

Aus dem »Sanskrit-English-Dictionary« von Monier-Williams: prasada = clearness, brightness, pellucidness, purity, calmness, tranquillity, absence of excitement, serenity of disposition; graciousness, kindness, favour, aid. Heute denkt man bei prasada mehr an die letzten vier Begriffe (Gnade, Güte, Gunst, Hilfe). Prasada ist jedoch ein alter, zentraler Begriff aus der spirituellen Welt und bedeutet »Klarheit, Reinheit, Ruhe, Frieden« des Geistes.
Klassisch heißt ursprünglich, traditionell, überliefert, nicht dem Zeitgeist angepaßt. Der menschliche Geist hält es nie bei einer Sache, bei einem Gedanken aus. Ständig sucht er Eindrücke und Reize, unaufhörlich springt er von einem Gedanken zum anderen wie ein unruhiger Affe von Ast zu Ast. Nur mit dieser Natur des Geistes ist zu erklären, warum es unter anderem ständig neue Formen des Yoga »geben muß«, denn das Alte ist ja so quälend langweilig. Yoga bedeutet Einfachheit, aber gerade die Einfachheit ist für viele Menschen das größte Hindernis.
Der Geist hat vier Eigenschaften: Denken, Fühlen, Wollen (Handeln), Sich-Sammeln (Konzentrieren); eine davon ist meist vorherrschend. Entsprechend wurde einst der Yoga in vier Arten eingeteilt: Die Denker gehen den Weg des Jnana-Yoga: die Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen, um so zur höchsten Wahrheit zu gelangen. Menschen, in denen das Fühlen vorherrscht, gehen den Weg des Bhakti-Yoga. Jene, die es zur Handlung treibt, gelangen über den Weg des Karma-Yoga zum Ziel; und für jene, deren Stärke das Sich-Sammeln ist, gibt es den Raja-Yoga, den Weg der Beherrschung des eigenen Geistes. Vier Eigenschaften, vier Wege – das ist klassisch. Wieviele Yogas gibt es angeblich noch? Laya-Yoga, Siddha-Yoga, Kundalini-Yoga, Tantra-Yoga, Mantra-Yoga, Dhyana-Yoga … Und in Bezug auf die Gesundheit: Früher gab es den Hatha-Yoga; heute liest man von: Aku-Yoga, Luna-Yoga, Flow-Yoga, Ayur-Yoga, Vinyasa-Yoga, Chi-Yoga, Power-Yoga, Hormon-Yoga … Mit dem Alten geben sich wenige zufrieden.
»Klassisch« hat eine weitere Bedeutung. Einst war es verboten, den Pranayama öffentlich zu lehren; wieviele Yogalehrer halten sich heute an diese wichtige Vorschrift? Einst galt es als Verfehlung jemanden in die Meditation einzuweihen, solange man selbst nicht den Zustand der Weisheit erreicht hatte; wieviele Yogalehrer halten sich heute an diese wichtige Vorschrift? Einst war es selbstverständlich, sich als Wanderer auf dem spirituellen Pfad um die Enthaltsamkeit zu bemühen; heute erzählen uns »Fachleute«, daß die alte Regel des Brahmacharya »überholt« sei. In diesem Sinne: Die Bezeichnung »klassischer Yoga« weist auf das ursprüngliche, den alten Regeln entsprechende System hin.
Die Bezeichnung eignet sich, um diesen Aspekt von den anderen Aspekten des Hatha-Yoga zu unterscheiden. Auch der Ausdruck »klassisch« ist keine Garantie dafür, daß im Laufe der Zeit alles seine Richtigkeit bewahrt.
Wenn man unvoreingenommen auf die überlieferten Übungen des Hatha-Yoga blickt, fallen schnell einige Ungereimtheiten auf. Wie lange z. B. soll man in einem Asana verweilen? Das häufig zu lesende »so lange wie möglich« ist in gesundheitlicher Hinsicht nicht korrekt. Viele der Asanas erkennt jeder Laie auf Anhieb als für den Rücken nicht physiologisch. Wie harmoniert dies mit den therapeutisch wertvollen Rückenübungen? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie müssen aus einer anderen Disziplin stammen. Im Laufe der Zeit haben sich durch eine mangelnde Sorgfalt und durch die pragmatische Natur des Menschen Dinge vermischt, von denen manche nicht zusammengehören.
Hier nur dies: Es haben sich Zirkus-Elemente in den Hatha-Yoga eingeschlichen. Zwei Beispiele: 1. In Bauchlage beugt man die Knie und zieht die Füße so weit über den Rücken zu sich heran, bis sie vor dem Gesicht stehen (ganda bherundasana, merudandasana): eine schädliche Überstreckung des Rückens mit Belastung der Halswirbelsäule. 2. Man sitzt auf dem Gesäß (genauer: auf dem Steißbein in schädlicher Lendenkyphose), zieht die Beine nach oben bis die Füße am Hinterkopf überkreuzt werden und drückt sich hoch, so daß nur noch die Hände den Boden berühren (dvipada shirshasana, dvipada kandharasana). Mit so etwas kann man in der Tat auf dem Marktplatz sein Geld verdienen.
Man mag das als artistische Leistung bewundern; mit der Gesundheit darf es nicht zusammengebracht werden. Von jeder Übung kann gesagt werden, sie kräftige hier, sie dehne dort; aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? Die Praxis des Hatha-Yoga sei: vernünftig, sinnvoll, heilsam. Ist dies der Fall, wenn eine Übung nur um ihrer Schwierigkeit willen gemacht wird? Man sollte nicht alles glauben, was in vielen Büchern steht. Von der Kopfbrücke (setubandhasana) wird gesagt, sie stärke den Nacken, belebe Kopf und Gehirn, usw. De facto stellt diese uralte Übung übermütiger Krieger und Mönche eine hochgradig schädliche Belastung der Nackenwirbel dar. Immer mehr Menschen leiden an degenerativen Leiden der Wirbelsäule. Ein Yogalehrer, der seine Kursteilnehmer die Kopfbrücke machen läßt, weiß nicht was er tut.
Die Aufzählung weiterer negativer Beispiele erübrigt sich. Wer mit gesundem Menschenverstand auf die angebotenen Stellungen blickt, dem kann nicht verborgen bleiben, was für den Körper gut und was schädlich ist.
Der Inder war seit jeher am Jenseitigen orientiert, ihm fehlte das Interesse, in dieser Welt auf irgendetwas zu bauen. Ein Patent auf das zu haben, was entdeckt wurde, das lag früher dem indischen Geist fern. Wer ist der Gründer des Yoga? Niemand weiß es; er wurde mündlich von Weisen überliefert, die selbstlos ihr Wissen zur Verfügung stellten; die meisten ihrer Namen verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Diese bewundernswerte Haltung, nichts zementieren zu wollen, führte aber auch dazu, daß es jederzeit möglich war, dieser und jener Methode dieses und jenes, nach Gutdünken hinzuzufügen. Unser Thema betreffend, ist das Ergebnis: Es gibt seit langem nicht mehr den ursprünglichen einen Hatha-Yoga; er hat sich im Laufe der Zeit zu einem Selbstbedienungsladen entwickelt. Zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden.
Und weil es so ist, halte ich es für hilfreich darauf hinzuweisen, daß ich im Rahmen des klassischen Yoga nach einer Methode unterrichte, welche ich aufgrund von Studium und Erfahrung als die sinnvollste ansehe. Bei mir wird der Kopfstand nicht praktiziert, ebensowenig andere Kundalini-Übungen; es gibt keine Pranayamas, keine Chakra-Meditationen, kein Mantra-Singen, keine Anleitungen zum Geistheilen, denn all dies ist mit Gefahren verbunden. Auch den Sport-Yoga wird man nicht finden, bei dem es nur darum geht, Übungen um ihrer Schwierigkeit willen beherrschen zu wollen. Und was die Asanas betrifft, welche als klassisch gelten: Ich nehme mir die Freiheit, das Nützliche vom Unnützlichen, die heilsamen Elemente von den eher schädlichen – jawohl, schädlichen – zu trennen, welche sich mit der Zeit eingeschlichen haben.
Die Gesundheit des Rückens, das Heilatmen und das harmonische Fließen des Prana sind die Schwerpunkte der Methode Maldoner. Gelehrt wird eine in mehrfacher Hinsicht unproblematische, orthopädisch korrekte, therapeutische Form des Yoga.
