt: »Gib niemals ungebeten Ratschläge, und wenn dich jemand um Rat fragen sollte, überlege sorgfältig, was du sagen wirst, denn du wirst dafür karmisch verantwortlich sein. Warum mischst du dich in das Karma anderer ein, wo du deine eigenen Verstrickungen noch nicht gelöst hast?«

Yoga-Lehrer sind gut beraten, lediglich »Kursteilnehmer« zu haben, nicht »Schüler«, damit sie nicht in die Gefahr geraten, Guru zu spielen. Wohl ist es so, daß in Indien unter »Guru« traditionell jeder Lehrer verstanden wird; nehme ich also dort etwa Musikunterricht, bin ich Schüler eines Gurus, selbst wenn er ein gewöhnlicher, weltlicher Mensch ist. Aber in Indien wird sorgfältig unterschieden: Es gibt viele Gurus, aber nur einen Sadguru: der erleuchtete, wahre Guru. Ihm steht es zu, Führer auf dem spirituellen Pfad zu sein und Schüler anzunehmen, indem er sie in die Meditation einweiht. Er ist der einzige der weiß, was in diesem Augenblick wirklich geschieht.

Ein Yogalehrer mag einem Kursteilnehmer rein technisch klassische Sitzhaltungen zeigen. Fünf Minuten mit geradem Rücken still zu sitzen ist eine Grundübung, die zur Disziplin des therapeutischen Yoga zählt. Das Reich der Meditation dagegen darf man nicht ohne die Hilfe eines Gurus betreten. Die Frage, warum die Welt überquillt von Unwissenden, die sich für erleuchtet halten und meinen, der Menschheit »helfen« zu müssen, ist ein anderes Thema.

Es gibt keine unverbindliche »Einweisung« in die Meditation; sie ist eine Einweihung; ein verborgener Vorgang, bei dem es zur Karmavermischung kommt. Nur der Erleuchtete vermag ohne Schaden das schlechte Karma seiner Schüler auf sich zu nehmen. Warum weiht dann ein gewöhnlicher Mensch Menschen ein? Wieso glaubt ein Blinder, andere Blinde führen zu können? Welche Gründe es sein mögen, sie wurzeln im »Ich« und »Mein«. Auch die ohne Anleitung durch einen wahren Meister praktizierte Meditation führt nur zum gefahrvollen teilweisen Aufstieg der Kundalinî, der die ohnehin vorhandenen Probleme auf dem religiösen Pfad vervielfacht.

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»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«

Nein. Der Kundalinî-Yoga ohne rechte Führung und Praxis ist der sichere Weg in den Abgrund. [Gemeint ist der alte tantrische Weg, bei dem es um das Erwachen der Urkraft geht. Die im Westen bekanntere 3HO-Lehre von Yogi Bhajan ist eine besondere Form des Kundalinî-Yoga und bedürfte einer eigenen – kritischen – Erwähnung.]

Es ist zu beklagen, daß der Kundalinî-Yoga in so vielen Yogaschulen gelehrt wird. Und typisch für unsere Gesellschaft, die nichts Heiliges mehr kennt; die sich für so aufgeklärt hält, daß Geheimnisse nichts mehr zählen. Zum Schutze der Schüler auf dem gefahrvollen geistigen Pfad war einst das Wissen von der Urkraft das Geheimnis der Geheimnisse.

Die Kundalinî ist die Urkraft der Schöpfung und damit auch die Ursache des Geistes. Im weltlichen Menschen beschränken sich die Aktivitäten der im untersten Chakra ruhenden Kundalinî auf die Versorgung von Körper und Geist mit Energie. Ihr durch ein reines Leben und durch die Übung der Konzentration bewirktes Erwachen und Aufsteigen führt den Yogin über immer höhere Ebenen des Bewußtseins zurück an den Ausgangspunkt der Schöpfung und am Ende, durch vollkommene Konzentration, in das Einswerden mit dem grenzenlosen Meer des Bewußtseins. Nach dieser Definition ist der Yoga ein tantrischer Prozeß; so wird alles genannt, was mit der Erweckung der Kundalinî zu tun hat. Da keine andere indische Lehre zu mehr Fehldeutungen geführt hat, sei festgehalten: Der wahre Yoga ist rein geistiges Tantra; hier wird als Bedingung für den spirituellen Weg die völlige Selbstbeherrschung und damit auch ein Leben in Enthaltsamkeit (Brahmacharya) gefordert.

Der Begriff Tantra sollte nicht mißverstanden werden. Durch die Aktivitäten östlicher Sekten und westlicher »Yogis« ist eine einst moralisch hochstehende Disziplin zu einem magischen Yoga verkommen. Die oft zitierte und meist mißverstandene »Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips« hat nichts mit dem grobstofflichen Akt zu tun. Sie bezieht sich auf einen geheimnisvollen, geistigen Vorgang – den Aufstieg der als weiblich betrachteten dynamischen Urkraft und ihr Einswerden mit dem als männlich angesehenen statischen Aspekt des Bewußtseins im Kopfzentrum, das Erreichen des finalen Zustands der Erleuchtung.

