Yoga-Institut Helmuth Maldoner Karlsruhe

Fragen / Hinweise

 

Was bedeutet »Prasâda«?
Was bedeutet »therapeutischer« Yoga?
Zehn Yogalehrer – zehn Methoden
Oberster Punkt des Unterrichts: die Rückengesundheit
Was bedeutet »Yoga« und »Hatha-Yoga«?
Hatha-Yoga und spiritueller Yoga
Traditioneller, klassischer Yoga
»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«
»Lehren Sie Meditation?«
Was bedeutet »Meditation« im klassischen Yoga?
Der Zugang zur spirituellen Welt
»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«
»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«
Der Hatha-Yoga ist wie geschaffen für Frauen
Kein Hatha-Yoga während der Menstruation
Hatha-Yoga und Schwangerschaft
Frauen  benötigen mehr Kraft- als Dehnübungen
Wieviele Übungen gibt es?
Was muß man beim Üben am meisten beachten?
Soll man das im Kurs Erlernte daheim weiterüben?
Wie oft pro Woche sollte man üben?
Welche von den vielen Übungen soll man machen?
Die tägliche Übung
Die ideale Kursstunde
Zur Korrektur im Unterricht
Verbotene Übungen
»Was ist mit dem Hormon-Yoga?«
»Unterrichten Sie die 5 Tibeter?«
Die 12 therapeutisch wichtigsten Körperübungen
Shri Swami Narayanananda

 

 

Was bedeutet »Prasâda«?

Aus dem Sanskrit-English-Dictionary von Sir M. Monier-Williams: PRASÂDA = clearness (Klarheit), brightness (Helligkeit, Glanz), pellucidness (Durchsichtigkeit), purity (Reinheit), calmness, tranquillity (Ruhe), absence of excitement (Abwesenheit von Aufregung), serenity of disposition (heitere, abgeklärte Gemütsruhe); graciousness (Gnade), kindness (Güte), favour (Gunst), aid (Hilfe).

Heute denkt man bei Prasâda mehr an die letzten vier Begriffe. Prasâda ist jedoch ein alter, zentraler Begriff aus der spirituellen Welt und bedeutet »Klarheit, Reinheit, Ruhe, Frieden« des Geistes. prasâde sarvaduhkhânâm hânir asyopajâyate … »In der Ruhe entsteht das Schwinden aller Leiden« [Bhagavad-Gîtâ].

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Was bedeutet »therapeutischer« Yoga?

Die Bezeichnung eignet sich, um diesen Aspekt von den anderen Aspekten des Hatha-Yoga zu unterscheiden. Auch der Ausdruck »traditionell« ist keine Garantie dafür, daß alles seine Richtigkeit bewahrt.

Wenn man unvoreingenommen auf die überlieferten Übungen des Hatha-Yoga blickt, fallen schnell einige Ungereimtheiten auf. Wie lange zum Beispiel soll man in einem Âsana verweilen? Das häufig zu lesende »so lange wie möglich« ist in gesundheitlicher Hinsicht niemals korrekt. Viele der Âsanas erkennt jeder Laie auf Anhieb als für den Rücken nicht physiologisch. Wie harmoniert dies mit den therapeutisch wertvollen Rückenübungen? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie müssen aus einer anderen Disziplin stammen. Im Laufe der Zeit haben sich durch eine mangelnde Sorgfalt und durch die pragmatische Natur des Menschen Dinge vermischt, von denen manche nicht zusammengehören.

Hier nur dies: Es haben sich Zirkus-Elemente in den Hatha-Yoga eingeschlichen. Zwei Beispiele: 1. In Bauchlage beugt man die Knie und zieht die Füße so weit über den Rücken zu sich heran, bis sie vor dem Gesicht stehen (Gandabherundâsana, von anderen Merudandâsana genannt): eine schädliche, fakirische Überstreckung des Rückens mit Belastung der Halswirbelsäule. 2. Man sitzt auf dem Gesäß (genauer: auf dem Steißbein in schädlicher Lendenkyphose), zieht die Beine nach oben bis die Füße am Hinterkopf überkreuzt werden und drückt sich hoch, so daß nur noch die Hände den Boden berühren (Dvipâdashîrshâsana, Dvipâdakandharâsana). Mit so etwas kann man in der Tat auf dem Marktplatz sein Geld verdienen.

Man mag das als artistische Leistung bewundern; mit der Gesundheit darf es nicht zusammengebracht werden. Von jeder Übung kann gesagt werden, sie kräftige hier, sie dehne dort; aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? Die Praxis des Yoga sei: vernünftig, sinnvoll, heilsam. Ist dies der Fall, wenn eine Übung nur um ihrer Schwierigkeit willen gemacht wird? Man sollte nicht alles glauben, was in vielen Büchern steht. Von der Kopfbrücke (Setubandhâsana) wird gesagt, sie stärke den Nacken, belebe Kopf und Gehirn, usw. De facto stellt diese uralte Übung ignoranter, übermütiger Krieger und Mönche eine hochgradig schädliche Belastung der Nackenwirbel dar. Immer mehr Menschen leiden an degenerativen Leiden der Wirbelsäule. Ein Yogalehrer, der seine Kursteilnehmer die Kopfbrücke machen läßt, weiß nicht was er tut.

Die Aufzählung weiterer negativer Beispiele erübrigt sich. Wer mit gesundem Menschenverstand auf die angebotenen Stellungen blickt, dem kann nicht verborgen bleiben, was für den Körper gut und was schädlich ist.

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Zehn Yogalehrer – zehn Methoden

Der Inder war seit jeher am Jenseitigen orientiert, ihm fehlte das Interesse, in dieser Welt auf irgendetwas zu bauen. Ein Patent auf das zu haben was entdeckt wurde, das lag früher dem indischen Geist fern. Wer ist der Gründer des Yoga? Niemand weiß es; er wurde mündlich von  Weisen überliefert, die selbstlos ihr Wissen zur Verfügung stellten; die meisten ihrer Namen verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Diese bewundernswerte Haltung, nichts zementieren zu wollen, führte aber auch dazu, daß es jederzeit möglich war, dieser und jener Methode dieses und jenes, nach Gutdünken hinzuzufügen. Hier bedeutet das: Es gibt seit langem nicht mehr den ursprünglichen einen Hatha-Yoga; er hat sich zu einem Selbstbedienungsladen entwickelt.

Zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden.

Weil es so ist, halte ich es für hilfreich und auch fair darauf hinzuweisen, daß ich im Rahmen des traditionellen Yoga nach einer Methode unterrichte, welche ich aufgrund von Studium und Erfahrung als die sinnvollste ansehe. Ich lasse den Kopfstand nicht praktizieren, ebensowenig andere Kundalinî-Übungen; es gibt keinen Prânâyâma, keine Chakra-Meditationen, kein Mantra-Singen, keine Anleitungen zum Geistheilen, denn all dies ist mit Problemen verbunden. Auch den Sport-Yoga wird man nicht finden, bei dem es nur darum geht, Übungen um ihrer Schwierigkeit willen beherrschen zu wollen. Und was die Âsanas betrifft, welche als klassisch gelten: Ich nehme mir die Freiheit, das Nützliche vom Unnützlichen, die heilsamen Elemente von den eher schädlichen – ja, schädlichen – zu trennen, welche sich mit der Zeit eingeschlichen haben.

Die Gesundheit des Rückens, das Heilatmen und das harmonische Fließen des Prâna sind die Schwerpunkte der Methode Maldoner. Gelehrt wird eine in mehrfacher Hinsicht unproblematische, orthopädisch korrekte, therapeutische Form des Yoga.

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Oberster Punkt des Unterrichts: die Rückengesundheit

Gegen Rückenschmerzen gibt es nichts Besseres als den Hatha-Yoga. Wählt man aber die dafür ungeeigneten Übungen, oder praktiziert man die geeigneten Übungen nicht korrekt, kann man sich mit dem Yoga schaden. Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, daß viele Ärzte negativ darüber denken. Man sieht in vielen Stellungen gelenkschädigende Überdehnungen und rückenfeindliche Haltungen. Der Vorwurf ist objektiv falsch und zum Teil dennoch berechtigt.

Warum falsch? Die richtigen Körperübungen, korrekt ausgeführt, sind niemals gelenk- und rückenfeindlich, vielmehr von höchstem therapeutischem Wert. Warum zum Teil berechtigt? Man stelle sich vor: Jemand klagt beim Orthopäden, daß ihm während einer Yogaübung ein heftiger Schmerz in den Rücken gefahren sei. Der Arzt läßt sich die Übung zeigen und reagiert negativ: In seinen Augen ist sie unphysiologisch, rückenfeindlich. Wie kann er auch wissen, daß sie entweder nicht zum therapeutischen Yoga gehört oder zu diesem gehört, jedoch nicht korrekt ausgeführt wurde. Die Erfahrung des Patienten genügt ihm für ein Urteil, und fertig ist das Bild vom schädlichen Hatha-Yoga. Den Ärzten ist kein Vorwurf zu machen. Woran sollten sie sich halten? Der Yoga ist ein Selbstbedienungsladen; zehn Yogalehrer, das sind zehn Methoden. Selbst wenn man eine therapeutisch sinnvolle Übung vor sich hat, ist noch nichts gewonnen; sie muß eben auch korrekt ausgeführt werden.

Die korrekte Ausführung der therapeutisch wertvollen Übungen – darum geht es in meinem Wirken als Yogalehrer.

Was in Verbindung mit den Âsanas »korrekt« hinsichtlich des Rückens bedeutet, sei an der Rumpfbeuge im Stand geklärt. Mit rundem Rücken den Rumpf zu beugen, nach vorne zu sinken, ist der schlimmste Fehler, die größte Gefahr für die Bandscheiben. Und wenn es in noch so vielen Gymnastik- und Yogakursen gelehrt wird: falsch bleibt falsch. Bei allen Rumpfbeugen liegt der Drehpunkt nicht im Rücken, sondern in den Hüftgelenken. Den Rumpf mit hängendem Kopf, ohne Spannung im Rücken, Wirbel für Wirbel runder werdend schwer sinken zu lassen – dies ist ein fahrlässiges Spiel mit der Gesundheit des Rückens. Und noch gefährlicher ist die Rückkehr aus dieser falschen Haltung. Wirbel für Wirbel, rund bei einem derart instabilen Zustand der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur hochzukommen: verrückt. Dagegen ist die Rumpfbeuge mit gespreizten Beinen und mit geradem Rücken eine physiologisch korrekte und wichtige Dehn-Kraft-Übung des Hatha-Yoga. Dieses eine Beispiel genügt für ein Verständnis.

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Was bedeutet »Yoga« und »Hatha-Yoga«?

yoga (yuj = anjochen, verbinden, befestigen) ist »die Vereinigung, das Verbinden« des begrenzten individuellen Bewußtseins mit dem grenzenlosen Einen, dem Meer des Bewußtseins. Es ist das Sanskritwort für das lateinische religio (re = wieder…, zurück…; ligare = binden, vereinigen, zusammenpassen). Der Zustand der Vereinigung (das Ziel) und die Arbeit, die dahin führt (der Weg) – beides wird yoga genannt.

Nebenbei: der Yoga oder das Yoga? Selbstverständlich der. Mir sind Yogalehrer und andere Fachleute suspekt, die wider besseres Wissen stur an »das Yoga« festhalten. Vor längerer Zeit hatte ich es gewagt, in einem Internetforum darauf aufmerksam zu machen. Die aggressive Reaktion einiger »Yogis« verschlug mir die Sprache.

Die klassische, und das soll heißen: die richtige Bedeutung von hatha ist »Gewalt, Anstrengung, Kraft«. Von wievielen Yogalehrern und Buchautoren wird dies bestritten? Dabei erklärt der Begriff sehr gut den Unterschied zum religiösen Yoga, bei dem es um die Meditation in absoluter Bewegungslosigkeit geht. Wer einmal die große Darmreinigung durchgeführt hat, Hunderte von Baucheinzügen, die dynamischen Zyklen der Kriegerstellungen und vieles andere, der versteht die Wiedergabe von hatha-yoga mit »Methode (yoga) der Kraft, Gewalt, Anstrengung (hatha)«. Verglichen mit dem geistigen Yoga ist der Hatha-Yoga überwiegend die grobstoffliche Methode, ein System zur Förderung und Reinigung des Körpers.

Wer eine andere Deutung von hatha bevorzugt, der findet sie auch – dank des Reichtums der altindischen Sprache. Im Sanskrit haben viele Wörter viele Bedeutungen. So ist yoga »Vereinigung, Religion« und auch »Methode, Weg«. guru heißt »schwer, gewichtig, ehrwürdig«. Die mystische Tradition fügt hinzu: »Die Silbe gu bedeutet Dunkelheit, und ru vertreiben; der Guru ist der Vertreiber der Dunkelheit.« Wer wollte dieser wundervollen Definition widersprechen? Bhârata-Nâtyam ist der »Tanz (nâtya) Indiens (bhârata)«; nach der Silbenmethode wird aber bhârata interpretiert als bha (bhâva = Ausdruck, Gefühl), ra (râga = Melodie), ta (tâla = Rhythmus). Viele bezeichnen derartiges als Spitzfindigkeit, aber wie durch Zufall paßt es meistens.