Erstens, viele Menschen leiden unter Rückenschmerzen. Es gibt nichts Besseres dagegen als einen korrekt praktizierten Hatha-Yoga. Zweitens: Wählt man die dafür ungeeigneten Übungen, oder praktiziert man die geeigneten Übungen nicht korrekt, dann kann man sich mit dem Yoga schaden. Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, daß viele Ärzte eher negativ über den Hatha-Yoga denken. Man sieht in vielen Stellungen gelenkschädigende Überdehnungen und rückenfeindliche Haltungen; man betrachtet das Yoga-Atmen als einen schädlichen Eingriff in den natürlichen Atemvorgang. Beide Vorwürfe sind objektiv falsch und zum Teil dennoch berechtigt.
Warum sind sie falsch? Die richtigen Körperübungen, korrekt ausgeführt, sind niemals gelenk- und rückenfeindlich, vielmehr von höchstem therapeutischem Wert. Die richtigen Atemtechniken, korrekt praktiziert, sind niemals schädlich, sondern zum einen therapeutisch höchst wertvoll, zum anderen wirksam für die Lenkung des Prana.
Warum sind sie zum Teil berechtigt? Man stelle sich vor: Jemand klagt beim Orthopäden, daß ihm während einer Yogaübung ein heftiger Schmerz in den Rücken gefahren sei. Der Arzt läßt sich die Übung beschreiben und reagiert negativ: In seinen Augen ist sie unphysiologisch, rückenfeindlich. Wie kann er auch wissen, daß sie mit Sicherheit entweder nicht zum therapeutischen Yoga gehört oder zu diesem gehört, jedoch nicht korrekt ausgeführt wurde. Die Erfahrung des Patienten genügt ihm für ein Urteil, und fertig ist das Bild vom schädlichen Hatha-Yoga. Den Ärzten ist kein Vorwurf zu machen. Woran sollten sie sich halten? Der Yoga ist ein Selbstbedienungsladen; zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden. Selbst wenn man eine therapeutisch sinnvolle Übung vor sich hat, ist noch nichts gewonnen; sie muß eben auch korrekt ausgeführt werden!
Die korrekte Ausführung der therapeutisch wertvollen Übungen – darum geht es in meinem Wirken als Yogalehrer, und das gilt insbesondere für die Gesundheit des Rückens.
Was in Verbindung mit den Asanas nun »korrekt« hinsichtlich des Rückens bedeutet, sollte am Paradebeispiel klar werden, an der Rumpfbeuge im Stand (padahastasana). Mit rundem Rücken den Rumpf zu beugen, nach vorne zu sinken, dies ist das größte Mißverständnis, der größte Fehler, die größte Gefahr für die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule. Und wenn es in noch so vielen Gymnastik- und Yogakursen gelehrt wird: falsch bleibt falsch. Bei allen Rumpfbeugen liegt der Drehpunkt nicht im Rücken, sondern in den Hüftgelenken. Den Rumpf mit hängendem Kopf, ohne Spannung im Rücken, Wirbel für Wirbel runder werdend schwer sinken zu lassen – dies ist ein fahrlässiges Spiel mit der Gesundheit des Rückens. Und noch gefährlicher ist die Rückkehr aus dieser falschen Haltung. Wirbel für Wirbel, rund bei einem derart instabilen Zustand der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur hochzukommen: verrückt. Dagegen ist die Rumpfbeuge mit gespreizten Beinen und mit geradem Rücken eine physiologisch korrekte und wichtige Dehn-Kraft-Übung des Hatha-Yoga. Dieses eine Beispiel genügt wohl für ein Verständnis des hier Gesagten.
Obwohl der Hatha-Yoga sich aus Elementen mehrerer Disziplinen zusammensetzt, gilt er seit langem als die einheitliche Lehre einer tantrischen Schule, welche sich überwiegend mit Techniken des Atmens und der Meditation zur Erweckung der Urkraft (kundalini) beschäftigt. Die hier vorgestellte gesundheitliche Methode hat nichts mit jener tantrischen Form zu tun, vielmehr mit den unproblematischen Übungen der indischen Volksgymnastik und Naturheilkunde.
Der gesunde, widerstandsfähige Körper soll für das religiöse Ziel des Yoga genutzt werden; der weitere Weg ist aber nicht Thema in der Yogaschule. Unter »klassischem Yoga« verstehe ich ein System, bestehend aus dem gesundheitlichen Hatha-Yoga (= therapeutische Körper- und Atemübungen, Reinigungen, Ernährung, psychische Hygiene); aus tantrischen Körperübungen; aus dem pranayama (Atemtechniken mit Anhalten der Luft); aus dharana (Konzentration) und dhyana (Meditation).
Nur der gesundheitliche Teil darf öffentlich gelehrt werden. Die tantrischen Körperübungen, der Pranayama und die Konzentration bzw. Meditation bilden den höheren Yoga, bei dem es um das Erwachen der Urkraft geht. Ihr zu früher, nicht beherrschter Aufstieg hat viele körperliche und psychische Leiden zur Folge. Hier muß die Hilfe eines Gurus gesucht werden, der mit den Gefahren des spirituellen Weges vertraut ist.
Finden wird man in meiner Yogaschule: Hinweise auf die technisch korrekte Ausführung der gesundheitlichen Körper- und Atemübungen, auf einfache Reinigungen; Vorschläge zur Ernährung und zur Hilfe bei Leiden aller Art; Gedanken zur psychischen Hygiene.
Nicht finden wird man die tantrischen Körperübungen, den Pranayama, höhereTechniken der Konzentration und eine Anleitung zur Meditation. Damit auf eigene Faust zu experimentieren wäre entweder Naivität oder Hochmut. Wer sich zum spirituellen Yoga hingezogen fühlt und Gott um Hilfe bittet, dem wird zur rechten Zeit die rechte Führung zuteil werden.
Nein. In alter Zeit war es verboten, öffentlich den Pranayama zu lehren, und ich halte mich daran.
Die Yoga-Atmungen muß man zweiteilen: 1. Die fließenden, sanften Übungen, bei denen der Atem, speziell nach der Einatmung, nicht angehalten wird. Sie sind harmlos, fördern den harmonischen Fluß des Prana, sind therapeutisch höchst wertvoll und sollten von allen Menschen praktiziert werden, die an ihrer Gesundheit interessiert sind. 2. Pranayama, die Techniken mit längerem Anhalten des Atems, speziell nach der Einatmung. Sie sind auch therapeutisch, ihr eigentliches Ziel aber ist die Erweckung der Kundalini. Daher darf der Pranayama nur von völlig gesunden, intensiv Übenden unter Anleitung eines Meisters praktiziert werden, er gehört nicht an die Öffentlichkeit.
Die Pranayamas sind Kumbhakas, mit Anhalten der Luft, speziell nach dem Einatmen. Jedes längere Atemanhalten ist ein Angriff auf die im Muladhara Chakra schlafende Urkraft, erhitzt sie, zwingt sie zum Aufsteigen. Diese Übungen können, wenn sie falsch praktiziert werden, gefährliche Folgen haben. Sollte jemand mit dem Gedanken spielen, in den Pranayama einzusteigen, dann muß ihm klar sein:
Primäres Ziel des Pranayama ist nicht die Gesundheit, vielmehr das Erwachen und der Aufstieg der Kundalini, und damit gehört er zu den geistigen Übungen .
Dieser Aufstieg ist nur möglich, wenn Körper, Nadis und Geist durch lange intensive Übung des gesamten Yoga die nötige Reinheit erlangt haben (darunter versteht man den gesunden Körper; freie Meridiane; den reinen, an nichts Weltlichem mehr interessierten Geist). Deshalb gehören die Einhaltung der ethischen Gebote, ein Leben in Reinheit, die Praxis der Meditation und die Atemübungen zusammen. Der Pranayama darf nicht für sich geübt werden, losgelöst von den anderen Teilen der Yogapraxis.
Niemals darf der Pranayama ohne Führung durch einen wahren Meister praktiziert werden. Er allein kennt die Gefahren des spirituellen Weges. Ein vernünftiger Schüler läßt sich nur persönlich unterweisen, er lernt nicht aus Büchern; und mit gutem Grund verweigert er in einem Yogakurs Pranayama-Übungen, die ihm ein unwissender Lehrer beibringen will.
Wenn man die alten, zum Schutze des Übenden aufgestellten Regeln und Warnungen in egozentrischer Besserwisserei und Arroganz (andere Gründe sehe ich nicht) vom Tisch fegt, dann sind Probleme unvermeidbar. Bedingt durch die Unreinheit von Körper, Nadis und Geist steigt die zu früh erweckte Urkraft nur teilweise auf, und ihre Ströme fließen chaotisch durch den Körper. Die Folgen sind unter anderem schwere Störungen der Verdauung, Herz- und Lungenprobleme, allerlei Schmerzen, Schlaflosigkeit, innere Unruhe, psychische Probleme, geistige Verwirrung.