In allen rein lebenden Menschen wird die Urkraft wach und steigt auf, aber nur wenige wissen es. Jede Art von Yoga ist genaugenommen ein Kundalinî-Yoga, aber in den meisten Yogarichtungen und in anderen religiösen Gemeinschaften wird dieser Aspekt nicht in den Vordergrund gestellt. Gewöhnlich betrachtet man die auf dem religiösen Weg auftretenden, durch den wechselvollen Aufstieg der Urkraft bedingten Phänomene als von Gott gesandt; man ist dankbar für die guten Dinge (Zuversicht, Freude, Inspirationen, Visionen), demütig akzeptiert man die schlechten (Krankheit, Depression, Zweifel, geistige Verwirrung). Diese sympathische Haltung entzieht sich jeder kritischen Bemerkung. Auf der höchsten Ebene jedoch heißt es, wie in der Bhagavad-Gîtâ zu lesen ist: Alles Leiden verdankt der Mensch dem eigenen unreinen Geist. Gott ist das alldurchdringende Meer des Bewußtseins und hat mit Gut und Böse, mit Freude und Leid, mit dem Glück und Unglück der Lebewesen nichts zu tun. Das Wissen wird von Unwissenheit verhüllt, allein dadurch leiden die Geschöpfe.

Den Meistern des Kundalinî-Yoga verdanken wir die Erkenntnis, daß man die Urkraft aktiv, durch eigene Bemühung lenken und zu ihrem Ursprung zurückführen kann. Sie offenbarten die verborgenen Zusammenhänge zwischen der Urkraft und dem Körper, dem Atem, dem Geist. Mittels bestimmter Körperhaltungen, Atemtechniken und psychischer Methoden ist es möglich, auf die Kundalinî einzuwirken.

Solche Techniken bezeichnet man als Kundalinî-Übungen, um sie von den anderen, rein gesundheitlichen Aspekten des Yoga zu unterscheiden. Zu den Kundalinî-Übungen gehören der Prânâyâma einschließlich der Mudrâs und Bandhas, die Konzentration und auch einige Körperstellungen (Âsanas).

Das Erwecken der Urkraft ist mit Gefahren verbunden und darf nur von intensiv Übenden im persönlichen Kontakt mit einem wahren Guru erlernt werden. Wer ist ein intensiv Übender? Ein völlig Gesunder mit widerstandsfähigem Körper und Geist, ein zurückgezogen und in Enthaltsamkeit Lebender; einer, der ein reines und heiliges Leben führt, ständig das höchste Ziel vor Augen. Wer von uns im geschäftigen, nach außen gerichteten Westen kann sich dazu zählen? Die meisten Menschen, die sich leichtfertig mit Übungen zur Erweckung der Urkraft beschäftigen, wissen wenig von den Gefahren, die durch ihr zu frühes und unbeherrschtes Erwachen drohen. Sie gleichen Kindern, die mit Rasierklingen spielen. In ihrer Naivität sind sie unschuldig, aber sie werden weinen, sobald sie sich verletzt haben. Soll man Kinder kritisieren? Nein; man darf aber jene »Meister« tadeln, die durch das öffentliche Lehren solcher Techniken sich und andere schwache Menschen ins Unglück treiben. »Schwach« bedeutet: Das Ego solcher Meister und ihrer Schüler, ihr falsches Selbstbewußtsein ist stark; ihre Kraft zur Unterscheidung, ihr guter Wille zur Einsicht und daher ihr Charakter sind schwach.

»Wieso Unglück«, wird oft entgegnet, »ich arbeite mit der Kundalinî, und mir geht es gut!« Nun, alles hat seine Zeit. Die ersten Erlebnisse sind schön und erfüllend, aber irgendwann kommt die Reaktion des Geistes, und dann wird man sehen. Das wahre Glück, sagt uns die Bhagavad-Gîtâ, schmeckt am Anfang wie Gift, und erst am Ende wie Nektar. Das schwankende, täuschende Glück schmeckt am Anfang wie Nektar, und am Ende ist es Gift. Die Erweckung der Urkraft ist, so lesen wir in den Schriften, der schnellste aller religiösen Wege; er führt direkt zum Himmel oder direkt in die Hölle.

Wie kann das sein? Weil es eine rechte und eine unrechte Art gibt, die Urkraft zu erwecken. Was ist recht? Ein reines Leben unter Führung eines wahren Gurus; unter ständiger Achtsamkeit, das Ego nicht wachsen zu lassen; das Verwerfen von Ehre und Ruhm (daß man etwa der Versuchung widersteht, selbst ein Guru zu werden und andere in Prânâyâma und Meditation einzuweihen); das Ablehnen der Wunderkräfte, welche man durch den Aufstieg der Kundalinî erhält (dies schließt mit ein, daß man nicht zum Geistheiler, Hellseher und ähnliches wird) … Was ist unrecht? Daß man die Kräfte des Yoga benutzt, um die Sinnenfreuden intensiver erleben zu können; daß man aufgrund kleinerer Erkenntnisse meint, die Wahrheit gefunden zu haben und sie verkünden zu müssen; daß man im Wunsch, der Menschheit zu »helfen«, Schüler annimmt, obwohl man selber so gut wie nichts erreicht hat; daß man die erlangten übernatürlichen Fähigkeiten mißbraucht, indem man Kranke energetisch-geistig »heilt« und ähnlichen Aktivitäten nachgeht. Das Ego, sagen die indischen Weisen, ist die Wurzel allen Übels, und solange diese Wurzel nicht vernichtet ist, gibt es keine Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten und Tode.