Ähnlich ist es mit hatha. Die Wiedergabe mit »Gewalt, Anstrengung, Kraft« ist fundiert und im Lichte der Yogapraxis verständlich. Eine zweite Übersetzung erklärt das Wort nach der Silbenmethode: ha = Sonne; tha = Mond. Dies mag willkürlich erscheinen (und ist auch willkürlich), denn die Bedeutungen von ha sind: »Himmel, Paradies, Mond (!), Glitzern eines Edelsteins, die Silbe von Gott Vishnu«; und tha = »lautes Geräusch, Diskusscheibe, Mondscheibe, die Silbe von Gott Shiva« (Sanskrit-English-Dictionary von Sir M. Monier-Williams). In tantrischem Zusammenhang ergibt diese freie Deutung aber durchaus einen Sinn, denn sie führt in eine tiefgründige Energielehre: Hatha-Yoga = die Vereinigung (yoga) von Sonne (ha) und Mond (tha). Hier betritt man das Feld des höheren, des geistigen Yoga.

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Hatha-Yoga und spiritueller Yoga

Obwohl der Hatha-Yoga sich aus Elementen mehrerer Disziplinen zusammensetzt, gilt er seit langem als einheitliche Lehre einer tantrischen Schule, die sich vor allem mit Techniken des Atmens und der Meditation zur Erweckung der Urkraft (Kundalinî) beschäftigt. Die hier vorgestellte Methode hat nichts damit zu tun, sie ist rein gesundheitlich.

Der gesunde, widerstandsfähige Körper soll für das religiöse Ziel genutzt werden; der weitere Weg ist aber nicht Thema in der Yogaschule. Unter klassischem Yoga verstehe ich ein System, bestehend aus dem gesundheitlichen Hatha-Yoga (Körper- und Atemübungen, Reinigungen, Ernährung, psychische Hygiene); aus tantrischen Körperübungen; aus dem Prânâyâma (Atemtechniken mit Anhalten der Luft); aus Dhâranâ (Konzentration) und Dhyâna (Meditation).

Nur der gesundheitliche Teil darf öffentlich gelehrt werden, das ist die alte und weise Regel. Tantrische Körperübungen, Prânâyâma, Dhâranâ und Dhyâna bilden den höheren Yoga, bei dem es um das Erwachen der Urkraft geht. Ihr zu früher, nicht beherrschter Aufstieg hat viele körperliche und psychische Leiden zur Folge. Hier muß ohne Wenn und Aber die Hilfe eines Gurus gesucht werden, der mit den Gefahren des spirituellen Weges vertraut ist.

Finden wird man in der Yogaschule: Hinweise auf die korrekte Ausführung der therapeutischen Körper- und Atemübungen, auf einfache Reinigungen, Vorschläge zur Ernährung und zur Hilfe bei Leiden aller Art, Gedanken zur psychischen Hygiene.

Nicht finden wird man die tantrischen Körperübungen, den Prânâyâma, höhere Techniken der Konzentration und eine Anleitung zur Meditation. Damit auf eigene Faust zu experimentieren wäre entweder Naivität oder Hochmut. Wer sich zum spirituellen Yoga hingezogen fühlt und Gott oder sein Selbst um Hilfe bittet, dem wird zur rechten Zeit die rechte Führung zuteil werden.

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Traditioneller, klassischer Yoga

»Traditionell« hat die Bedeutung: ursprünglich, überliefert, nicht dem Zeitgeist angepaßt. Das deutlichste Merkmal des Geistes ist: Er hält es nie längere Zeit bei einer Sache, bei einem Gedanken aus. Ununterbrochen sucht er neue Eindrücke und Reize, unaufhörlich springt er von einem Gedanken zum anderen. Nur mit dieser Natur des Geistes ist zu erklären, warum es unter anderem ständig neue Formen des Yoga »geben muß«, denn das Alte »ist so quälend langweilig«. Yoga bedeutet Einfachheit, aber gerade die Einfachheit ist für viele Menschen das größte Hindernis.

Der Geist hat vier Grundeigenschaften: Denken, Fühlen, Wollen (Handeln), Sich-Sammeln (Konzentrieren); eine davon ist meist vorherrschend. Entsprechend wurde von den Meistern der Yoga in vier Arten eingeteilt: Die Denker gehen den Weg des Jñâna-Yoga – die Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen, zwischen Licht und Dunkelheit, um so zur höchsten Wahrheit zu gelangen. Menschen, in denen die Fähigkeit des Fühlens vorherrscht, gehen den Weg des Bhakti-Yoga – der Weg des Herzens, der Hingabe an das göttliche Ideal. Jene, die es zur Handlung treibt, gelangen über den Weg des Karma-Yoga zum Ziel – die Arbeit um der Arbeit willen, ohne das Verlangen nach den Früchten dieser Arbeit, ohne den Gedanken an eine Gegenleistung, an Gewinn und Lob. Für jene, deren Stärke das Sich-Sammeln (die Konzentration) ist, gibt es den Râja-Yoga, den Weg der Beherrschung der Wünsche, Gedanken, Emotionen. Vier Eigenschaften, vier Wege – das ist klassisch. Wieviele Yogas gibt es angeblich noch? Laya-Yoga, Siddha-Yoga, Kundalini-Yoga, Tantra-Yoga, Mantra-Yoga, Dhyana-Yoga … Und in Bezug auf die Gesundheit: Früher gab es den Hatha-Yoga; heute liest man von: Aku-Yoga, Luna-Yoga, Flow-Yoga, Ayur-Yoga, Vinyasa-Yoga, Chi-Yoga, Yin-Yoga, Tri-Yoga, Jivamukti-Yoga, Anusara-Yoga, Power-Yoga, Hormon-Yoga … Mit dem Alten, mit dem Einfachen geben sich wenige zufrieden.

»Traditionell« hat eine weitere Bedeutung. In alter Zeit war es verboten, den Prânâyâma öffentlich zu lehren; wieviele Yogalehrer halten sich heute an diese wichtige Vorschrift? Einst galt es als Verfehlung jemanden in die Meditation einzuweihen, solange man selbst nicht den Zustand der Weisheit erreicht hatte; wieviele Yoga- und »Meditationslehrer« gibt es heute, die sich daran halten? Einst bemühte man sich als Wanderer auf dem spirituellen Pfad um die Enthaltsamkeit; heute erzählen uns »Fachleute«, daß die alte Regel des Brahmacharya »überholt sei«. Das geistige Heilen ist heute gängig in vielen esoterischen Richtungen, auch im modernen Yoga; die echten Meister dagegen warnten in alter Zeit davor, weil dies ein gefährlicher Mißbrauch übernatürlicher Kräfte ist.

In diesem Sinne: Die Bezeichnung »traditioneller Yoga« weist auf das ursprüngliche, den alten Regeln entsprechende System hin.

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»Lehren Sie Prânâyâma-Techniken?«

Nein. In alter Zeit war es verboten öffentlich den Prânâyâma zu lehren, und ich halte mich daran.

Die Yoga-Atmungen sind zweierlei: a) die fließenden, sanften Übungen, bei denen die Luft nach der Einatmung nicht angehalten wird. Sie fördern den harmonischen Fluß des Prâna und sollten von allen an der Gesundheit Interessierten praktiziert werden; b) Prânâyâma, die Techniken mit längerem Anhalten der Luft. Sie sind auch therapeutisch, ihr eigentliches Ziel aber ist die Erweckung der Kundalinî. Daher darf der Prânâyâma nur von völlig gesunden, intensiv Übenden unter Anleitung eines Meisters praktiziert werden, er gehört nicht an die Öffentlichkeit.

Die Prânâyâmas sind Kumbhakas, mit Anhalten der Luft, speziell nach dem Einatmen. Jedes längere Atemanhalten erhitzt die im untersten Chakra schlafende Urkraft, zwingt sie zum Aufsteigen. Falsch praktiziert können diese Übunge gefährliche Folgen haben. Sollte jemand daran denken in den Prânâyâma einzusteigen, muß ihm klar sein:

1. Primäres Ziel des Prânâyâma ist nicht die Gesundheit, vielmehr das Erwachen und der Aufstieg der Kundalinî, und damit gehört er zu den geistigen Übungen.

2. Dieser Aufstieg ist nur möglich, wenn Körper, Nâdis und Geist durch lange intensive Übung des gesamten Yoga die nötige Reinheit erlangt haben. Deshalb gehören die Einhaltung der ethischen Gebote, ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit, die Praxis der Meditation und die Atemübungen zusammen. Der Prânâyâma darf nicht für sich geübt werden, losgelöst von den anderen Teilen der Yogapraxis.

3. Niemals darf der Prânâyâma ohne Führung durch einen Meister praktiziert werden. Er allein kennt die Gefahren des spirituellen Weges. Ein vernünftiger Schüler läßt sich persönlich unterweisen, er lernt nicht aus Büchern; und mit gutem Grund verweigert er in einem Yogakurs Prânâyâma-Übungen, die ihm ein unwissender Lehrer beibringen will.

4. Wenn man die zum Schutze des Übenden aufgestellten Regeln und Warnungen in egozentrischer Besserwisserei und Arroganz (andere Gründe sehe ich nicht) vom Tisch fegt, sind Probleme unvermeidbar. Bedingt durch die Unreinheit von Körper und Geist steigt die zu früh erweckte Urkraft nur teilweise auf, und ihre Ströme fließen chaotisch durch den Körper. Die Folgen sind schwere Störungen der Verdauung, Herz- und Lungenprobleme, allerlei Schmerzen, Schlaflosigkeit, psychische Probleme, geistige Verwirrung.

Das letzte sei besonders betont. Krankheiten, Schmerzen, Schlaflosigkeit sind schlimm genug, aber sie betreffen eine einzige Person; damit verglichen hat die geistige Verwirrung die tragischeren Folgen. Menschen, in denen Teilströme der Urkraft das Gehirn erreicht haben, halten die auf diese Weise erlangten kleineren Erkenntnisse für die ganze Wahrheit und machen sich zu Verkündern der »Wahrheit«, weil sie den Versuchungen der Ehre und der Macht nicht widerstehen können. So geraten nicht nur sie selber in die Irre, sondern noch andere schwache Menschen, die zu belehren und zu führen sich diese Pseudogurus anmaßen.

Dennoch wird in nahezu allen Yogaschulen und, noch schlimmer, in den Volkshochschulen unbekümmert der Prânâyâma gelehrt. Man mag sich wundern warum es dabei nicht so häufig zu Problemen kommt, wie sie eigentlich zu erwarten wären. Die Erklärung ist einfach: Die wenigsten Kursteilnehmer üben daheim intensiv weiter. Gott sei Dank, es schützt sie vor Gefahr. Wenn aber nur einer von zehn Menschen sich ernsthaft mit dem Prânâyâma beschäftigt, müßte dies für den Lehrer, der solches öffentlich unterrichtet, ein Grund zur Beunruhigung sein, denn er wird karmisch für die dann entstehenden Schwierigkeiten seines »Schülers« verantwortlich sein.

Ich zitiere zum Thema Atmen aus einem der besten Bücher, die ich kenne: Stephan Palos, Atem und Meditation. Von Stephan Palos können weniger seriöse Autoren, »Atem- und Meditationslehrer« lernen, was Verantwortung bedeutet. Da das Buch zur Zeit vergriffen ist sei es erlaubt, einige kurze Ausschnitte wiederzugeben.
»Wir halten es für notwendig, einiges auch über die Yoga-Atemübungen zu sagen, weil sie Ähnlichkeiten mit den chinesischen Methoden aufweisen. Der größere Teil der diesbezüglichen Werke hat populärwissenschaftlichen Charakter. Unter ihnen befinden sich sicherlich manche, von denen angenommen werden kann, daß sie im guten Glauben geschrieben wurden; aber sie vermitteln die Übungen oft in einem falschen Licht und unter unrichtigen Voraussetzungen, so daß ihr therapeutischer Wert nur gering einzuschätzen, oder sogar gefährlich ist. Diese Werke verursachen meist mehr Schaden, als daß sie Nutzen bringen. Das bezieht sich besonders auf die physischen, als Hatha-Yoga bekannten Übungen. Dem Autor sind mehrere Fälle bekannt geworden, wo beispielsweise der Kopfstand zu Lähmungen geführt hat oder übertriebene Atemübungen den Tod herbeiführten. Der Laie, der damit begonnen hat, nach irgendwelchen Büchern die Übungen selbst zu praktizieren, weiß niemals, welchen unberechenbaren Weg er eingeschlagen hat.
Die atemtherapeutischen Ärzte im Westen … bestätigen im Einklang mit den Yogis, daß die Interessenten sich nur unter Anleitung eines erfahrenen Führers mit diesen Übungen beschäftigen dürfen. Ohne eine praktische Unterrichtung können die Atemübungen nicht nur für einen Kranken äußerst schädlich sein, sondern auch bei dem Gesunden zu Schäden führen. Das gilt auch für die Ausübung der Meditation.
Der Beginn der Atemübungen ist stets mit Gefahren verbunden, wenn die geeignete Führung fehlt. Solche Übungen nehmen äußere Energie auf und setzen innere Kräfte frei, die einen übermäßigen Einfluß auf den Betreffenden ausüben. Sie erheben ihn zu einer ekstatischen Erfahrung oder treiben ihn in die Tiefe der Verzweiflung. Ohne Führung können die Atemübungen gefährlicher sein als ein unüberwachter Versuch mit LSD.
Weder Akupunktur noch Atemtherapie sollten von Menschen ausgeführt werden, die nicht genügend unterrichtet sind in der traditionellen Medizin, und die keinen Sinn für Verantwortung und Berufsmoral haben. Die westliche Medizin öffnet nicht das Tor zu den Geheimnissen der orientalischen Medizin. Viele westliche Mediziner, die über dieses Thema schreiben, wissen nicht, daß Nadelstiche oder auch nur ein 10 bis 15 Sekunden andauernder Druck auf bestimmte therapeutische Zentren Gehirnschaden, Frühgeburt, selbst Tod hervorrufen können, während Mißbrauch der Atemmethoden augenblicklich zur Spaltung der Persönlichkeit führen kann … und die Einlieferung in ein Nervensanatorium notwendig macht.« Soweit Stephan Palos.