Das letzte sei besonders betont. Krankheiten, Schmerzen, Schlaflosigkeit sind schlimm genug, aber sie betreffen eine einzige Person; damit verglichen hat die geistige Verwirrung die tragischeren Folgen. Menschen, in denen Teilströme der Urkraft das Gehirn erreicht haben, halten die auf diese Weise erlangten kleineren Erkenntnisse (Inspirationen, Visionen oder das, was sie in ihrer Konfusion als solche ansehen) für die ganze Wahrheit und machen sich zu Lehrern oder Verkündern der »Wahrheit«, weil sie den Versuchungen der Ehre und der Macht nicht widerstehen können. So geraten nicht nur sie selber in die Irre, sondern noch andere schwache Menschen, die zu belehren und zu führen sich diese Pseudogurus anmaßen.
In nahezu allen Yogaschulen und, noch schlimmer, in den Volkshochschulen wird trotz allem unbekümmert der Pranayama gelehrt. Man mag sich wundern, warum es dabei nicht so häufig zu Problemen kommt, wie sie angesichts der geschilderten Tatsachen zu erwarten wären. Die Erklärung ist einfach: Die wenigsten Kursteilnehmer üben daheim intensiv weiter. Gott sei Dank, es schützt sie vor Gefahr. Wenn aber nur einer von zehn Menschen sich ernsthaft mit dem Pranayama beschäftigt, müßte dies für jenen Yogalehrer, der solches verbotenerweise öffentlich unterrichtet, ein Grund zur Beunruhigung sein, denn er wird karmisch für die in diesem Fall entstehenden Schwierigkeiten seines »Schülers« verantwortlich sein.
Nein. Eine Einführung in die Welt der Meditation ist die spirituell größte Sache und steht nur dem Erleuchteten zu; alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit dem eigenen Karma und mit dem Karma anderer Menschen.
Es zeugt von Unreife jemanden in die eigene geistige Welt hineinführen zu wollen. Sich anzumaßen andere Menschen zu leiten, während man im selben Ozean der Unwissenheit schwimmt, das ist die wahre Verblendung. Die Welt ist voll von selbsternannten Meistern, die in ihrem Halbwissen nicht verstehen wollen, was sie durch solche Aktivitäten anrichten. Der wahre Yoga sagt: »Gib niemals ungebeten Ratschläge, und wenn dich jemand um Rat fragen sollte, überlege sorgfältig, was du sagen wirst, denn du wirst dafür karmisch verantwortlich sein. Warum mischst du dich in das Karma anderer ein, wo du deine eigenen Verstrickungen noch nicht gelöst hast?«
Yoga-Lehrer sind gut beraten, lediglich »Kursteilnehmer« zu haben, nicht »Schüler«, damit sie nicht in die Gefahr geraten, Guru zu spielen. Wohl ist es so, daß in Indien unter »Guru« traditionell jeder Lehrer verstanden wird; nehme ich also dort z. B. Musikunterricht, dann bin ich Schüler eines Gurus, selbst wenn dieser ein ganz gewöhnlicher, weltlicher Mensch ist. Aber in Indien wird deswegen auch sorgfältig unterschieden: Es gibt viele Gurus, aber nur einen Sadguru: der erleuchtete, der wahre Guru, der den Zustand des höchsten Samadhi erfahren hat. Und nur ihm steht es zu, Führer auf dem spirituellen Pfad zu sein und Schüler anzunehmen, indem er sie in die Meditation einweiht. Er ist der einzige, der weiß, was in solch einem Augenblick wirklich geschieht.
Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn ein Yogalehrer einem Kursteilnehmer rein technisch einige klassische Sitzhaltungen zeigt. Fünf Minuten lang mit geradem Rücken still zu sitzen ist eine Grundübung, die zur Disziplin des therapeutischen Yoga zählt. Das Reich der Meditation dagegen darf man niemals ohne die Hilfe eines Gurus betreten. Die Frage, warum die Welt überquillt von Unwissenden, die sich für erleuchtet halten und meinen, der Menschheit »helfen« zu müssen, ist ein anderes Thema.
Es gibt keine unverbindliche »Einweisung« in die Meditation, wie es viele glauben wollen; sie ist eine Einweihung; ein verborgener Vorgang, bei dem es zur Karmavermischung, zur Seelenverbindung kommt. Weiß das jeder Yogalehrer? Nur der Erleuchtete vermag ohne Schaden das schlechte Karma seiner Schüler auf sich zu nehmen. Warum weiht dann ein gewöhnlicher Mensch Menschen ein? Wieso glaubt ein Blinder, andere Blinde führen zu können? Weil er »helfen« will; weil er Macht, Verehrung und Geld will … Welche Gründe es sein mögen, sie wurzeln im »Ich« und »Mein«, im Dunkel der Verblendung. Auch die ohne Anleitung durch einen wahren Meister praktizierte Meditation führt nur zum gefahrvollen teilweisen Aufstieg der Kundalini, der die ohnehin vorhandenen Probleme auf dem religiösen Pfad vervielfacht.
Jeder Mensch muß von selbst auf den für ihn richtigen Pfad gelangen, durch eigenes Wissen, vorangetrieben durch das eigene Karma. Wenn es jemandes Schicksal ist, auf diesen oder jenen Weg zu kommen, dann wird er zwangsläufig diese Richtung einschlagen; da braucht es niemanden, der ihn überzeugen muß.
»Selbst der Einsichtige handelt gemäß seiner eigenen Natur. Die Wesen folgen der Natur. Was soll angesichts dessen die Unterdrückung der eigenen Natur bewirken?« (Bhagavadgita)
Die Wesen folgen der Natur (ihrem Karma) – diese tiefgründigste Aussage gehört zu den funkelnden Sternen der Bhagavadgita. Sie erklärt alle sonst unerklärbaren Dinge. Wer sie verinnerlicht hat ist nicht mehr fähig andere zu kritisieren, zu belehren, beeinflussen und überzeugen zu wollen; er hält sich sogar mit Ratschlägen zurück und kann nur den Worten von Shri Krishna folgen: Lasse jeden tun, wozu ihn sein Karma zwingt; lasse jeden gehen, wohin es ihn treibt, während du selbst guten Willens versuchst, im Geiste des Yoga zu handeln! Das rechte Verstehen, die Einsicht ist der Weg zur Erlösung, und diesen Weg muß jeder für sich gehen.
Es mag sein, daß jemand auf seiner Suche einen kleinen Anstoß von außen benötigt. Dann kann man in zurückhaltender Form und auf mehrmalige (!) Nachfrage eine Buchempfehlung aussprechen, oder eine bestimmte Adresse vermitteln. Das ist alles; jedes tiefere Eingreifen in die Seelenwelt anderer wäre von Übel.
Ich führe niemanden in die Meditation ein. Wer wirklich ernsthaft am spirituellen Yoga interessiert ist wird nicht abgewiesen; er muß aber wissen daß es schwierig ist die wahre geistige Welt zu betreten, und daß ich dabei nur indirekt helfen kann. Wer sich am Ausdruck »wahre geistige Welt« stört – damit ist eben nicht der esoterische Kindergarten gemeint, welcher im heutigen Zeitalter der Belanglosigkeit fälschlicherweise als »Yoga« oder »Spiritualität« verkauft wird.
Eines sei klargestellt. Wer sagt: »Ich will meditieren, um zur Ruhe zu kommen«, der hat nicht verstanden, worum es beim spirituellen Yoga geht. Wer vom hektischen Alltag abschalten, eben ruhig werden will, sollte im Liegen zwanzig Minuten entspannen, oder zehn Minuten bewußt atmen, oder bei beruhigender Musik eine Tasse Tee trinken, aber gewiß nicht »meditieren«. Der wahre geistige Yoga ist der denkbar größte Streß; hier geht es um Konzentration (das Schwierigste überhaupt), um Selbstbeherrschung, Askese, Verzicht; um das Elend des Kreislaufs der Geburten und Tode, um die Überwindung dieser armseligen Welt, um die Sehnsucht nach Freiheit, um das Finden eines echten, eines wahrhaft erleuchteten Gurus; um das alles beherrschende Thema Karma, um Religion, um das Heil der Seele. Wer all diese Begriffe nicht zu seinem Wortschatz zählt, wer sich dafür nicht interessiert, der sollte sich nicht mit »Meditation« und »geistigem Yoga« beschäftigen.
Wer darüber Genaueres wissen will, kommt um die Lektüre des Yoga-Sutra nicht herum.
Fragt man mehrere Personen, was Meditation ist, erhält man mehrere Antworten. »Wir gehen jetzt zur Meditation« – dieser gängige Ausdruck ist in der allgemeinen Bedeutung praktisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nur die wenigsten Menschen während der Zeit ihrer »Meditation« sich wirklich mit dem beschäftigen, was der Yoga darunter versteht.