Kundalinî-Übungen gehören nicht an die Öffentlichkeit, und ein Lehrer des Yoga oder anderer geistiger Disziplinen, der sich nicht an diesen Grundsatz hält, verstößt gegen die alten ethischen Prinzipien. In meinem Buch über den Hatha-Yoga werden zwar einige Kundalinî-Übungen genannt, aber nicht erklärt, wobei eine strikte Trennung zwischen den Wirkungsbereichen nicht immer einfach ist. Die Kobra dient in normaler Ausführung der Gesundheit; zudem wird sie traditionell über längere Zeit mit einer bestimmten Art des Atmens gehalten, dann beeinflußt sie die Kundalinî. Auf solche Dinge wird genau eingegangen, um Mißverständnisse zu  vermeiden.

Ich lese (Oktober 2007) in einer Karlsruher Zeitung folgende Anzeige: »Yogameister XY in Karlsruhe. Der bekannte Verfasser mehrerer Yoga-Fachbücher lädt zum aktiven Mitmachen von speziellen Atemübungen (Prânâyâma) ein, welche einen wichtigen Stellenwert zur Energieerweckung (Kundalinî) im Yoga haben.« Und ich bin wieder einmal sprachlos. Im alten Indien wäre so etwas nicht möglich gewesen.

Von dem Psychiater C. G. Jung (1875–1961) hören wir diese weisen Worte: »Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalinî-Yoga. Der (durch ihn) absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [aus: Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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Hinweise zum Üben

Was muß man beim Üben am meisten beachten?
Daß man sehr langsam und bewußt übt; daß die Gedanken bei dem sind, was man im Augenblick tut. Auf diese Weise wird man immer richtig üben und sich nie verletzen. Nichts ist im Yoga wichtiger als das unablässige Spüren. Das tut auch dem Geist gut, denn es fördert die Konzentration und bringt ihm daher Ruhe. Langsam und bewußt – die zwei großen Begriffe in der Yogapraxis!

Soll man das im Kurs Erlernte daheim weiterüben?
Unbedingt. Wer nur einmal in der Woche praktiziert nutzt die Stunde in der Yogaschule zum reinen Üben und zum Entspannen. Das ist natürlich gut. Perfekt aber wäre: Ich nutze den Unterricht mehr zum  Lernen – und praktiziere fleißig das Erlernte zu Hause.

Wie oft pro Woche sollte man üben?
Am besten täglich. Angesichts von soviel Streß und Zeitknappheit heutzutage ist ein dreimaliges Üben pro Woche auch sehr gut, jeden zweiten Tag 30  Minuten lang. Die wichtigsten aller Gesundheitsübungen, Uddîyâna und Mûla-Bandha, sollte man aber täglich praktizieren, das dauert nicht länger als drei Minuten. Dasselbe gilt für die außerordentlich wichtige  Nasenspülung, welche in zwei Minuten erledigt ist. Die Reinigungen sind  generell wichtiger als die Âsanas.

Welche von den vielen Übungen soll man machen?
Jene, die man gerade braucht. Bei Kreuzschmerzen wird eine Schulterübung wenig  bringen; bei Hüftarthrose benötigt man Übungen für das Hüftgelenk; will man Ruhe, sollte man zehn Minuten atmen … Dieses Prinzip gilt für den Fall, daß man nur 15–30 Minuten Zeit hat. Wer über mehr Zeit verfügt, sollte eine komplette Übungsserie durchgehen, wie »die große Gelenkrunde« (für alle Gelenke des Körpers), oder die Schulterserie, oder …

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»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«

Weil es für Kinder nichts Unnatürlicheres gibt als den traditionellen Hatha-Yoga.

Die außerordentlich langsam und ganz bewußt ausgeführten Bewegungen in den Âsanas, insbesondere das für den Yoga typische stille Verharren, ebenso die absolut ruhigen, konzentrierten Atemübungen stehen im völligen Gegensatz zur Natur des Kindes. Kinder müssen spielen, rennen, kämpfen, sich austoben, sich körperlich erschöpfen können. Sport von der Art des Fußballs und anderer Spiele im Freien, dynamische Dinge eben, die körperlich sehr fordernd sind, das tut Kindern gut. Man mag einwenden: »Der (überall angebotene) Kinder-Yoga ist ja spielerisch, dynamisch, er macht ihnen Spaß; und die Förderung der Konzentration tut den Kindern gut.« Das stimmt; aber den wahren Sinn des Hatha-Yoga können weder Kinder noch Jugendliche verstehen. Die Schulung der Konzentration ist für Kinder extrem wichtig; sie soll jedoch in anderer Form gelehrt werden, nicht in Verbindung mit dem Hatha-Yoga.

Körperliche Dynamik gepaart mit der Schulung der Konzentration – die ideale Disziplin dafür ist der Kampfsport; nichts ist für Kinder und Jugendliche (männlich und weiblich) besser geeignet als Karate, Taekwondo, Kungfu.

Man mag weiter einwenden: »Kinder leiden heute viel an Haltungsschäden, also ist der Hatha-Yoga doch gut?« Diese Schäden sind auffallend und müssen korrigiert werden, aber nicht durch den Yoga, sondern mit Hilfe anderer Übungen. Erneut: Der körperliche Teil des Hatha-Yoga (die Âsanas und die Atemübungen) steht im Widerspruch zur kindlichen Natur.