Von dem indischen Weisen Swami Narayanananda hören wir: »Vor vierzig Jahren kam ein buddhistischer Mönch zu mir, um Yoga zu lernen. Er war mit der Leitung von ungefähr vierzig Klöstern betraut. Er ging auch auf Universitäten und hielt Vorlesungen über Buddhismus. Doch das lustigste war, daß er nicht wußte, wie man meditiert. Weiterhin gab eine der großen Organisationen eine Zeitschrift heraus, in der Lektionen in Prânâyâma veröffentlicht wurden. Und im Jahre 1950 wollte einer dieser Leute von mir Prânâyâma erlernen. Er war einer von denen, die Prânâyâma-Lektionen erteilen – und er wollte Prânâyâma erlernen! Ich wurde ungehalten. Eine Stunde lang machte ich ihm Vorwürfe; ich sagte z.B.: ›Ihr Gauner, was macht ihr? Ihr lehrt Prânâyâma und könnt es nicht einmal selbst. Ihr habt Prânâyâma-Übungen an die Öffentlichkeit gebracht. Was für eine schändliche Sache!‹ Dann sagte ich: ›Heute werde ich dir gar nichts beibringen. Komme morgen oder übermorgen, dann will ich sehen.‹ Darauf bekam er Angst und kam nicht wieder. Dennoch sind sie alle große ›Gurus‹, die Prânâyâma-Lektionen erteilen usw. So geht es heute überall. So viele Gurus gibt es, große Gurus. Die Zeitungspropaganda bringt sie groß heraus – selbst das Universum erblaßt vor ihrer Größe! Schreckliche Gurus sind das. Das ganze ist ein seltsamer Spaß. Es ist eher ein Unglück. Und wieviele werden verrückt? Das wird man noch sehen müssen. Erst wenn sie tiefer gehen, werden sie verstehen.«

Da der Prânâyâma eine der Haupttechniken des Kundalinî-Yoga ist, sollten auch diese weisen Worte des Psychiaters Carl Gustav Jung (1875–1961) zum Nachdenken anregen:

Original: »One often hears and reads about the dangers of yoga, particularly of the ill-reputed Kundalini Yoga. The deliberately induced psychotic state, which in certain unstable individuals might easily lead to a real psychosis, is a danger that needs to be taken very seriously indeed. These things really are dangerous and ought not to be meddled with in our typically Western way. It is a meddling with fate, which strikes at the very roots of human existence and can let loose a flood of sufferings of which no sane person ever dreamed.« [C. G. Jung, Introduction to The Tibetan Book of The Dead]

Übersetzung: »Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalini Yoga. Der (durch ihn) absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [C. G. Jung, Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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»Lehren Sie Meditation?«

Nein. Eine Einweihung in die Meditation ist die spirituell größte Sache und steht nur dem Erleuchteten zu; alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit dem Karma.

Es zeugt von Unreife jemanden in die eigene geistige Welt hineinführen zu wollen. Sich anzumaßen andere Menschen zu leiten, während man im selben Ozean der Unwissenheit schwimmt, das ist die wahre Verblendung. Die Welt ist voll von »Meistern«, die in ihrem Halbwissen nicht verstehen wollen, was sie durch solche Aktivitäten anrichten. Der Yoga sagt: »Gib niemals ungebeten Ratschläge, und wenn dich jemand um Rat  fragen sollte, überlege sorgfältig, was du sagen wirst, denn du wirst dafür karmisch verantwortlich sein. Warum mischst du dich in das Karma anderer ein, wo du deine eigenen Verstrickungen noch nicht gelöst hast?«

Yoga-Lehrer sind gut beraten, lediglich »Kursteilnehmer« zu haben, nicht »Schüler«, damit sie nicht in die Gefahr geraten, Guru zu spielen. Wohl ist es so, daß in Indien unter Guru traditionell jeder Lehrer verstanden wird; nehme ich also dort etwa Musikunterricht, bin ich Schüler eines Gurus, selbst wenn er ein gewöhnlicher, weltlicher Mensch ist. Aber in Indien wird sorgfältig unterschieden: Es gibt viele Gurus, aber nur einen Sadguru: der erleuchtete, wahre Guru. Ihm steht es zu, Führer auf dem spirituellen Pfad zu sein und Schüler anzunehmen, indem er sie in die Meditation einweiht. Er ist der einzige der weiß, was in diesem  Augenblick wirklich geschieht.

Es gibt keine unverbindliche »Einweisung« in die Meditation; sie ist eine Einweihung; ein verborgener Vorgang, bei dem es zur Karmavermischung kommt. Weiß das jeder Yogalehrer? Nur der Erleuchtete vermag ohne Schaden schlechtes Karma der Schüler auf sich zu nehmen. Warum weiht dann ein gewöhnlicher Mensch Menschen ein? Wieso glaubt ein Blinder, andere Blinde führen zu können? Weil er »helfen« will; weil er Macht, Verehrung und Geld will … Welche Gründe es sein mögen, sie wurzeln im »Ich« und »Mein«, im Dunkel der Verblendung. Auch die ohne Anleitung durch einen Meister praktizierte Meditation führt nur zum gefahrvollen teilweisen Aufstieg der Kundalinî, der die ohnehin vorhandenen Probleme auf dem religiösen Pfad vervielfacht.

Das Reich der Meditation darf man nicht ohne die Hilfe eines Gurus betreten.

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Was bedeutet »Meditation« im klassischen Yoga?

Fragt man mehrere Personen, was Meditation ist, erhält man mehrere Antworten. »Wir gehen zur Meditation« – dieser Ausdruck ist in der allgemeinen Bedeutung praktisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nur die wenigsten Menschen während der Zeit ihrer »Meditation« sich wirklich mit dem beschäftigen, was der Yoga darunter versteht.

Meditation (Dhyâna) ist der Folgezustand einer überragenden Fähigkeit zur Konzentration (Dhâranâ). In der Regel ist es so, daß ein »Meditierender« nur versucht, seinen Geist auf einen Punkt zu richten und dort zu halten; man hat am Ende, im idealen Fall einen einzigen Gedanken (dies wäre dann die Meditationsstufe) und kann dank der geistigen Kraft verhindern, daß sich andere Gedanken dazwischenschieben. Konzentration ist die Vorstufe zur Meditation, und auch über diese Fähigkeit gibt es eine Vielzahl von Meinungen, dabei kann man die Sache eigentlich nicht falsch verstehen: Wie lange vermag ich meinen Geist in einem Gedanken, in einem Punkt zu halten, ohne daß sich andere Gedanken, andere Bilder dazwischenschieben? Shrî Patañjali sagt im Eingangssatz des Yoga-Sûtra: »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes.« Und im nächsten Satz versichert er uns: Dann ruht man in der eigenen wahren Natur, im Zustand der Selbst-Erkenntnis. Was aber heißt »dann«? Hier macht sich so mancher Übende falsche Vorstellungen von seinen Fortschritten. Für die Dauer von wenigen Sekunden (!) alle Kräfte des Geistes in einem Punkt halten zu können, das ist eine überragende Stufe; Aussagen anderer Art zeugen von einer fehlerhaften Selbstbeobachtung (zu ihr gehört beispielsweise die Behauptung, man schaffe es, den Geist für einige Zeit leer zu machen, also an nichts zu denken. Das ist in diesem Stadium unmöglich; selbst »die Leere« ist nur eine Vorstellung des Geistes, ein Gedanke).

Unter »Konzentration« (Dhâranâ) versteht der Yoga die Fähigkeit, den Geist zwölf Sekunden lang in einem Punkt, im Objekt der Konzentration halten zu können: eine überragende Stufe, ein himmelhoher Gipfel. Vermag man die Konzentration auf die Dauer von zwölf Dhâranâs (mehr als zwei Minuten) zu verlängern, dann erst ist man bei der Meditation (Dhyâna). Läßt man den Geist, durch nichts mehr abgelenkt, weiter sich vertiefen und schafft eine alle menschlichen Dimensionen sprengende Dauer von zwölf Dhyanas (etwa eine halbe Stunde), dann geht man in den Zustand der vollkommenen Versenkung (Samâdhi) ein.

In der landläufigen Bedeutung mag Meditation auch aus Gebeten und ähnlichem bestehen, das ist wichtig und wertvoll. Die Essenz des klassischen Yoga ist dennoch die Fähigkeit zur willentlichen Konzentration; es gibt auf dem spirituellen Weg nichts Höheres als ihre unablässige Übung.

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Der Zugang zur spirituellen Welt

Jeder Mensch muß von selbst auf den für ihn richtigen Pfad gelangen, durch eigenes Wissen, vorangetrieben durch das eigene Karma. Wenn es jemandes Schicksal ist, auf diesen oder jenen Weg zu kommen, dann wird er zwangsläufig diese Richtung einschlagen; da braucht es niemanden, der ihn überzeugen muß.

»Selbst der Einsichtige handelt gemäß seiner eigenen Natur. Die Wesen folgen der Natur. Was soll angesichts dessen die Unterdrückung der eigenen Natur bewirken?« (Bhagavad-Gîtâ)

Die Wesen folgen der Natur (= ihrem Karma) – diese Aussage gehört zu den funkelnden Sternen der Bhagavad-Gîtâ. Sie erklärt alle sonst unerklärbaren Dinge. Wer sie verinnerlicht hat ist nicht mehr fähig andere zu kritisieren, zu belehren, beeinflussen und überzeugen zu wollen; er hält sich sogar mit Ratschlägen zurück und kann nur den Worten von Shrî Krishna folgen: Lasse jeden tun, wozu ihn sein Karma zwingt; lasse jeden gehen, wohin es ihn treibt, während du selbst versuchst, im Geiste des Yoga zu handeln! Das rechte Verstehen, die Einsicht ist der Weg zur Erlösung, und diesen Weg muß jeder für sich gehen.

Es mag sein, daß ein kleiner Anstoß von außen hilfreich ist. Dann kann man auf mehrmalige Nachfrage und in zurückhaltender Form eine Buchempfehlung aussprechen oder eine Adresse vermitteln. Das ist alles; jedes tiefere Eingreifen in die Seelenwelt anderer wäre von Übel.

Ich führe niemanden in die Meditation ein. Die Begründung dafür lese man unter »Lehren Sie Meditation?« Wer sich zum Spirituellen hingezogen fühlt wird nicht abgewiesen; er muß aber verstehen daß es schwierig ist die wahre geistige Welt zu betreten, und daß ich dabei nur indirekt helfen könnte, siehe oben.

In der Yogaschule ist es einmal in der Woche möglich, sich dem geistigen Yoga anzunähern: 25 min stilles Sitzen (eine körperliche Disziplin, keine Spur von Meditation); danach sprechen wir beim Tee über den Yoga (60 min).

Es sei zu diesen 60 Minuten präzisiert: Ich verspüre nicht den geringsten Drang, von meiner Seite aus irgendetwas zu sagen, beantworte aber gerne Fragen. Sollten tatsächlich keine Fragen da sein, dann lesen wir, um die Stunde sinnvoll zu gestalten, aus den einzigartigen Büchern von Swami Narayanananda. Wir reden nicht über »Gott und die Welt«, nicht über persönliche Dinge (!), nicht über andere Religionen und Lehren, nur über den Yoga.

Das ist nichts für jene, die »mal vorbeischauen wollen«; die »erst einmal wissen möchten, was Meditation ist«; die »schon auf einem geistigen Weg sind und jetzt auch dies kennenlernen möchten« … Das ist für ernsthaft Interessierte; für jene wenigen die genau wissen was sie wollen.

Das Angebot gilt nur für Kursteilnehmer, also in Verbindung mit dem allgemeinen Unterricht; ein Vorgespräch ist vorausgesetzt.

Eines sei klargestellt. Wer sagt: »Ich will meditieren, um zur Ruhe zu kommen«, der hat nicht verstanden, worum es beim spirituellen Yoga geht. Wer vom Alltag abschalten, in diesem Sinne ruhig werden will, sollte im Liegen zwanzig Minuten entspannen, oder zehn Minuten bewußt atmen, oder bei beruhigender Musik eine Tasse Tee trinken, aber gewiß nicht »meditieren«. Der wahre geistige Yoga ist der größte Streß; hier geht es um Konzentration (das Schwierigste überhaupt), Selbstbeherrschung, Askese, Verzicht; um das Elend des Kreislaufs der Geburten und Tode, um die Überwindung dieser armseligen Welt, um die Sehnsucht nach Freiheit, um das Finden eines echten Gurus; um das alles beherrschende Thema Karma, um Religion, um das Heil der Seele. Wer diese Begriffe nicht zu seinem Wortschatz zählt sollte sich nicht mit Meditation und geistigem Yoga beschäftigen.