Meditation (dhyana) ist der Folgezustand einer überragenden Fähigkeit zur Konzentration (dharana). In der Regel ist es so, daß ein »Meditierender« nur versucht, seinen Geist auf einen Punkt zu richten und willentlich dort zu halten; man hat am Ende, im idealen Fall einen einzigen Gedanken (dies wäre dann die Meditationsstufe) und kann dank der geistigen Kraft verhindern, daß sich andere Gedanken dazwischenschieben. Konzentration ist die Vorstufe zur Meditation, und auch über diese Fähigkeit gibt es eine Vielzahl von Meinungen, dabei kann man die Sache eigentlich nicht falsch verstehen: Wie lange vermag ich meinen Geist in einem Gedanken, in einem Punkt zu halten, ohne daß sich andere Gedanken, andere Bilder dazwischenschieben? Shri Patanjali sagt im Eingangssatz des Yoga-Sutra: »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes.« Und im nächsten Satz versichert er uns: Dann (= wenn dies gelungen ist) ruht man in der eigenen wahren Natur, im Zustand der Selbst-Erkenntnis. Was aber heißt »dann«? Hier macht sich so mancher Übende falsche Vorstellungen von seinen angeblichen Fortschritten. Für die Dauer von wenigen Sekunden (!) alle Kräfte des Geistes in einem Punkt halten zu können, das ist eine bereits überragende Stufe; Aussagen anderer Art zeugen von einer fehlerhaften Selbstbeobachtung (zu ihr gehört beispielsweise die Behauptung, man schaffe es, den Geist für einige Zeit leer zu machen, also an nichts zu denken. Das ist in diesem Stadium unmöglich; selbst »die Leere« ist nur eine Vorstellung des Geistes, ein Gedanke).
Unter »Konzentration« (dharana) versteht der klassische Yoga die Fähigkeit, den Geist zwölf Sekunden lang in einem Punkt, im Objekt der Konzentration halten zu können: eine überragende Stufe, ein himmelhoher Gipfel. Vermag man die Konzentration auf die Dauer von zwölf Dharanas (mehr als zwei Minuten) zu verlängern, dann erst ist man bei der Meditation (dhyana). Läßt man den Geist, durch nichts mehr abgelenkt, weiter sich vertiefen und schafft eine alle menschlichen Dimensionen sprengende Dauer von zwölf Dhyanas (etwa eine halbe Stunde), dann geht man in den Zustand der vollkommenen Versenkung (samadhi) ein.
In der landläufigen Bedeutung mag Meditation auch aus Gebeten und ähnlichem bestehen, das ist wichtig und wertvoll. Die Essenz des klassischen Yoga ist dennoch die Fähigkeit zur willentlichen Konzentration; es gibt auf dem spirituellen Weg nichts Höheres als ihre unablässige Übung.
Nein. Es ist zu beklagen, daß er in so vielen Yogaschulen gelehrt wird. Und typisch für unsere Gesellschaft, die nichts Heiliges mehr kennt; die sich für so aufgeklärt hält, daß Geheimnisse nichts mehr zählen. Zum Schutze der Schüler auf dem gefahrvollen geistigen Pfad war einst das Wissen von der Urkraft das Geheimnis der Geheimnisse.
Die Kundalini ist die Urkraft der Schöpfung und damit auch die Ursache des Geistes. Im weltlichen Menschen beschränken sich die Aktivitäten der im Muladhara Chakra ruhenden Kundalini auf die Versorgung von Körper und Geist mit Energie. Ihr durch ein reines Leben und durch die Übung der Konzentration bewirktes Erwachen und Aufsteigen führt den Yogin über immer höhere Ebenen des Bewußtseins zurück an den Ausgangspunkt der Schöpfung und am Ende, durch vollkommene Konzentration, in das Einswerden mit dem grenzenlosen Meer des Bewußtseins. Nach dieser Definition ist der Yoga ein tantrischer Prozeß; so wird alles genannt, was mit der Erweckung der Kundalini zu tun hat. Da keine andere indische Lehre zu mehr Fehldeutungen geführt hat, sei festgehalten: Der wahre Yoga ist rein geistiges Tantra; hier wird als Bedingung für den spirituellen Weg die völlige Selbstbeherrschung und damit auch ein Leben in Enthaltsamkeit gefordert.
Der Begriff »Tantra« sollte nicht falsch verstanden werden. Durch die Aktivitäten gewisser östlicher Sekten und westlicher »Yogis« ist eine einst moralisch hochstehende Disziplin zu einem magischen Yoga verkommen. Die oft zitierte und meist mißverstandene »Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips« hat nichts mit dem grobstofflichen Geschlechtsakt zu tun. Sie bezieht sich auf einen geheimnisvollen, geistigen Vorgang – den Aufstieg der als weiblich betrachteten dynamischen Urkraft und ihr Einswerden mit dem als männlich angesehenen statischen Aspekt des Bewußtseins im Kopfzentrum, das Erreichen des finalen Zustands der Erleuchtung.
In allen rein lebenden Menschen wird die Urkraft wach und steigt auf, aber nur wenige wissen es. Jede Art von Yoga ist genaugenommen ein Kundalini-Yoga, aber in den meisten Yogarichtungen und in anderen religiösen Gemeinschaften wird dieser Aspekt nicht in den Vordergrund gestellt. Gewöhnlich betrachtet man die auf dem religiösen Weg auftretenden, durch den wechselvollen Aufstieg der Urkraft bedingten Phänomene als von Gott gesandt; man ist dankbar für die guten Dinge (Zuversicht, Freude, Inspirationen, Visionen), demütig akzeptiert man die schlechten (Krankheit, Depression, Zweifel, geistige Verwirrung). Diese sympathische Haltung entzieht sich jeder kritischen Bemerkung. Auf der höchsten Ebene jedoch heißt es, wie in der Bhagavadgita zu lesen ist: Alles Leiden verdankt der Mensch seinem eigenen unreinen Geist. Gott ist das alldurchdringende Meer des Bewußtseins und hat mit Gut und Böse, mit Freude und Leid, mit dem Glück und Unglück der Lebewesen nichts zu tun. Das Wissen wird von Unwissenheit verhüllt, allein dadurch leiden die Geschöpfe.
Den Meistern des speziellen Kundalini-Yoga verdanken wir die Erkenntnis, daß man die Urkraft aktiv, durch eigene Bemühung lenken und zu ihrem Ursprung zurückführen kann. Sie offenbarten die verborgensten Zusammenhänge zwischen der Urkraft und dem Körper, der Urkraft und dem Atem, der Urkraft und dem Geist. Mittels bestimmter Körperhaltungen, bestimmter Atemtechniken und psychischer Methoden ist es möglich, auf die Kundalini einzuwirken.
Solche Techniken bezeichne ich als Kundalini-Übungen, um sie von den anderen Aspekten des Hatha-Yoga zu unterscheiden; zu ihnen gehören der Pranayama einschließlich der Mudras und Bandhas, die Konzentration bzw. Meditation und auch einige Körperstellungen (Asanas).
Das Erwecken der Urkraft ist mit Gefahren verbunden und darf nur von intensiv Übenden im persönlichen Kontakt mit einem wahren Guru erlernt werden. Wer ist ein »intensiv Übender? Ein völlig Gesunder mit widerstandsfähigem Körper und Geist, ein zurückgezogen und in Enthaltsamkeit Lebender; einer, der ein reines und heiliges Leben führt, ständig das höchste Ziel vor Augen. Wer von uns im geschäftigen, völlig nach außen gerichteten Westen kann sich dazu zählen? Von der wahren Kraft der Kundalini wissen die meisten Menschen, die sich mit Übungen zur Erweckung der Urkraft beschäftigen, ebensowenig wie von den Gefahren, die durch ihr Erwachen drohen. Sie gleichen Kindern, die mit Rasierklingen spielen. In ihrer Naivität sind sie unschuldig, aber sie werden weinen, sobald sie sich verletzt haben. Soll man Kinder kritisieren? Nein; man darf aber jene »Meister« tadeln, die durch das öffentliche Lehren solcher Techniken nicht nur sich, sondern noch andere schwache Menschen ins Unglück treiben. »Schwach« bedeutet: Das Ego solcher »Meister« und ihrer Schüler, ihr falsches Selbstbewußtsein ist stark; ihre Kraft zur Unterscheidung, ihr guter Wille zur Einsicht und daher ihr Charakter sind schwach.