Auch die Jugendlichen (ab 12) und die jungen Menschen (ab 18) verstehen gewöhnlich den Hatha-Yoga nicht. Manchmal verirrt sich ein 20jähriger in einen Yogakurs, aber man sieht es ihm an: Er langweilt sich, der Sinn der Übungen will sich ihm nicht erschließen. Ausnahmen von dieser Regel gibt es, und sie erklären sich durch das Karma.

Attraktiv wird der Hatha-Yoga ab 35, 40 Jahren. Erste größere Beschwerden und Leiden kommen; ihre Linderung und Heilung mit Hilfe geeigneter Übungen wird dankbar wahrgenommen – erst jetzt wird der Yoga verstanden.

»Der Hatha-Yoga ist das zufluchtgewährende Kloster für die von Schmerzen Geplagten.« Besser als mit diesen Worten einer alten Schrift kann man es nicht sagen. Anders ausgedrückt: Kindern, Jugendlichen, jungen gesunden Frauen und Männern wird sich das Geheimnis des Hatha-Yoga nicht enthüllen, denn er entspricht nicht ihrer momentanen Natur.

Auf die Frage »Die sportlichen Stile wie der Power-Yoga sind dynamisch und damit doch für Kinder geeignet?« wäre zu antworten: Ja, aber was hat Power-Yoga mit dem traditionellen Hatha-Yoga zu tun? Nicht alles was aus Amerika kommt ist ein Fortschritt.

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Die tägliche Übung

Ohne tägliches, systematisches Praktizieren können die Übungen ihre Wirkungen nicht wirklich entfalten. Dieser Satz möge Menschen die nur gelegentlich üben nicht demotivieren; es soll nur gesagt sein, daß man bei mangelnder Praxis nicht herausfinden wird, welches Potential im Hatha-Yoga steckt.

»Gibt es eine Übung gegen mein Problem?« – wie oft wird dies gefragt. Wir haben uns über Jahre ein Leiden zugezogen; jetzt soll es durch wenige Minuten Übung verschwinden: allein der Gedanke ist absurd.

Es mag sogar sein, daß bei manchen Beschwerden eine einzige Übung genügt, aber die Sache hängt an dem immer selben Haken: Regelmäßigkeit und Intensität. Wie oft klagen Kursteilnehmer: Die empfohlene Übung hat bei meinem Problem nicht geholfen – und wie oft stellt sich heraus, daß der Grund dafür einzig in der mangelnden Arbeit zu finden war. Es gibt Menschen die erwarten, daß ihre seit langem bestehende schmerzhafte Schultersteife mit 5 Minuten Übung pro Woche verschwindet; daß die der Kobra zugesprochene Heilung der meisten Unterleibsleiden eintritt, wenn diese ja nur wenige Sekunden dauernde Übung jeden dritten Tag einige Male gemacht wird. Solchen Menschen kann man entweder weiterhin schöne Träume wünschen, oder ihnen ans Herz legen: Je mehr guten Willen und Zeit man investiert, desto mehr bekommt man zurück. Nur durch tägliche Übung wird sich die tiefgreifende Macht des Hatha-Yoga enthüllen.

Die in den Schriften versprochenen Wirkungen sind keine »indischen Übertreibungen«, wie es oft aus Enttäuschung heißt. Bei ausbleibendem Erfolg laute die Frage: Lag es an der Übung oder am Übenden? Auf das letzte kommt nur der selbstkritische Geist. Die meisten gehen den bequemen Weg: »Die Methode hat mir nichts gebracht? Ich suche eine andere. Yoga? Das habe ich auch schon drei Monate gemacht.« Das ist der Mensch des Westens: drei Monate Yoga, drei Monate Qigong, ein Intensiv-Wochenende (!) Atmung und Meditation. Kennen tun wir alles, können nur wenig.

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Die ideale Kursstunde

Die Stunden in der Yogaschule sind dreifacher Art.

Die Erklärstunde = Es sind Neue im Kurs, und auch für die anderen werden aktuell wichtige Dinge erklärt. Eine solche Stunde ist lehrreich, aber wenig befriedigend für jene, die einfach nur vom Alltag abschalten, ein wenig üben und entspannen wollen. Daher wird versucht, diese Art auf ein Minimum zu begrenzen.

Die reine Übungsstunde = Die Teilnehmer kennen bereits die wichtigsten Übungen. Ich rede weniger, muß aber ab und zu unterbrechen, um etwas vorzuzeigen und um zu korrigieren. Die Unterbrechungen sind nicht ideal, weil sie den wichtigen Fluß einer Stunde stören (das harmonische Fließen des Prâna aller Teilnehmer), lassen sich aber nicht vermeiden, wenn man korrigieren und auch etwas Neues machen will.

Die ideale Kursstunde = Sie setzt voraus, daß man nichts mehr korrigieren und während der ganzen Übungszeit nicht mehr unterbrechen muß. Der Kursteilnehmer hört die wenigen, knappen Anweisungen und ist konzentriert auf das, was er im Augenblick tut. Und zwar so konzentriert, daß er das Gefühl hat, alleine im Raum zu sein. Erst dieses bewußte Üben ermöglicht es, alles bis in die kleinsten Details zu spüren und zu verwirklichen, worum es im Yoga geht: um den harmonischen Fluß des Prâna.