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»Lehren Sie den Kundalinî-Yoga?«

Nein. Der Kundalinî-Yoga ohne rechte Führung und Praxis ist der sichere Weg in den Abgrund.

Es ist zu beklagen, daß der Kundalinî-Yoga in so vielen Yogaschulen gelehrt wird. Und typisch für unsere Gesellschaft, die nichts Heiliges mehr kennt; die sich für so aufgeklärt hält, daß Geheimnisse nichts mehr zählen. Zum Schutze der Schüler auf dem gefahrvollen geistigen Pfad war einst das Wissen von der Urkraft das Geheimnis der Geheimnisse.

Die Kundalinî ist die Urkraft der Schöpfung und damit auch die Ursache des Geistes. Im weltlichen Menschen beschränken sich die Aktivitäten der im untersten Chakra ruhenden Kundalinî auf die Versorgung von Körper und Geist mit Energie. Ihr durch ein reines Leben und durch die Übung der Konzentration bewirktes Erwachen und Aufsteigen führt den Yogin über immer höhere Ebenen des Bewußtseins zurück an den Ausgangspunkt der Schöpfung und am Ende, durch vollkommene Konzentration, in das Einswerden mit dem grenzenlosen Meer des Bewußtseins. Nach dieser Definition ist der Yoga ein tantrischer Prozeß; so wird alles genannt, was mit der Erweckung der Kundalinî zu tun hat. Da keine andere indische Lehre zu mehr Fehldeutungen geführt hat, sei festgehalten: Der wahre Yoga ist rein geistiges Tantra; hier wird als Bedingung für den spirituellen Weg die völlige Selbstbeherrschung und damit auch ein Leben in Enthaltsamkeit (Brahmacharya) gefordert.

Der Begriff Tantra sollte nicht mißverstanden werden. Durch die Aktivitäten östlicher Sekten und westlicher »Yogis« ist eine einst moralisch hochstehende Disziplin zu einem magischen Yoga verkommen. Die oft zitierte und meist mißverstandene »Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips« hat nichts mit dem grobstofflichen Akt zu tun. Sie bezieht sich auf einen geheimnisvollen, geistigen Vorgang – den Aufstieg der als weiblich betrachteten dynamischen Urkraft und ihr Einswerden mit dem als männlich angesehenen statischen Aspekt des Bewußtseins im Kopfzentrum, das Erreichen des finalen Zustands der Erleuchtung.

In allen rein lebenden Menschen wird die Urkraft wach und steigt auf, aber nur wenige wissen es. Jede Art von Yoga ist genaugenommen ein Kundalinî-Yoga, aber in den meisten Yogarichtungen und in anderen religiösen Gemeinschaften wird dieser Aspekt nicht in den Vordergrund gestellt. Gewöhnlich betrachtet man die auf dem religiösen Weg auftretenden, durch den wechselvollen Aufstieg der Urkraft bedingten Phänomene als von Gott gesandt; man ist dankbar für die guten Dinge (Zuversicht, Freude, Inspirationen, Visionen), demütig akzeptiert man die schlechten (Krankheit, Depression, Zweifel, geistige Verwirrung). Diese sympathische Haltung entzieht sich jeder kritischen Bemerkung. Auf der höchsten Ebene jedoch heißt es, wie in der Bhagavad-Gîtâ zu lesen ist: Alles Leiden verdankt der Mensch dem eigenen unreinen Geist. Gott ist das alldurchdringende Meer des Bewußtseins und hat mit Gut und Böse, mit Freude und Leid, mit dem Glück und Unglück der Lebewesen nichts zu tun. Das Wissen wird von Unwissenheit verhüllt, allein dadurch leiden die Geschöpfe.

Den Meistern des Kundalinî-Yoga verdanken wir die Erkenntnis, daß man die Urkraft aktiv, durch eigene Bemühung lenken und zu ihrem Ursprung zurückführen kann. Sie offenbarten die verborgenen Zusammenhänge zwischen der Urkraft und dem Körper, dem Atem, dem Geist. Mittels bestimmter Körperhaltungen, Atemtechniken und psychischer Methoden ist es möglich, auf die Kundalinî einzuwirken.

Solche Techniken bezeichne ich als Kundalinî-Übungen, um sie von den anderen, rein gesundheitlichen Aspekten des Yoga zu unterscheiden. Zu den Kundalinî-Übungen gehören der Prânâyâma einschließlich der Mudrâs und Bandhas, die Konzentration und auch einige Körperstellungen (Âsanas).

Das Erwecken der Urkraft ist mit Gefahren verbunden und darf nur von intensiv Übenden im persönlichen Kontakt mit einem wahren Guru erlernt werden. Wer ist ein intensiv Übender? Ein völlig Gesunder mit widerstandsfähigem Körper und Geist, ein zurückgezogen und in Enthaltsamkeit Lebender; einer, der ein reines und heiliges Leben führt, ständig das höchste Ziel vor Augen. Wer von uns im geschäftigen, nach außen gerichteten Westen kann sich dazu zählen? Die meisten Menschen, die sich leichtfertig mit Übungen zur Erweckung der Urkraft beschäftigen, wissen wenig von den Gefahren, die durch ihr zu frühes und unbeherrschtes Erwachen drohen. Sie gleichen Kindern, die mit Rasierklingen spielen. In ihrer Naivität sind sie unschuldig, aber sie werden weinen, sobald sie sich verletzt haben. Soll man Kinder kritisieren? Nein; man darf aber jene »Meister« tadeln, die durch das öffentliche Lehren solcher Techniken sich und andere schwache Menschen ins Unglück treiben. »Schwach« bedeutet: Das Ego solcher Meister und ihrer Schüler, ihr falsches Selbstbewußtsein ist stark; ihre Kraft zur Unterscheidung, ihr guter Wille zur Einsicht und daher ihr Charakter sind schwach.

»Wieso Unglück«, wird oft entgegnet, »ich arbeite mit der Kundalinî, und mir geht es gut!« Nun, alles hat seine Zeit. Die ersten Erlebnisse sind schön und erfüllend, aber irgendwann kommt die Reaktion des Geistes, und dann wird man sehen. Das wahre Glück, sagt uns die Bhagavad-Gîtâ, schmeckt am Anfang wie Gift, und erst am Ende wie Nektar. Das schwankende, täuschende Glück schmeckt am Anfang wie Nektar, und am Ende ist es Gift. Die Erweckung der Urkraft ist, so lesen wir in den Schriften, der schnellste aller religiösen Wege; er führt direkt zum Himmel oder direkt in die Hölle.

Wie kann das sein? Weil es eine rechte und eine unrechte Art gibt, die Urkraft zu erwecken. Was ist recht? Ein reines Leben unter Führung eines wahren Gurus; unter ständiger Achtsamkeit, das Ego nicht wachsen zu lassen; das Verwerfen von Ehre und Ruhm (daß man etwa der Versuchung widersteht, selbst ein Guru zu werden und andere in Prânâyâma und Meditation einzuweihen); das Ablehnen der Wunderkräfte, welche man durch den Aufstieg der Kundalinî erhält (dies schließt mit ein, daß man nicht zum Geistheiler, Hellseher und ähnliches wird) … Was ist unrecht? Daß man die Kräfte des Yoga benutzt, um die Sinnenfreuden intensiver erleben zu können; daß man aufgrund kleinerer Erkenntnisse meint, die Wahrheit gefunden zu haben und sie verkünden zu müssen; daß man im Wunsch, der Menschheit zu »helfen«, Schüler annimmt, obwohl man selber so gut wie nichts erreicht hat; daß man die erlangten übernatürlichen Fähigkeiten mißbraucht, indem man Kranke energetisch-geistig »heilt« und ähnlichen egozentrischen Aktivitäten nachgeht. Das Ego, sagen die indischen Weisen, ist die Wurzel allen Übels, und solange diese Wurzel nicht vernichtet ist, gibt es keine Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten und Tode.

Kundalinî-Übungen gehören nicht an die Öffentlichkeit, und ein Lehrer des Yoga oder anderer geistiger Disziplinen, der sich nicht an diesen Grundsatz hält, verstößt gegen die alten ethischen Prinzipien. In meinem Buch über den Hatha-Yoga werden zwar einige Kundalinî-Übungen genannt, aber nicht erklärt, wobei eine strikte Trennung zwischen den Wirkungsbereichen nicht immer einfach ist. Die Kobra dient in normaler Ausführung der Gesundheit; zudem wird sie traditionell über längere Zeit mit einer bestimmten Art des Atmens gehalten, dann beeinflußt sie die Kundalinî. Auf solche Dinge wird genau eingegangen, um Mißverständnisse zu  vermeiden.

Ich lese heute (26. Oktober 2007) in einer Karlsruher Zeitung folgende, für unsere Zeit typische Anzeige: »Yogameister XY in Karlsruhe. Der bekannte Verfasser mehrerer Yoga-Fachbücher lädt zum aktiven Mitmachen von speziellen Atemübungen (Prânâyâma) ein, welche einen wichtigen Stellenwert zur Energieerweckung (Kundalinî) im Yoga haben.« Und ich bin wieder einmal sprachlos. Im alten Indien, im klassischen Yoga wäre so etwas nicht möglich gewesen.

Von dem Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961) hören wir diese Worte, welche zum Nachdenken anregen sollten:

Original: »One often hears and reads about the dangers of yoga, particularly of the ill-reputed Kundalini Yoga. The deliberately induced psychotic state, which in certain unstable individuals might easily lead to a real psychosis, is a danger that needs to be taken very seriously indeed. These things really are dangerous and ought not to be meddled with in our typically Western way. It is a meddling with fate, which strikes at the very roots of human existence and can let loose a flood of sufferings of which no sane person ever dreamed.« [C. G. Jung, Introduction to The Tibetan Book of The Dead]

Übersetzung: »Man hört und liest oft über die Gefahren des Yoga, insbesondere des verrufenen Kundalini Yoga. Der (durch ihn) absichtlich hervorgerufene psychotische Zustand, der bei instabilen Menschen leicht zu einer echten Psychose führen kann, ist eine Gefahr, die in der Tat sehr ernst genommen werden muß. Diese Praktiken sind wirklich gefährlich und sollten nicht mit unserer typisch westlichen Lebensweise zusammengebracht werden. Sie sind eine Einmischung in das Schicksal, die die Wurzeln der menschlichen Existenz trifft und eine Flut von Leiden freisetzen kann, von denen kein vernünftiger Mensch jemals geträumt hat.« [C. G. Jung, Einführung in Das Tibetanische Totenbuch]

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»Warum bieten Sie keinen Kinder-Yoga an?«

Weil ich erstens einen therapeutischen Yoga unterrichte, und weil es zweitens für Kinder nichts Unnatürlicheres gibt als den traditionellen Hatha-Yoga.

Die außerordentlich langsam und ganz bewußt ausgeführten Bewegungen in den Âsanas, insbesondere das für den Yoga typische stille Verharren, ebenso die absolut ruhigen, konzentrierten Atemübungen stehen im völligen Gegensatz zur Natur des Kindes. Kinder müssen spielen, rennen, kämpfen, sich austoben, sich körperlich erschöpfen können. Sport von der Art des Fußballs und anderer Spiele im Freien, dynamische Dinge eben, die körperlich sehr fordernd sind, das tut Kindern gut. Man mag einwenden: »Der (überall angebotene) Kinder-Yoga ist ja spielerisch, dynamisch, er macht ihnen Spaß; und die Förderung der Konzentration tut den Kindern gut.« Das stimmt; aber den wahren Sinn des Hatha-Yoga können weder Kinder noch Jugendliche verstehen. Die Schulung der Konzentration ist für Kinder extrem wichtig; sie soll jedoch in anderer Form gelehrt werden, nicht in Verbindung mit dem Hatha-Yoga.

Körperliche Dynamik gepaart mit der Schulung der Konzentration – die ideale Disziplin dafür ist der Kampfsport; nichts ist für Kinder und Jugendliche (männlich und weiblich) besser geeignet als Karate, Taekwondo, Kungfu.

Man mag weiter einwenden: »Kinder leiden heute überdurchschnittlich an Haltungsschäden, also ist der Hatha-Yoga doch gut?« Nun, die Haltungsschäden sind auffallend und müssen korrigiert werden, aber primär nicht durch den Yoga, sondern mit Hilfe anderer Übungen. Noch einmal: Der körperliche Teil des Hatha-Yoga (die Âsanas und die Atemübungen) steht im Widerspruch zur kindlichen Natur.

Auch die Jugendlichen (ab 12) und die jungen Menschen (ab 18) verstehen gewöhnlich den Hatha-Yoga nicht. Manchmal verirrt sich ein Zwanzigjähriger in einen Yogakurs, aber man sieht es ihm an: Er langweilt sich, der wahre Sinn der Übungen will sich ihm nicht erschließen; länger als zwei, drei Wochen wird er nicht bleiben. Ausnahmen von dieser Regel gibt es, und sie erklären sich durch das Karma. Manche Menschen treibt es schon sehr früh von selbst, mit aller Macht zum Yoga, wie die Bhagavad-Gîtâ sagt, als Ergebnis des Denkens und Handelns im letzten Leben; für sie ist der Yoga eine vollkommen natürliche und logische Konsequenz aus der vergangenen Geburt.