»Wieso Unglück«, wird oft entgegnet, »ich arbeite mit der Kundalini, und mir geht es gut!« Nun, alles hat seine Zeit. Die ersten Erlebnisse sind schön und erfüllend, aber irgendwann kommt die Reaktion des Geistes, und dann wird man sehen. Das wahre Glück, sagt uns die Bhagavadgita, schmeckt am Anfang wie Gift, und erst am Ende wie Nektar. Das schwankende, täuschende Glück schmeckt am Anfang wie Nektar, und am Ende ist es Gift. Die Erweckung der Urkraft ist, so lesen wir in den Schriften, der schnellste aller religiösen Wege; er führt direkt zum Himmel oder direkt in die Hölle.
Wie kann das sein? Weil es eine rechte und eine unrechte Art gibt, die Urkraft zu erwecken. Was ist recht? Ein reines Leben unter Führung eines wahren Gurus; unter ständiger Achtsamkeit, das Ego nicht wachsen zu lassen; das Verwerfen von Ehre und Ruhm (daß man etwa der Versuchung widersteht, selbst ein Guru zu werden und andere in Pranayama und Meditation einzuweihen); das Ablehnen der Wunderkräfte, welche man durch den Aufstieg der Kundalini erhält (dies schließt mit ein, daß man nicht zum Geistheiler, Hellseher und ähnliches wird) … Was ist unrecht? Daß man die Kräfte des Yoga benutzt, um die Sinnenfreuden intensiver erleben zu können; daß man aufgrund kleinerer Erkenntnisse meint, die Wahrheit gefunden zu haben und sie verkünden zu müssen; daß man im Wunsch, der Menschheit zu »helfen«, Schüler annimmt; daß man die erlangten übernatürlichen Fähigkeiten mißbraucht … Das Ego, sagen die indischen Weisen, ist die Wurzel allen Übels, und solange diese Wurzel nicht vernichtet ist, gibt es keine Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten und Tode.
Kundalini-Übungen gehören niemals an die Öffentlichkeit, und ein Lehrer des Yoga oder anderer geistiger Disziplinen, der sich nicht an diesen Grundsatz hält, verstößt gegen die alten ethischen Prinzipien. In meinem Buch über den Hatha-Yoga werden zwar einige Kundalini-Übungen genannt, aber nicht erklärt, wobei eine strikte Trennung zwischen den Wirkungsbereichen nicht immer einfach ist. Die Kobra dient in »normaler« Ausführung der Gesundheit; zudem wird sie traditionell über längere Zeit mit einer bestimmten Art des Atmens gehalten, dann beeinflußt sie die Kundalini. Auf solche Dinge wird genau eingegangen, um Mißverständnisse zu vermeiden.
Ich lese heute, am 26. Oktober 2007 in einer Karlsruher Zeitung folgende, für unsere Zeit typische Anzeige: »Yogameister XY in Karlsruhe. Der bekannte Verfasser mehrerer Yoga-Fachbücher lädt zum aktiven Mitmachen von speziellen Atemübungen (Pranayama) ein, welche einen wichtigen Stellenwert zur Energieerweckung (Kundalini) im Yoga haben.« Und ich bin wieder einmal sprachlos. Im alten Indien, im klassischen Yoga wäre so etwas nicht möglich gewesen.
Für alle Übungen des Hatha-Yoga (nicht nur für die Körperübungen, sondern natürlich auch für die heilenden Atemübungen und Reinigungen, …; welcher Aspekt besonders wichtig ist, entscheidet sich nach individuellem Bedarf, nach dem momentanen gesundheitlichen Zustand) gilt: Ohne ein tägliches, systematisches Praktizieren können sie ihre Wirkungen nicht wirklich entfalten. Dieser Satz möge Menschen die nur gelegentlich üben nicht demotivieren; es soll nur gesagt sein, daß man bei mangelnder Praxis nicht herausfinden wird, welches Potential im Hatha-Yoga wirklich steckt.
»Gibt es eine (die Betonung liegt in 99 Prozent der Fälle auf: eine) Übung gegen mein Problem« – wie oft wird diese Frage in Yogakursen gestellt? Wir haben uns über Jahre durch viele Fehler (mangelnde Bewegung, falsche Ernährung, …) ein Leiden zugezogen; jetzt soll es durch wenige Minuten Übung verschwinden: allein der Gedanke ist absurd.
Es mag sogar sein, daß bei manchen Beschwerden eine einzige Übung genügt, aber die Sache hängt an dem immer selben Haken: Regelmäßigkeit und Intensität. Wie oft klagen Kursteilnehmer: Die empfohlene Übung hat bei meinem Problem nicht geholfen – und wie oft stellt sich heraus, daß der Grund dafür einzig in der mangelnden Arbeit zu finden war. Es gibt Menschen, die allen Ernstes erwarten, daß ihre seit langem bestehende schmerzhafte Schultersteife mit 5 Minuten Übung pro Woche wieder verschwindet; daß die der Kobra zugesprochene Heilung der meisten Unterleibsleiden eintritt, wenn diese ja nur wenige Sekunden dauernde Übung jeden dritten Tag einige Male gemacht wird. Solchen Menschen kann man entweder weiterhin schöne Träume wünschen, oder ihnen ans Herz legen: Je mehr guten Willen und Zeit man investiert, desto mehr bekommt man zurück. Nur durch eine tägliche, systematische Übung wird sich die einzigartige, tiefgreifende Macht des Hatha-Yoga enthüllen.
Die in den klassischen alten Schriften und auch in den neuen Büchern beschriebenen und versprochenen Wirkungen sind keine »indischen Übertreibungen« oder gar »Märchen«, wie es oft aus Enttäuschung heißt. Bei ausbleibendem Erfolg laute die Frage: Lag es an der Übung oder am Übenden? Auf das letzte kommt nur der selbstkritische Geist. Die meisten gehen den bequemen Weg: »Die Methode hat mir nichts gebracht? Ich suche eine andere. Yoga? Das habe ich auch schon drei Monate gemacht.« Das ist der Mensch des Westens: drei Monate Yoga, drei Monate Qigong, ein »Intensiv-Wochenende« (!) Atmung und Meditation. Kennen tun wir alles, können tun wir nichts.
yoga (yuj = anjochen, verbinden, befestigen) ist »die Vereinigung, das Verbinden« des begrenzten individuellen Bewußtseins mit dem grenzenlosen, alldurchdringenden Meer des Bewußtseins. Es ist das Sanskritwort für das lateinische religio (re = wieder…, zurück…; ligare = binden, vereinigen, zusammenpassen). Der Zustand der Vereinigung (das Ziel) und die Arbeit, die dahin führt (der Weg) – beides wird yoga genannt.
Die klassische Bedeutung von hatha ist »Gewalt, Anstrengung, Kraft«. Von wievielen Yogalehrern und Buchautoren wird dies bestritten? Dabei erklärt der Begriff sehr gut den Unterschied zum religiösen Yoga, bei dem es um die Meditation in absoluter Bewegungslosigkeit geht. Wer einmal die große Darmreinigung durchgeführt hat, Hunderte von Baucheinzügen, die dynamischen Zyklen der Kriegerstellungen und vieles andere, der versteht die Wiedergabe von hatha-yoga mit »Methode (yoga) der Kraft, Gewalt, Anstrengung (hatha)«. Verglichen mit dem geistigen Yoga ist der Hatha-Yoga überwiegend die grobstoffliche Methode, ein System zur Förderung und Reinigung des Körpers.
Wer eine andere Deutung von hatha bevorzugt, der findet sie auch – dank des Reichtums der altindischen Sprache. Im Sanskrit haben viele Wörter viele Bedeutungen. So ist yoga »Vereinigung, Religion« und auch »Methode, Weg«. guru heißt »schwer, gewichtig, ehrwürdig«. Die mystische Tradition fügt hinzu: »Die Silbe gu bedeutet Dunkelheit, und ru vertreiben; der Guru ist der Vertreiber der Dunkelheit.« Wer wollte dieser wundervollen Definition widersprechen? Bharata-Natyam ist der »Tanz (natya) Indiens (bharata)«; nach der Silbenmethode wird aber bharata interpretiert als bha (bhava = Ausdruck, Gefühl), ra (raga = Melodie), ta (tala = Rhythmus). Viele bezeichnen derartiges als Spitzfindigkeit, aber wie durch Zufall paßt es meistens. Ein westliches Beispiel: Wenn nach Weihnachten die Sternsinger von Haus zu Haus ziehen, schreiben sie an die Türen: C+M+B. Das heißt: Christus Mansionem Benedicat (der Herr segne dieses Haus). Es heißt aber auch: Caspar, Melchior, Balthasar (daran denken die meisten Menschen) …
Ähnlich ist es mit hatha. Die Wiedergabe mit »Gewalt, Anstrengung, Kraft« ist fundiert und im Lichte der Yogapraxis verständlich. Eine zweite Übersetzung erklärt das Wort nach der Silbenmethode: ha = Sonne; tha = Mond. Dies mag willkürlich erscheinen, denn die Bedeutungen von ha sind: Himmel, Paradies, Mond (!), Glitzern eines Edelsteins, die Silbe von Gott Vishnu; und tha = lautes Geräusch, Diskusscheibe, Mondscheibe, die Silbe von Gott Shiva. In tantrischem Zusammenhang ergibt diese freie Deutung aber durchaus einen Sinn, denn sie führt in eine tiefgründige Energielehre: Hatha-Yoga = die Vereinigung (yoga) von Sonne (ha) und Mond (tha). Hier betritt man das Feld des höheren, des geistigen Yoga.