Man mißverstehe aber das Gesagte nicht. Alle werden ständig Überwacht und korrigiert, niemand ist auf sich allein gestellt. Das ist die Regel. Die ideale Kursstunde ist die Ausnahme. Nur wenn alle Teilnehmer alle vorgeschlagenen Übungen kennen und korrekt ausführen, dann wird ohne jegliche Unterbrechung geübt.

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Zur Korrektur im Unterricht

Nicht selten hört man im Unterricht den Satz: »Ich wurde jetzt schon mehrere Wochen nicht mehr korrigiert!« Ein Vorwurf, der sofort, in Anwesenheit der anderen geklärt wird; er kann nicht stehengelassen werden, da er ein Mißverständnis ist.

1. Sehe ich bei einer Übung objektive Fehler, greife ich unverzüglich ein und korrigiere. 2. Wird eine Übung korrekt ausgeführt, sie ist aber »noch nicht gut genug«, dann lasse ich den Übenden in Ruhe.

Vier Beispiele:

Knie zur Brust. a) Die Knie werden zur Brust gezogen wie in Heilwirkungen, Bild 33, Seite 201: der zu tief liegende Kopf ist ein großer Fehler, der eine sofortige Korrektur zur Folge hat. b) Die Knie werden zur Brust gezogen wie im Bild 26, Seite 198: Keine Fehler zu sehen; die Übung ist aber nicht gut genug, wie man an der perfekten Ausführung im Bild 28 erkennt. Was soll man sagen, wenn jemand nicht imstande ist, intensiver in den Hüftgelenken zu beugen, da es ihm an Dehnung, sprich: an genügend Übung fehlt? Soll man den Streß des Übenden vermehren mit den Worten »was du machst ist fehlerfrei, aber nicht gut«?

Beinstreckung im Liegen. a) Beinstreckung bedeutet Kniestreckung.Sieht man gebeugte Knie = Fehler, sofortige Korrektur. Sieht man gestreckte Kniegelenke, die Beine können aber höchstens in die Senkrechte gezogen werden (Seite 243, Bild 45), dann ist die Übung fehlerfrei, aber noch nicht gut genug. »Sehr gut« wäre es wie im Bild 47. Neun von zehn Übenden benötigen für diese Dehnung einen Gurt. Soll man ihnen dies vorwerfen? Sie üben korrekt, schaffen aber nicht die intensive Ausführung. Was nützt da eine kritische Anmerkung des Lehrers, wenn zu Hause nicht täglich geübt wird?

Überkreuzgriff hinten. Die gewöhnliche Ausführung, mit Gürtel: Seite 345, Bild 164. Fehlerfrei, aber »nicht gut genug«, daher keine Einmischung. Perfekt wäre: Bild 165.

Rumpfbeuge im Stand. Sieht sie aus wie im Bild 50, Seite 246: schlimm; es wir dann sofort korrigiert. Mit geradem Rücken, man kommt aber »nur« so weit wie im Bild 214, Seite 398: in Ordnung; auch wenn sie intensiver sein könnte (Bild 216). Solange die Dehnung der hinteren Beinmuskulatur nicht besser wird, so lange vermag man eben auch nicht tiefer zu gehen.

Zusammenfassend: Überwacht werden alle Kursteilnehmer. Eingegriffen wird aber nur, wenn Fehler gemacht werden. Jeder Übende muß selber wissen welche Stufe des Yoga er erreichen will. Was er dafür tun müßte wird ihm gesagt.

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Wieviele Yoga-Übungen gibt es?

Um diese Frage beantworten zu können, muß sie präzisiert werden: Wieviele Körperübungen, wieviele Atemübungen, wieviele Techniken der Reinigung, wieviele Arten der Entspannung, wieviele psychische Methoden gibt es im Hatha-Yoga?

Zahlenmäßig am größten sind die Körperstellungen (Âsanas), zwei- bis dreihundert. Therapeutisch bedeutsam sind etwa 30; der Rest befriedigt eher den sportlichen Ehrgeiz. Das soll keine Abwertung sein; man muß nur wissen, wofür man seine Zeit und Energie aufwenden will.

Die Atemübungen sind zweifach: der Prânâyâma und das fließende Atmen. Klassische Prânâyâmas gibt es acht; ihr großes Ziel ist das Erwecken der Urkraft, damit gehören sie nicht an die Öffentlichkeit. Als therapeutisches Atmen betrachte ich nur das fließende Atmen, etwa ein dutzend Übungen.

Die Reinigungsverfahren sind wichtiger als die Âsanas. Auch bei Zeitknappheit praktikabel sind die Reinigung der Zunge (täglich, wenige Sekunden); die Spülung der Nase (täglich, drei Minuten); der kleine Einlauf (mehrmals wöchentlich, wenige Minuten); die Feuerreinigung des Darmes (täglich, fünf Minuten); die »große« Wasserreinigung des Darmes (zweimal im Jahr, jeweils einen halben Tag).

Es gibt vier Entspannungsmethoden. 1. Das einfache Schwerwerden beim Ausatmen; 2. die klassische Totenstellung; 3. die moderne Tiefenentspannung; 4. die Totenstellung mit Erreichen eines speziellen Zustands des Geistes. Zu allen vieren nehme ich in den Heilwirkungen ausführlich Stellung.