Interessant und attraktiv wird der Hatha-Yoga ab 35, 40 Jahren. Erste größere Beschwerden und Leiden kommen; ihre Linderung und Heilung mit Hilfe geeigneter Übungen wird dankbar wahrgenommen – erst jetzt wird der Yoga verstanden. Wie heißt es im Eingangssatz zu dieser Homepage:

»Der Hatha-Yoga ist das zufluchtgewährende Kloster für die von Schmerzen Geplagten!«

Besser und unmißverständlicher als mit diesen Worten einer alten Schrift kann man es nicht sagen. Anders ausgedrückt: Kindern, Jugendlichen, jungen gesunden Frauen und Männern wird sich das Geheimnis des Hatha-Yoga nicht enthüllen, denn er entspricht nicht ihrer momentanen Natur.

Auf die Frage »Die (zur Zeit vorherrschenden) sportlichen Stile wie der Power-Yoga sind dynamisch und damit doch für Kinder geeignet?« wäre zu antworten: Ja, aber was hat Power-Yoga mit dem traditionellen Hatha-Yoga zu tun? Nicht alles was aus Amerika kommt ist ein Fortschritt.

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Der Hatha-Yoga ist wie geschaffen für Frauen

Überblickt man die vielen Übungen des Hatha-Yoga und konzentriert sich auf das Wesentliche, dann fällt auf, daß der überwiegende Teil die Gesundheit a) des Verdauungssystems und b) des Beckenbodens und der Unterleibsorgane betrifft. Die wichtigsten Übungen des therapeutischen Yoga sind Agnisâra-Dhautî (das Baucheinziehen) und Ashvinî-Mudrâ bzw. Mûla-Bandha (die Kraft für den Beckenboden).

»Frauengesundheit« betrifft vor allem die Gesundheit des Unterleibs und das naturgemäße, also gut brennende innere Feuer (Agni). Genau darauf liegt das Hauptgewicht des therapeutischen Yoga. Daß Beckenboden und Bauchorgane in gutem Zustand sein müssen, ist generell bekannt. Und das mangelnde innere Feuer, die herabgesetzte körperliche und geistige Energie ist jenes allgemeine Syndrom, welches indischen und chinesischen Ärzten an vielen Europäerinnen als erstes auffällt.

»Agni ist die Flamme des Lebens, der ständigen Bewegung und Umwandlung, der Körperwärme, der geistigen Energie und Widerstandskraft. Brennt diese Flamme in richtiger Weise, dann sind wir körperlich und geistig gesund.« Das ist die Grundaussage der östlichen Medizin.

Unter »Störungen des Feuers« ist zu verstehen: Es brennt zu stark oder zu schwach; es brennt nicht gleichmäßig, verbreitet sich nicht durch den ganzen Körper. Einer der Aspekte des Agni ist der Samâna-Vâyu. Er konzentriert sich als treibende Kraft des Verdauungssystems in Magen und Dünndarm und fließt wärmend durch alle Meridiane (samâna = gleichmäßig). Die Gründe für die Störungen des Feuers sind: zuwenig Bewegung, falsche Ernährung, nichtbeherrschte Gefühle, nichtgeordnete Gedanken. Das zu starke Feuer manifestiert sich in Entzündungen usw., sein in Europa bei weitem häufiger vorkommende Mangel in kalten Händen und Füßen, Abneigung gegen Kälte, Schmerzlinderung durch Wärme, allgemeine Schwäche, usw. Die Pflege des Agni ist entscheidend für die körperliche und geistige Gesundheit.

Gefördert wird Agni durch ein rechtes Leben (Bewegung, Ernährung, Selbstbeherrschung, Konzentration); durch energetisch wärmende Nahrungsmittel; durch den therapeutischen Gebrauch von Gewürzen; durch Darmreinigungs- und Fastenkuren; durch körperliche Bewegung jeder Art; durch die Übungen des Hatha-Yoga; durch naturheilkundliche Methoden wie Bäder, Sauna, Massagen, Wasserbehandlungen; durch bestimmte Atemtechniken. Die alles überragende Methode ist Agnisâra-Dhautî.

Der muskuläre Beckenboden ist der Gegenpol zum Zwerchfell; die beiden begrenzen den Bauchraum. Während das Zwerchfell eine über das Atmen frei schwingende Kuppel ist, wird der Beckenboden durch das Gewicht der Bauchorgane belastet. Eine Schwäche dieser Abschlußplatte hat gravierende Folgen. Sie führt zum Verlust der Spannkraft, zur Senkung von Organen und zum Organvorfall, zur stockenden Durchblutung, zum gestörten Fluß der Energien, zur Schwächung des Verdauungs- und des Nierenfeuers. Die Blutüberfüllung und Energiestauung im Bauchraum ist die Ursache zahlloser Krankheiten; schuld daran sind die mangelnde Spannkraft der Gewebe und die Fehlatmungen. Die Schwäche des Beckenbodens hängt mit der Mutter aller Leiden, mit der Verdauungsstörung zusammen, und ist daher genauso krankheitsfördernd.

Übungen für den Beckenboden gibt es viele; der Hatha-Yoga empfiehlt deren zwei, und ihre Effizienz übertrifft alle anderen, denn sie sind der Kern aller anderen Übungen: Ashvinî-Mudrâ und Mûla-Bandha.

Die tägliche Praxis des Hatha-Yoga, insbesondere der zwei größten Frauenübungen (Agnisâra-Dhautî und Ashvinî-Mudrâ/Mûla-Bandha), behebt Regelstörungen, bewirkt die gute Durchblutung und den harmonischen Fluß des Prana im Unterleib, fördert das innere Feuer, wirkt gegen die mangelnde Spannkraft der Gewebe im Bauchraum, gegen eine Schwäche des Beckenbodens, gegen Organsenkungen. Der Hatha-Yoga ist ein Segen für die Frauen. Man lasse sich durch den Hinweis auf ein tägliches Üben nicht entmutigen und fange einfach an. Mit wachsender Kraft wächst von alleine der Antrieb, sich immer mehr dem wundervollen Yoga zu widmen!

Vorsicht: Mûla-Bandha hat einen therapeutischen und einen Kundalini-Aspekt. Der gefahrvolle Kundalinî-Teil bleibt jenen vorbehalten, die den geistigen Weg unter Führung eines Gurus gehen. Man praktiziere deswegen den Mûla-Bandha grundsätzlich nur in der milden, therapeutischen Form, denn als Teil des Prânâyâma und in Verbindung mit dem Uddîyâna-Bandha erweckt der Verschluß schnell die Kundalinî, und davor wird gewarnt.

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Kein Hatha-Yoga während der Menstruation

Einfach ausgedrückt sind in den Tagen der monatlichen Regel Blut und Energie »auf dem Abwärtskurs«. Der Yoga zieht die Energie nach oben; das würde hier den Organismus in seiner naturgemäßen Funktion behindern. Auch wenn in vielen Yogabüchern etwas anderes steht wird betont: Während der Menstruation sind nur das fließende Atmen, die Entspannung und sanfte Dinge wie die Arbeit mit dem Nacken erlaubt. Der größte Fehler wäre es, die Umkehrhaltungen einzunehmen wie Kerze, Kopfstand, Pflug.

Ich erhalte negative Rückmeldungen von »emanzipierten« Frauen (noch trauriger: von Yogalehrerinnen), die sich über diesen uralten vernunftvollen Ratschlag geradezu empören. Was ist dann zu sagen außer: Man kann sich emotionslos informieren, etwa in den Schriften des Âyurveda, der tiefgehenden indischen Medizin. Oder in den Schriften von Ärzten, die mit der hippokratischen Säftelehre vertraut waren, wie der verdienstvolle Dr. Bernhard Aschner. Aber wenn das Ego hier querschießt, ist nichts zu machen.

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Hatha-Yoga und Schwangerschaft

Der Hatha-Yoga umfaßt die Bereiche Kraft, Beweglichkeit, Entspannung, Atmung, Reinigung, Ernährung, psychische Hygiene, innere Ruhe. Er ist das beste Gesundheitssystem, und er ist die beste Methoden für die Zeit der Schwangerschaft. Man unterbreche den normalen Unterricht zugunsten eines Yogakurses für Schwangere, bei einer Lehrerin und Mutter. Das Wichtigste sind das Heilatmen und die Autosuggestion. Das fließende Atmen betrifft spezielle Übungen, vor allem aber die Normalisierung einer gestörten Atmung. Von Anfang an verboten sind Uddîyâna und Agnisâra; das andere ist in den ersten drei Monaten erlaubt, mit Ausnahme der Âsanas in Bauchlage. Ab dem 4. Monat ist alles verboten, was den Bauchraum unter Druck setzt. Von den Umkehrhaltungen ist einzig die einfache schiefe Ebene erlaubt. Sehr wichtig sind Bhadra, Utkata und Ashvinî-Mudrâ. Wegen Gefahr der Kompression der unteren Hohlvene vermeide man ab dem 5. Monat länger dauernde Übungen in Rückenlage. Die Atemübungen macht man dann im Sitzen; zur Entspannung dient die mit Kissen unterstützte Seitenlage. Ab dem 8. Monat nur noch ganz sanfte Dinge wie das Heilatmen, die Autosuggestionen, und weiterhin die drei unter »sehr wichtig« erwähnten körperlichen Übungen; von ihnen soll Utkata im letzten Monat nur noch mit Hilfe eines hohen Sitzkissens gemacht werden, um einen übermäßigen Druck auf den Gebärmuttermund zu vermeiden. Nach der Entbindung beginne man mit dem Hatha-Yoga erst nach der Rückbildungsgymnastik, und zwar wiederum nur leichte Dinge; die klassischen Âsanas dürfen drei bis vier Monate später wieder angegangen werden.

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Frauen benötigen mehr Kraft- als Dehnübungen

Der Yoga strebt das Gleichgewicht der Kräfte an. Für den Körper heißt das Dehnung, Beweglichkeit, Entspannung einerseits; Widerstandsfähigkeit, Festigkeit, Spannkraft andererseits. Es entspricht nicht dem Ideal, als spindeldürrer Yogin zirkusreife Verrenkungen zu beherrschen, aber zu versagen wenn die Kraft gefordert ist. Das gleiche gilt für den umgekehrten Fall: der westliche Kraftmensch mit Muskeln, die selbst im Ruhezustand angespannt und aufgeblasen wirken, der aber mit den einfachsten Yogaübungen Schwierigkeiten hat, weil es ihm an Beweglichkeit fehlt. Beides ist als unnatürlich abzulehnen. Was bedeutet dies für Frauen? In der Regel ist es so: Männer haben viel Kraft und eine schlechte Dehnung; bei Frauen ist es umgekehrt. Die richtige Folgerung wäre: Männer müssen dehnen, Frauen kräftigen. In Wirklichkeit hört man von den Männern, sie würden die Kraftübungen des Yoga lieben, das Dehnen dagegen nicht; bei den Frauen wiederum umgekehrt. Was mir leichtfällt, das liebe ich; was mir schwerfällt, dem gehe ich aus dem Weg – vernünftig ist eine solche Anschauung nicht. Man mag einwenden, so ist die Natur; Frauen haben weniger Muskelmasse als Männer; Frauen neigen ungleich mehr zur Asthenie als Männer … Dennoch, man muß etwas tun. Wir haben genügend Beispiele von dynamischen Frauen und von asthenischen Männern um sagen zu können: Die Natur ist nicht fest, sondern unaufhörlich dynamisch, wandlungsfähig. In den Kursen klagen Frauen oft über ihre »schwachen Handgelenke«. Dazu ist zu sagen: Wer bereits im natürlichen Vierfüßlerstand Schmerzen in den Handgelenken verspürt, darf sich nicht schonen (es sei denn, man leidet an einer fortgeschrittenen Arthrose der Handgelenke); die betroffenen Muskeln und Sehnen müssen trainiert werden. Jede Schonung macht die Sache noch schlimmer; die Knochen, die Gewebe wollen belastet, wollen in Anspruch genommen werden. Gerade für ältere Personen ist ein Krafttraining essentiell. Die meisten denken bei »Hatha-Yoga« an: Kopfstand, Entspannung, fakirisch anmutende Dehnungen. Die Urform sind aber die Kriegerübungen. Sie fördern die körperliche Kraft und die kämpferische Energie des Geistes. Und in Yogakursen sieht man täglich und immer aufs Neue, daß die Frauen auf diesem Gebiet genauso gut, genauso ausdauernd, genauso kraftvoll sein können wie die Männer. Es ist anstrengend sich immer wieder auf das zu konzentrieren was einem fehlt, was man entwickeln muß; es gibt aber keinen anderen Weg, wenn man die Dinge verbessern will. Schließlich: Mühsam ist ja nur der Anfang; für jede gute Arbeit wird man nach einiger Zeit belohnt. Der schmerzfreie, kraftvolle Körper ist ein Pfeiler der Gesundheit und hat einen starken positiven Einfluß auf den Geist, auf die innere Widerstandskraft, auf die Lebensfreude.