Um diese Frage beantworten zu können, muß sie präzisiert werden: Wieviele Körperübungen, wieviele Atemübungen, wieviele Techniken der Reinigung, wieviele Arten der Entspannung, wieviele psychische Methoden gibt es im Hatha-Yoga?
Zahlenmäßig am größten sind die Körperstellungen (Asanas), mehrere hundert. Therapeutisch bedeutsam sind etwa 30; der Rest befriedigt eher den sportlichen Ehrgeiz. Das soll keine Abwertung sein; man muß nur wissen, wofür man seine Zeit und Energie aufwenden will.
Die Atemübungen sind zweifach: der Pranayama; das fließende Atmen. Klassische Pranayamas gibt es acht; ihr großes Ziel ist das Erwecken der Urkraft, damit gehören sie nicht an die Öffentlichkeit. Als therapeutisches Atmen betrachte ich nur das fließende Atmen, etwa ein dutzend Übungen; alle sind therapeutisch höchst wertvoll, wichtiger als die Asanas.
Die Reinigungsverfahren sind ebenfalls wichtiger als die Asanas. Auch bei Zeitknappheit praktikabel sind 1. die Reinigung der Zunge (täglich, wenige Sekunden); 2. die Spülung der Nase (täglich, drei Minuten); 3. der kleine Einlauf (mehrmals wöchentlich, wenige Minuten); 4. die Feuerreinigung des Darmes (täglich, fünf Minuten); 5. die große Wasserreinigung des Darmes (viermal im Jahr, jeweils einen halben Tag).
Es gibt vier Entspannungsmethoden. 1. Das Schwerwerden beim Ausatmen; 2. die Totenstellung; 3. die Tiefenentspannung; 4. die Totenstellung mit Erreichen eines speziellen Zustands des Geistes. 1. Das Schwerwerden beim Ausatmen, ein schlagartiges Loslassen körperlicher Spannungen, gelingt innerhalb weniger Atemzüge. 2. Shavasana ist die traditionelle Totenstellung. Ohne große Worte und tiefschürfende Gedanken wird in den Schriften gesagt: »Wie eine Leiche auf dem Boden zu liegen, das ist die Totenstellung. Sie vertreibt Müdigkeit und Anstrengung und führt die Ruhe des Geistes herbei.« Die Anweisung kann nicht einfacher sein. Man läßt alle Spannungen bewußt gehen und liegt völlig bewußt still da. 3. In den letzten Jahrzehnten wurde Shavasana durch Autosuggestionen und Fantasiereisen erweitert. Diese beliebte »Tiefenentspannung« ist im heutigen Unterricht die Regel. 4. Nicht zu beschreiben und nicht möglich im Unterricht ist eine vierte Form des Entspannens, die Totenstellung mit Erreichen eines speziellen Zustands des Geistes. Als Anhaltspunkt müssen die schönen Worte aus einer alten Schrift reichen: »Im Augenblick des Einschlafens, wenn der Schlaf noch nicht gekommen ist und die äußere Schwäche verschwindet, an diesem Punkt ist das SEIN geoffenbart.« Man ist nicht wach, man schläft aber auch nicht – das ist alles, was man darüber sagen kann; wundervoll, beseligend, die höchste Form der Entspannung.
Psychische Techniken gibt es viele, das ist ja das große Thema des Yoga. Sie können eingeteilt werden in: 1. Übungen zur Selbstbeherrschung (nicht klagen; nicht kritisieren; nicht von sich sprechen; keine Ratschläge erteilen; usw.); 2. Übungen zur Autosuggestion (die auf lange Sicht angestrebte Verwandlung des Geistes zu positivem Denken, zur Fähigkeit der Selbstheilung bei Krankheiten, usw.). Diese zwei Arten werden auch zum Hatha-Yoga gezählt. 3. Die zum spirituellen Yoga gehörenden Techniken zur Entwicklung der willentlichen Konzentration auf einen Punkt. »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes« (Yoga-Sutra). Konzentration – das ist die Essenz des Yoga; und Techniken zur Gewinnung dieser Fähigkeit gibt es viele verschiedene, abgestimmt auf den Charakter, auf die Vorlieben, auf die geistigen Fähigkeiten des Übenden.
Selbstverständlich. Wer nur einmal in der Woche praktiziert, nutzt die Stunde in der Yogaschule zum reinen Üben und zum Entspannen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ideal aber wäre: Ich nutze den Unterricht mehr zum Lernen (mit Fragen usw.) – und praktiziere das Erlernte zu Hause.
Am besten täglich. Angesichts von soviel Streß und Zeitknappheit heutzutage ist ein dreimaliges Üben pro Woche sehr gut, jeden zweiten Tag 30 Minuten lang. Die wichtigste aller Gesundheitsübungen, Agnisara Dhauti, sollte man aber täglich praktizieren, das dauert keine fünf Minuten. Dasselbe gilt für die außerordentlich wichtige Nasenspülung, welche in drei Minuten erledigt ist. Die Reinigungen sind generell wichtiger als die Asanas.
Jene, die ich gerade brauche. Bei Kreuzschmerzen wird eine Schulterübung wenig bringen; habe ich eine Hüftarthrose, benötige ich Übungen für das Hüftgelenk; will ich Ruhe, sollte ich zehn Minuten atmen … Dieses Prinzip gilt für den Fall, daß man nur 15–30 Minuten Zeit hat. Wer über mehr Zeit verfügt, sollte eine komplette Übungsserie durchgehen, wie »die große Gelenkrunde« (für alle Gelenke des Körpers), oder die Schulterserie, oder …
Daß man sehr langsam und bewußt übt; daß die Gedanken bei dem sind, was man im Augenblick tut. Auf diese Weise wird man immer richtig üben und sich nie verletzen. Nichts ist im Yoga wichtiger als das unablässige Spüren. Das tut auch dem Geist gut, denn es fördert die Konzentration und bringt ihm daher Ruhe. Langsam und bewußt – die zwei großen Begriffe in der Yogapraxis.
Als Leser-Service an dieser Stelle nur kurz, im Telegrammstil für die tägliche Praxis. Allgemein (ohne Berücksichtigung spezieller Probleme) sind dies die zwölf therapeutisch wichtigsten Körperübungen des Hatha-Yoga (das extrem wichtige Atmen und einige Reinigungen nicht mitgezählt):
Die Stunden in der Yogaschule sind dreifacher Art: die Erklärstunde; die reine Übungsstunde; die ideale Kursstunde.
Die Erklärstunde = Es sind Neulinge im Kurs, und auch für die anderen Teilnehmer werden aktuell wichtige Dinge erklärt. Eine solche Stunde ist lehrreich, aber wenig befriedigend für jene Menschen, die im Kurs einfach nur vom Alltag abschalten, ein wenig üben und entspannen wollen. Daher wird stets versucht, diese Art auf ein Minimum zu begrenzen. In den Samstag-Seminaren gibt es dann genügend Zeit für Erklärungen.
Die reine Übungsstunde = Es sind nur Teilnehmer da, welche die wichtigsten Übungen bereits kennen. Ich rede daher weniger als bei Erklärstunden, muß aber dennoch ab und zu den Ablauf unterbrechen, um etwas vorzuzeigen und um generell zu korrigieren. Diese Unterbrechungen sind zwar nicht ideal, weil sie den wichtigen Fluß einer Stunde stören (gemeint ist: das harmonische Fließen des Prana aller Teilnehmer), lassen sich aber nicht verhindern, wenn man korrigieren und auch etwas Neues machen will.
Die ideale Kursstunde = sie ist selten, denn sie setzt voraus, daß ich nichts mehr korrigieren und während der ganzen Übungszeit nicht ein einziges Mal unterbrechen muß. Das ist die ideale Art: Der Kursteilnehmer hört die wenigen, knappen Anweisungen des Lehrers und ist konzentriert auf das, was er im Augenblick tut. Und zwar so konzentriert, daß er das Gefühl hat, alleine im Raum zu sein. Erst dieses bewußte Üben ermöglicht es, alles bis in die kleinsten Details zu spüren und zu verwirklichen, worum es im Hatha-Yoga geht: um den harmonischen Fluß des Prana. Er ist das oberste Ziel aller Hatha-Yoga-Praxis.