Psychische Techniken gibt es viele, das ist ja das große Thema des Yoga. Sie können eingeteilt werden in: 1. Übungen zur Selbstbeherrschung (nicht klagen; nicht kritisieren; nicht von sich sprechen; keine Ratschläge erteilen; usw.); 2. Übungen zur Autosuggestion (die auf lange Sicht angestrebte Verwandlung des Geistes zu positivem Denken, zur Fähigkeit der Selbstheilung bei Krankheiten, usw.). Diese zwei Arten werden auch zum Hatha-Yoga gezählt. 3. Die zum spirituellen Yoga gehörenden Techniken zur Entwicklung der willentlichen Konzentration auf einen Punkt. »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes« (Yoga-Sûtra). Konzentration – das ist die Essenz des Yoga; und Techniken zur Gewinnung  dieser Fähigkeit gibt es viele verschiedene, abgestimmt auf den Charakter, auf die Vorlieben, auf die geistigen Fähigkeiten des Übenden.

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Verbotene Übungen

(aus den Heilwirkungen)

[…] Es wurde schon gesagt daß es nicht ratsam ist, alle Übungen des Hatha-Yoga unterschiedslos zu bewerten, denn im Laufe der Zeit hat sich Therapeutisches mit Nichttherapeutischem, Nützliches mit Schädlichem (ja, Schädlichem) vermischt. Dies ist auf den sportlichen Gedanken nach dem immer Höheren zurückzuführen, der hier zum Zirkusyoga geführt hat; andererseits auf die unvermeidbaren generellen Mißverständnisse.

Über solche Mißverständnisse mag an anderer Stelle geredet werden; für die Alltagspraxis wichtiger ist hier die Bewertung einiger Übungen, die in nahezu allen Schulen die Regel sind und von denen ich meine, daß sie zu den problematischen Kundalini-Übungen gehören, oder gesundheitlich bedenklich sind, oder daß ihnen der sportliche Gedanke zugrundeliegt. Das letzte muß an sich nichts Schlechtes sein, aber viele dieser Âsanas eignen sich nicht für therapeutische Zwecke – sollte die Therapie nicht das Leitmotiv im Hatha-Yoga sein? – und sind wie alles übertrieben Sportliche so unphysiologisch, daß ihre negativen Qualitäten überwiegen. Nur in Kurzform, und nur einige wenige, als klassisch bezeichnete Übungen:

Shîrshâsana. Über den Kopfstand ist alles im 12. Kapitel gesagt. In therapeutischer Hinsicht ist die Umkehrung der Schwerkraft als nützlich anzusehen; sie vermag aber die Nachteile der Haltung (eine erhebliche Steigerung des Kopfdrucks und Belastung der HWS) nicht aufzuwiegen. Hier ist die unproblematische halbe Kerze (Viparîta-karanî-Mudrâ) die bessere Wahl.

Sarvângâsana. Von der Kerze ist dasselbe zu sagen. Auch in dieser Haltung ist die Belastung der HWS zu groß und der Knick in der Wirbelsäule zu stark, gewaltsam erzwungen. Es spricht für sich, daß mittlerweile die Ausführung der Kerze mit Unterstützung durch eine Schulterplatte oder durch mehrere gefaltete Decken unter den Schultern empfohlen wird, um die HWS zu entlasten. Auch hier gilt: Viparîta-karanî-Mudrâ ist die bessere Kerze.

Halâsana. Der Pflug wird von fast allen Übenden falsch, mit rundem unterem Rücken ausgeführt und ist so das Gegenteil von therapeutisch. Bei perfekter Ausführung mit exzellenter Dehnfähigkeit der ischiokruralen Muskulatur und mit geradem Kreuz bleiben in negativer Hinsicht die Belastung der HWS und die erhebliche Steigerung des Kopfdrucks. Es stellt sich die Frage: Wozu mache ich den Pflug? Viele wissen darauf keine Antwort. Sollte die Beindehnung der wichtigste Aspekt der Übung sein, dann ist zu sagen: Dafür gibt es bessere, intensivere und für den Rücken ungefährliche Haltungen. Ist die Dehnung des Rückens der herausragende Aspekt? Bei perfekter Ausführung wird aber der Rücken gar nicht gedehnt; bei rundem Rücken dagegen wird überdehnt – dies ist erstens ein genereller Fehler und zweitens gefährlich für die Bandscheiben der LWS. Will man hauptsächlich die Kompression des Rumpfes? Sie ist im Pflug äußerst mild; dafür gibt es viel wirksamere andere Stellungen, in denen  die HWS nicht belastet wird. Oder macht man den Pflug vor allem wegen der Umkehrung der Schwerkraft? In diesem Fall wäre die einfache schiefe Ebene besser, weil unproblematisch. Für mich ist klar: Der Pflug ist nichts anderes als eine Variante der Kerze.

Karnapîdâsana. Diese intensiv wirkende Variante von Halâsana – die Beine nicht nach hinten gestreckt, sondern die Knie auf die Stirn gelegt (»milde« Art) oder in höherer Form neben die Ohren auf den Boden – konnte nur jemandem einfallen, der die sportliche Herausforderung suchte. Therapeutisch ist diese Pflug-Variante nicht nur sinnlos, sie ist noch gefährlicher als der klassische Pflug.