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Wieviele Übungen gibt es?

Zahlenmäßig am größten sind die Körperstellungen (Âsanas), zwei- bis dreihundert. Therapeutisch bedeutsam sind etwa 30; der Rest befriedigt eher den sportlichen Ehrgeiz. Das soll keine Abwertung sein; man muß nur wissen, wofür man seine Zeit und Energie aufwenden will. Zu den Körperübungen zählt auch die Entspannung, welche man so einteilen kann: 1. Das einfache Schwerwerden beim Ausatmen; 2. die klassische Totenstellung; 3. die moderne Tiefenentspannung; 4. die Totenstellung mit Erreichen eines speziellen Zustands des Geistes.

Die Atemübungen sind zweifach: der Prânâyâma und das fließende Atmen. Klassische Prânâyâmas gibt es acht; ihr großes Ziel ist das Erwecken der Urkraft, damit gehören sie nicht an die Öffentlichkeit. Als therapeutisches Atmen betrachte ich nur das fließende Atmen, etwa ein dutzend Übungen.

Die Reinigungsverfahren Kriyas) sind wichtiger als die Âsanas. Auch bei Zeitknappheit praktikabel sind die Reinigung der Zunge (täglich, wenige Sekunden); die Spülung der Nase (täglich, drei Minuten); der kleine Einlauf (mehrmals wöchentlich, wenige Minuten); die Feuerreinigung des Darmes (täglich, fünf Minuten); die große Wasserreinigung des Darmes (zweimal im Jahr, jeweils einen halben Tag).

Psychische Techniken gibt es viele, das ist das große Thema des Yoga. Sie können eingeteilt werden in: 1. Übungen zur Selbstbeherrschung (nicht klagen; nicht kritisieren; nicht von sich sprechen; keine Ratschläge erteilen; usw.); 2. Übungen zur Autosuggestion (die auf lange Sicht angestrebte Verwandlung des Geistes zu positivem Denken, zur Fähigkeit der Selbstheilung bei Krankheiten, usw.). Diese zwei Arten werden auch zum Hatha-Yoga gezählt. 3. Die zum spirituellen Yoga gehörenden Techniken zur Entwicklung der willentlichen Konzentration auf einen Punkt. »Yoga ist die Stillegung der Bewegungen des Geistes« (Yoga-Sûtra). Konzentration – das ist die Essenz des Yoga; und Techniken zur Gewinnung dieser Fähigkeit gibt es viele verschiedene, abgestimmt auf den Charakter, auf die Vorlieben, auf die geistigen Fähigkeiten des Übenden.

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Was muß man beim Üben am meisten beachten?

Daß man sehr langsam und bewußt übt; daß die Gedanken bei dem sind, was man im Augenblick tut. Auf diese Weise wird man immer richtig üben und sich nie verletzen. Nichts ist im Yoga wichtiger als das unablässige Spüren. Das tut auch dem Geist gut, denn es fördert die Konzentration und bringt ihm daher Ruhe. Langsam und bewußt – die zwei großen Begriffe in der Yogapraxis!

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Soll man das im Kurs Erlernte daheim weiterüben?

Unbedingt. Wer nur einmal in der Woche praktiziert nutzt die Stunde in der Yogaschule zum reinen Üben und zum Entspannen. Das ist natürlich gut. Perfekt aber wäre: Ich nutze den Unterricht mehr zum  Lernen – und praktiziere fleißig das Erlernte zu Hause.

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Wie oft pro Woche sollte man üben?

Am besten täglich. Angesichts von soviel Streß und Zeitknappheit heutzutage ist ein dreimaliges Üben pro Woche auch sehr gut, jeden zweiten Tag 30  Minuten lang. Die wichtigsten aller Gesundheitsübungen, Uddîyâna und Mûla-Bandha, sollte man aber täglich praktizieren, das dauert nicht länger als drei Minuten. Dasselbe gilt für die außerordentlich wichtige  Nasenspülung, welche in zwei Minuten erledigt ist. Die Reinigungen sind  generell wichtiger als die Âsanas.

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Welche von den vielen Übungen soll man machen?

Jene, die man gerade braucht. Bei Kreuzschmerzen wird eine Schulterübung wenig  bringen; bei Hüftarthrose benötigt man Übungen für das Hüftgelenk; will man Ruhe, sollte man zehn Minuten atmen … Dieses Prinzip gilt für den Fall, daß man nur 15–30 Minuten Zeit hat. Wer über mehr Zeit verfügt, sollte eine komplette Übungsserie durchgehen, wie »die große Gelenkrunde« (für alle Gelenke des Körpers), oder die Schulterserie, oder …

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Die tägliche Übung

Für alle Übungen des Hatha-Yoga gilt: Ohne ein tägliches, systematisches Praktizieren können sie ihre Wirkungen nicht wirklich entfalten. Dieser Satz möge Menschen die nur gelegentlich üben nicht demotivieren; es soll nur gesagt sein, daß man bei mangelnder Praxis nicht herausfinden wird, welches Potential im Hatha-Yoga wirklich steckt.

»Gibt es eine (Betonung auf: eine) Übung gegen mein Problem?« – wie oft wird diese Frage in Yogakursen gestellt. Wir haben uns über Jahre durch viele Fehler ein Leiden zugezogen; jetzt soll es durch wenige Minuten Übung verschwinden: allein  der Gedanke ist absurd.

Es mag sogar sein, daß bei manchen Beschwerden eine einzige Übung genügt, aber die Sache hängt an dem immer selben Haken: Regelmäßigkeit und Intensität. Wie oft klagen Kursteilnehmer: Die empfohlene Übung hat bei meinem Problem nicht geholfen – und wie oft stellt sich heraus, daß der Grund dafür einzig in der mangelnden Arbeit zu finden war. Es gibt Menschen die erwarten, daß ihre seit langem bestehende schmerzhafte Schultersteife mit 5 Minuten Übung pro Woche verschwindet; daß die der Kobra zugesprochene Heilung der meisten Unterleibsleiden eintritt, wenn diese ja nur wenige Sekunden dauernde Übung jeden dritten Tag einige Male gemacht wird. Solchen Menschen kann man entweder weiterhin schöne Träume wünschen, oder ihnen ans Herz legen: Je mehr guten Willen und Zeit man investiert, desto mehr bekommt man zurück. Nur durch tägliche Übung wird sich die tiefgreifende Macht des Hatha-Yoga enthüllen.

Die in den Schriften versprochenen Wirkungen sind keine »indischen Übertreibungen«, wie es oft aus Enttäuschung heißt. Bei ausbleibendem Erfolg laute die Frage: Lag es an der Übung oder am Übenden? Auf das letzte kommt nur der selbstkritische Geist. Die meisten gehen den bequemen Weg: »Die Methode hat mir nichts gebracht? Ich suche eine andere. Yoga? Das habe ich auch schon drei Monate gemacht.« Das ist der Mensch des Westens: drei Monate Yoga, drei Monate Qigong, ein Intensiv-Wochenende (!) Atmung und Meditation. Kennen tun wir alles,  können tun wir nichts.

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Die ideale Kursstunde

Die Stunden in der Yogaschule sind dreifacher Art.

Die Erklärstunde = Es sind Neue im Kurs, und auch für die anderen werden aktuell wichtige Dinge erklärt. Eine solche Stunde ist lehrreich, aber wenig befriedigend für jene, die einfach nur vom Alltag abschalten, ein wenig üben und entspannen wollen. Daher versuche ich, diese Art auf ein Minimum zu begrenzen. In den Samstag-Seminaren gibt es dann genügend Zeit für Erklärungen.

Die reine Übungsstunde = Die Teilnehmer kennen bereits die wichtigsten Übungen. Ich rede weniger, muß aber ab und zu unterbrechen, um etwas vorzuzeigen und um zu korrigieren. Die Unterbrechungen sind nicht ideal, weil sie den wichtigen Fluß einer Stunde stören (das harmonische Fließen des Prâna aller Teilnehmer), lassen sich aber nicht vermeiden, wenn man korrigieren und auch etwas Neues machen will.

Die ideale Kursstunde = Sie setzt voraus, daß ich nichts mehr korrigieren und während der ganzen Übungszeit nicht mehr unterbrechen muß. Der Kursteilnehmer hört die wenigen, knappen Anweisungen und ist konzentriert auf das, was er im Augenblick tut. Und zwar so konzentriert, daß er das Gefühl hat, alleine im Raum zu sein. Erst dieses bewußte Üben ermöglicht es, alles bis in die kleinsten Details zu spüren und zu verwirklichen, worum es im Hatha-Yoga geht: um den harmonischen Fluß des Prâna.

Man darf aber das Gesagte nicht mißverstehen. Ich überwache und korrigiere Kursteilnehmer ständig, niemand ist auf sich allein gestellt. Das ist die Regel. Die ideale Kursstunde ist die Ausnahme. Nur wenn alle Teilnehmer alle vorgeschlagenen Übungen kennen und korrekt ausführen, dann wird fließend, ohne jegliche Unterbrechung geübt.

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Zur Korrektur im Unterricht

Nicht selten höre ich im Unterricht den Satz: »Du hast mich jetzt schon mehrere Wochen nicht mehr korrigiert!« Ein Vorwurf, den ich dann sofort, in Anwesenheit der anderen kläre; ich kann ihn nicht stehenlassen kann, da er ein grobes Mißverständnis ist und zudem mangelndes Vertrauen beweist. In aller Klarheit:

1. Sehe ich bei einer Übung objektive Fehler, greife ich unverzüglich ein und korrigiere. 2. Wird eine Übung korrekt ausgeführt, sie ist aber noch »nicht gut genug«, dann lasse ich den Übenden in Ruhe. Vier Beispiele:

Knie zur Brust. a) Die Knie werden zur Brust gezogen wie im Buch, Bild 33, Seite 201: der zu tief liegende Kopf ist ein großer Fehler, der eine sofortige Korrektur meinerseits zur Folge hat. b) Die Knie werden zur Brust gezogen wie im Bild 26, Seite 198: Ich sehe keine Fehler; die Übung ist aber nicht gut genug, wie man an der perfekten Ausführung im Bild 28 erkennt. Was soll ich sagen, wenn jemand nicht imstande ist, intensiver in den Hüftgelenken zu beugen, da es ihm an Dehnung, sprich: an genügend Übung fehlt? Weiß der Kursteilnehmer nicht selbst, daß er die Übung nicht gut genug ausführt? Wo doch immer wieder erwähnt wird: Jede Übung hat einen Anfang und ein Ende, und wenn man das Ende, die perfekte Ausführung sieht, dann weiß man wo man steht und was zu tun ist. Soll man den Streß des Übenden vermehren mit den Worten »was du machst ist fehlerfrei, aber nicht gut«? Es gibt Lehrer die so etwas sagen; ich gehöre nicht zu ihnen. Ich setze auf Einsicht. Man sollte den Menschen nicht das Denken abnehmen.

Beinstreckung im Liegen. a) Beinstreckung bedeutet Kniestreckung. Sehe ich gebeugte Knie = Fehler, sofortige Korrektur. Sehe ich gestreckte Kniegelenke, die Beine können aber höchstens in die Senkrechte gezogen werden (Seite 243, Bild 45), dann ist die Übung fehlerfrei, aber noch nicht gut genug. »Sehr gut« wäre es wie im Bild 47. Neun von zehn Übenden benötigen für diese Dehnung einen Gurt. Soll man ihnen dies vorwerfen? Sie üben korrekt, schaffen aber nicht die intensive Ausführung. Was nützt da eine kritische Anmerkung des Lehrers, wenn zu Hause nicht täglich (!) geübt wird?

Überkreuzgriff hinten. Die gewöhnliche Ausführung, mit Gürtel: Seite 345, Bild 164. Fehlerfrei, aber »nicht gut genug«; das bedeutet, daß ich mich nicht einmische. Perfekt wäre: Bild 165.

Rumpfbeuge im Stand. Sieht sie aus wie im Bild 50, Seite 246: eine Katastrophe, ich bin dann sofort zur Stelle. Mit geradem Rücken, man kommt aber »nur« so weit wie im Bild 214, Seite 398: in Ordnung; ich mische mich nicht ein, auch wenn sie intensiver sein könnte (Bild 216). Solange die Dehnung der hinteren Beinmuskulatur nicht besser wird, so lange vermag man eben auch nicht tiefer zu gehen.

Zusammenfassend: Ich überwache alle Kursteilnehmer, vernachlässige niemanden. Eingreifen tue ich aber nur, wenn Fehler gemacht werden. Jeder Übende muß selber wissen welche Stufe des Yoga er erreichen will. Was er dafür tun müßte wird ihm ja gesagt.

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Verbotene Übungen

Es ist nicht ratsam, alle Übungen des Hatha-Yoga unterschiedslos zu bewerten, denn im Laufe der Zeit hat sich Therapeutisches mit Nichttherapeutischem, Nützliches mit Schädlichem (ja, Schädlichem) vermischt. Dies ist auf den sportlichen Gedanken nach dem immer Höheren zurückzuführen, der hier zum Zirkusyoga geführt hat; andererseits auf die unvermeidbaren generellen Mißverständnisse.