Der Yoga wird in den Schriften »Zerstörer des Leidens« genannt. Überträgt man diesen umfassenden Begriff auf unsere Zeit ohne zu bedenken daß vieles sich verändert hat, dann können Enttäuschungen nicht ausbleiben. Aus welchem Grund erfüllen sich manche Erwartungen von Yoga-Übenden nicht mehr?
Eine Garantie gibt es für eine einzige Sache, für den Tod. Alles andere ist relativ und nicht so einfach, wie mancher es gerne hätte. Heilt die Budwig-Therapie Krebskrankheiten? Ja, aber eine Garantie dafür gibt es nicht, denn hier spielen neben dem Stoffwechsel andere Aspekte eine Rolle, wie die Psyche und das Karma. Sorgt die tägliche indische Nasenreinigung dafür, daß man nie mehr Schnupfen bekommt? Ja, aber eine Garantie darauf könnte es nur geben, wenn man gleichzeitig mittels einer geeigneten Ernährung das Blut rein hält und die chronische Fußkälte bekämpft. Die Chance, durch Nichtrauchen ernsthafte Lungenprobleme zu vermeiden, ist groß; eine Garantie ist es nicht. Und so fort. In der Naturtherapie geht es nicht um ein einzelnes Heilmittel, vielmehr um einen Lebensstil. Was den Hatha-Yoga betrifft, gilt es zwei Dinge zu bedenken.
1. Der Hatha-Yoga besteht aus mehreren Elementen. Wenn gesagt wird: Ich praktiziere fleißig den Hatha-Yoga, dann muß geklärt sein, was damit gemeint ist. Nur die bei uns übliche Praxis der Asanas? Eine sehr gesunde Gymnastik, nichts weiter. Der Yoga ist, wie erwähnt, ein Lebensstil, die Praxis der Asanas ein kleiner Teil davon. Was ist mit den noch wichtigeren Reinigungen, mit dem therapeutischen Atmen, mit der alles entscheidenden Ernährung, mit den psychischen Aspekten?
2. Krankheiten entstehen (1) durch eine schlechte Verdauung und eine falsche Ernährung; (2) durch ungenügende Bewegung; (3) durch mangelnde Beherrschung der Gefühle; (4) durch nichtgeordnete Gedanken; (5) durch geopathogene Reizzonen. Weiter gibt es (6) karmabedingte Leiden als Folge von Fehlern und Sünden in früheren Leben; ein ernstes Thema, welches einer gesonderten Erwähnung bedarf. Heute kommen (7) der Elektrosmog (einschließlich der gepulsten Strahlung) und als enorme Krankheitsfaktoren (8) die Umwelt- und Nahrungsgifte dazu. Besonders in den subtropisch-tropischen Gebieten ist der Faktor (9) Infektionskrankheiten durch verunreinigtes Wasser, Insektenstiche usw. gewichtig. Die in der östlichen Medizin betonten klimatischen Faktoren mag man übergehen, denn die Menschen des Westens leben in den gemäßigten Klimazonen und verfügen über Mittel, um sich gegen Extreme zu schützen. Problematisch ist als pathogener Faktor nur (10) die Feuchtigkeit, das wissen alle. Trockene Hitze und Kälte fördern die Gesundheit; feuchte Hitze und Kälte sind die Ursachen vieler Leiden.
Von diesen 10 Punkten betrifft eine fleißige Yogapraxis nur die ersten vier. Ich nehme den höchst seltenen Idealfall als Beispiel: Jemand praktiziert den gesamten Hatha-Yoga, ernährt sich richtig (1), bewegt sich viel (2), übt Selbstbeherrschung (3), sein Denken ist klar und zielgerichtet (4). Er tut sein Möglichstes, und die Belohnung dafür ist eine gute körperliche und geistige Gesundheit. Eine Garantie dafür, nicht mehr krank zu werden, ist es nicht. Was ist etwa mit Punkt 5? Es sei der verdienstvolle Dr. Ernst Hartmann zitiert (aus dem Buch »Krankheit als Standortproblem«): »Wenn ich daran denke, wievielen Krebspatienten allein durch einen Schlafplatzwechsel Beschwerden gelindert werden könnten, wieviele Rezidive nicht auftreten, wieviele Metastasen ausbleiben würden, und wievielen man das Leben verlängern könnte, dann bin ich erschüttert, daß man die von uns empfohlene, nichts kostende Maßnahme mißachtet, belächelt und verspottet. Daß durch Vermeiden der spezifischen Krebspunkte die meisten Krebsleiden nicht mehr entstehen würden, ist eine Behauptung, die ich und meine Freunde weiterhin aufrechterhalten.« Dem allgegenwärtigen Elektrosmog (7) können wir kaum noch entrinnen, ja wir liefern uns ihm begeistert aus, wie der Handywahn zeigt; ebenso paralysiert stehen wir dem größten aller Gesundheitsfeinde heutzutage gegenüber, den Umwelt- und Nahrungsgiften (8). Die Luft, das Wasser, die Erde – diese unsere Kostbarkeiten sind zu krankmachenden Dingen geworden; wir haben Pestizide, Spülmittel, Konservierungsstoffe, Medikamente und Kunststoffe in Blut und Geweben. Der gebetsmühlenartig wiederholte Hinweis von »Fachleuten«, die Pestizid- und andere Chemierückstände seien in gewissen Grenzen unbedenklich, ist eine Lüge; es handelt sich um Zellgifte, sie stören oder verhindern die Zellatmung, Dreh- und Angelpunkt in Sachen Gesundheit.
Es ist nicht meine Absicht, zu entmutigen. Man kann auch heute noch sehr vieles für seine Gesundheit tun. Es gilt dennoch, nicht die Augen vor einigen unbequemen Wahrheiten zu verschließen. Wir alle haben gewisse Dinge so gewollt, gemacht oder zumindest akzeptiert, wie sie jetzt sind, und nur wir können sie wieder ändern. Eine dieser Wahrheiten hat der Krebsforscher Paul G. Seeger so formuliert:
»Alle Substanzen, welche die Zellatmung inhibieren bzw. senken, führen früher oder später zur Verkrebsung der Zellen. Selbst wenn es gelänge (…), einen Bruchteil der Menschen zum Beispiel vom Sklaventum des Nikotins und somit auch der Karzinogene des Tabakrauchs zu erlösen, was wäre damit gewonnen? Im Karussell des Wirtschaftswunders geht es täglich rund herum mit einigen hundert Karzinogenen. In der Frühe bereits beim Waschen bzw. Baden die Schaum- und Wasserentspannungsmittel alias Detergentien; die Zahnputz- und Gurgelmittel; beim Frühstück das mit Insektiziden behaftete Obst, die gespritzten Zitrusfrüchte, die paraffinierten Rosinen im Müsli; die konservierten und verschönten Marmeladen, das chemisierte Brot, die gefärbte Butter, usw. Auf dem Weg zur Arbeitsstelle die mit … Abgasen vergiftete Luft; während der Arbeit die Dunstwolke des Tabakabusus; im Mittagessen gelöst die Geschirrspülmittel, mit Insektiziden behandeltes Gemüse, Kartoffel mit Keimstoppmitteln, mit Stilboestrol oder anderen Mitteln erzeugtes Mastfleisch; überhitzte, das heißt karzinogene Fette in Pommesfrittes, Backhendl, usw. Abends bei mangelnder Bewegung in Tabakwolken und Alkoholschwemme entweder vor dem Fernsehschirm oder in Gaststätten. Kein Wunder, wenn in der heutigen Wohlstandsgesellschaft das Leben des Einzelbürgers nur mit Hilfe eines erhöhten Tablettenkonsums meistens unter dem Bilde permanenten Krankseins verläuft – mit der Endstation Krebs. Jene Vielzahl der … Karzinogene ist dank der Technisierung und Chemisierung aus unserem Dasein nicht mehr zu verbannen; jeder menschliche Organismus hat sich tagtäglich mit ihnen auseinanderzusetzen.« (aus Dr. Seegers »Krebs – Problem ohne Ausweg?« Verlag für Medizin Ewald Fischer). Auch von diesen Worten darf man sich nicht niederschlagen lassen. Dr. Seeger spricht nicht nur von den Fehlern, die gemacht werden; sein Buch ist voll mit positiven, sehr nützlichen Ratschlägen und Hinweisen.