Matsyâsana. Der Fisch ist eine der empfehlenswerten Öffnungen der Vorderseite; der überstreckte Nacken jedoch (Scheitelpunkt des Kopfes auf dem Boden) macht ihn für viele Menschen zu einer bedenklichen, ja gefährlichen Übung. Es ist wiederum bezeichnend, daß immer öfter nur die Variante der Stellung mit gerade liegendem Nacken (Kinn zur Brust) empfohlen wird. Dabei geht ausgerechnet die wichtigste Absicht der klassischen Übung, das intensive Öffnen im Brustkorb verloren …

Pashchimottânâsana. Über die Zange wurde bereits einiges gesagt (10. Kapitel). Auch hier stellt sich die Frage: Wozu mache ich die Zange? Und hier mangelt es den meisten ebenso an Klarheit. Sollte die Beindehnung der wichtigste Aspekt der Übung sein, dann ist zu sagen: Dafür gibt es bessere, intensivere und – worauf es vor allem ankommt – für den Rücken  ungefährliche Haltungen. Oder ist die Dehnung des Rückens der herausragende Aspekt? Bei perfekter Ausführung wird aber der Rücken gar nicht gedehnt; bei rundem Rücken dagegen wird überdehnt – dies ist erstens ein allgemeiner Fehler (der BWS-Bereich soll grundsätzlich nicht gedehnt werden) und zweitens gefährlich fürs Kreuz. Die Kompression des Rumpfes ist ein therapeutisch bedeutsamer, wichtiger Aspekt der Übung, aber auch dafür gibt es wirksame andere Stellungen, in denen die LWS nicht belastet wird. Ich stelle zwei Dinge fest: 1. Vorausgesetzt, sie wird mit geradem Rücken ausgeführt, ist die Zange die schwierigste aller Yogastellungen. Es ist bezeichnend, daß nur einer von zehntausend Übenden in der Zange nicht rund im Rücken wird. Die Frage drängt sich auf, welche gesundheitliche Absicht man bei der Zange verfolgt. Selbstverständlich kann von jeder körperlichen Übung unwidersprochen gesagt werden, sie dehne hier, sie kräftige dort; aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? So hat auch die Zange gewisse Heilwirkungen, insgesamt aber überwiegt der Nachteil der Haltung die Vorteile. 2. Pashchimottânâsana war ursprünglich kein Âsana, sondern ein reiner Bandha (die Ähnlichkeit mit der klassischen Übung Mahâ-Mudrâ ist offensichtlich), eine Kompression des Rumpfes mit dreifachem Verschluß (Mûla-, Uddîyâna-, Jâlandhara-Bandha): primär keine Gesundheitsübung, sondern eine Technik zur Erweckung der Kundalinî.

Mayûrâsana. Als Hauptbegründung für den Pfau wird der Druck der Arme und Ellbogen auf die Bauchorgane angegeben. An sich ist dieser Druck positiv (wie bei der klassischen Heuschrecke), nach meiner Meinung jedoch in der Pfauenstellung viel zu stark (für die Frauen ist der Pfau sogar generell kontraindiziert), weswegen sie zu den weniger empfehlenswerten Übungen gehört. Die Idee zu Mayûrâsana entsprang nicht gesundheitlichen, sondern sportlichen Motiven.

Chakrâsana. Das Rad ist eine königliche Dehnung der Körpervorderseite – und gehört dennoch als überaus schwierige Stellung eher in die Abteilung Artistik. Auch hier gilt die kritische Bemerkung: In 99 Prozent der Fälle wird das Rad falsch ausgeführt – mit abgeknicktem Kreuz anstelle einer schönen, physiologischen Bogenhaltung – und ist so mehr schädlich als nützlich. Der Hauptgrund für das Abknicken im Kreuz liegt auf der Hand: eine unbewegliche, versteifte BWS.

Kurmâsana. Mag die Schildkröte noch so sehr als altehrwürdige Yogastellung gepriesen werden – für den Autor ist sie nur eine sportlich motivierte Steigerung der Zange (Pashchimottânâsana), noch schwieriger und noch weniger zu empfehlen. Ein Tänzer, ein Turner, ein Artist vermögen wahrscheinlich einen einigermaßen (!) geraden Rücken zu behalten; man betrachte aber die Wirbelsäule eines normalen Übenden in Kurmâsana: eine Lendenkyphose, ein runder (überdehnter) BWS-Bereich bei gleichzeitiger Überstreckung des Nackens; mehr muß nicht gesagt werden.

Âkarnadhanurâsana. Die Stellung des Bogenschützen zähle ich nicht zu den therapeutischen Übungen. Die einzige Wirkung liegt in einer gewissen Bein- und Hüftdehnung; dabei haben jedoch praktisch alle Übenden einen bedenklich runden Rücken. Die erwähnten Dehnungen erzielt man leichter und intensiver mit anderen Stellungen. Der Bogenschütze befriedigt den sportlichen Ehrgeiz, denn er ist – mit geradem Rücken ausgeführt – höchst schwierig.