Über solche Mißverständnisse mag an anderer Stelle geredet werden; für die Alltagspraxis wichtiger ist hier die Bewertung einiger Übungen, die in nahezu allen Schulen die Regel sind und von denen ich meine, daß sie zu den problematischen Kundalini-Übungen gehören, oder gesundheitlich bedenklich sind, oder daß ihnen der sportliche Gedanke zugrundeliegt. Das letzte muß an sich nichts Schlechtes sein, aber viele dieser Âsanas eignen sich nicht für therapeutische Zwecke – sollte die Therapie nicht das Leitmotiv im Hatha-Yoga sein? – und sind wie alles übertrieben Sportliche so unphysiologisch, daß ihre negativen Qualitäten überwiegen. Nur in Kurzform, und nur einige wenige, als klassisch bezeichnete Übungen:

Shîrshâsana. Über den Kopfstand ist alles im 12. Kapitel gesagt. In therapeutischer Hinsicht ist die Umkehrung der Schwerkraft als nützlich anzusehen; sie vermag aber die Nachteile der Haltung (eine erhebliche Steigerung des Kopfdrucks und Belastung der HWS) nicht aufzuwiegen. Hier ist die unproblematische halbe Kerze (Viparîta-karanî-Mudrâ) die bessere Wahl.

Sarvângâsana. Von der Kerze ist dasselbe zu sagen. Auch in dieser Haltung ist die Belastung der HWS zu groß und der Knick in der Wirbelsäule zu stark, gewaltsam erzwungen. Es spricht für sich, daß mittlerweile die Ausführung der Kerze mit Unterstützung durch eine Schulterplatte oder durch mehrere gefaltete Decken unter den Schultern empfohlen wird, um die HWS zu entlasten. Auch hier gilt: Viparîta-karanî-Mudrâ ist die bessere Kerze.

Halâsana. Der Pflug wird von fast allen Übenden falsch, mit rundem unterem Rücken ausgeführt und ist so das Gegenteil von therapeutisch. Bei perfekter Ausführung mit exzellenter Dehnfähigkeit der ischiokruralen Muskulatur und mit geradem Kreuz bleiben in negativer Hinsicht die Belastung der HWS und die erhebliche Steigerung des Kopfdrucks. Es stellt sich die Frage: Wozu mache ich den Pflug? Viele wissen darauf keine Antwort. Sollte die Beindehnung der wichtigste Aspekt der Übung sein, dann ist zu sagen: Dafür gibt es bessere, intensivere und für den Rücken ungefährliche Haltungen. Ist die Dehnung des Rückens der herausragende Aspekt? Bei perfekter Ausführung wird aber der Rücken gar nicht gedehnt; bei rundem Rücken dagegen wird überdehnt – dies ist erstens ein genereller Fehler und zweitens gefährlich für die Bandscheiben der LWS. Will man hauptsächlich die Kompression des Rumpfes? Sie ist im Pflug äußerst mild; dafür gibt es viel wirksamere andere Stellungen, in denen die HWS nicht belastet wird. Oder macht man den Pflug vor allem wegen der Umkehrung der Schwerkraft? In diesem Fall wäre die einfache schiefe Ebene besser, weil unproblematisch. Für mich ist klar: Der Pflug ist nichts anderes als eine Variante der Kerze.

Karnapîdâsana. Diese intensiv wirkende Variante von Halâsana – die Beine nicht nach hinten gestreckt, sondern die Knie auf die Stirn gelegt (»milde« Art) oder in höherer Form neben die Ohren auf den Boden – konnte nur jemandem einfallen, der die sportliche Herausforderung suchte. Therapeutisch ist diese Pflug-Variante nicht nur sinnlos, sie ist noch gefährlicher als der klassische Pflug.

Matsyâsana. Der Fisch ist eine der empfehlenswerten Öffnungen der Vorderseite; der überstreckte Nacken jedoch (Scheitelpunkt des Kopfes auf dem Boden) macht ihn für viele Menschen zu einer bedenklichen, ja gefährlichen Übung. Es ist wiederum bezeichnend, daß immer öfter nur die Variante der Stellung mit gerade liegendem Nacken (Kinn zur Brust) empfohlen wird. Dabei geht ausgerechnet die wichtigste Absicht der klassischen Übung, das intensive Öffnen im Brustkorb verloren …

Pashchimottânâsana. Über die Zange wurde bereits einiges gesagt (10. Kapitel). Auch hier stellt sich die Frage: Wozu mache ich die Zange? Und hier mangelt es den meisten ebenso an Klarheit. Sollte die Beindehnung der wichtigste Aspekt der Übung sein, dann ist zu sagen: Dafür gibt es bessere, intensivere und – worauf es vor allem ankommt – für den Rücken ungefährliche Haltungen. Oder ist die Dehnung des Rückens der herausragende Aspekt? Bei perfekter Ausführung wird aber der Rücken gar nicht gedehnt; bei rundem Rücken dagegen wird überdehnt – dies ist erstens ein allgemeiner Fehler (der BWS-Bereich soll grundsätzlich nicht gedehnt werden) und zweitens gefährlich fürs Kreuz. Die Kompression des Rumpfes ist ein therapeutisch bedeutsamer, wichtiger Aspekt der Übung, aber auch dafür gibt es wirksame andere Stellungen, in denen die LWS nicht belastet wird. Ich stelle zwei Dinge fest: 1. Vorausgesetzt, sie wird mit geradem Rücken ausgeführt, ist die Zange die schwierigste aller Yogastellungen. Es ist bezeichnend, daß nur einer von zehntausend Übenden in der Zange nicht rund im Rücken wird. Die Frage drängt sich auf, welche gesundheitliche Absicht man bei der Zange verfolgt. Selbstverständlich kann von jeder körperlichen Übung unwidersprochen gesagt werden, sie dehne hier, sie kräftige dort; aber welcher ist ihr eigentlicher Sinn? So hat auch die Zange gewisse Heilwirkungen, insgesamt aber überwiegt der Nachteil der Haltung die Vorteile. 2. Pashchimottânâsana war ursprünglich kein Âsana, sondern ein reiner Bandha (die Ähnlichkeit mit der klassischen Übung Mahâ-Mudrâ ist offensichtlich), eine Kompression des Rumpfes mit dreifachem Verschluß (Mûla-, Uddîyâna-, Jâlandhara-Bandha): primär keine Gesundheitsübung, sondern eine Technik zur Erweckung der Kundalinî.

Mayûrâsana. Als Hauptbegründung für den Pfau wird der Druck der Arme und Ellbogen auf die Bauchorgane angegeben. An sich ist dieser Druck positiv (wie bei der klassischen Heuschrecke), nach meiner Meinung jedoch in der Pfauenstellung viel zu stark (für die Frauen ist der Pfau sogar generell kontraindiziert), weswegen sie zu den weniger empfehlenswerten Übungen gehört. Die Idee zu Mayûrâsana entsprang nicht gesundheitlichen, sondern sportlichen Motiven.

Chakrâsana. Das Rad ist eine königliche Dehnung der Körpervorderseite – und gehört dennoch als überaus schwierige Stellung eher in die Abteilung Artistik. Auch hier gilt die kritische Bemerkung: In 99 Prozent der Fälle wird das Rad falsch ausgeführt – mit abgeknicktem Kreuz anstelle einer schönen, physiologischen Bogenhaltung – und ist so mehr schädlich als nützlich. Der Hauptgrund für das Abknicken im Kreuz liegt auf der Hand: eine unbewegliche, versteifte BWS.

Kurmâsana. Mag die Schildkröte noch so sehr als altehrwürdige Yogastellung gepriesen werden – für den Autor ist sie nur eine sportlich motivierte Steigerung der Zange (Pashchimottânâsana), noch schwieriger und noch weniger zu empfehlen. Ein Tänzer, ein Turner, ein Artist vermögen wahrscheinlich einen einigermaßen (!) geraden Rücken zu behalten; man betrachte aber die Wirbelsäule eines normalen Übenden in Kurmâsana: eine Lendenkyphose, ein runder (überdehnter) BWS-Bereich bei gleichzeitiger Überstreckung des Nackens; mehr muß nicht gesagt werden.

Âkarnadhanurâsana. Die Stellung des Bogenschützen zählt der Autor nicht zu den therapeutischen Übungen. Die einzige Wirkung liegt in einer gewissen Bein- und Hüftdehnung; dabei haben jedoch praktisch alle Übenden einen bedenklich runden Rücken. Die erwähnten Dehnungen erzielt man leichter und intensiver mit anderen Stellungen. Der Bogenschütze befriedigt den sportlichen Ehrgeiz, denn er ist – mit geradem Rücken ausgeführt – höchst schwierig.

Ûrdhva-prasârita-pâdâsana oder Utthâna-pâdâsana. Das gleichzeitige Heben beider Beine in Rückenlage, als eigene Technik und als Anfangsteil der Kerze und des Pfluges, gehört zu den traditionellen Übungen. Dazu ist zu sagen: 1. Verfügt man über sehr viel Kraft, über einen hervorragend trainierten Muskelapparat insgesamt, dann ist Utthâna-pâdâ nicht unbedingt ein Fehler. 2. Für normale Menschen, für 99 von 100 Übenden gilt: In Rückenlage aktiv, ohne Hilfe eines Gürtels die Beine gleichzeitig in die Senkrechte zu bringen ist ein Fehler, eine enorme Belastung des unteren Rückens, und die erhoffte Kräftigung der Bauchmuskeln ein Mißverständnis. Das Beinheben fordert nicht die Bauchmuskeln (sie sind keine Beuger im Hüftgelenk), sondern den M. iliopsoas, welcher jedoch nicht gekräftigt, vielmehr gedehnt werden muß. Der hier eintretende extreme Zug im M. iliopsoas ist schädlich für den gesamten Rücken bis in den Nacken (= negative Reaktion der Muskelkette), und zwar in jenem Abschnitt der Übung, wo der Winkel Beine-Rumpf größer als 90° ist. Man beobachte eine Person beim Ausführen der Stellung, das spricht für sich.

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»Was ist mit dem Hormon-Yoga?«

Der Hormon-Yoga wird als »Yoga für Frauen« in der Regel logischerweise von Frauen gelehrt. Da ich immer wieder um meine Meinung gebeten werde – oft mit der unausgesprochenen Frage »warum wird das hier nicht praktiziert?« – stelle ich fest: Es wäre gegen meine Überzeugung den Hormon-Yoga zu unterrichten, weil ich ihn erstens für eine Spekulation und zweitens für schädlich halte.

Näheres hier.

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»Unterrichten Sie die 5 Tibeter?«

Ja: Weil vier von fünf »Tibetern« typische Übungen des Hatha-Yoga sind, wobei ich eine von diesen vier für schädlich halte, eine zweite für tolerierbar; die anderen zwei sind in Ordnung, eine korrekte Ausführung vorausgesetzt (die letzte Bemerkung gilt auch für den angeblich 6. Tibeter, welche ebenfalls eine original indische Yogaübung ist).

Nein: Weil es mir peinlich wäre, die Tibeter als System zu unterrichten, da sie gar kein System sind, sondern das Fantasieprodukt geschäftstüchtiger Menschen. Fantasieprodukt = Es genügt zu erwähnen, daß kein Mensch in Tibet die 5 Tibeter kennt. Geschäftstüchtig = Zitat: »Die Namen ›Tibeter‹ und Fünf ›Tibeter‹ sind urheber- bzw. markenrechtlich geschützt und dürfen nur mit Genehmigung des Fünf ›Tibeter‹ Dachverbandes verwendet werden. Daher können die Fünf ›Tibeter‹ nur von unseren lizenzierten Trainern, die Mitglied in unserem Dachverband sind genutzt und weitervermittelt werden.«

Etwas detaillierter hier.