Schließlich noch das Karma (6), einfach ausgedrückt: das Schicksal. »Undurchdringlich ist der Weg des Karmas«, so lesen wir in der Bhagavadgita. Obwohl das Gesetz von Ursache und Wirkung an sich offensichtlich ist, wissen die meisten Menschen nichts von einer durch das Karma bedingten Wiedergeburt; von den Einzelheiten – welche Ursache hat welche Wirkung – ganz zu schweigen. Daher ermahnt uns die Bhagavadgita: »Wahrlich, rechtes Handeln muß erkannt werden; unrechtes Handeln muß erkannt werden!« Nun mag man sagen, es gibt keine Wiedergeburt; der Yogin weiß es besser. Gedanken sind Kräfte, die sich zu dem konkretisieren, was »die Wirklichkeit« genannt wird. Jeder unserer Handlungen geht ein Gedanke voraus; die Handlung selbst hinterläßt im Gedächtnisspeicher einen subtilen Eindruck. Die gespeicherten Eindrücke erscheinen wieder im Geist als Wünsche und Gedanken und verwirklichen sich in Form von Handlungen; diese wiederum sind die Quelle neuer Eindrücke und so fort, womit ein endloser Kreislauf in Gang gehalten wird. Beim Tode eines Menschen wird nur der Körper zerstört; der durch die treibende Kraft der Eindrücke – durch das Karma – aktiv gehaltene Geist existiert weiter und sucht für die Verwirklichung der stärksten Gedanken den dafür geeigneten Körper, es kommt zur Wiedergeburt. Dies wird Samsara genannt, »der leidvolle Kreislauf der Geburten und Tode«.
Gemäß dem universalen Gesetz des Karma bewirkt Gleiches immer Gleiches. Die Folgen guter Gedanken und Handlungen sind Glück, Gesundheit, Wohlstand, Freude; schlechte Gedanken und Handlungen bringen Unglück, Krankheit, Armut, Leid hervor. Alle lebensbestimmenden Faktoren eines Menschen wie Ort und Umstände der Geburt, Umwelt, körperliche Verfassung, geistige Neigungen sind das Ergebnis seines Karma. Und daraus ist zu schließen: Wie ist es zu erklären, daß einem Menschen, der in der jetzigen Geburt viel Gutes tut, der rein und selbstlos lebt, der freundlich zu allen Wesen ist, Schlechtes widerfährt? Weil sich schlechtes Karma auswirkt, weil er damit Fehler und Sünden aus vergangenen Leben ausgleichen muß. Aus demselben Grund kann es geschehen, daß ein Mensch, der objektiv alles richtig macht, um gesund zu leben, am Ende doch einer schweren Krankheit zum Opfer fällt. Man mag sich darüber streiten, was alles unter »karmische Krankheiten« fällt (die angeborenen gehören immer dazu) – der Grundgedanke ist: Wenn ich guten Willens, in großer Anstrengung und Selbstbeherrschung, alles mir Mögliche auf dem Weg des Guten getan habe und mir widerfährt dennoch etwas Schlechtes, dann war noch auszugleichendes schlechtes Karma die Ursache. Daher wird im Yoga gelehrt: Gib stets dein Bestes – und das andere überlasse Gott. Im Hohelied Indiens sagt Gott zu Arjuna: »Denke immer an Mich – und kämpfe!« Diese Worte sind die Zusammenfassung der Bhagavadgita in einem Satz und der Kern aller Religion.
Shri Swami Narayanananda (12. April 1902 – 26. Februar 1988) wurde in Kongana im Distrikt Kurg (Coorg), Karnataka State, Südindien geboren. Bereits als Junge pflegte er jeden Morgen und jeden Abend zu meditieren, ohne daß irgendjemand ihn dazu angeleitet hätte. Die Regelmäßigkeit und der Ernst, mit denen er solche Praxis durchführte, brachten ihm schon in jungen Jahren Zustände von tiefer Konzentration. Mit 27 Jahren, er hatte seine Studien beendet, sagte ihm eine innere Stimme, er solle der Welt entsagen und Mönch werden. Er verschenkte sein Hab und Gut und ging auf die Suche nach einem Guru, den er in Belur Math bei Kalkutta in Swami Shivananda Mahapurush (1854–1934) fand, einem direkten Schüler von Shri Ramakrishna (1836–1886). Von ihm bekam er den Mönchsnamen Swami Narayanananda (kleine Hilfe zur Aussprache: Narâyan-ânanda).
Drei Jahre lebte Swami Narayanananda in verschiedenen Zentren der Ramakrishna-Mission; während dieser Zeit hielt er sich strikt an die Durchführung der geistigen Übungen und empfand immer stärker den Drang, in der Einsamkeit noch intensiver zu praktizieren. So kam es, daß sein Guru eines Tages zu ihm sagte, er solle nun in den Himalaya ziehen, um den Samadhi (die Erleuchtung) zu erreichen. Dort ging Swami Narayanananda schon nach kurzer Zeit in der Shivaratri-Nacht des Februars 1933 in den höchsten Bewußtseinszustand des Nirvikalpa-Samadhi ein.
Nach dem Tode seines Gurus löste Swami Narayanananda die Verbindung zur Ramakrishna-Mission und lebte viele Jahre in der Einsamkeit. Unbeachtet und ungestört von der Welt, vertiefte er sich in Studien über den Geist und die Geistesfunktionen und schrieb seine Entdeckungen auf dem Feld der Yogapsychologie und Philosophie nieder. Erst im Jahre 1947, als die Unabhängigkeit Indiens zur Spaltung des Landes führte und es zu furchtbaren Massakern zwischen Hindus und Moslems kam, gab Swami Narayanananda seine Zurückgezogenheit auf, um der verirrten Menschheit zu helfen. Er begann Schüler anzunehmen und veröffentlichte nach und nach seine Schriften.
1967 wurde der N. U. Yoga Trust (Narayanananda Universal Yoga Trust) gegründet. Zu der Zeit kamen junge Suchende aus dem Westen, vor allem aus Dänemark, mit Swami Narayanananda in Kontakt. Nach ihrer Rückkehr aus Indien bauten sie in Gylling auf Jütland einen Ashram auf, um dort als Mönche und Nonnen ein Leben in Arbeit und Meditation zu verbringen. Im Jahr 1971 verließ Swami Narayanananda erstmals indischen Boden und kam zu Besuch nach Gylling, wo er fünf Monate verweilte. Von nun an bis 1987 reiste Swami Narayanananda jedes Jahr in den Sommermonaten nach Dänemark (und einige Male nach Deutschland), wo Tausenden von Wahrheitssuchern die Gelegenheit zur Begegnung geboten wurde. Der Gylling-Ashram ist das Weltzentrum des N. U. Yoga Trust. Weitere Ashramas gibt es in Indien, Deutschland, Schweden, Norwegen und in den USA. Die Mönche und Nonnen des von Swami Narayanananda errichteten Ordens verdienen ihren Lebensunterhalt selbst und bemühen sich, »ein einfaches, reines, heiliges Leben« nach den Prinzipien des Meisters zu führen.
Swami Narayanananda ist Gründer der Universalen Religion. Mit seinen Worten: »Help a man from where he stands. Supplement but never supplant is the motto of the Universal Religion. This Religion ›Universal‹ has no quarrel with any sect, creed, doctrine, dogma or sex. It deals with the highest kind of Philosophy, which is practical but not speculative. This Philosophy can easily face the acid test of science. It has love and sympathy for all, irrespective of caste, creed, colour and sex.« Das heißt annähernd: »Hilf einem Menschen von dort aus, wo er steht. Erweitere, ohne jemals zu verdrängen, das ist das Motto der Universalen Religion. Diese Universale Religion hat keinen Streit mit irgendwelchen Lehren, Glaubensbekenntnissen … Sie befaßt sich mit der höchsten Art der Philosophie, die nicht spekulativ, sondern praktisch ist und dem naturwissenschaftlichen Denken standhält. Sie hat Liebe und Sympathie für alle, unabhängig von Stand, Glauben, Hautfarbe und Geschlecht.«
Von Swami Narayanananda gibt es 12 Hauptwerke, 24 kleinere Schriften, die Autobiographie. Von den ins Deutsche übersetzten Hauptwerken seien hier erwähnt (kursiv = Originaltitel):
1. Das Geheimnis der Geisteskontrolle (The Secrets of Mind-Control)
2. Der Weg zur Erleuchtung (A Practical Guide to Samadhi)
3. Das Mysterium des menschlichen Geistes (The Mysteries of Man, Mind and Mind-Functions)
4. Die Urkraft im Menschen oder die Kundalini Shakti (The Primal Power in Man or The Kundalini Shakti)
5. Der Weg zu Frieden, Kraft und langem Leben (The Way to Peace, Power and Long Life)
6. Das Ende der Philosophie (The End of Philosophy or The Ultimate Truth & The Universal Religion)
Still verließ Swami Narayanananda diese Welt am 26. Februar 1988 in Maisur (Mysore), Südindien.
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Diese Seite wurde am 04.03.2010 zuletzt geändert.