Ûrdhva-prasârita-pâdâsana oder Utthâna-pâdâsana. Das gleichzeitige Heben beider Beine in Rückenlage, als eigene Technik und als Anfangsteil der Kerze und des Pfluges, gehört zu den traditionellen Übungen. Dazu ist zu sagen: 1. Verfügt man über sehr viel Kraft, über einen hervorragend trainierten Muskelapparat insgesamt, dann ist Utthâna-pâdâ nicht unbedingt ein Fehler. 2. Für normale Menschen, für 99 von 100 Übenden gilt: In Rückenlage aktiv, ohne Hilfe eines Gürtels die Beine gleichzeitig in die Senkrechte zu bringen ist ein Fehler, eine enorme Belastung des unteren Rückens, und die erhoffte Kräftigung der Bauchmuskeln ein Mißverständnis. Das Beinheben fordert nicht die Bauchmuskeln (sie sind keine Beuger im Hüftgelenk), sondern den M. iliopsoas, welcher jedoch nicht gekräftigt, vielmehr gedehnt werden muß. Der hier eintretende extreme Zug im M. iliopsoas ist schädlich für den gesamten Rücken bis in den Nacken (= negative Reaktion der Muskelkette), und zwar in jenem Abschnitt der Übung, wo der Winkel Beine-Rumpf größer als 90° ist. Man beobachte eine Person beim Ausführen der Stellung, das spricht für sich.

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Was bedeutet Hatha-Yoga?

yoga (yuj = anjochen, verbinden, befestigen) ist »die Vereinigung, das Verbinden« des begrenzten individuellen Bewußtseins mit dem grenzenlosen, alldurchdringenden Meer des Bewußtseins. Es ist das Sanskritwort für das lateinische religio (re = wieder…, zurück…; ligare = binden, vereinigen, zusammenpassen). Der Zustand der Vereinigung (das Ziel) und die Arbeit, die dahin führt (der Weg) – beides wird yoga genannt.

Die klassische Bedeutung von hatha ist »Gewalt, Anstrengung, Kraft«. Von wievielen Yogalehrern und Buchautoren wird dies bestritten? Dabei erklärt der Begriff sehr gut den Unterschied zum religiösen Yoga, bei dem es um die Meditation in absoluter Bewegungslosigkeit geht. Wer einmal die große Darmreinigung durchgeführt hat, Hunderte von Baucheinzügen, die dynamischen Zyklen der Kriegerstellungen und vieles andere, der versteht die Wiedergabe von hatha-yoga mit »Methode (yoga) der Kraft, Gewalt, Anstrengung (hatha)«. Verglichen mit dem geistigen Yoga ist der Hatha-Yoga überwiegend die grobstoffliche Methode, ein System zur Förderung und Reinigung des Körpers.

Wer eine andere Deutung von hatha bevorzugt, der findet sie auch, dank des Reichtums der altindischen Sprache. Viele Sanskritwörter haben viele Bedeutungen. So ist yoga »Vereinigung, Religion« und »Methode, Weg«. guru heißt »schwer, gewichtig, ehrwürdig«. Die mystische Tradition fügt hinzu: »Die Silbe gu bedeutet Dunkelheit, und ru vertreiben; der Guru ist der Vertreiber der Dunkelheit.« Wer wollte dieser wundervollen Definition widersprechen? Bharata-Natyam ist der »Tanz (natya) Indiens (bharata)«; nach der Silbenmethode wird aber bharata interpretiert als bha (bhava = Ausdruck, Gefühl), ra (raga = Melodie), ta (tala = Rhythmus). Viele bezeichnen derartiges als Spitzfindigkeit, aber wie durch Zufall paßt es meistens.

Ähnlich ist es mit hatha.  Die Wiedergabe mit »Gewalt, Anstrengung, Kraft« ist fundiert und im Lichte der Yogapraxis verständlich. Eine zweite Übersetzung erklärt das Wort nach der Silbenmethode: ha = Sonne; tha = Mond. Dies mag willkürlich erscheinen, denn die Bedeutungen von ha sind: Himmel, Paradies, Mond (!), Glitzern eines Edelsteins, die Silbe von Gott Vishnu; und tha = lautes Geräusch, Diskusscheibe, Mondscheibe, die Silbe von Gott Shiva. In tantrischem Zusammenhang ergibt diese freie Deutung aber durchaus einen Sinn, denn sie führt in eine tiefgründige Energielehre: Hatha-Yoga = die Vereinigung (yoga) von Sonne (ha) und Mond (tha). Hier betritt man das Feld des höheren, des geistigen Yoga.

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Die 12 therapeutisch wichtigsten Körperübungen

Man beachte die Formulierung in der Überschrift = Allgemein (ohne Berücksichtigung spezieller Probleme) sind dies die zwölf a) therapeutisch wichtigsten b) Körperübungen des Hatha-Yoga (das wichtige Atmen und einige wichtige Reinigungen also nicht mitgezählt):

Man verwechsle aber nicht die »therapeutisch wichtigsten« mit den »Schlüssel-Übungen« des Hatha-Yoga. Das letzte bezieht sich auf die technischen Aspekte. Als Schlüssel der Âsana-Praxis werden einige grundlegende Techniken bezeichnet, mit denen viele andere Türen geöffnet, das heißt hier: viele andere Âsanas gemeistert werden können. Man kann jedes einzelne der vielen Âsanas für sich üben, bis man es beherrscht; das ist der lange und beschwerliche Weg. Man kann aber auch erkennen, welche technischen Elemente die meisten Âsanas gemeinsam haben. Mit Hilfe dieser Schlüssel-Elemente vermag man dann viele Âsanas auf Anhieb auszuführen, ohne sie jemals geübt zu haben. Dies mag vielleicht langweilig sein, weil man sich in der täglichen Praxis auf wenige Dinge beschränkt; dafür ist es der einfache und direkte Weg zum Erfolg.

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Diese Seite wurde am 17.02.2018 zuletzt geändert.

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