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Die 12 therapeutisch wichtigsten Körperübungen

Als Leser-Service hier nur kurz; die Erklärungen findet man im Buch. Beachte die Formulierung in der Überschrift = Allgemein, ohne Berücksichtigung spezieller Probleme, sind dies die therapeutisch wichtigsten körperlichen Übungen (das Atmen und die Reinigungen nicht mitgezählt):

→ Uddîyâna-Bandha/Agnisâra-Dhautî, das Baucheinziehen. Man unterscheide die therapeutische Art der Ausführung von jener problematischen, welche beide Techniken zu Kundalinî-Übungen macht.
→ Ashvinî-Mudrâ/Mûla-Bandha, die Beckenbodenkraft. Man unterscheide die therapeutische Art der Ausführung von jener problematischen, welche speziell den Mûla-Bandha zur Kundalinî-Übung macht.
→ Bhujanga. Die Kobra ist in mehrfacher Hinsicht eine besonders wichtige Übung. Doch Vorsicht: Mit einer bestimmten, vom gesundheitlichen Standpunkt aus falschen Atemtechnik praktiziert, verwandelt sich eine therapeutisch nützliche in eine problematische Kundalinî-Übung.
→ Uttâna-Variation, der Schulterzug mit Stütze. Er muß korrekt ausgeführt werden, nur dann verdient er den ihm zugesprochenen Stellenwert.
→ Gomukha, die Kuhkopfhaltung und Garuda, der Adler; die beiden sind eine Übung. Was die spezielle – hier betonte – Wirkung betrifft, gelten Kuhkopf und Adler als »die zwei großen« Schulterübungen; wer sie täglich praktiziert wird nie an Schulterbeschwerden leiden.
→ Bhadra. Der heilsame Sitz ist von überragender Bedeutung, eine der Pflichtübungen des Hatha-Yoga.
→ Nakra, das Krokodil. Für eine höchste therapeutische Effizienz sollten alle drei Arten des Krokodils ausgeführt werden, sie ergänzen sich. Inklusive der nötigen Gegenspannung stellen sie die wichtigste Rückenübung dar.
→ Trikona, das Dreieck; und Vibhaktapâda-Pâdahasta, die Rumpfbeuge im Stand; die beiden sind eine Übung. Beide Techniken müssen korrekt ausgeführt werden, nur dann verdienen sie den ihnen zugesprochenen Stellenwert.
→ Ardha-Bhujanga, die halbe Kobra; oder wahlweise Ushtra, das Kamel; oder Kandhara, die hohe Schulterstellung. Was »wahlweise« bedeutet wird im Buch erklärt. Vorrangig ist aus mehreren Gründen die halbe Kobra.
→ Simha, der Löwe; vorausgesetzt, er wird intensiv genug und oft genug praktiziert. Der Schwerpunkt ist aus therapeutischen Gründen die Handübung. Der geniale Löwe ist die am meisten unterschätzte Technik des Hatha-Yoga; wer ihn korrekt macht begreift seine Wichtigkeit.
→ Shavâsana, die klassische, bewußte (!) Totenstellung. Warum das Ausrufezeichen? Weil in der Regel für acht von zehn Personen Shavâsana nichts anderes ist als ein zehn- bis zwanzigminütiger Schlaf. Man mag sagen: Auch dies hat mich entspannt. Gewiß; was die Totenstellung aber wirklich ausmacht, das erfährt man nur, wenn der Geist auf der bewußten Ebene bleibt.
→ Sûryanamaskâra, der Gruß an die Sonne; er ist wichtig als Kreislauf- und Konditionsübung.

Man verwechsle aber nicht die »therapeutisch wichtigsten« mit den »Schlüssel-Übungen« des Hatha-Yoga. Das letzte bezieht sich im wesentlichen auf die technischen Aspekte. Als Schlüssel der Âsana-Praxis bezeichne ich einige grundlegende Techniken, mit denen viele andere Türen geöffnet, das heißt hier: viele andere Âsanas gemeistert werden können. Man kann jedes einzelne der vielen Âsanas für sich üben, bis man es beherrscht; das ist der lange und beschwerliche Weg. Man kann aber auch erkennen, welche technischen Elemente die meisten Âsanas gemeinsam haben. Mit Hilfe dieser Schlüssel-Elemente vermag man dann viele Âsanas auf Anhieb auszuführen, ohne sie jemals geübt zu haben. Dies mag vielleicht langweilig sein, weil man sich in der täglichen Praxis auf wenige Dinge beschränkt; dafür ist es der einfache und direkte Weg zum Erfolg. Näheres zu den Schlüssel-Übungen findet man ebenfalls im Buch.

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Shri Swami Narayanananda

Shri Swami Narayanananda (12. April 1902 – 26. Februar 1988) wurde in Kongana im Distrikt Kurg (Coorg), Karnataka State, Südindien geboren. Bereits als Junge pflegte er jeden Morgen und jeden Abend zu meditieren, ohne daß irgendjemand ihn dazu angeleitet hätte. Die Regelmäßigkeit und der Ernst, mit denen er solche Praxis durchführte, brachten ihm schon in jungen Jahren Zustände von tiefer Konzentration. Mit 27 Jahren, er hatte seine Studien beendet, sagte ihm eine innere Stimme, er solle der Welt entsagen und Mönch werden. Er verlor keine Zeit, verschenkte sein Hab und Gut und verließ das Heim im Jahre 1929 auf der Suche nach einem Guru, den er in Belur Math bei Kalkutta in Swami Shivananda Mahapurush (1854–1934) fand, einem direkten Schüler von Shri Ramakrishna (1836–1886). Von ihm bekam er den Mönchsnamen Swami Narayanananda (Nârâyan-ânanda).

links: Shri Ramakrishna; rechts: Swami Shivananda

Drei Jahre lebte Swami Narayanananda in Ashramas der Ramakrishna-Mission; während dieser Zeit hielt er sich strikt an die Durchführung der geistigen Übungen und empfand immer stärker den Drang, in der Einsamkeit noch intensiver zu praktizieren. Ein großes Verlangen nach Gottverwirklichung erfaßte ihn. So kam es zwangsläufig, daß sein Guru ihn eines Tages (Oktober 1932) zu sich rufen ließ und in einer Eingebung zu ihm sagte, er solle nun in den Himâlaya ziehen, um den Samâdhi (die Erleuchtung) zu erlangen.

Angesichts der schneebedeckten Berggipfel fühlte sich Swami Narayanananda euphorisch und begann mit strengstem Tapasya (Askese). Er arbeitete unermüdlich, mit 12–16 Stunden täglichem Mantra-Japa und Meditation, oft ohne Pause Tag und Nacht, 24–48 Stunden lang. Die intensive Praxis wurde schon nach kurzer Zeit belohnt. Swami Narayanananda ging in der Shivarâtrî-Nacht Ende Februar des Jahres 1933 in den Nirvikalpa-Samâdhi ein (Shivarâtrî ist das Fest zu Ehren von Gott Shiva, welches in Indien die ganze Nacht hindurch in Verehrung und Anbetung verbracht wird).

Nach dem Tode seines Gurus löste Swami Narayanananda 1936 die Verbindung zur Ramakrishna-Mission und lebte viele Jahre in der Einsamkeit. Unbeachtet und ungestört von der Welt, vertiefte er sich in Studien über den Geist und schrieb seine Erkenntnisse auf dem Feld der Yogapsychologie nieder. Erst im Jahre 1947, als die Unabhängigkeit Indiens zur Spaltung des Landes führte und es zu furchtbaren Massakern zwischen Hindus und Moslems kam, gab Swami Narayanananda seine Zurückgezogenheit auf, um der verirrten Menschheit zu helfen. Er begann Schüler anzunehmen (die ersten waren Flüchtlinge aus dem heutigen Pakistan) und veröffentlichte nach und nach seine Schriften. So wurde Swami Narayanananda im Laufe der Zeit als spiritueller Führer in den Herzen seiner bewundernden Anhänger in Ost und West inthronisiert.

Anfangs wollte Swami Narayanananda weder eine Organisation noch Ashramas. Im Laufe seines Lebens als Mönch sammelte er nie Spenden. Auf seine eigene einfache Weise lebend, mied er das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Im Laufe der Zeit erhöhte sich aber die Anzahl der Schüler dermaßen, daß es unvermeidbar wurde die Bewegung in einer Institution zu organisieren. So wurde im Jahr 1967 der N.U. (= Narayanananda Universal) Yoga Trust gegründet.

Zu dieser Zeit kamen junge Suchende aus dem Westen, vor allem aus Dänemark, mit dem Weisen in Kontakt. Nach ihrer Rückkehr aus Indien bauten sie in Gylling auf Jütland einen Ashrama auf, um dort ein Leben in Arbeit und Meditation zu verbringen. Im Jahr 1971 verließ Swami Narayanananda erstmals indischen Boden und kam zu Besuch nach Gylling. Von nun an bis 1987 reiste er jedes Jahr für mehrere Monate nach Dänemark (und einige Male nach Deutschland), wo Tausenden von Suchern die Gelegenheit zur Begegnung geboten wurde. Der Gylling-Ashrama ist das Weltzentrum des N.U.Yoga Trust. Weitere Ashramas gibt es in Indien, Deutschland, Schweden, Norwegen, USA. Die Mönche und Nonnen des von Swami Narayanananda errichteten zölibateren Ordens verdienen ihren Lebensunterhalt selbst und bemühen sich, »ein einfaches, reines, heiliges Leben« nach den Prinzipien des Meisters zu führen.

Shri Swami Narayanananda ist der Gründer der »Universalen Religion«. Dies steht im Zusammenhang mit den Vorgängen von 1947, siehe oben. In seiner kleinen Schrift »The Universal Religion« sagte der Meister dazu: »All the shameful things that were done … are indescribable. (…) In a nutshell we can say that these people acted worse than beasts. All these things took place in the name of God, religion, race and colour and for want of a clear understanding of God and religion. After seeing these terrible miseries and ignorance of human beings Swami Narayanananda ’s heart melted as it were, and this incident made Him to come out of His seclusion and write books. And this incident is the cause of laying the foundation for the Universal Religion.« »All die schändlichen Dinge, die getan wurden … sind unbeschreiblich. (…) In aller Kürze können wir sagen daß diese Leute schlimmer waren als Bestien. All diese Dinge geschahen im Namen Gottes, der Religion, der Rasse und Farbe, und aus Mangel an einem klaren Verständnis von Gott und Religion. Angesichts dieses schrecklichen Elends und der Ignoranz der Menschen schmolz gleichsam das Herz von Swami Narayanananda, und diese Ereignisse brachten Ihn dazu, Seine Zurückgezogenheit aufzugeben und Bücher zu schreiben. Und diese Ereignisse sind die Ursache der Fundamentlegung für die Universale Religion.«

Die Universale Religion wurzelt in Swami Narayananandas eigener Erfahrung der letzten Wahrheit; eine Wahrheit, die jedem Menschen zugänglich ist. Mit seinen Worten: »Help a man from where he stands. Supplement but never supplant is the motto of the Universal Religion. This Religion, ›Universal‹, has no quarrel with any sect, creed, doctrine, dogma or sex. It deals with the highest kind of Philosophy which is practical but not speculative. This Philosophy can easily face the acid test of Science. It has Love and sympathy for all, irrespective of caste, creed, colour and sex.« »Hilf einem Menschen von dort aus, wo er steht. Ergänze, ohne zu verdrängen, das ist das Motto der Universalen Religion. Diese Religion, ›Universal‹, hat keinen Streit mit irgendeiner Sekte, Konfession, Doktrin, Dogma oder Geschlecht. Sie befaßt sich mit der höchsten Art der Philosophie, die praktisch ist, nicht spekulativ. Diese Philosophie hält leicht der strengen Prüfung der Naturwissenschaft stand. Sie hat Liebe und Sympathie für alle, unabhängig von Stand, Glauben, Hautfarbe und Geschlecht.«

Mit seinen Schriften hinterließ Swami Narayanananda der leidenden Menschheit einen unermeßlichen Schatz. Es gibt 12 Haupt- und 24 kleinere Werke. Von den ins Deutsche übersetzten seien erwähnt (kursiv = Originaltitel): Das Geheimnis der Geisteskontrolle (The Secrets of Mind-Control) Der Weg zur Erleuchtung (A Practical Guide to Samadhi) Der Weg zu Frieden, Kraft und langem Leben (The Way to Peace, Power and Long-Life) Das Mysterium des menschlichen Geistes (The Mysteries of Man, Mind and Mind-Functions) Die Urkraft im Menschen oder die Kundalini Shakti (The Primal Power in Man or The Kundalini Shakti) Das Ideale Leben und Freiheit (The Ideal Life and Moksha) Die Einheit der Weltreligionen (The Gist of Religions) Das Ende der Philosophie (The End of Philosophy or The Ultimate Truth & The Universal Religion). Alle Bücher sind im Narayana-Verlag Kandern erhältlich, einige gebrauchte bei den Online-Buchanbietern. Es versteht sich von selbst, daß die englischen Originalwerke jeder Übersetzung vorzuziehen sind.

Als Einstieg wird die Lektüre von »Das Geheimnis der Geisteskontrolle« (The Secrets of Mind-Control) empfohlen. In unerreichter Klarheit führt hier der Meister in die Welt des Yoga (Lehre, Prinzipien, Techniken, Psychologie). Auffallend sind die ständigen Hinweise auf Irrtümer und Gefahren, denen man auf dem geistigen Pfad ausgesetzt ist. Dieser besondere Aspekt der Lehre von Swami Narayanananda zeugt von höchster Verantwortung, »echte Sadhakas (aufrichtig geistig Strebende) auf dem rechten Pfad zum letzten Ziel zu führen«, so seine Worte in der »Geisteskontrolle«.

In aller Stille verließ Swami Narayanananda diese Welt am 26. Februar 1988 im südindischen Maisur (Mysore), in der Nähe seines Geburtsortes. Sein Vermächtnis an die Sucher der Wahrheit lautet:

»THE ULTIMATE TRUTH IS CALLED GOD.
THIS, ONE CAN REALIZE IN THE STATE OF NIRVIKALPA SAMADHI.
A  CIRCLE CAN HAVE ONLY ONE CENTRE BUT IT CAN HAVE NUMEROUS RADII.
THE CENTRE CAN BE COMPARED TO GOD AND THE RADII TO RELIGIONS.
SO, NO ONE SECT, NO ONE RELIGION OR BOOK
CAN MAKE AN ABSOLUTE CLAIM OF IT.
HE WHO WORKS FOR IT GETS IT.«

[Swami Narayanananda, 1902–1988]

 

 

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Bildnachweis
OM: ©stely/fotolia.com
Shrî Râmakrishna: Wikimedia Commons, Bild von 1885
Swâmî Shivânanda: von der Webseite rkmbaranagar.org
Swami Narayanananda: Buch »The Gist of Religions«, fotografiert von H. Maldoner

Diese Seite wurde am 21.05.2016 zuletzt geändert.

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